Krieg gegen die Ukraine - Russischsprachige Telefonseelsorge in Berlin ist dieser Tage im Dauereinsatz

Sa 12.03.22 | 18:55 Uhr | Von Oda Tischewski
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Symbolbild: Telefonseelsorge. (Quelle: Bernd Weißbrod/dpa)
Audio: Inforadio | 12.03.2022 | Oda Tischewski | Bild: Bernd Weißbrod/dpa

Ein Rettungsanker in der Not: Die Telefonseelsorge gibt es in Berlin auch auf Russisch. Seit Kriegsbeginn in der Ukraine sind die Ehrenamtlichen vom Telefon Doweria besonders gefragt. Von Oda Tischewski

Nach Türkisch, Polnisch und Arabisch ist Russisch die meistgesprochene Fremdsprache in Berlin. Etwa 145.000 Menschen mit Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion leben hier - das sind die Zahlen vor dem Ausbruch des Ukraine-Krieges. Schon seit Ende der 1990er Jahre gibt es darum in Berlin auch eine russischsprachige Telefonseelsorge, unter dem Dach des diakonischen Werkes. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich die Zahl der Anrufe drastisch erhöht - und es rufen nicht nur Ukrainer an.

Doweria heißt Vertrauen

Das Berliner Telefon Doweria ist immer besetzt: 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Bei Tatjana Michalak und ihrem Team aus mehr als 100 Ehrenamtlichen rufen Menschen aus ganz Deutschland an - bislang etwa 20 bis 30 pro Tag. Sie haben gesundheitliche Sorgen, Geldprobleme oder psychischen Stress. Und sie möchten darüber sprechen - auf Russisch.

Doweria bedeutet Vertrauen auf Russisch. Seit zwei Wochen allerdings gehen doppelt so viele Anrufe im Büro nahe der Berliner U-Bahn-Station Eberswalder Straße ein. Viele aus der Ukraine Geflüchtete und ihre Helfer suchen Unterstützung. Und Leiterin Tatjana Michalak rechnet damit, dass sich die Lage weiter verschärfen wird.

Ehrenamtliche berichten von Mobbing und Ausgrenzung

"Sie brauchen jetzt konkrete Hilfe, sprich eine Bleibe, eine Unterkunft, Schulen für die Kinder - die brauchen mehr Informationen. Wir sind uns darüber im Klaren, dass noch die Zeiten kommen werden, wo die Menschen mit ihren erlittenen Traumata anrufen werden, wenn sie hier angekommen sind", sagt Michalak.

Das Telefon Doweria versorgt die Anrufer auch mit den Informationen des Landes Berlin zu Registrierung und Versorgung. Und während die ukrainischen Geflüchteten noch dabei sind, sich in einer neuen Umgebung zurechtzufinden, erfahren andere in Berlin seit Neuestem Aggressivität und Ablehnung. Auch Russen, Kasachen, Belarussen. Selbst Ukrainer, die für Russen gehalten werden, melden sich. „Die erfahren Mobbing und Kündigungen auf Arbeit, weil sie Russen sind. Einige werden in Lokalen nicht bedient, weil sie Russisch sprechen. Die Russen, die hier stecken geblieben sind, nachdem die Flüge gecancelt wurden, bekommen mit ihren russischen Pässen in manchen Hotels keine Zimmer mehr. Die sind hier wirklich in Not. Und diesen Menschen helfen wir auch“, berichtet Michalak.

Einige Helfer müssen wegen des Kriegs selbst am Telefon pausieren

Tatjana Michalak ist selbst in der Ukraine geboren. 1990 kam sie mit 18 Jahren nach Berlin. Ihre Mitarbeiter stammen aus den unterschiedlichsten Regionen. Der Krieg in der Ukraine ist oft Thema im Team, und nicht alle können die Seelsorge unter den aktuellen Umständen wie gewohnt weiterführen. "Wir sind ja geschult, geübt und haben Erfahrung, wie man sich abgrenzt. Aber es gibt bei uns einige Mitarbeiter, die jetzt ihren Dienst gestoppt haben, weil es ihnen nicht mehr gelingt, sich innerlich zu distanzieren. Wir haben volles Verständnis und sie ja auch nicht raus aus dem Team. Sie pausieren sozusagen“, sagt die Doweria-Chefin.

Zwei Dienste pro Monat - mehr sollten die ehrenamtlichen Telefonseelsorger nicht leisten. Auch die Supervision findet jetzt öfter statt. Denn eine Belastung sind die Nachrichten aus der Ukraine für alle - auf beiden Seiten der Leitung.

Das Telefon Doweria - die russischsprachige Telefonseelsorge - erreicht man übrigens unter der Berliner Nummer 440 308 454.

Sendung: Inforadio, 12.03.2022, 11:20 Uhr

Beitrag von Oda Tischewski

2 Kommentare

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  1. 2.

    Vielleicht fließt das Geld ,wenn unsere verwöhnten Politiker mal ihre Diäten kürzen? Muss ja nicht für ewig sein......


  2. 1.

    Na, wann kommt auch hier die Frage, wer die Kosten dafür übernimmt? Wirklich zum Fremdschämen, diese Kommentare … Nach all dem, was diese Menschen durchhaben, müssen sie jetzt jegliche Art von Hilfe von uns bekommen, die sie benötigen, fertig!

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