Prozess zum Tod von Maryam H. - Sie soll ihre Brüder geliebt - und dennoch gefürchtet haben

Mi 20.04.22 | 06:50 Uhr | Von Jana Göbel und Ulf Morling
Die Angeklagten Mahdi H. und Yousuf H. im Landgericht Berlin (Quelle: Imago/Olaf Wagner)
Die Angeklagten Mahdi H. und Yousuf H. im Landgericht Berlin | Bild: Imago/Olaf Wagner

Zwei Brüder aus Afghanistan sollen ihre Schwester ermordet haben. Laut Staatsanwaltschaft, weil sie eine westliche Lebensart pflegte. Nach einer dreiwöchigen Osterpause geht der Prozess am Mittwoch weiter. Von Jana Göbel und Ulf Morling

Die beste Freundin sucht nach Worten, als sie im Zeugenstand erzählt, dass Maryam H. nicht zurückrief, dass ihr Telefon tot war, dass niemand wusste, wo sie ist. Sie berichtet von der Panik, die sie ergriff, etwas Schlimmes müsse passiert sein. Denn Maryam H. hätte ihre Kinder niemals zwei Tage und zwei Nächte allein gelassen.

Der Tag, an dem Maryams Verschwinden bemerkt wird, ist der 15. Juli 2021, ein Donnerstag. Freunde und Bekannte fangen an, nach der 34-Jährigen zu suchen. Auch die beiden Brüder Yousuf und Mahdi H. beteiligen sich. Sie stellen Vermutungen an, vielleicht sei die Schwester ja weggefahren. Sie trösten die beiden Kinder, sie sollten sich keine Sorgen machen, man würde ihre Mutter finden. Zu diesem Zeitpunkt sollen sie nach Auffassung der Staatsanwaltschaft ihre tote Schwester längst in einem Koffer per Zug nach Bayern gebracht haben. In der Nähe der bayerischen Kreisstadt Donauwörth fanden die Ermittler die Stelle, wo sie im Gebüsch vergraben lag.

Kaufbelege für Koffer und Spaten

Viele Indizien deuten darauf hin, dass die Brüder die Leiche ihrer Schwester beseitigt haben: Zeugenaussagen, Handydaten, Überwachungsvideos vom Bahnhof Berlin Südkreuz, Kaufbelege für Spaten, Handschuhe und für einen großen schwarzen Koffer. Nach den ersten zehn Verhandlungstagen fehlen jedoch eindeutige Beweise für eine Ermordung der Schwester durch ihre Brüder. Tatort, Tatzeit, Tatwaffe – darüber ist bisher so gut wie nichts bekannt.

Wer sind die beiden Brüder?

Die beiden jungen Männer verfolgen den Prozess aus einem gesicherten Glaskasten. Sie haben sich bisher nicht vor Gericht geäußert. Der jüngere Bruder Mahdi H., 23 Jahre, starrt während der langen Verhandlungstage meist vor sich hin, wirkt abwesend. In Deutschland ist er seit seiner Einreise 2015 schon mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten. 2016 wurde ihm vorgeworfen, dass er einem Betreuer mit der Faust ins Gesicht geschlagen habe. 2020 verurteilte ihn ein Gericht wegen Körperverletzung zu einer Geldstrafe. Menschen, die ihn näher kennen, beschreiben ihn als nervösen Typ, der jähzornig und sogar aggressiv werden kann.

In Afghanistan habe er nur ein paar Jahre die Schule besucht, heißt es aus seinem Umfeld. Mahdi H. sei kaum gebildet, habe so gut wie keine Interessen, sein Deutsch sei schlecht. Weil er sein Leben nicht selbst organisieren konnte, brauchte er einen Betreuer, der sich um Behörden- und Gelddinge kümmerte. Mahdi H. scheint ein Einzelgänger zu sein, er verbringe viel Zeit am Handy, einen festen Job habe er nicht. Das Verhältnis zu seinem großen Bruder Yousuf sei sehr gut gewesen: Ihn habe er respektiert. Falls Yousuf und Mahdi H. relegiös sind, sollen sie ihre Religion nicht aktiv gelebt haben.

Der Ältere soll unter den Geschwistern das Sagen haben

Der 27-jährige Bruder Yousuf H. hört im Gerichtssaal konzentriert zu, verfolgt jedes Wort des Dolmetschers und wirkt auch nach vielen Verhandlungsstunden noch wach und aufmerksam. Bekannte aus dem Umfeld von Maryam H. beschreiben ihren Bruder Yousuf als den cleveren, der unter den Geschwistern das Sagen hat. Er soll eine Security-Ausbildung haben und in diesem Beruf gearbeitet haben. Um seinen jüngeren Bruder Mahdi habe er sich regelmäßig gekümmert, zum Beispiel bei Behördenangelegenheiten. Ihn und auch die Familie in Kabul habe Yousuf H. mit Geld unterstützt.

Mehrere Zeugen berichten, dass Maryam H. nur gut über ihre Brüder geredet habe. Beide sollen nahezu jedes Wochenende bei ihr und den Kindern in der Flüchtlingsunterkunft in Alt-Hohenschönhausen gewohnt haben, von Freitag bis Sonntag. Maryam H. habe die Wäsche für ihre Brüder gewaschen und für sie gekocht. Insgesamt hatte Maryam sieben Geschwister. In Deutschland leben drei Brüder, Yousuf, Mahdi und Jamal. Auch der dritte Bruder Jamal ist derzeit im Gefängnis.

Sie hat ihre Brüder geliebt

Die beste Freundin sagt im Prozess, dass Maryam 2021 zwei Mal Verletzungen hatte, einmal am Auge und einmal an Arm und Bein. Maryam H. habe ihrer Freundin damals erklärt, beim ersten Mal habe sie "was ins Auge bekommen", beim zweiten Mal sei sie gestolpert. Der Freundin kam das komisch vor, aber Maryam habe nie auch nur erwähnt, dass ihre Brüder sie geschlagen hätten. Sie soll sie geliebt haben, den älteren Yousuf am meisten. Er sei nachdenklich, fleißig und arbeitsam und lerne Deutsch. Er sei verheiratet und habe einen kleinen Sohn in Bayern. Er soll seiner Schwester gesagt haben, dass er seine Frau sehr liebe und habe ihr Fotos von dem Kleinen gezeigt. Tatsächlich hat Yousuf H. ein etwa eineinhalbjähriges Kind mit einer Frau in Bayern. Diese ist jedoch mit einem anderen Mann verheiratet. Von all dem soll Maryam H. nichts gewusst haben. Ihr großer Bruder lebte in Verhältnissen, die er seiner Schwester untersagt haben soll.

Aber hatten die Brüder vor, ihre Schwester zu töten und haben sie es getan? Sie sollen Maryam H. etwa zwei Wochen vor ihrem Tod in einer Art Spiel gemessen und gewogen haben, das hatten ihre Kinder, inzwischen 10 und 14 Jahre alt, erzählt. Vielleicht um herauszufinden, ob Maryam H. in einen großen Koffer passt? Außerdem soll Maryam H. große Angst davor gehabt haben, dass ihre Brüder sie umbringen würden, wenn sie von ihrer Liebesbeziehung erfahren. Mehrere Zeugen berichteten im Verlauf des Prozesses davon. Sie habe oft geweint deswegen, sagt die Freundin.

Der Freund von Maryam H. berichtet, die Brüder hätten ihm aufgelauert und ihn mit einem Messer an der Kehle bedroht. Er solle sich von ihrer Schwester fernhalten, sonst würden sie ihn töten. Maryam H. hatte in ihm nach der Scheidung von ihrem Ehemann 2017 einen neuen Partner gefunden.

Nach der Tat

Gegen eine geplante Tat spricht die Art und Weise, wie die Brüder ihre Schwester aus Berlin fortgeschafft haben sollen. Es ist der Tag, an dem sie getötet wurde, der 13. Juli 2021. Folgendes fanden die Ermittler heraus: Aus dem Zug Richtung Bayern soll Yousuf H. immer wieder mit seiner Freundin in Donauwörth telefoniert haben, offenbar, um die Abholung vom Bahnhof überhaupt erst zu organisieren. Vor Ort war dann der Tank leer.

Am Folgetag wurden gemeinsam Schaufel und Spaten in einem Baumarkt gekauft. Das sagte die Freundin im vergangenen Sommer in der polizeilichen Vernehmung den Ermittlern. Dann sei man gemeinsam zu einem Waldstück gefahren. Yousuf H. legte die letzten Meter allein zurück, zu der Stelle, wo die Ermittler seine Schwester Maryam H. später vergraben fanden. Die Freundin habe außer Sichtweite gewartet. Als er zurückkam, habe er geweint und ihr gesagt, es sei ein Unglück passiert oder ein Unfall. Er werde ihr später alles erzählen. Die Freundin gab an, nicht gesehen zu haben, was er dort in dem Waldstück getan habe. Nach Ostern soll sie ihre Aussage vor Gericht machen.

Prozess am Landgericht Berlin (Quelle: Imago/Olaf Wagner)

Vieles ist noch offen

Die Verteidigung der Brüder konzentriert sich bisher darauf, Ermittlungsfehler auszumachen. Sie hinterfragt, ob Zeugen ordnungsgemäß über ihre Rechte aufgeklärt wurden, ob Handydaten rechtmäßig erhoben wurden, ob der Dolmetscher im Gerichtssaal die richtige Ausprägung der persischen Sprache spricht, Dari oder Farsi.

Die Indizienkette in Bezug auf die Beseitigung der toten Schwester durch ihre Brüder ist sehr dicht. Aber in Bezug auf die Tat und den Tatort trifft das bisher nicht zu. Vieles ist noch offen und die Liste der noch zu hörenden Zeugen lang. Mindestens bis August 2022 soll dieser Prozess noch gehen.

Hinweis: Nach einer dreiwöchigen Pause geht der Prozess am Mittwoch nach Ostern weiter.

Beitrag von Jana Göbel und Ulf Morling

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