In eigener Sache - "Bündnis Medien für Vielfalt" diskutiert Rolle und Aufgabe für eine vielfältige Gesellschaft

Mi 27.04.22 | 14:15 Uhr
Das Logo vom rbb Rundfunk Berlin-Brandenburg am Eingang vom RBB-Gelände in Babelsberg. (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
Video: Abendschau | 26.04.2022 | Bild: dpa/Jens Kalaene

Journalismus hat den Anspruch, die aktuelle Realität abzubilden und alle Menschen zu repräsentieren. Wer aber eine dynamische Entwicklung abbilden will, muss sich immer wieder neu bemühen. Ein Bündnis sorgt zumindest für die entsprechende Diskussion.

Am Dienstag haben Medienschaffende in Berlin beim Rundfunk Berlin-Brandenburg den Stand der Diversität in der eigenen Branche diskutiert. Erklärtes Ziel ist dabei, eine echte Repräsentation zu schaffen. Dazu gehört die Art und Weise der Berichte - aber dazu gehören auch die Menschen, die in der Branche arbeiten und ausgebildetet werden.

Zu der Diskussion aufgerufen hatte das "Bündnis Medien für Vielfalt". Es wurde auf Initiative der Bremischen Landesmedienanstalt 2021 gegründet und vereinigt die größten kommerziellen, wie öffentlich-rechtlichen Medien-Unternehmen.

Geschlechtliche Vielfalt, Vielfalt in der familiären Herkunftsgeschichte, also Nationalität, Ausbildungsstand und Finanzen, und auch Vielfalt im Bezug auf Menschen mit und ohne Behinderung waren Thema an diesem Tag.

Wer spricht hier eigentlich über wen?

Nach wie vor ein großes Problem: Es wird mehr über Menschen mit Migrationshintergrund gesprochen als mit Ihnen. Staatsministerin Reem Alabali-Radovan, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (SPD) erinnerte an eine Studie von Prof. Dr. Thomas Hestermann von der Hochschule Macromedia in Hamburg, die zeige, dass Menschen mit Einwanderungsgeschichte nur in zwölf Prozent aller Medienberichte über Eingewanderte im Originalton vorkämen [mediendienst-integration.de]. Im Fernsehen sogar nur in 6 Prozent der Beiträge.

Obwohl sich Medienschaffende seit über einem Jahrzehnt regelmäßig damit beschäftigen, wie man Diversität erreicht, sei bei der Abbildung der tatsächlichen Vielfalt in der Gesellschaft noch "mächtig Luft nach oben". Verbesserungen seien zwar spürbar, besonders im Fiktionalen, aber insgesamt verlaufe der Prozess viel zu langsam.

Das Medienbild hinkt der Realität hinterher

Die Integrationsforscherin der Humboldt-Universität Prof. Dr. Naika Foroutan gab mit ihren Forschungsergebnissen ein präzises Bild über den gegenwärtigen Migrationszustand in Deutschland: "Deutschland ist nicht nur ein Einwanderungsland geworden, sondern einer der dynamischsten Migrationsakteure weltweit." Deutschland stehe an zweiter Stelle hinter den USA, wenn man die Zahl der International Immigrants (also Menschen, die Staatsgrenzen überschreiten und sich für eine bestimmte Mindestzeit im Aufnahmestaat aufhalten) anschaut.

Das konservative Medienbild von einer Gesellschaft mit einer weißen Mehrheit, in denen sehr oft Männer dominieren, konkurriere letztlich mit der sich schnell entwickelnden Veränderung in der auch empirisch nachweisbaren Diversität. In Frankfurt am Main zähle man bereits 75 Prozent aller Schulkinder zur Kategorie "mit Migrationshintergrund". Deutschlandweit seien es 40 Prozent aller Schulkinder.

Ein neues Framing muss her

Wenn Medien auf diese Veränderungen nicht reagierten, drohe ein Abriss mit der Zuschauerschaft, warnt Diversity-Trainer Dr. Lorenz Narku Laing. Für öffentlich-rechtliche Sender sei das schon auf Grundlage ihres Auftrags, alle zu erreichen, nicht akzeptierbar.

Aber auch einen finanziellen Anreiz, sich stärker der Problematik zu öffnen, gäbe es für öffentlich-rechtliche sowie kommerzielle Medien: Diversity im Fokus zu haben sei ein "winning case, weil die Leute sind gut, die haben neue Sachen zu erzählen, die wecken auf, sie haben andere Perspektiven." Die Business-Frage an die Repräsentation zu koppeln mache Mut, denn auf einmal "geht es nicht um Mildtätigkeit, sondern um das Erfolgsrezept Diversität!"

Das Problem beginnt viel früher

Christian Asanger von sky Deutschland bestätigte diese Annahme. Man wolle in den Sendungen zum Beispiel "weiblicher werden", bei Sportdisziplinen und auch bei der Berichterstattung. Er sieht jedoch das Problem, dass der Markt bei Moderatorinnen und Sport-Kommentatorinnen "quasi leer" sei. Das zeige einmal mehr, dass viel früher angesetzt werden müsse und manche Probleme kaum schnell und oberflächlich zu lösen seien.

Jona Teichmann, Programmdirektorin vom Deutschlandradio, die sich seit rund 20 Jahren mit der Nachwuchsgewinnung beschäftigt, riet deshalb gerade mit Blick auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die Talente und ihr Potenzial vorurteilsfrei und damit besser zu entdecken.

Die Vielfalt der Gesellschaft genauer in den Medien abzubilden, bleibe eine Daueraufgabe, so die ARD-Programmdirektorin Christine Strobl, die davor warnte, an "Diversität" schnell (Anmerkung d. Redaktion: oder besser jemals?) einen Haken zu setzen.

Sendung: Abendschau, 27.04.2021, 19:30 Uhr

Nächster Artikel