Hilfe für Kriegsgeflüchtete in Heimland - 35-Einwohner-Dorf in Brandenburg nimmt 150 Ukrainer auf

So 13.03.22 | 09:37 Uhr | Von Oliver Soos
Ferienland Luhme in Heimland. (Quelle: rbb/O. Soos)
Video: Brandenburg Aktuell | 11.03.2022 | M. Woller/O. Soos | Bild: rbb/O. Soos

Heimland bei Rheinsberg leistet Bemerkenswertes: Der Ort nimmt mehr als vier Mal so viele ukrainische Flüchtlinge auf, wie er Einwohner hat. Zwei Betriebe haben ihre Ferienanlagen zur Verfügung gestellt. Und Dorfbewohner packen mit an. Von Oliver Soos

Vor der Einfahrt zum Ferienland Luhme in Heimland (Ostprignitz-Ruppin) parken sieben Autos mit ukrainischem Kennzeichen. Die, die ohne eigenes Fahrzeug geflohen sind, werden meistens vom Deutschen Roten Kreuz gebracht. Vor der Einfahrt haben zwei DRK-Kleinbusse mit 15 Ukrainern angehalten. Es sind Frauen, einige davon mit Kindern und Rentner. Ukrainische Männer werden zur Zeit nicht aus dem Land gelassen, denn sie müssen sich für eine mögliche Generalmobilisierung bereithalten. Eine Mittfünfzigerin mit dicker Jacke, blond gefärbten Haaren und müden Augen steigt als erste aus dem Bus. "Ich weiß nicht, was das hier alles werden soll", sagt sie kopfschüttelnd auf Russisch.

Sie erzählt, dass sie vor wenigen Tagen noch in ihrer Wohnung in Kiew saß und hörte, wie eine Rakete in einem Nachbarhaus einschlug. "Wo hat uns Putin hier hingetrieben? Der hat doch einen Dachschaden", sagt sie mit fassungslosem Blick und trägt ihren Koffer über den Hof zur Rezeption.

"Wo hat uns Putin hier hingetrieben?"

In Heimland wurden schon 80 ukrainische Flüchtlinge im Landhaus Sieben Wasser untergebracht. Im Ferienland Luhme sind bis zum Wochenende 40 Menschen angekommen, auch hier werden insgesamt 70 bis 80 Gäste erwartet. Es ist ein weitläufiges Gelände in idyllischer Lage am Waldrand umringt von weiten Äckern und mehreren Seen. Hier haben die Flüchtlinge viel Ruhe und Privatsphäre. Sie schlafen in Holzbungalows und in kleinen, bunt angemalten Reihenhäusern. Es gibt einen Fußballplatz, einen Piratenschiff-Spielplatz und einen Lagerfeuerplatz. Gerade für die vielen jungen Frauen mit kleinen Kindern ist es ein guter Ort, um zur Ruhe zu kommen. Die Kinder sind beschäftigt, auf dem Gelände flitzt eine Clique kleiner ukrainischer Jungen herum und spielt mit einer Katze und einem frei herumlaufenden Kaninchen.

Der Besitzer der Ferienanlage ist Freke Over, ein bekannter Lokalpolitiker. Er sitzt für die Linken in der Rheinsberger Stadtverordnetenversammlung. "Der Landkreis hat einen Hilfeaufruf im Netz veröffentlicht. Ich finde, jeder sollte im Rahmen seiner Möglichkeiten helfen", sagt Over. Er hat die Übernachtungsplätze für drei Wochen zur Verfügung gestellt, mit der Option, einige von ihnen für drei weitere Wochen zu verlängern. Over geht erst einmal in Vorleistung und verzichtet auf sein Tourismusgeschäft. Ob er die Übernachtungen vom Landkreis zurückerstattet bekommt, das werde man sehen, wichtig sei es, jetzt zu helfen, so Over. Er hofft, dass der Landkreis, wie versprochen, schnell richtige Wohnungen für die Menschen findet.

Die Dorfbewohner stemmen die Arbeit, der Landkreis unterstützt

Over lobt die Zusammenarbeit mit dem Landkreis. Die Ausgaben für Lebensmittel und Hygieneartikel für die Flüchtlinge werden schnell und ziemlich unbürokratisch aufs Konto zurücküberwiesen. Das Sozialamt in Neuruppin schickt jeden Tag Mitarbeiter, die zum Teil Russisch sprechen. Sie registrieren die Flüchtlinge und statten sie mit Bargeld aus, so dass sie sich nach wenigen Tagen selbst versorgen können. Doch weil zur Zeit immer wieder neue Menschen ankommen, kocht Over mit seinem Team für alle und bereitet jeden Morgen ein Frühstücksbüffet vor.

Flüchtlingshelferin Katrin Böttger. (Quelle: rbb/O. Soos)
Flüchtlingshelferin Katrin Böttger | Bild: rbb/O. Soos

Seit Freitag muss der Camp-Chef allerdings aus seinem Wohnhaus die Organisation leiten und Absprachen von seinem Balkon aus machen, denn er wurde positiv getestet. Corona kam zu einer Unzeit. Auch einige Helfer sind nach überstandener Coronainfektion körperlich noch nicht ganz fit. Doch sie beißen die Zähne zusammen. Es gibt einfach zu viel zu tun, erzählt Dorfbewohnerin Katrin Böttger. "Am Anfang ging es darum, zum Supermarkt zu fahren, damit die Leute etwas zu essen haben. Dann haben wir im Ort Kleidung und Kinderschuhe gesammelt, weil viele Menschen wenig Gepäck dabeihatten. Jetzt geht es eher darum, die Leute zum Arzt zu fahren und zu gucken, wer einen Kita- oder Schulplatz benötigt", sagt Böttger, die in ihrem normalen Berufsalltag das Institut für Europäische Politik in Berlin leitet.

Familie Stojka aus der Region Odessa. (Quelle: rbb/O. Soos)
Familie Stojka aus der Region Odessa | Bild: rbb/O. Soos

"Ich wollte meine schwangere Frau nicht verlassen, um heldenhaft sterben zu gehen"

In einem der Ferienhäuser wohnt der 28-jährige Alik Stojka mit seiner im sechsten Monat schwangeren Frau Albina und dem sechsjährigen Sohn Dev. Sie kommen aus Welyka Mychajliwka bei Odessa. Alik Stojka hat dort unter anderem als Friseur und in einer Obstfabrik gearbeitet. Vier Tage nach Ausbruch des Krieges, als die Raketeneinschläge immer näherkamen, sind sie geflohen.

Alik durfte zusammen mit seiner Familie nach Moldau ausreisen. Sein Glück war, dass er moldawische Wurzeln hat und einen moldawischen Pass. Er erzählt von schrecklichen Szenen am ukrainisch-moldawischen Grenzübergang Palanca. "Es sind viele Tränen geflossen. Die Männer mit ukrainischem Pass haben sich von ihren Familien verabschiedet. Ich finde es schlimm, dass friedliche Bürger, die noch nie eine Waffe in der Hand hatten, zurückgehalten und in den Krieg geschickt werden", sagt Stojka. Für ihn sei es nie in Frage gekommen, kämpfen zu gehen. "Ich liebe die Ukraine, aber es müssen ausgebildete Soldaten kämpfen. Ich wollte meine schwangere Frau und mein Kind nicht verlassen, um heldenhaft sterben zu gehen. Das ist völlig unvernünftig. Ich kann doch als normaler Bürger nicht das russische Militär aufhalten. Der Krieg kann ohnehin nur auf politischer Ebene gelöst werden", sagt Stojka.

"Unsere Dankbarkeit kann man nicht mit Worten ausdrücken"

Weil sie niemanden in Moldau hatten und weil das arme Land gerade viele Flüchtlinge aufnimmt, sind sie weitergefahren, mit dem Bus, bis nach Berlin. Bekannte hatten es ihnen empfohlen. Im Ankunftszentrum in Reinickendorf wurden sie an den Landkreis Ostprignitz-Ruppin weitervermittelt. Im Bungalowcamp in Heimland können sie nun durchatmen, sagt Albina Stojka. "Hier ist es ruhig, sauber, wir sind in der Natur. Wir können einfach die Türe zu unserem Zimmer aufmachen und Dev geht mit den anderen Kindern spielen und ist voll beschäftigt. Unsere Dankbarkeit kann man nicht mit Worten ausdrücken."

Sie hofft, dass sie einige Zeit in Deutschland bleiben können. "Bis zur Geburt unserer Tochter dauert es nicht mehr lange und ich hoffe, wir bekommen bald eine Wohnung und Dev einen Schulplatz. Und dann gucken wir mal, was von unserem Haus in der Ukraine übriggeblieben ist", sagt Albina Stojka.

Ihr Mann Alik kann sich im Moment nicht vorstellen, in die Ukraine zurückzukehren. "Wenn es ein russisches Land wird, dann regieren uns diejenigen, die durch Blut und Zerstörung gekommen sind. Das kann ich nicht akzeptieren. Wenn es ein unabhängiges Land bleibt, dann gibt es keine Sicherheit und wir können jederzeit wieder angegriffen werden", sagt Stojka.

Sendung: Inforadio, 12.03.2022, 19:20 Uhr

Beitrag von Oliver Soos

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