Gamedesign in Berlin - "Ich will Themen wie Inklusion und Klimawandel in Games einbauen"

So 03.04.22 | 08:59 Uhr | Von Milena Hadatty
Tina Halling (Quelle: Milena Hadatty)
Bild: Milena Hadatty

Tina Halling arbeitet als Gamedesign-Dozentin an Privatschulen und entwickelt parallel dazu ihr erstes eigenes Spiel. Die Berlinerin hat es sich zur Aufgabe gemacht, auch Themen wie Inklusion oder Klimawandel in der Welt der Games zu platzieren. Von Milena Hadatty

Vor neun Jahren war Tina Halling eine der ersten Bachelor-Absolventinnen der Fachrichtung Gamedesign an der renommierten Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW). Während der Ausbildung lernte sie viel: programmieren, 3D, zeichnen, Geschichten erfinden. "Und irgendwann merkte ich, ich will die Storys mehr erfinden, und Themen wie Inklusion, Klimawandel, aktiver in Games einbauen", sagt die 36-Jährige.

Krimi, Inklusion und ein "serious Game"

Mit "Concealed Crime" ("Vertuschtes Verbrechen") hat Tina ihr erstes Spiel entwickelt. Es ist ein sogenanntes "Serious Game" (ein "ernstes Spiel"). Diese Kategorie umfasst nicht nur Lern- und Bildungsspiele, sondern auch Spiele, die sich mit gesellschaftlich brisanten Themen befassen.

Wenn alles gut läuft, kann man in einigen Monaten das Spiel der Gamedesignerin auf Deutsch und Englisch online kaufen, und mit Hilfe einer Virtual Reality Brille – im Sitzen spielen. "Man muss sitzen, weil der Spieler mit Hilfe der Virtual Reality Brille in die Ich-Perspektive des Geisterjägers schlüpft", erklärt Tina, "und er sitzt am Rollstuhl". Inklusion beim Spielen erlebbar zu machen, war ihre Herausforderung. Sie kontaktierte dafür einen Rollstuhlsport-Verein in Berlin, um sich von einem Trainer über Bewegungsabläufe und deren Grenzen mit einem Rollstuhl beraten zu lassen.

"Gamedesign ist eine Teamsache"

"Wie transportiere ich Gegenstände am besten, wenn ich Rollstuhlfahrerin bin? Stehe ich im Weg? Liegt etwas auf dem Schrank? Schaffe ich es mit dem Rollstuhl über die Kante?" Diese Fragen musste sich Tina zuerst selber stellen, um Varianten ins Spiel einzubauen, damit der Spielende weiterkommt.

Das Projekt wurde vom Medienboard Berlin Brandenburg gefördert. Da Tina auch als Dozentin an einer privaten Schule Gamedesign unterrichtet, konnte sie gleich zwei Mitstreiter:innen für das Projekt gewinnen, die sie selber ausgebildet hat: Jan Roßbach, ein Programmierer aus Michendorf, und Rita Günzel, eine 3D-Künstlerin aus Blankenfelde. Durch den Corona-Lockdown hat sich das Projekt aber in die Länge gezogen, weil die Treffen nur virtuell möglich waren.

"Während des Lockdowns hat zwar unser Markt geboomt, als jeder zuhause hocken musste. Aber wenn man noch bei der Spielentwicklung ist, muss man sich treffen und ausprobieren", erklärt Tina. "Das geht nicht über Zoom oder Skype. Gerade 3D und Virtual Reality kann man schlecht allein ausprobieren. Gamedesign ist sowieso eine Teamsache." Also trafen sich die drei bei Tina in Berlin, als das wieder möglich war, um an dem Projekt zu arbeiten.

Tina Halling mit ihren Kolleginnen Rita und Jan (Quelle: Milena Hadatty)
Mit Rita Günzel und Jan Roßbach hat Tina Halling ihr erstes Game geplant und umgesetzt | Bild: Milena Hadatty

Eine junge Branche, die schnell wächst

Die Hauptstadtregion ist einer der erfolgreichsten Games-Standorte Deutschlands. Im letzten Jahr wurden vom Medienboard Berlin Brandenburg 46 Games, Multiplattform-, Virtual- und Augmented-Reality-Projekte mit insgesamt 3,7 Millionen Euro gefördert.

Neben der international agierenden Gamedesign-Firma Wooga und einigen mittelgroßen, deutschlandweit agierenden Firmen wie Ubisoft, liegt die Stärke der Gamedesigner-Landschaft in Berlin-Brandenburg an der Vielfalt ihrer Independent-Entwickler und ihren ungewöhnlichen Spielideen, wie beispielsweise das Science Fiction-Abenteuerspiel "Cloudpunk" vom Studio "Ion Lands" aus Zehlendorf. Oder aber das gesellschaftshistorische interaktive Spiel "Through the darkest of times" von "Paint Bucket Games" aus Friedrichshain, bei dem diverse Figuren des zivilen Widerstands gegen das Hitler Regime kämpfen und einander helfen müssen.

Und wie steht es um die Jobs, wenn man sich nicht selbständig mit einem Spiel machen kann oder möchte? Nach Tinas Beobachtung öffnen sich im Moment zunehmend viele Arbeitsbereiche für ausgebildete oder studierte Gamedesigner auch in Branchen wie Kultur, Bildung und Medizin. Das sei auch eine Folge des Lockdowns: "Früher wurde man schief angeguckt, wenn man den Beruf 'Gamedesigner' angegeben hat. Aber mittlerweile können mehr Leute damit was anfangen."

Was noch fehlt: Spielregel für die Spiele

Ein Problem in der Branche sind ungeklärte Regeln und Grenzen für Tabu-Themen wie der Umgang mit "Feindfiguren" und mit Gewalt, sagt Tina.

Vor allem, was Kinderspiele betrifft, sind die "Tabu-Zonen" in Deutschland mehr auf die Gewaltdarstellung fokussiert, während in anderen Märkten dagegen Nacktheit und Sex tabu sind, während Gewalt und auch "Feindbilder" leichter akzeptiert werden. Aber es fehlt zum Beispiel das Kriterium, die Spiele auch auf ein mögliches Abhängigkeitspotential - gerade bei Kinder und Jugendlichen - zu prüfen.

Die Alterseinstufungen, die in Deutschland von der USK (Unterhaltungs Softwareselbstkontrolle) und der PEGI ("Pan European Game Information") für ein und dasselbe Videogame vergeben, können durchaus unterschiedlich ausfallen.

Größere Firmen entwerfen deshalb Fassungen ihrer Spiele, die für den jeweiligen Markt "zensiert" werden, das kann sich ein Independent Gamedesigner nicht immer leisten.

Jan Roßbach und Tina Halling (Quelle: Milena Hadatty)
Gamedesign ist Teamarbeit, meint Tina Halling. Unterstützt wurde sie u.a. von Jan Roßbach | Bild: Milena Hadatty

The Rabbit - Osterferien in Bad Belzig

Im Moment freut sich Tina Halling über ein Arbeitsstipendium mit Aufenthalt im so genannten "Rabbit". Für einen Monat - über die Osterzeit - wohnt und arbeiten sie und 14 ausgesuchte Gamedesigner aus ganz Deutschland in der Kreativresidenz "Coconat" in Bad Belzig. Gefördert vom Medienboard Berlin Brandenburg haben sie von früh bis abends die Möglichkeit, die Spiele gegenseitig zu testen und einander Feedback zu geben.

Tina freut sich sehr über diese Möglichkeit, auch weil sie so ihr Netzwerk von Kollegen erweitern kann - unabhängige Gamedesigner verfügen nämlich kaum über ein Werbebudget und müssen ihre PR-Arbeit meist selbst leisten.

"Es gibt Wettbewerbspreise, Fachmessen und das Medienboard hilft uns auch, aber am Besten funktionieren Youtuber als Influencer", sagt Tina. "Wir müssen mit denen ständig in Kontakt bleiben, Demo-Versionen der Spiele zur Ansicht hochladen, aber Mundpropaganda ist hier die beste Werbung."

Die Teilnehmer des "Rabbit" sind zwischen 25 und 40 Jahre alt. Der Männer- und Frauenanteil ist fast gleich, was in der Branche laut Tina auch üblich ist. "Bei den Programmierern ist es noch ein bisschen männerstärker - aber ja , die Richtung ist schon Gender Equality."

Sendung: Brandenburg aktuell, 29.03.2022, 19:30 Uhr

Beitrag von Milena Hadatty

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