Katholische Kirche - Elf weitere Verdachtsfälle von Missbrauch im Erzbistum Berlin

Di 01.03.22 | 17:32 Uhr
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Kinder zünden ein Friedenslicht an, Archivbild (Quelle: DPA/Klaus-Dietmar Gabbert)
Audio: Inforadio | 01.03.2022 | Carmen Gräf | Bild: DPA/Klaus-Dietmar Gabbert

Im Erzbistum Berlin sind im vergangenen Jahr elf weitere Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs oder sexueller Übergriffe durch Kleriker, Ordensangehörige und andere haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bekannt geworden. Drei Meldungen beträfen aktuelle Sachverhalte, die weiteren Meldungen bezögen sich auf Fälle, die sich vor mehr als zehn Jahren ereignet haben, teilte das Erzbistum am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Berlin mit.

In einem der drei aktuellen Fälle werde ein Kleriker beschuldigt. In den Fällen, die zum Teil länger als zehn Jahre zurückliegen, richteten sich sechs Vorwürfe gegen Kleriker, von denen zwei bereits im vor einem Jahr veröffentlichten Missbrauchsgutachten einer Anwaltskanzlei im Auftrag des Erzbistums erwähnt wurden. Alle fünf Beschuldigten seien bereits verstorben.

Unabhängige Fachstelle gefordert

Seit dem Jahr 2002 seien damit insgesamt 112 Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs im Bereich des Erzbistums erfasst worden. Die Vorwürfe reichten bis in das Jahr 1947 zurück. In allen neuen Fällen werde derzeit eine kirchenrechtliche Voruntersuchung geführt, hieß es. Zudem seien alle Sachverhalte den staatlichen Ermittlungsbehörden mitgeteilt worden.

Unterdessen hat am Dienstag eine Gutachten-Kommission einen Maßnahmenplan zur weiteren Aufklärung und Aufarbeitung im Erzbistum vorgestellt. Gefordert werden unter anderem weitere Ermittlungen des Erzbistums in fünf Fällen sexuellen Missbrauchs durch personalverantwortliche Kleriker sowie die weitere Erhellung von Dunkelfeldern. Zudem wird die Einrichtung einer unabhängigen Fachstelle für Aufarbeitung im Erzbistum gefordert.

Der Maßnahmeplan sein ein "erster Aufschlag", sagte Kommissionsmitglied Kristin Wedekind. "Die Zeit drängt, wir wollen handeln", sagte die Vorständin des Diözesanrates. An die Bistumsleitung appellierte sie, Professionalität sei hierbei oberstes Gebot: "Dieses Thema geht nicht nebenbei."

Laiengremium kritisiert schleppende Umsetzung von Reformen

Die Vorsitzende des Diözesanrates, Karlies Abmeier, kritisierte, seit der Veröffentlichung des Gutachtens sei mehr als ein Jahr vergangen und viele Maßnahmen könnten bereits umgesetzt sein. Jetzt müssten zeitnah und umfassend konkrete Taten folgen, forderte die Vorsitzende des Laiengremiums. Erzbischof Heiner Koch sicherte zu, beim weiteren Vorgehen des Erzbistums gehe es nicht um eine Imageverbesserung, es gehe ausschließlich um die Betroffenen. Der seit Ende 2021 vorliegende Maßnahmenplan sei ein Doppelpunkt, kein Punkt, betonte Koch.

Generalvikar Pater Manfred Kollig kündigte an, das Personal im Erzbistum "engmaschiger" zu beaufsichtigen. Das System Kirche beruhe darauf, erstmal den Menschen zu vertrauen, die für die Kirche arbeiten: "Wir sind aber auch keine anderen Menschen. Deshalb müssen wir deutlicher kontrollieren."

Das Dilemma zeigt sich an den fünf Fällen, zu denen die Gutachten-Kommission weitere Untersuchungen fordert. Laut einer Prüfung durch externe Kirchenrechtler sei eine Pflichtverletzung im Sinne des Kirchenrechts bei ihnen nicht zu erkennen, sagte Kollig. Sanktionswürdige Vergehen seien nicht gefunden worden. Zum Erzbistum Berlin gehören die Hauptstadt, Teile Brandenburgs, Vorpommern sowie die Stadt Havelberg in Sachsen-Anhalt.

Sendung: rbb Kultur, 01.03.2022, 16 Uhr

3 Kommentare

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  1. 3.

    Als Ergebnis des bisher durchaus kontrovers verlaufenden "Synodalen Weges" ist eine neue Kirche sichtbar geworden. Notwendige Veränderungen sind benannt, die Umsetzung skizziert worden, auch gegen starken Widerstand innerhalb der katholischen Kirche selbst. Es wird Zeit brauchen, all dieses Dinge in den Gemeindealltag zu überführen, aber ich bin zutiefst überzeugt, dass ein neuer kirchlicher Aufbruch möglich ist. Jesus war in seiner Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe radikal-was könnte in der heutigen Welt notwendiger sein?

    Unbestritten erschreckend ist die kalte Haltung der (Amts-)kirche gegenüber den Missbrauchsopfern der vergangenen Jahrzehnte, die an diesem Punkt komplett versagt hat. ich hoffe sehr, dass es hier gelingen wird, einen guten Ausgleich mit den Betroffenen zu finden.

  2. 2.

    Diese Katholische Kirche hat viel mehr zu verbergen und nur immer scheibchenweise kommt wieder was zum Vorschein. Die gewählte Taktik ist, alles möglichst lange hinauszuzögern. Leider bemühen sich staatliche Stellen überhaupt nicht, Druck auf die katholische Kirche auszuüben. In Hilfe und Aufarbeitung können sich staatliche Stellen und kirchliche Stellen die Hand gegen im Verzögern und Nichts tun. Viele Opfer warten immer noch auf Hilfe und viele gehen " leer " aus. Viele werden auch hingehalten mit bürokratischen Anträgen und Zermürbung der Opfer. Traurig was sich in Deutschland abspielt. Die Opferbeauftragten, haben nur eine Alibifunktion.

  3. 1.

    Dieser Skandal wird auch weiter hohe Wellen schlagen. Da hilft u.a. Kirchenaustritt und zwar unverzüglich. Nur diese Sprache verstehen die Oberen in der RKK.

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