Interview | Tanzverbot an Karfreitag - "Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir die letzten Reste gemeinsamer Trauer abräumen"

Do 14.04.22 | 06:28 Uhr
  104
Vertreter der Kirchen, darunter Markus Dröge (2.v.l.), Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, und Heiner Koch (2.v.r.), Erzbischof von Berlin, tragen bei der ökumenischen Karfreitagsprozession ein hölzernes Kreuz. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Audio: Inforadio | 14.04.2022 | R. Träder | Bild: dpa/Paul Zinken

Die ukrainische Flagge solidarisch mit dem Land im Krieg zeigen - richtig und wichtig findet das der Berliner Superintendent Höcker. Denn Karfreitag sei genau dafür da, um mitzutrauern. Fürs Tanzen an diesem Tag zeigt er kein Verständnis.

rbb|24: Herr Höcker, erhoffen Sie sich, dass angesichts von Krieg und Pandemie mehr Berliner und Brandenburger den Karfreitag begehen als das sonst der Fall ist?

Superintendent Bertold Höcker
: Ich hoffe, dass ein vertieftes Bewusstsein für den Karfreitag aufkommt. Wir machen ja immer eine große Karfreitagsprozession durch die Berliner Innenstadt. Dabei erinnern wir in diesem Jahr an die Leidenden im Krieg und an Menschen, die unter Einsamkeit leiden. Karfreitag ist wirklich der Tag, an dem man sich solidarisch mit den Leidenden zeigt, am Beispiel des Leidens Christi. Ich hoffe, dass sich dieses Jahr viele Leute unserer Prozession anschließen und so ein Zeichen setzen - so wie das schon viele bei anderen in Demonstrationen getan haben.

Generalsuperintendent der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz Bertold Höcker (Quelle: Martin Kirchner)
Bertold Höcker, Superintendent im Evangelischen Kirchenkreis Berlin Stadtmitte | Bild: Martin Kirchner

Wie soll man sich aus Ihrer Sicht am Karfreitag solidarisch mit den Leidenden zeigen?

Die Solidarität mit den Leidenden kann man dadurch ausdrücken, dass man sich der Karfreitagsprozession anschließt. Das ist eine Schweigeprozession. Dabei tragen wir ein großes grünes Kreuz durch die Berliner Innenstadt. An verschiedenen Stationen erinnern wir an diejenigen, die jetzt in der Ukraine und in der ganzen Welt unter Krieg leiden.

Seit Beginn des Krieges gibt es Menschen, die mit den Ukrainern mitleiden, also dies schon seit Wochen tun. Warum braucht es einen Karfreitag, um sich solidarisch mit den Leidenden zu zeigen – und wann ist es Zeit, aus der Trauerphase wieder herauszukommen?


Alles hat seine Zeit, das steht schon in der Bibel. Aber wir stecken ja noch gar nicht richtig drin in der Trauerphase. Uns betrifft bislang, dass die Geflüchtete bei uns Schutz suchen und wir von den schrecklichen Nachrichten hören. Aber ich bin sicher, es werden noch viel mehr Geflüchtete kommen, und wir haben noch gar nicht richtig damit angefangen, über die vielen Toten und über die Verbrechen zu trauern.

Wir versuchen, solidarisch untereinander zu sein und ein Zeichen zu setzen. Aber in ihrem Kern hat die Trauer die Gesellschaft noch nicht erreicht. Das wird sicher noch eine lange Zeit dauern. Der Karfreitag ist der Tag im christlichen Jahr, an dem man solidarisch mit den Leidenden zeigt, also der ideale Tag dafür.

Aus meiner Sicht ist das Tanzverbot am Karfreitag und der Karfreitag als Feiertag der letzte gesamtgesellschaftliche Konsens, wenigstens an einem Tag im Jahr einmal innezuhalten und nichts zu tun.

Bertold Höcker, Generalsuperintendent

Nun ist in Deutschland für den Karfreitag ein Tanzverbot festgeschrieben, an das sich aber besonders die Berliner kaum halten. Haben Sie Verständnis dafür?

Ich habe dafür keinerlei Verständnis. Weil aus meiner Sicht das Tanzverbot am Karfreitag und der Karfreitag als Feiertag der letzte gesamtgesellschaftliche Konsens ist, wenigstens an einem Tag im Jahr inne zu halten. Für den Sonntag gilt das nicht mehr und auch für keinen anderen Feiertag. Ich glaube, wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir die letzten Reste gemeinsamer Trauer abräumen – zugunsten von: Es hält halt jeder, wie er will - und wenn man Karfreitag eben tanzen will, will man tanzen. Lass‘ die anderen ruhig trauern. Wir geben ein gesellschaftliches Trauerkollektiv damit auf. Das bedaure ich.

Durch die Pandemie hat gab es ein monatelanges Tanzverbot. Bleiben Sie angesichtsdessen bei Ihrer Position?

Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun. Bei den coronabedingten Einschränkungen ging es um den Schutz innerhalb der Gesellschaft. Es war ein Gebot der Nächstenliebe, das Infektionsrisiko durch das eigene Verhalten nicht zu erhöhen. Am Karfreitag ist es aber so, dass wir bisher einen gesamtgesellschafltlichen Konsens hatten, an einem Tag im Jahr gemeinschaftlich der Leidenden in der Welt zu gedenken. Und der soll jetzt aufgegeben werden.

Wem machen Sie da den Vorwurf – der Politik, den Clubs, den Leuten, die tanzend feiern?

Mit Schuld-Zuschreibungen kommt man da nicht weiter. Ich glaube, es ist ein gesellschaftliches Phänomen, dass die Individualisierung einen immer höheren Stellenwert hat. Wir haben es auch kirchlich nicht geschafft haben, der Gesamtgesellschaft deutlich zu machen, wie wichtig kollektive Gedenktage sind und dass es eines gesellschaftlichen Zusammenhaltes bedarf, der durch solche Gedenktage hergestellt wird. Denn was hält denn heute noch eine Gesellschaft zusammen?

Das ist die Frage, die dahintersteht. Da bringt es nichts zu sagen, uns stört das, wir wollen nicht dazu gezwungen werden, am Karfreitag nichts tun zu dürfen. Wenn man die Frage so stellt, ist die Debatte im Grunde schon am Ende.

Ich würde immer fragen: Ist es dir wichtig, dass wir noch einen Konsens haben, einmal im Jahr der Leiden Christi zu gedenkenund das gegenwärtig zu setzen mit den Leidenden in aller Welt? Oder ist dir deine Individualität so wichtig, dass du auch diesen Tag aufgeben willst?

Hat der Karfreitag für Sie in diesem Jahr eine besondere Bedeutung, oder macht das von Jahr zu Jahr keinen großen Unterschied?

In diesem Jahr ist uns der Karfreitag besonders wichtig, weil wir mit der Prozession offensiv unser Mit-Leiden zeigen können. Natürlich beschäftigen wir uns intensiv mit der Flüchtlingsbetreuung - jedenfalls wir in der Kirche. Und es ist auch ein Zeichen der Solidarität, ukrainische Flaggen rauszuhängen. Aber mit einer Prozession zu verdeutlichen, wir trauern mit euch, wir leiden mit euch, das hat eine andere Dimension.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Vanessa Klüber

 

Die Kommentarfunktion wurde am 15.04.2022 um 15:19 Uhr geschlossen. Die Kommentare dienen zum Austausch der Nutzerinnen und Nutzer und der Redaktion über die berichteten Themen. Wir schließen die Kommentarfunktion unter anderem, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt.

Tanzverbot an "stillen Tagen"

An den sogenannten "stillen Tagen" wie dem Karfreitag besteht in weiten Teilen Deutschlands noch immer ein Tanzverbot. Seinen Ursprung hat die gesetzliche Regelung im christlichen Glauben. Der Karfreitag ist der Tag der Kreuzigung von Jesus Christus und gilt bei gläubigen Christen als ein Tag der Stille und Demut.

Die genaue Ausgestaltung der Feiertagsregelung ist allerdings Sache der Länder - und hier zeigen sich deutliche Unterschiede im Grad der Frömmigkeit der Gesetzgeber. In Bayern herrscht gleich an drei Tagen Tanzverbot: Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag.

Liberaler ist Berlin: Hier ist das Feiern am Karfreitag nur zwischen vier Uhr morgens und 21 Uhr untersagt. In dieser Zeit gilt ein Verbot von "öffentlichen Tanzveranstaltungen" und von "musikalischen Darbietungen jeder Art" in "Räumen mit Schankbetrieb". Deshalb laden viele Diskotheken und Clubs meist ab 23:00 Uhr zu Partys ein.
In Brandenburg beginnt das Tanzverbot am Karfreitag um 0 Uhr und endet am frühen Karsamstag Morgen um 4 Uhr.

104 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 104.

    Ich ging davon aus, dieser Mann sei evangelisch, nicht evangelikal. Schmerzhaft undemokratisch, solche Haltungen zu lesen. Mitnichten ist das Tanzverbot ein Ausdruck von "gesellschaftlichem Konsens oder Zusammenhalt", sondern schlichtweg Willkür als Ausdruck einer immer noch zu großen Macht der Kirche in diesem Land. Man braucht gar nicht auf spezifische Themen verweisen wie sexuelle Gewalt oder Ausbeutung über Immobilien bei gleichzeitigem Predigen von Bescheidenheit, Sonderrechte bei Arbeits-, Versammlungsrecht oder Datenschutz, sondern es ist ein eine unvollständig ausgeführte Abwägung von Grundrechten: persönliche Freiheit vs. Religionsfreiheit. Und diese Abwägung wurde zum Nachteil der Freiheit bis jetzt so stehen gelassen. Auch aus theologischer Sicht ist dieser status quo eine Abwertung von Karfreitag, weil er per Zwang gelebt wird. Weder waren noch sind wir alle christlich. Das wird ignoriert, daher auch der allg. Unmut.

  2. 103.

    Was ich den Diskussionen hier entnehme ist, dass viele Menschen gerne gemeinsam trauern und/oder gemeinsam feiern, aber kaum einer dafür die Kirche braucht. Entspricht meiner Meinung nach auch der Wahrheit...

  3. 102.

    An die RBB Redaktion
    Ich wollte nur noch einmal meine Sichtweise erläutern. Ich schätze es das Sie hier Menschen die Möglichkeit geben als Kommentatoren ihre Meinung zu bestimmten aktuell politischen Themen geben. Ich bin jemand der zu bestimmten Themen offen seine Meinung äußert, ich weiß auch das die nicht jedem gefällt. Aber Sie werden mir auch einwenig Recht geben das man sich das nicht gefallen lassen darf wegen seiner Meinung dann als fremdenfeindlich oder Afd Befürworter abgestempelt zu werden. Ich bin immer offen für Diskussionen aber ich lasse mich nicht in eine Ecke stellen mit der ich nichts zu tun habe.
    In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein frohes Osterfest und bleiben Sie gesund.
    MfG

  4. 101.

    "Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir die letzten Reste gemeinsamer Trauer abräumen"
    1. Die Überschrift ist falsch gewählt. Sie müßte lauten "Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir die letzten Reste gemeinsamer Kultur abräumen".
    2. Das Bild zum Beitrag ist unglücklich gewählt. Es erzeugt bei Betrachtern mit eingeschränkten Horizont zusätzliche Abneigungen, die den Horizont noch mehr einschränken.
    3. Vermutlich gehen diejenigen, die jetzt hier gegen den Karfreitag zetern und keifen auch nicht zu den angekündigten Osterdemonstrationen. Beides verlangt ein Mindestmass an Intellekt und Verständnis und wer für das Eine Verständnis hat, hat es vmtl. auch für das Andere.

    In diesem Sinne an alle Kommentatoren und der Redaktion "Frohe Ostern" und diejenigen, die gegen unsere Traditionen und deren Wurzeln negativ engestellt, sind sollen sich bitte nicht daran stören, dass Ostern seinen Ursprung auch in unserer kirchlichen Vergangenheit hat und Teil unserer Tradition ist. :) :)

  5. 100.

    Ich bin Pazifist und gegen den Krieg und die Ausnutzung von Krieg für eigene Interessen - wie z.B. Religion.

    "Nie wieder Krieg"

  6. 99.

    Die Ukraine ist leider nicht der aktuell einzige Kriegsschauplatz weltweit. Das Geschehen ist nur sehr dicht dran und die meisten Leute konnten sich nicht vorstellen, daß der Konflikt in dieser Art eskaliert.

    Ich auch nicht. Und ganz deutlich: Für die aktuelle russische Politik habe ich 0,nix Verständnis. Das, welches vorhanden war, ist mit Kriegsausbruch vollständig aufgebraucht.

  7. 98.

    Wir weisen Immanuel immer wieder zurecht und veröffentlichen auch nicht alle seiner Kommentare.
    Grundsätzlich bemühen wir uns Konfrontationen zwischen User:innen zu entschärfen.

    Danke für Ihren sachlichen Beitrag und auch Ihnen frohe Ostern.

  8. 97.

    Die russische Annexion und das Leid und Elend der ukrainischen Bevölkerung dermassen anteilslos darzustellen und zu diffamieren wagt sich ja nicht mal die AfD und die steht schon weit rechts. Wo sind sie dann zu verorten?

  9. 95.

    Vielen Dank, aber es liegt doch an Ihnen, wenn ich das mal bemerken darf. Wenn er (Immanuel) hier eine Plattform erhält um alle anderen zu terrorisieren, aber meine Kritik (und die anderer Kommentatoren) an diesem Zustand nicht veröffentlicht wird, entnehme ich, dass man sein Gehabe hier unterstützt. Übrigens haben sie mit Michael den falschen angesprochen. Er hat nur nach dem Prinzip Aktion/Reaktion gehandelt.
    Frohe Ostern und immer schön objektiv bleiben. Schön wäre, wenn diese Meinung mal durchgeht, aber das wird vmtl. wieder nicht der Fall sein.

  10. 94.

    Gegen Religionsgemeinschaften und ihre Mitglieder ist ja nix einzuwenden.

    Religionsfreiheit bedeutet für mich aber auch, daß ich deren Regeln als Atheist oder Agnostiker nicht einhalten muss.
    Ansonsten haben wir dann auch bald Ramadhan für alle :-) Wollen "wir" das so? Ich jedenfalls nicht.

    Grüße Ralf

  11. 93.
    Antwort auf [Michael ] vom 15.04.2022 um 10:47

    Immanuel und alle anderen: Diskutieren Sie sachlich, inhaltlich und wohlwollend. Wenn Sie sich nur streiten wollen, dann bitte woanders.

  12. 92.

    Man oh man der Immanuel machmal ist weniger mehr. Sie haben sich hier ja wieder richtig ins Zeug gelegt . Also wenn jetzt keiner von ihnen bekehrt wurde weiß ich auch nicht, Mühe haben sie sich auf jeden Fall gegeben. Schöne Ostern

  13. 91.

    Genau richtig gesagt: DAMALS

    Mittlerweile sollten wir weiter sein als im 15./16. Jahrhundert!

  14. 90.

    Lieber Klaus Müller der Ukraine Krieg ist doch nur Vorwand dafür überkommene Gebräuche und Rituale beizubehalten.

    Liebe Opern und Balettfans wie wäre es mit nem Tanzevent am Zoo mit Wiener Walzer und Nussknacker-Suite?

  15. 89.

    Und nur um nicht falsch verstanden zu werden: klar tun die Kirchen hierzulande auch viel Gutes, aber das könnten bzw. sollten sie auch ohne christlichen, muslimischen, jüdischen oder sonstigen religiösen Hintergrund tun!
    Aber Leuten an "christlichen Feiertagen" (auch wenn es nur dieser Eine ist) das Tanzen abreden zu wollen ist einfach nur peinlich!!!
    Wie viele Kriege und Tote gab es nur wegen Religionen? Und wird auch nur einer dieser Kriege verurteilt? Höchstens von der jeweils anderen Seite.

  16. 88.

    Traurig aber bezeichnend, dass sich die Kirche immer noch so egoistisch verhält! Die "Kirchen" - egal welcher Religion - konnte es damals nur geben weil man sich bestimmte Naturereignisse nicht erklären konnte. Mittlerweile sollten wir alle so aufgeklärt sein, dass Religionen und Kirchen überflüssig sind. Und was soll das Geschwafel von "christlichen Werten", das immer suggeriert wird? Das sind MENSCHLICHE Werte und hat nichts mit dem Christentum zu tun. WIR LEBEN IM 21. JAHRHUNDERT!!!

  17. 87.

    Bitte bescheid geben, wenn es soweit ist. Dann komme ich tanzen.

  18. 86.

    Und da schaffen wir doch mal eben den Berliner Feiertag zum Frauentag ab. Der hat doch auch keinen Sinn. Oder?

  19. 85.

    Ist schon ein ganz schöner Mist, dass uns von Mutter Staat eine verordnete Trauer vorgeschrieben wird : VOLKSTRAUERTAG. Ist da eigentlich das Rumgehüpfe erlaubt.

Nächster Artikel