Prozessauftakt vor Berliner Landgericht - Kinderbetreuer soll jahrelang auch behinderte Kinder missbraucht haben

Do 03.03.22 | 17:16 Uhr | Von Ulf Morling
Archivbild: Der Eingang zum Kriminalgericht Moabit am 19.05.2017. (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
Audio: Inforadio | 03.03.2022 | Ulf Morling | Bild: dpa/Jens Kalaene

Ein 28-Jähriger muss sich wegen schweren Missbrauchs von Kindern vor dem Landgericht verantworten. Der selbstständige Handwerker soll jahrelang als ehrenamtlicher Betreuer tätig gewesen sein. 26 Kinder waren seine Opfer laut Staatsanwaltschaft. Von Ulf Morling

Als Betreuer und Babysitter soll ein 28-jähriger Berliner mehr als 20 Jungen missbraucht und zudem kinderpornografisches Material hergestellt haben. Sieben Monate nach seiner Festnahme hat am Donnerstag vor dem Landgericht der Prozess gegen ihn begonnen.

Das jüngste Opfer des Angeklagten war laut Staatsanwaltschaft neun Monate alt. In den Jahren 2015 bis 2020 soll er als Betreuer bzw. Babysitter knapp 100 Missbrauchstaten begangen haben und 100 mal Kinderpornografien als Video oder Fotografie hergestellt haben. Auch behinderte Kinder sollen zu seinen Opfern gehören.

Angeklagter nie einschlägig bestraft

Als höflich, sympathisch und einfühlsam wird der Angeklagte von Eltern beschrieben, die den Babysitter und Kinderbetreuer buchten. Viele hatten etliche Bewerber:innen geprüft, ob sie ihre kleinen Kinder ihnen anvertrauen. Der Angeklagte hatte offenbar keine Probleme, das Vertrauen von Eltern zu erringen. Auch Bezirksämter in Berlin hatten den jungen Mann als Kinderbetreuer gelistet und vermittelten ihn sogar in Behinderteneinrichtungen.

So konnte laut Staatsanwaltschaft unter anderen das passieren, was man sich niemals vorstellen möchte: Der Angeklagte soll auf einen kleinen behinderten Jungen getroffen sein, den er betreuen sollte, aber missbrauchte. Sein Opfer konnte nicht sprechen und sich nicht bewegen. Livebilder des Missbrauchs soll der Angeklagte via Internet Gleichgesinnten zugänglich gemacht haben.

Selbst die Ermittler im Landeskriminalamt (LKA) hielten die grausamen Bilder kaum aus. Die Eltern sind bis heute in Therapie, weil sie ihr Kind nicht schützen konnten und sich verantwortlich fühlen. Obwohl sie doch keinerlei Schuld trifft, weil sie sorgfältig die vermeintliche Vertrauensperson wählten, bei der sie ihr Kind in Sicherheit wähnten. Bei den hervorragenden Referenzen des Angeklagten hätte niemand vermutet, was passiert sein soll: die Eltern der betroffenen Kinder nicht, die Bezirksämter, der ehrenamtliche Verein, der ihn für die Betreuung behinderter Kinder anbot.

26 mutmaßliche Opfer, 20 Nebenkläger:innen

Fast 30 Prozessbeteiligte sitzen im Hochsicherheitssaal 500 zum Prozessauftakt gegen den Angeklagten. 26 zum Teil behinderte Jungen sollen seine Opfer geworden sein. 20 Elternteile vertreten ihre Kinder im Prozess. Entsprechend viele Rechtsanwälte sitzen in den Bänken der Nebenklage. Als der Fotograf den Angeklagten vor dem Prozessauftakt ablichten will, weigert er sich, aus seiner Vorführzelle in den Saal zu kommen. Seine beiden Verteidiger:innen teilen mit, sich ebenfalls nicht fotografieren zu lassen. Wollen sie mit dem Missbrauchsprozess gegen ihren Mandanten nicht in Zusammenhang gebracht werden?

Von 2015 bis 2020 soll der Angeklagte sich in knapp 100 Fällen an seinen Opfern vergangen haben. In rund 100 Fällen sind pornografische Fotos oder Videos hergestellt worden. Erst eine anonyme Anzeige Ende Juli 2021 soll die angeklagten jahrelangen Verbrechen des 28-Jährigen gestoppt haben, laut Ermittlern. Fast sechs Jahre nach dem Beginn der Missbräuche soll das LKA über den anonymen Hinweis im Internet erfahren haben, was jetzt dem Angeklagten vorgeworfen wird. Schon bei den folgenden ersten Ermittlungen im Internet soll den Beamten schnell klar geworden sein, dass in der Anzeige nicht übertrieben wurde. Wenige Tage später wurde der Angeklagte am 3. August letzten Jahres festgenommen. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft.

Die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen

Nicht einmal der Anklagesatz, in dem einiges enthalten ist von dem, was dem 28-Jährigen vorgeworfen wird, darf zum Prozessauftakt in öffentlicher Verhandlung verlesen werden, entscheidet das Gericht. Der Anspruch der Öffentlichkeit zu erfahren, was geschehen sein soll, müsse zurückstehen hinter den Rechten des Persönlichkeitsschutzes der Opfer und des Angeklagten. Als das Gericht das beschließt, sind die Namen fast aller Opfer bereits öffentlich verlesen worden.

"Ich finde, die Öffentlichkeit sollte davon wissen, was passiert ist", wendet eine Vertreterin der Eltern der mutmaßlichen Opfer ein. Trotzdem wird die Öffentlichkeit nur zur Urteilsverkündung zugelassen, entscheiden die Richter. Nach 14 Verhandlungstagen ist der Urteilsspruch für den 5. Mai geplant. Das Gericht will auch prüfen, ob der Angeklagte bei einem Schuldspruch wegen der angeklagten schwersten Straftaten in die Sicherungsverwahrung muss nach Strafverbüßung und in ein Krankenhaus der Psychiatrie eingewiesen wird.

Sendung: Inforadio, 03.03.2022, 15:40 Uhr

Beitrag von Ulf Morling

Nächster Artikel