Brandenburgs größter See entsteht - Warten auf den Lausitzer Ostsee

Fr 15.04.22 | 10:42 Uhr | Von Wolfgang Albus
Blick auf den Flutungsgraben und den Cottbuser Ostsee (Quelle: rbb)
Spreewasser fließt über den Flutgraben in den Cottbuser Ostsee | Bild: rbb

Die Spree steht vor einer Mammutaufgabe: Sie muss einen ehemaligen Lausitzer Tagebau in den größten See Brandenburgs verwandeln. Direkt an der Cottbuser Stadtgrenze entsteht in einer der trockensten Gegenden Deutschlands der "Ostsee".

Der künftige Ostsee war früher der Braunkohle-Tagebau Cottbus Nord in der Lausitz. Seine Wasserfläche soll drei Mal so groß werden wie der Müggelsee in Berlin. Nach Jahren der Dürre fließt deshalb seit September 2021 kontinuierlich frisches Spreewasser in den wachsenden See. Die Lausitz hofft, dass das noch lange so weitergeht.

Cottbuser Ostsee während der Flutung im April 2022 (Quelle: rbb)
Zu 83% ist der Cottbuser Ostsee gefüllt (Stand April 2022) | Bild: rbb

Ein Wasserfall mit Spreewasser

Deshalb ist das sogenannte "Einlaufbauwerk", wo das Wasser aus dem Fluss über einen künstlichen Wasserfall in die Grube rauscht, eine kleine Attraktion. Denn hier zeigt sich den Besuchern, ob die Spree genügend Wasser liefert. Benötigt werden insgesamt mehr als 250 Millionen Kubikmeter.

Verantwortlich für den Ostsee ist das Bergbauunternehmen Leag. In den vergangenen Jahren floss oft monatelang nicht ein Tropfen Spreewasser in den See. Wenn es fehlt, dann strömt stattdessen Wasser in den See, das bergbaubedingt mit Eisen und Schwefel belastet ist.

Diese Gefahr hält die Chefin der Geotechnik, Franziska Uhlig-May, für zunehmend unwahrscheinlich: "Die letzten Monate und Wochen haben sich sehr gut entwickelt. Wir haben seit Flutungsbeginn im April 2019 jetzt etwas über 80 Millionen Kubikmeter an Wasser eingeleitet. Allein 60 Millionen Kubikmeter aus der Spree. Das ist ein knappes Drittel der Gesamtmenge."

Warten aufs Wasser

Die Freude über diese Bilanz nach dem Winter ist groß, weil die Flutung des Ostsee in der Prioritätenliste der Genehmigungsbehörden weit hinten steht. Erst wenn die Talsperren der Spree flussaufwärts gut gefüllt sind und der Spreewald noch genügend Wasser bekommt, dann darf auch der Ostsee weiter geflutet werden. In der Lausitz gibt es seit langem Spreewasser nur auf Zuteilung.

An dem hier kleinen Fluss hängt die Wasserversorgung von Cottbus, Berlin und Frankfurt/Oder. Da die Lausitz zu den trockensten Regionen in Deutschland zählt, ist das Spreewasser stark umkämpft. Der ehemalige Cottbuser Bergmann Ingolf Arnold hat deshalb 2016 das Wassercluster Lausitz e.V. mitgegründet. Ein Gremium von Experten, das sich um den Wasserhaushalt in der Region sorgt. Inzwischen seien man "geizig" mit dem Wasser, sagt Arnold.

"Die Landeswasserbehörden wissen, nach dem Kohleausstieg kommen sehr trockene Zeiten für die Spree. Und deshalb will man jetzt so viel Wasser wie möglich hier in dieser auch durch den Bergbau ausgetrockneten Landschaft bunkern."

Denn um an die Kohle zu kommen, wird im Lausitzer Revier der Wasserspiegel durch Pumpen in den aktiven Tagebauen erheblich abgesenkt. Dieses Wasser fließt bisher in die Spree. Der Kohleausstieg wird diesen wichtigen Zufluss versiegen lassen.

Das Jahr 2021 habe Niederschläge gebracht, die aber dem Ostsee lange Zeit nicht geholfen haben, so Ingolf Arnold. Der Regen ist zunächst in den ausgedörrten Lausitzer Sandböden verschwunden. Dann mussten erst die Talsperren wieder aufgefüllt werden. Nun sieht er gute Chancen, dass Niederschläge auch im Ostsee ankommen. Franziska Uhlig-May von der Leag spricht nun davon, dass der See "Mitte der 20er-Jahre" gefüllt sein werde. Die Sprachregelung lässt Interpretationsspielraum zu.

"Fehlkonstruktion Ostsee"

Umweltschützer René Schuster von der Grünen Liga warnt seit Jahren vor zu großem Optimismus. Er hält den See schlicht für eine Fehlkonstruktion. Aus seiner Sicht ist der See zu flach und die Wasserfläche zu groß. Das wertvolle Spreewasser werde in den heißen Sommermonaten in großen Mengen verdunsten und den Wasserspiegel wieder um etliche Zentimeter absinken lassen. Künftige Seen sollten demnach tiefer ausgebaggert werden, denn dadurch werde die Wasseroberfläche zwangsläufig kleiner.

Flutgraben betreten verboten am Cottbuser Ostsee (Quelle: rbb)

Landschaft in Bewegung

Ohnehin ist die Gestaltung von Bergbaufolge-Seen eine heikle Angelegenheit. Der helle Sand am Ostsee hat besonders runde Körner, die beim Kontakt mit Wasser leicht ins Rutschen kommen. Künstlich aufgeschüttete Kippenböden können sich ohne Warnung in Bewegung setzen. Das ähnelt Erdrutschen, die schon schwere Baumaschinen weggetragen und Menschen verschüttet haben. Deshalb ist der Ostsee eingezäunt und Schilder warnen überall vor der Lebensgefahr.

Nun aber sind auch natürliche Uferböschungen am Ostsee ins Wasser gerutscht, die vorher nicht vom Bergbau umgegraben wurden. Die galten bisher als sicher. Während die Geologen die Ursachen untersuchen, zieht die Grüne Liga bereits einen Vergleich zum Helenesee bei Frankfurt (Oder). Der wurde aufgrund von Rutschungen komplett gesperrt. Wenn auch der Ostsee nach der Flutung für den Wassersport nicht freigegeben wird, dann würde dies die Stadt Cottbus und die anliegenden Dörfer stark zurückwerfen. Die Sportboothäfen sind bereits in Bau.

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Sendung: Brandenburg Aktuell, 15.04.2022, 19:30 Uhr

Beitrag von Wolfgang Albus

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