Schumacher-Quartier in Berlin - Wie schwierig es ist, Wildtiere beim Bauen mitzudenken

So 17.04.22 | 08:36 Uhr | Von Bernadette Huber
Grafik Schumacher Quartier (Quelle: STUDIO ANIMAL-AIDED DESIGN)
Bild: STUDIO ANIMAL-AIDED DESIGN

Wie lassen sich Neubauten so planen, dass auch Wildtiere und Insekten Lebensräume finden? Das geplante Schumacher-Quartier in Berlin will den Versuch angehen und 14 Tierarten berücksichtigen. Doch so einfach ist das nicht. Von Bernadette Huber

"Animal Aided Design" (AAD) ist ein Planungskonzept, das Wildtiere wie Fledermaus, Grünspecht oder Igel beim Neubau von Gebäuden beachtet. Das Ziel dabei ist einerseits Lebensraum und Nahrung für die Tiere und andererseits Lebensqualität durch Naturerfahrung für die Menschen zu schaffen.

Ob und wie das am besten funktioniert, wird nach mehreren kleineren Projekten jetzt im neu geplanten Schumacher-Quartier auf dem alten Flughafen Tegel in Berlin getestet.

Übersichtskizze des Schumacher-Quartiers in Tegel (Quelle: Tegel Projekt GmbH/rendertaxi)
Bild: Tegel Projekt GmbH/rendertaxi

5000 Wohnungen und "viel Grün"

Das geplante Stadtquartier am Kurt-Schumacher-Platz in Berlin-Tegel soll 5.000 Wohnungen, mehrere Schulen, Kitas, Sportanlagen, Einkaufsmöglichkeiten und die Berliner Hochschule für Technik beherbergen [tegelprojekt.de].

Eine "ökologische Ausrichtung" wurde dabei von Anfang an von den Verantwortlichen hervorgehoben: Autos sollen hier nicht mehr fahren. Die Energieversorgung soll, "wo es möglich ist" durch Solarenergie erfolgen und Regenwasser aufgefangen und genutzt werden, statt direkt in der Kanalisation zu landen. Außerdem soll das Viertel das weltweit größte urbane Holzbauprojekt werden.

Sandhügel für die Rotbeinige Körbchen-Sandbiene

Dazu kommt die Planung im Animal Aided Design: Ein Eichhörnchen-Wald mit Eichen und anderen Nussbäumen soll gleichermaßen für Nahrung und Wohnraum sorgen. Dazu kommt ein Eichhörnchenseil, das über den mehrspurigen Kurt-Schumacher-Damm führen soll. Eine Art Infrastruktur für die Tiere.

14 "Zieltierarten" beinhaltet der Entwurf von Thomas Hauck. Er ist Professor für Landschaftsarchitektur an der Technischen Universität Wien und hat nach seinen Forschungen zum AAD ein Unternehmen gegründet. Dieses wurde von der Tegel Projekt GmbH beauftragt, die Bedürfnisse von Wildtieren in die Entwicklung des Schumacher-Quartiers zu integrieren [animal-aided-design.de].

Auch die Wechselkröte soll mitgedacht werden und laut Plan Leich-Gewässer mit "grabfähigem sonnenexponiertem Sandboden" bekommen, so Hauck. Während die Rotbeinige Körbchen-Sandbiene auf den Dächern der Häuser Sand- und Kiesflächen für den Bau ihrer Brutröhren findet, muss der Vogel-Star in die Wände der "Mobility Hubs" (oder auch Parkhäuser) ausweichen. Der Höhlenbrüter sei ja "sehr aktiv und präsent", weshalb die Menschen ihn wahrscheinlich nicht gerne direkt neben dem Schlafzimmerfenster hätten.

Grafik Schumacher Quartier (Quelle: STUDIO ANIMAL-AIDED DESIGN)

Harmonie so wichtig wie Artenschutz

Generell ginge es bei der Auswahl der Tiere neben Standortnähe und Gefährdung auch immer um "die soziale Frage": "Die Konflikte zwischen Mensch und Tier müssen bewältigbar sein und das Zusammenleben zumindest theoretisch harmonisch möglich.", so Hauck.

Fledermäuse seien seit der Corona-Pandemie nicht mehr so gern gesehen. "Es kommt zwar eigentlich nie zu Infektionen, aber es gibt die Angst." Da müsse man eben darauf achten, die Quartiere so zu planen, "dass der Kot nicht in die Kaffeetasse kullert."

Alte Ziele als neues Konzept

Vogelschützer:innen bewerten die Konzepte von Thomas Hauck als "ganzheitlich". Claudia Wegworth, Vogelschutzexpertin vom BUND, freut sich vor allem darüber, dass durch AAD eine bessere Zusammenarbeit möglich sei. Denn während ihre Anliegen oft "als Auflagen daherkommen, ist AAD ein Angebot an die Bauverantwortlichen". Die prinzipiellen Ziele verfolgen sie und ihre Kolleg:innen schon lange.

Schwachstellen sieht sie, so wie Thomas Hauck selbst, in der Weiterführung nach Bauende. Denn die Grünpfleger:innen müssten zum Beispiel wissen, wie sie wo schneiden, damit das Projekt langfristig eine Chance auf Erfolg hat.

Rechtlicher Hintergrund

Das Bundesnaturschutzgesetz verbietet in §44 das Verletzten von wildlebenden Vögeln. Zusammen mit der EG-Vogelschutzrichtlinie gibt es dadurch bei Sanierungen von Gebäuden die Auflage, jeden zerstörten Brutplatz auch zu ersetzen.

Für Neubauten gibt es keine ähnlichen Auflagen. Allerdings enthält der aktuelle Entwurf zur Erneuerung der Berliner Bauordnung den Bau von Nistplätzen vor. Dazu kommen Auflagen für große Glasflächen. Laut BUND Berlin wäre es die erste Bauordnung in Deutschland, die Vogelschutz beim Neubau vorschreibt.

Ein Wohnbauprojekt ist immer noch ein Wohnbauprojekt

Auch die Priorisierung innerhalb eines kompletten Bauvorhabens liegt selten auf dem AAD-Konzept. "Die Bauherren gehen zwar eine Selbstverpflichtung ein, aber man muss sich schon manchmal durchsetzten", sagt Thomas Hauck.

Schon bei vorherigen Projekten mussten die Wissenschaftler:innen zurückstecken: Geplante Igel-Klappen seien ein Gesundheitsrisiko für die Kitakinder, die Landesregierung wechselt und dem Projekt fehlt auf einmal die Finanzierung. Und selbst wenn die Wildblumenwiese auf dem Dach dann doch steht, wird sie von einem Gebäudepfleger versehentlich abgemäht. Inklusive der überwinterten Insekten in den Stängeln und Blütenköpfen.

Insgesamt habe er die Zusammenarbeit mit den Bauverantwortlichen aber immer als konstruktiv erlebt, betont Hauck.

Geringe Kosten machen AAD marktkompatibel

Auch im Schumacher-Quartier scheint nicht komplett sicher zu sein, wie, wann, wer genau das Konzept umsetzt. Die Tegel Projekt GmbH schreibt rbb|24 auf Anfrage: "Auch wenn wir selbst nicht bauen, so geben wir doch den künftigen Bauherren Anregungen und Leitlinien an die Hand, damit die Idee des Modellquartiers mit all seinen Elementen bestmöglich in die Tat umgesetzt werden." Die ersten Grundstücksvergaben würden in diesem Jahr starten und man sei "optimistisch, hier engagierte Partner zu finden, die Stadtnatur bewusst gestalten und sich für Artenvielfalt starkmachen wollen."

Warum Animal Aided Design in Zukunft erfolgreich sein könnte, liest sich auch aus der Antwort der Tegel Projekt GmbH: "Das Schöne bei der Planungsphilosophie des AAD ist es, dass man im Grunde mit wenig Aufwand viel Gutes bewirken kann, was am Ende gar nicht mehr kostet."

"Wenn die Schwalbe gegen die Scheibe kotet, müssen wir einfach okay damit sein."

In den Studien zu AAD fällt auf, dass der Fokus immer auch darauf liegt, welche Tiere sich die menschlichen Bewohner "wünschen". Zum Beispiel weil sie kulturell als "süßer" angesehen werden. Ein Problem haben dagegen die Tierarten, die eher eklig sind und natürlich auch solche, die Schäden an den Fassaden machen. Denn auch die "Stakeholder" werden in den Planungen und Studien berücksichtigt.

Imke Wardenburg vom NABU sieht es pragmatisch: "Spechte haken zwar gerne mal an die Fassade oder Schwalben koten dagegen, aber ich glaube, das sind Dinge, die wir einfach wieder lernen müssen zu akzeptieren." Sie habe bei der Beratung von Architekten bisher das Gefühl, dass es bei den Vorhaben der Bauherren weniger um das Marketing, sondern tatsächlich um das Tierwohl gehe. Am Ende "ist es dem Spatzen aber auch egal, aus welchen Gründen an ihn gedacht wurde."

Beitrag von Bernadette Huber

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