Interview | Berlinerin klagt wegen Platzverweis - "Ich will meine Brüste nicht sexualisieren"

Fr 22.04.22 | 20:28 Uhr
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Teilnehmerin einer Fahrraddemo hat auf ihrem Rücken den Schriftzug "My Body My Choice" stehen. (Quelle: dpa/Christophe Gateau)
Bild: dpa/Christophe Gateau

Weil sie brustfrei an einem Wasserspielplatz liegt, geben die Behörden Gabrielle Lebreton letzten Sommer einen Platzverweis. Sie fühlt sich diskriminiert und klagt nun gegen das Land Berlin. rbb|24 erzählt sie, warum sie vorsichtiger geworden ist.

Gabrielle Lebreton ist eine der ersten, die im Sinne des Berliner Landes-Antidiskriminierungsgesetzes (LADG) über ihre Rechtsanwältin Leonie Thum Klage eingereicht hat. Als Aktivistin setzt sie sich mittlerweile dafür ein, ihre Brust in der Öffentlichkeit zu zeigen, ohne dabei diskriminiert zu werden. Lebretons Klage und der Aktivismus haben eine Vorgeschichte.

Vorfall mit Behörden an Wasserspielplatz

Zusammen mit ihrem sechsjährigem Sohn liegt sie im Sommer vergangenen Jahres oben ohne auf der Wiese der Plansche, einem Wasserspielplatz im Plänterwald in Treptow-Köpenick. Daraufhin verweist sie das Sicherheitspersonal des Straßen- und Grünflächenamts des Bezirks des Platzes, mit der Begründung, dass FKK dort nicht gestattet sei und mit Verweis auf die Richtlinien der Plansche. In den Richtlinien steht: "In der Plansche ist von allen Gästen Straßen- oder Alltagskleidung bzw. handelsübliche Badekleidung , wie zum Beispiel Badehose, Badeshorts, Bikini, Badeanzug, Burkini zu tragen."

Das Eingangsschild des Wasserspielplatz "Plansche" im Plänterwald. (Quelle: dpa/Fabian Sommer)

Lebreton fühlt sich diskriminiert, weil nach ihren Schilderungen Männer oben ohne dort sein durften, sie jedoch nicht. Sie erzählt den Vorfall in den sozialen Medien und erhält dadurch viel Aufmerksamkeit. Daraufhin lässt sie sich von der LADG-Ombudstelle und dem Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg [adnb.de] beraten, wie sie gegen die für sie diskriminierende Behandlung vorgehen kann. Die Klage wird im Januar 2022 eingereicht. Das Bezirksamt gibt an, sich zu der Klage gegenüber rbb|24 nicht äußern zu wollen.

Weitere Infos

rbb|24: Warum haben Sie sich dazu entschieden, wegen des Vorfalls an der Plansche vor Gericht zu gehen?

Gabrielle Lebreton: Für mich war das von Anfang an klar nach dem Vorfall an der Plansche. Ich wusste, dass das Zeit, Energie und Geld kosten würde. Aber ich war mir der Sache sicher. Denn für mich ist klar, dass das Diskriminierung war, und ich stand auch unter Schock. Die ganze Situation war unerträglich und inakzeptabel, der Ton, der Umgang mit mir, dass mein Kind mir gesagt hat: 'Mama, zieh dein T-Shirt wieder an!'. Ich konnte das nicht so stehenlassen. Die Kinder bewundern die Polizei oder alles, was mit Autorität zu tun hat. Sie denken, was die sagen, ist richtig, und somit musste ich meinem Sohn erklären: Das ist so nicht richtig. Deswegen gehe ich vor Gericht. Ich möchte Gerechtigkeit.

Das Bezirksamt teilte kurz nach dem Vorfall öffentlich mit, die bezirkliche Gleichstellungsbeauftrage hätte Ihnen ein Gesprächsangebot unterbreitet. Was ist daraus geworden?

Ich hatte einen Termin im Bezirksamt Treptow-Köpenick kurz nach dem Vorfall. Ich habe eine Frau gesprochen, die sehr nett und freundlich zu mir war. Sie hat die Situation ganz gut verstanden, aber ich hatte trotzdem das Gefühl, dass sie nicht so frei war, sich zu entschuldigen. Das war einfach nur ein Termin, um mich zu beruhigen und nicht so effizient, sondern nur fürs Protokoll würde ich sagen. An der Sache hat das nichts geändert.

Wie verhalten Sie sich jetzt in solchen Grünanlagen?

Ich bin jetzt sehr vorsichtig und habe das Bewusstsein, dass ich nicht einfach mit nacktem Oberkörper draußen sein kann. Ich stehe nach dem Vorfall auch sehr in der Medienöffentlichkeit, ich bin nicht mehr nur einfach irgendeine Frau. Das ist jetzt also schwierig für mich.

Ich fühle mich wohl, wenn es heiß draußen ist und ich mit nacktem Oberkörper bin.

Gabrielle Lebreton

Bedecken Sie Ihre Brüste wegen der Bekanntheit Ihrer Person oder auch, weil Sie Angst haben, von den Behörden gemaßregelt zu werden?

Ich denke beides. Ehrlich gesagt, als ich in der Plansche im Plänterwald war, war ich, ich würde sagen, unbedarft. Das war keine feministische Aktion. Ich war einfach da und das ist passiert. Aber jetzt habe ich das Bewusstsein, welches Risiko ich mit freien Brüsten eingehe und dass das nicht neutral ist. Trotzdem möchte ich betonen, dass mir oben ohne nicht peinlich ist. Ich fühle mich wohl, wenn es heiß draußen ist und ich mit nacktem Oberkörper bin. Ich finde das ganz normal, wie auch Männer das normal finden. Die stellen sich nicht die Frage, ob sie das T-Shirt ausziehen sollen oder nicht. Ich dagegen schon, und viele Frauen auch. Und ich jetzt noch mehr als zuvor. Ich will meine Brüste nicht sexualisieren. Leider ist die Gesellschaft noch nicht so weit, viele wollen mich sexualisieren. Das nervt!

Sie sind mit der Aktion "Freie Brust für alle" politisch aktiv geworden. Um was geht es Ihnen dabei?

Wir haben eine Petition gestartet und wir organisieren Demonstrationen und Schwimmbadausflüge, nicht nur in Berlin, auch in anderen deutschen Städten. Diese Aktionen sind absolut gewaltfrei.

Suchen Sie sich da gezielt Schwimmbäder mit konservativer Kleidungsordnung aus?

Die Idee hinter "Freie Brust für alle" ist nicht, die Leute zu beurteilen. Mit nackten Oberkörpern als Frauen wollen wir stattdessen erreichen, dass die Leute darüber sprechen. Auch, dass freie Brüste als normal gesehen werden. Wenn wir dabei in kleinen Gruppen unterwegs sind, macht uns das mutiger.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Vanessa Klüber

 

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49 Kommentare

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  1. 49.

    Berlin ist ne Großstadt. Wer mit weiblichen Brüsten in Bädern und Ästhetik bei Menschen ein Problem hat, soll aufs Dorf oder in die (brandenburger) Provinz ziehen. Also dahin, wo er / sie wahrscheinlich herkommt.

  2. 48.

    Die sollte mal dringend ein Facharzt aufsuchen.

  3. 47.

    So bekommt die Dame zumindest Aufmerksamkeit, auch wenn sie die angeblich nicht haben möchte. In einer Zeit wo viele ihre Befindlichkeiten über die anderer stellen ist das normal und keine Schlagzeile mehr wert.

    Wir saßen mal in einem Restaurant während eine Frau während des Stillens ihre komplette Brust auspackte, dies kriegen Millionen anderer Frauen hin ohne das man die Brust sieht. Auch wenn dies ein natürlicher und notwendiger Prozess ist, ein wenig Rücksicht auf andere an so einem Ort hätte man erwarten können. Solche Aktionen, wie auch in dem Artikel, sind bewusste Provokationen und egoistisch.

  4. 46.

    In Paris wird man schnell angeguckt, wenn man im Schlabberlook über die Boulevards schlendertsch und zahlt 40 Euro für für das Ablegen des Oberteils an Stadtstrand. In Berlin macht der RBB ein Faß auf.

  5. 45.

    Diese Dame zeigt sehr deutlich, wie schlimm es um Deutschland steht. Das sind wirklich schwere Probleme, die endlich gelöst werden müssen !!!
    Da fehlen mir die Worte...
    Soll Frau zum FKK gehen und sich dort "frei und frau" fühlen.
    Es ist nicht zuviel verlangt, sich in der Öffentlichkeit angemessen zu bekleiden. Das gilt für Männer und Frauen.

  6. 44.

    Ich war als Mutter damals froh zu lesen, dass es in einer Plansche nicht erlaubt ist, oben ohne zu sein. Muss natürlich für beide Geschlechter gelten. Wir gehen ja auch nicht oben ohne in Geschäfte, Bibliotheken, Kinos, zum Arzt, zum Elternsprechtag in die Schule ... warum ausgerechnet auf einen Spielplatz? Weil die Plansche fälschlich mit einem Park gleichgesetzt wurde. In einem Park würde es diese Diskussion nicht geben, so weit ist Deutschland nämlich sehr wohl schon.

  7. 43.

    Hallo Weib, ich finde es völlig in Ordnung, dass diese Frau des Platzes verwiesen wurde.

  8. 42.

    Das kann man nur voll unterschreiben ! Danke für den Beitrag !

  9. 41.

    Dann gehen Sie doch gefälligst dort hin wo es keine Verhaltensregeln gibt.

  10. 40.

    Ach, aber ich muss freie Männerbrüste überall ertragen, oder was? Auf der Wiese/Schwimmba/Park, in Film und Fernsehen, bei jeder Festivität etc. bei Unternehmen m. der Familie im freien. Und das, obwohl mich diese Doppelstandards schon seit Jugendtagen mehr als nur ankotzen. Mittlerweile bin ich 55. Und nö, ich war gewiss nicht unansehnlich und ward von den Mädels sehr gelitten. Nur habe ich es nicht eingesehen, dass, wenn ich an heißen Tagen mit meinen Freundinnen unterwegs war, z. B. auf Open-Airs oder sonstigen Festivitäten, dass ich mein Hemd ausziehen durfte - und zwar überall da, wo es mir gerade gefiel - hingegen meine Begleiterinnen es aber nicht durften wegen des all gewärtigen "T;ttenverbots" einer kleingeistig sexuell gestörten Gesellschaft, welche anscheinend bis heute nicht gelernt hat, mit den natürlichen freien Brüsten einer Frau umzugehen. Was das doch für ein erbärmliches Bild einer Gesellschaft abgibt. Und so etwas immer noch in den 20er-Jahren des neuen Millenniums.

  11. 39.

    Eine Gesellschaft, die sich vergleichsweise wenige schaffen, wo eine Spezies verdammt ist, keinen falschen Blick zu riskieren. Könnte als sexistisch gewertet werden. Fehlt doch eigentlich nur ein / eine Richter / Richterin, der / die in Ausnutzung des Amtes der Person recht gibt.
    Im übrigen, wer das in den Medien verfolgt, das ist keine Berlinerin.

  12. 38.

    Ist schon lustig die Spannweite der Kommentare hier zu lesen, die von prüde bis halbseiden gehen, von Unterstellungen und "Empörung" über Beleidigungen bis hin zur Diffamierung gehen.
    Seid Ihr der Spiegel der Gesellschaft? Moralisten, Vorschreiber, Zukurzgekommene, geistig Entrückte? Wenn es Euch anekelt, dann schaut doch einfach weg. Aber nein, da wird geglotzt, gegeifert, empört und denunziert.
    Seid Ihr es nicht, an dem unsere Gesellschaft krankt?

  13. 37.

    Ungläubiger:
    ""Diese Aktionen sind absolut gewaltfrei."
    Nun ja - aber es wird voraussichtlich wohl bewusst gegen geltendes Recht verstoßen.
    Schließlich kann man sich nicht nur an die Gesetze halten die einem persönlich gefallen."

    Das Entblößungsverbot für Frauen steht aber in keinem Gesetz!

    Ungläubiger:
    "Respekt und Toleranz scheinen da wohl Fremdwörter zu sein."

    Genau das will aber die Frau: Respekt und Toleranz dafür, dass sie oben ohne auf der Wiese liegen will.

  14. 36.

    Waldfreund:
    "In den Richtlinien der Plansche steht die Kleiderordnung. Die gilt für alle. Also wo ist das Problem."

    "Waldfreund" hat wohl NIX verstanden! Das Problem ist, dass für Männer und Frauen unterschiedliche Kleiderordnungen gelten. Das kennt man auch aus Afghanistan: Burkapflicht gilt nur für Frauen, aber nicht für Männer. Ist das kein Problem?

  15. 35.
    Antwort auf [KlausBaerbel ] vom 22.04.2022 um 21:43

    KlausBaerbel:
    "Vielleicht sollte diese Dame mal ihren Egoismus beiseite lassen ..."

    Und was ist mit Ihrem Egoismus, ihr vorschreiben zu wollen, wie sie sich anzuziehen hat?

    KlausBaerbel:
    "... und mal darüber nachdenken wie es auf andere Mitbürger wirkt."

    Es wirkt auf die Menschen unterschiedlich! Sie sind jedenfalls nicht der Maßstab für alle Menschen!

    KlausBaerbel:
    "Die Freiheit des einzelnen hat dort ihre Grenzen wo sie die Freiheit anderer Menschen einengt."

    Welche Freiheit von anderen Menschen ist hier eingeengt?

    KlausBaerbel:
    "Es ist auch grauenhaft sich vorstellen zu müssen, wenn nackte weibliche Brueste ueberall zur gesellschaftlichen Norm werden ..."

    Aber das fordert hier doch Niemand! Und außerdem, was soll daran "grauenhaft" sein. Es ist NICHT (objektiv) "grauenhaft. Es ist lediglich FÜR SIE (subjektiv) "grauenhaft"! Sie sind nicht der Maßstab für alle Menschen!

  16. 34.

    Exhibitionisten:
    "Ein Mann kann seine sekundären Geschlechtsorgane auch nicht zur Schau stellen. Schon gar nicht auf einem Spielplatz."

    Doch kann er!

    Exhibitionisten:
    "Das ist strafbar."

    Nein! Die entblöste männliche Brust in der Öffentlichkeit ist nicht strafbar.

  17. 33.

    Peter:
    "Ich möchte das nicht aufgezwungen bekommen, zieht euch gefälligst etwas an. Meine Augen und die der Kinder is NOT your choice !"

    Niemand zwingt Ihnen etwas auf! Niemand zwingt Sie, dorthin zu schauen!

    Ihrer Logik folgen auch die Taliban, die sich nicht den Anblick von Frauen aufzwingen lanssen möchten und deshalb - so wie Sie - sagen: Zieht euch etwas an, und zwar die Burka!

  18. 32.

    Die meisten Kommentare bestätigen schlimmste Befürchtungen: Frau Lebreton möchte einfach nur, dass Menschen sich natürlich zeigen dürfen, OHNE dass Hinz & Kunz ein Problem und einen Schamgrund daraus machen - und nun wird IHR vorgeworfen, SIE würde Luxusprobleme generieren und ihr Kind beschämen. Ganz offensichtlich ist und hat aber eben nicht Fr Lebreton das Problem - sondern all die Leute, die noch nicht gelernt haben, dass man nichts anschauen muss, was man nicht anschauen mag. Hier zu filtern ist für das Hirn viel leichter als bei akustischen oder geruchlichen Eindrücken. Also bitte kriegt Euch ein: Die Welt ist bis Kante voll mit Dingen, die 10.000 mal schrecklicher und beschämender sind als weibliche, männliche oder diverse primäre, sekundäre oder quartäre Geschlechtsmerkmale.

  19. 31.

    Es gibt einen kleinen Unterschied, wie Frauen eine Männerbrust und wie Männer eine Frauenbrust ansehen und wofür sie eigentlich gedacht ist, aber davon haben sie wahrscheinlich noch keine Ahnung.

  20. 30.

    Viel Glück mit der Klage!

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