Von Brandenburg nach Berlin - Warum viele Pendler auch mit 9-Euro-Ticket nicht auf die Öffis umsteigen werden

Mo 04.04.22 | 06:08 Uhr | Von Helena Daehler und Götz Gringmuth-Dallmer
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Fahrgäste steigen im Hauptbahnhof in eine S-Bahn ein. (Quelle: dpa/Monika Skolimowska)
Audio: Inforadio | 05.04.2022 | J. Wieseke | Bild: dpa/Monika Skolimowska

Berufspendler leiden unter den steigenden Spritpreisen. Das geplante 9-Euro-Ticket für den ÖPNV könnte auch sie entlasten. Doch die Zeit- und Kostenunterschiede zwischen Auto und Öffis können je nach Wohnort sehr groß sein. Von Helena Daehler und Götz Gringmuth-Dallmer

Sebastian Gensel hat sich die Route von Fredersdorf (Märkisch-Oderland) nach Pankow mit dem ÖPNV ausgedruckt. Es ist das erste Mal seit vier Jahren, dass er für seinen Arbeitsweg nicht ins Auto steigt, sondern in die S-Bahn. Mit dem Auto bräuchte er von Tür zu Tür 55 Minuten, mit der S-Bahn sind es ab seiner Haustür am frühen Morgen fast zwei Stunden – konkret bedeutet das: eine Stunde früher aufstehen.

Autofahrende Pendlerinnen und Pendler ächzen unter den steigenden Energiepreisen. Das geplante 9-Euro-Ticket für den ÖPNV soll im Rahmen des Entlastungspakets Abhilfe schaffen, zumindest für drei Monate. Ist das für Pendler zwischen Brandenburg und Berlin wie Sebastian Gensel auch eine Option für den Umstieg auf den ÖPNV? Schließlich hat kein Bundesland einen höheren Anteil an Pendlern als Brandenburg.

Grafik: (Quelle: MapTiler/OpenStreetMap Contributors)
| Bild: MapTiler/OpenStreetMap Contributors

1.700 Kilometer reine Arbeitsstrecke pro Monat

In Fredersdorf beginnt Sebastian Gensels Fahrt um 4:27 Uhr mit der S5 (Berliner Tarifbereich C). Seine Schicht als Koch in einer Kita in Pankow beginnt um 6 Uhr, wenn er es rechtzeitig schaffen will, darf bei den Verbindungen jetzt nichts schief gehen, dreimal muss er umsteigen.

Auf der Fahrt zum Ostkreuz hat der 43-Jährige Zeit, nochmal nachzurechnen: An 20 Arbeitstagen fährt er 1.700 Kilometer reine Arbeitsstrecke. Wegen der gestiegenen Spritpreise fährt er besonders langsam, so verbraucht sein Auto knapp 4L/100km und es entstehen monatliche Spritkosten von 150 Euro. Für ihn sei das derzeit noch zu stemmen, sagt er. Eine reguläre VBB-Umweltkarte für den Tarifbereich ABC würde ihn monatlich 107 Euro kosten, im Jahresabo 84 Euro pro Monat. Für ihn spielt aber auch Komfort eine Rolle. Ausgerechnet auf seiner ersten Fahrt in der S-Bahn wird es an diesem Morgen auch etwas unangenehm: Ein Mann ohne Hosen steigt ein und uriniert in ein Viererabteil hinter ihm. "Im Auto sitze ich alleine, da passiert sowas nicht." Sebastian Gensel nimmt es gelassen.

Schwankende Zeitersparnis

Ob sich Pendeln mit dem ÖPNV lohnt, lässt sich nicht pauschal beantworten. Zwei exemplarische Stichproben zeigen markante Unterschiede je nach Wohnort in Brandenburg. Ein Positivbeispiel fürs Pendeln mit Bus und Bahn zeigt sich bei der Anfahrt aus Eberswalde. Die Fahrtzeit, gerechnet von Eberswalde Bahnhof nach Berlin Hauptbahnhof, beträgt 37 Minuten. Mit dem Auto dauert es unter idealen Verkehrsbedingungen fast doppelt so lang.

Im Gegensatz dazu sind Autopendler aus Velten mit im besten Falle 30 Minuten Fahrtdauer schneller in Berlin am Ziel als die Bahn, die 20 Minuten länger braucht. Zu beachten: Start und Endpunkt sind hier jeweils ein Bahnhof.

Grafik: (Quelle: rbb)Startpunkt für die Berechnung ist jeweils der Bahnhof. Ziel: Berlin Hauptbahnhof.

Klare Kostenersparnis

Bei den Kostenunterschieden zwischen PKW und öffentlichen Verkehrsmitteln wiederum zeigt sich für Pendlerinnen und Pendler aus dem Berliner Speckgürtel die Tendenz, dass bei einer durchschnittlichen Strecke von circa 30 Kilometern, die sich im Tarifgebiet ABC des VBB befindet, das Pendeln mit den öffentlichen Verkehrsmitteln halb so teuer ist. Zu beachten: Hier werden nur die Spritkosten, nicht die Kosten für das Auto berücksichtigt. Mit der Einführung eines 9-Euro-Tickets sähe das natürlich noch viel eindeutiger aus.

Die Pläne für eine kurzfristige Preissenkung des Monatstickets wertet der Mobilitätsforscher Andreas Knie grundsätzlich als positives Signal, rechnet angesichts der drei Monate aber nur mit "Mitnahmeeffekten" und keinem langfristigen Umstieg bei Pendlerinnen und Pendlern. "Wenn die Preise dauerhaft sehr viel niedriger werden, gehen wir davon aus, dass zehn bis 20 Prozent der jetzigen Autofahrenden umsteigen würden", so der Forscher vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) gegenüber dem rbb. "Aber eben nur zehn bis maximal 20 Prozent, mehr nicht." Die anderen 80 Prozent seien in ihren Strukturen zu sehr festgelegt.

Die letzte Meile mit dem Taxi

"Das Problem ist natürlich, dass viele in den Speckgürtel gezogen sind oder sich von dort beruflich in die Stadt orientiert haben, weil sie immer das Auto im Hinterkopf hatten", erklärt Verkehrsforscher Knie. So sei eine große Auto-Abhängigkeit geschaffen worden. Handlungsbedarf sieht Knie besonders bei der sogenannten letzten Meile: Der Weg vom Bahnhof bis zum Wohnort.

"Deshalb plädieren wir schon seit Längerem dafür, dass man die letzte Meile ganz einfach macht. Das heißt, jeder Mensch, der an einer S-Bahn-Station ankommt, kann zu seinem Wohnort mit dem Taxi fahren – und zwar zum Preis des ÖPNV." Dazu seien die Forscher auch schon mit einigen Bezirken im Gespräch. Die Kosten müssten dann der Senat und der Bund kompensieren. Auch Anrufsammeltaxen wie das in Lichtenberg von der BVG geplante ViaVan seien sinnvolle, weil flexible Ergänzungen zum ÖPNV.

25 Minuten Zeitverlust beim Umsteigen

Sebastian Gensel ist an diesem Tag pünktlich in Pankow angekommen – und doch ist für ihn klar: Umsteigen lohnt sich für ihn nicht. Dabei sind die Kosten für ihn nicht ausschlaggebend, viel mehr sind es die ungünstigen Verbindungen beim Umsteigen. "Ich verliere allein 25 Minuten nur durch Warten auf die Bahn." Und auch die Zuverlässigkeit der S-Bahn macht ihm Sorgen. "Behinderung, Signalstörung, Zugausfälle... So oft wie die S5 gesperrt war, wie Schienenersatzverkehr war in beiden Richtungen. Das verdirbt Dir echt die Laune mit der Bahn zu fahren."

Würde es ein dauerhaft günstigeres Monatsticket und eine bessere Taktung geben, wäre es Sebastian Gensel aber nochmal eine Überlegung wert, das Auto häufiger stehen zu lassen.

Sendung: rbb24 Abendschau, 04.04.2022, 19.30 Uhr

Beitrag von Helena Daehler und Götz Gringmuth-Dallmer

110 Kommentare

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  1. 110.

    Danke, endlich jemand, der es auf dem Punkt bringt. Erstmal fährt jeder* von A nach B, WIE ES MÖGLICH IST! ( das ist gerade in manch Randbezirk und Umland nur bedingt möglich)und dann kommt wollen. Und wie ich schon einmal bemerkte; die Zuverlässigkeit gerade bei der S-Bahn- mitunter auch bei BVG ist sehr ausbaufähig ! Und bei beiden wird IMMER "Danke für/ Wir bitten um Ihr Verständnis" vorausgesetzt, aber nicht nur mein Vorrat ist diesbezüglich schon längst aufgebraucht !

  2. 109.

    "Was für eine sinnlose und überflüssige Diskussion. Jeder fährt so, wie er möchte, wie es für ihn am bequemsten und sichersten ist zur Arbeit. Die einen mit dem ÖPNV, andere mit Rad, Roller oder Auto. Das geht niemanden etwas an und keiner hat hier irgendjemandem rein zu reden. Mir könnte man 9€ am Tag anbieten und ich würde trotzdem nie in den ÖPNV einsteigen, aber das ist einzig meine persönliche Entscheidung.

  3. 108.

    Mit der M2 bin ich nicht mal in der Nähe wo ich hin muss !!

  4. 107.

    n einem freien Land sollte jeder das Verkehrsmittel nutzen, das er nutzen möchte, wenn er es entsprechend finanzieren kann."
    Genau, was interessiert mich Klima, Endlichkeit von Ressourcen und ähnliches Gedöns wenn ichs mir leisten kann.
    Erinnert so ein wenig an die Geschichte mit den Brücken:
    In einem freien Land hat der Reiche und der Arme das gleiche Recht unter einer Brücke zu schlafen.

  5. 106.

    Sie sehen aber in ihren Beispielen selbst, wieviel Zeit beim Umsteigen und Warten auf den Anschluss verloren geht? Zweimal umsteigen birgt zudem die Gefahr, dass mindestens eines der Verkehrsmittel nicht oder nicht pünktlich kommt. Ich habe in Schöneberg gewohnt und in der Oberlandstraße gearbeitet. Mit dem Auto waren das keine zehn Minuten. Mit den Öffis waren es meistens 45 Minuten, denn ich musste auch zweimal umsteigen. Wer Kinder hat, muss seine Zeit sowieso schon streng planen. Da kommt es eigentlich auf jede Minute an. Der Herr Gensel im obigen Beispiel kann wohl sogar noch zum S-Bahnhof laufen. Das ist vielen gar nicht möglich. In manchen Dörfern rings um Berlin fährt nur 3 bis 4 mal pro Tag ein Bus und das vielleicht nicht unbedingt zu Zeiten, die die Pendler benötigen. Wer dann schon im Auto sitzt, wird meistens nicht erst einen Parkplatz suchen, ein zusätzliches Ticket kaufen (oder Monatskarte) und dann noch zweimal umsteigen.

  6. 105.

    Es gibt sogar ein S5 um 4.47, mit Umstieg am Alex in der M2, um trotzdem vor 6h anzukommen. Also typischer Öffi-Bashing.

  7. 104.

    Na ja, so spricht nur jemand, der aus dem Vollen schöpft und sich keine Gedanken um endliche Ressourcen machen will. Wie schlau flächendeckender Individual- und Schwerlastverkehr ist, kann man schon jeden Tag an den zunehmenden Baustellen: marode Straßen, Brücken etc. und den stetig steigenden aufzuwendenden Steuermitteln bewundern. Da sind wir überhaupt noch nichtmal auf der Energie- und Rohstoffseite.

  8. 103.

    Das Problem sind die Vernetzung der Öffis. Man kommt gut in das Zentrum von Berlin aber nicht von Rand- zu Randpunkt. Die waren früher teilweise besser vernetzt. Z. B. sind für mich die Öffis im Berufsverkehr mit dem Wegfall der Regionalanbindung Schönefeld von dem Bhf. Karlshorst unattraktiv geworden. Der so entstandene zeitliche Mehraufwand ist für mich erheblich.

  9. 102.

    Schon 101 Beiträge, wobei ein Großteil sich für seine jeweilige Art der Fortbewegung zu rechtfertigen scheint.
    Auch das gegeneinader Aufrechnen von Fahrzeiten ist irrelevant, wenn jemand einen S-Bahn- oder BVG Fetisch hat, bringt er evtl. am liebsten den ganzen Tag in den sog. Öffis zu.
    In einem freien Land sollte jeder das Verkehrsmittel nutzen, das er nutzen möchte, wenn er es entsprechend finanzieren kann.

  10. 101.

    Die Zeiten die Sie angegeben haben Stimmen schon !
    Aber ich muss auch zum Bahnhof erstmal laufen und vom Bus zur Arbeitstelle.
    in der Summe sind die 2h sehr realistisch.
    hinzu kommt noch das der 122er der wohl unzuverlässigste Bus ist den ich kenne, Arbeitskollegen stehen hier schon mal gerne 30 Minuten und warten das dort was kommt.
    Die 55 Minuten mit dem Auto sind Vom Weckerklingeln bis zur Ankunft , reine Fahrzeit sind es 40 - 45 Minuten, bleibt also immer noch gut 1h mehr Zeit mit den öffentlichen !
    Die hinfahrt wäre auch nicht das große Problem aber ich muss auch 2 Kinder von der Kita abholen und da sind mir die 1h mit den Kindern mehr Wert!
    Habe ich Verzögerungen in der Rückfahrt sind meine Kinder länger wie 10h in der Kita und ich habe nur einen 10h Platz.
    Was in den Kosten auch zu berücksichtigen Wäre sind die Kitakosten denn in Brandenburg ist die Kita nicht kostenlos wie in Berlin und jede Stunde mehr kostet richtig Geld !

  11. 100.

    Es steht doch ganz klar im Artikel, dass es um die Strecke "ab seiner Haustür" geht, wo er ja auch mit dem Auto starten würde. Was ist denn daran missverständlich?

    Ich bin selbst jahrelang täglich ca. 2,5-3 Stunden (hin und zurück) mit der BVG gependelt. Wenn ich mal mit dem Auto gefahren bin, habe ich ca. 1,5-2 Stunden gebraucht, je nach Verkehrssituation. Über die Jahre haben mich die öffentlichen Verkehrsmittel so locker 2000 Stunden meines Lebens und viele Nerven durch Ausfälle und Verspätungen gekostet.

    Und wer mit einem Elektrorollstuhl unterwegs ist, hat in den Öffis in Berlin ohnehin keine Freude, vor allem in der von den Grünen so hochgelobten Straßenbahn und teilweise der S-Bahn.

  12. 99.

    Wenn denn mal alles pünktlich kommt...

    Ich musste lange Zeit in Schichtarbeit zum Ostkreuz fahren. Zeit vom Stadtrand 2.5 Std. Regio fällt schon mal weg, weil die zeitliche Anbindung nicht stimmt. Immer im Hinterkopf alle möglichen Baustellen, Verspätungen und Ausfälle einkalkulieren. Also jeden Tag ein Lottospiel, wie man am besten dort hin kommt. Mit dem Auto nur 1 Stunde, hatte und habe leider keins, um wesentlich Entspannter zur Arbeit zu kommen.
    Zum Glück für mich kam dann Corona und damit das Homeoffice. Ich spare also jetzt jede Menge Geld Zeit und für das Klima auch noch CO2.
    Und noch besser: meine Firma wird dass Homeoffice auf Freiwilligkeit bei behalten.

  13. 98.

    Habe ich das bestritten? Trotzdem stimmt die Aussage so nicht.

  14. 97.

    Ich bin ob der Routenrecherche etwas irritiert. Hier hätte ich vom rbb (und dem Nutzer) mehr erwartet. Die angegebenen zwei Stunden sind sehr tendenzös dargestellt und entsprechen nicht der Wahrheit. Beispiel 05.04.2022:

    04.27 Uhr S5 ab S Fredersdorf, 05.15 Uhr U8 ab U Jannowirtbrücke (10' Umstieg), 05.39 Uhr Bus 122 ab U Residenzstr. (8' Umstieg, 05.46 Uhr Ankunft.

    04.27 Uhr S5 ab S Fredersdorf, 05.08 Uhr S8 ab S Ostkreuz (10' Umstieg), 05.27 Uhr Bus 155 ab S+U Pankow (20' Umstieg), 05.42 Uhr Ankunft.

    04.27 Uhr S5 ab S Fredersdorf, 05.08 Uhr S8 ab S Ostkreuz (10' Umstieg), 05.34 Uhr S26 ab S Bornholmer Str. (10' Umstieg), 05.51 Uhr Bus 122 ab S Wilhelmsruh (11' Umstieg), 05.54 Uhr Ankunft.

    Sicher, alles nicht so komfortabel wie im eigenen Auto im Stau (nicht frühs, aber nachmittags) zu stehen. Aber auch keine Hürde, wenn man Start und Ziel in der tagesaktuellen Fahrplanauskunft eingeben kann. #justsaying #denkenhilft

  15. 96.

    Danke für Ihre Sorgen. Aber ich fahre auch häufig lange Strecken. Und mit dem Zustand des Auto ist alles bestens.

  16. 95.

    Ach ja? Autos werden tatsächlich immer mehr.

    https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2022/03/berlin-autos-pkw-carsharing.html

  17. 94.

    "Die Zulassungszahlen steigen unaufhörlich. 2/3 der berliner Haushalte besitzen eines." Schlicht falsch.

    https://changing-cities.org/wer-in-berlin-auto-faehrt-ist-selten-arm/

    Das hat letztens sogar der RBB geantwortet, dass die Zahlen falsch sind, umso mehr wundert mich warum mein Kommentar zensiert wird.

  18. 93.

    Und wie oft am Tag? Wohl eher ein Schulbus. Nach 21:00Uhr tote Hose.

  19. 92.

    Also wenn sie schon nicht an die Umwelt denken, denken sie wenigstens an den Motor ihres Vehikels. Solche Kurzstrecken findet der auf Dauer nicht schön.

  20. 91.

    Auf 4km biste ja fast zu Fuß schneller. Da wir der Motor gar nicht warm.

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