Meteorologisch versus Astronomisch - Warum verschiedene Tage für den Frühlingsbeginn kursieren

So 20.03.22 | 08:12 Uhr | Von Georg-Stefan Russew
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Krokusse blühen auf einer Wiese im Park Sanssouci. (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
Bild: dpa/Jens Kalaene

Alle Zeichen stehen auf Frühling: Die Sonne hat wieder Kraft, die Tage sind länger und die Frühblüher sprießen. Doch warum ist für Meteorologen der 1. März Frühlingsbeginn und für Astronomen der 20. März? Von Georg-Stefan Russew

"Vom Eise befreit sind Strom und Bäche, durch des Frühlings holden, belebenden Blick. Im Tale grünet Hoffnungsglück. Der alte Winter, in seiner Schwäche, zog sich in raue Berge zurück" – Johann Wolfgang von Goethes Osterspaziergang aus seinem Drama "Faust". Minutiös und eindringlich skizziert der Dichter den Rückzug des Winters und das zurückkehrende Leben. Es ist – wenn man so will – eine exzellente phänomenologische Beschreibung des Frühlingsbeginns. Doch das genaue Startdatum bleibt Goethe schuldig.

Noch heute herrscht jedes Mal Verwirrung, ab wann wir denn nun vom Frühling reden. Das hat mit dem Auseinanderfallen von meteorologischem und astronomischem/kalendarischem Jahreszeitenbeginn zu tun.

Die meteorologische Sicht

Für sogenannte Wetterfrösche hat der Frühling bereits begonnen, und zwar am 1. März, erklärt Helga Scheef, Meteorologin beim Deutschen Wetterdienst (DWD) in Potsdam. "Für uns beginnt eben am 1. März der Frühling und dauert bis zum 31. Mai an", sagt sie. Das hat mit Festlegungen der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) [worldweather.wmo.int], eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, zu tun. "Für die Klimastatistik braucht man immer Abschnitte von jeweils drei Monaten, damit auch die Jahreszeiten statistisch auswertbar sind und so vergleichbar werden", so Scheef.

Neigung der Rotationsachse der Erde

Symbolbild. (Quelle: Nasa/Zuma Press Wire Service/pa)
Nasa/Zuma Press Wire Service/pa

Auf ihrem Weg um die Sonne kreist die Erde auf der gleichen Ebene wie alle anderen Planeten. Dabei wird diese Ebene der Umlaufbahnen Ekliptik genannt.

Nun ist die Rotationsachse der Erde 23,5 Grad zur Ekliptik geneigt und weist dabei immer in die gleiche Richtung.

Die Nordhalbkugel der Erde neigt sich dadurch mal zur Sonne hin (mehr Licht), mal von ihr weg (weniger Licht | Südhalbkugel umgekehrt) - der Grund für unsere Jahreszeiten.

Durch die Neigung der Rotationsachse der Erde zur Ebene der Umlaufbahnen steht die Sonne auf der Erde mal hoch, mal tief am Himmel - und mal länger, mal kürzer.

So ist vom 1. Dezember bis Ende Februar Winter. Der Frühling geht von Anfang März bis Ende Mai. Der Sommer ist vom 1. Juni bis zu 31. August terminiert. Und schließlich startet der Herbst meteorologisch am 1. September und endet am 30. November, erklärt Scheef. "Da das weltweit so gehandhabt wird, kann man auf diese Weise klimatische Verhältnisse über den gesamten Globus hinweg sehr viel besser statistisch auswerten, beispielsweise Monatsmittelwerte bilden."

Die astronomische Sicht

Astronomen allerdings stellen bei den Jahreszeiten auf die Tagundnachtgleiche (Äquinoktium) sowie die Winter- und die Sommersonnenwende ab - sprich dem Stand der Erde zur Sonne. Einfach gesprochen ist Frühlingsanfang, wenn die Nordhalbkugel zur Sonne geneigt ist, Tag und Nacht gleich lang sind, wenn die Sonne den Himmelsäquator überschreitet", sagt Christian Vocks vom Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam (AIP). In diesem Jahr fällt das Primär-Äquinoktium, die erste der beiden Tagundnachtgleichen im Kalenderjahr, auf den 20. März, so Vocks. Das wird an diesem Tag um 16:33 Uhr mitteleuropäischer Zeit der Fall sein. 2021 war dies ebenfalls am 20. März, allerdings knapp sechs Stunden früher.

Kalendarisch betrachtet variiert der Eintrittszeitpunkt aber. Dies hat unter anderem mit dem Abstand zum letzten Schaltjahr und der jeweiligen Zeitzone zu tun. So kann der Frühlingsanfang auf den 19., 20. oder 21. März fallen.

Die Aussichten

Wie denn nun das Frühjahr 2022 wettertechnisch genau wird, können die Meteorologen noch nicht sagen. "Ich kann aber sagen, dass die kommenden Tage sonnig bleiben und auch tagsüber angenehme Temperaturen zu erwarten sind. Abends und nachts können Frostwerte erreicht werden", erklärt DWD-Meteorologin Helga Scheef. Das habe mit der Trockenheit der Luft zu tun. Die Luftmassen könnten bei klarem Sternenhimmel stärker abkühlen. Mit Feuchtigkeit ginge das nicht so leicht, so die DWD-Meteorologin. Aus ihrer Sicht ist das meteorologische Frühjahr seit dem 1. März vor allem eins: viel zu trocken.

Sendung: rbb88,8, 20.03.2022, 8 Uhr

Beitrag von Georg-Stefan Russew

7 Kommentare

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  1. 7.

    Wenn der Mensch auf der Südhalbkugel die Medien der Nordhalbkugel konsumiert, wird er natürlich damit konfrontiert dass jetzt Frühlingsanfang ist. Aber glauben Sie es ruhig, die Menschen auf der Südhalbkugel sind schlau genug und wissen, das bei ihnen nun der Herbst beginnt. Notfalls gucken sie in ihre eigenen Nachrichten und Kalender.
    Das wir immer glauben nur weil der rbb über etwas berichtet, ist das für die gesamte Erde relevant und alle Australier und Südamerikaner lesen hier mit und richten ihr Leben danach aus.

  2. 6.

    Mir geht es eher darum, dass "wir" in der Art der Selbstvergewisserung nicht übermütig werden. Ein Großteil der Herablassung ggü. den Ländern auf der Südhalbkugel ist m. E. auch solchen Umständen geschuldet - nicht nur, aber eben auch.

  3. 5.

    ...vergessen wurde hier dann noch der phänologische Frühling.

    https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/pflanzen/pflanzenwissen/jahreszeiten.html hilft. :)

  4. 4.

    Also das mit dem weltweit bezieht sich auf die Rechnung der gesamten Monate und nicht auf die Bezeichnung Frühling und Herbst.

  5. 3.

    Eigentlich müssten wir vom Nordfrühling sprechen, denn der Südfrühling beginnt am 22./23. September. Ich glaube aber nicht, dass in den Ländern auf der Südhalbkugel heute Frühlingsanfang im Kalender steht. Und dass DE der Nabel der Welt ist, ist ein gefühlter Irrtum.

  6. 2.

    Auf gut Deutsch: Meteorologen geht es um Vergleichbarkeiten bei Temperatur und Witterung und das unabhängig von Nord- und südhalbkugel, Astronomen setzen auf die Unterschiedlichkeiten vor allem des Lichts, spezifisch nach Nord- und Südhalbkugel. Mir scheint immer noch viel zu viel entlang der Phänomene der Nordhalbkugel bezeichnet, so, als gelte das für die gesamte Erdkugel. Was soll ein Mensch der Südhalbkugel mit der Vorstellung des aufbrechenden Frühlings anfangen, wenn ihm dieses zu diesen Tagen offeriert wird?

  7. 1.

    Wenn „die Nordhalbkugel zur Sonne geneigt ist“ ist natürlich Sommer, nicht Frühling.
    Bei Tag und Nachtgleiche steht die Erdachse sozusagen quer, und es wird Frühling oder Herbst.

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