Interview | Erben-Ermittler über seine Arbeit - "Wir suchen im Standesamt, in den Kirchenbüchern und auf Friedhöfen"

Fr 15.04.22 | 12:34 Uhr
Grabsteine stehen auf einem Friedhof (Quelle: dpa/Daniel Reinhardt)
Audio: rbb24 Inforadio | 15.04.2022 | U. Voßhenrich | Bild: dpa/Daniel Reinhardt

Nicht immer ist nach dem Tod eines Menschen klar, an wen das Erbe geht – und Erben wissen nicht, dass sie Anspruch haben. Für Erben-Ermittler Alexander Scholz hat die Arbeit jenseits des Geldes sehr emotionale Aspekte.

rbb: Herr Scholz, was sind denn so typische Fälle, die Sie bearbeiten?

Alexander Scholz: Typisch ist, dass jemand ungefähr vor einem Jahr verstorben ist, keine Erben bekannt sind, kein Testament hinterlassen wurde und wir dann anfangen, die gesetzliche Erbfolge zu ermitteln.

Und von wem bekommen Sie die Aufträge?

In der Regel von Nachlasspflegern, die direkt nach dem Tod vom Gericht eingesetzt wurden. Die wickeln die finanziellen Angelegenheiten ab, machen Wohnungsauflösungen etc. Wenn sie dann nicht weiterkommen mit ihren Ermittlungen, werden wir gefragt, ob wir den Fall übernehmen möchten.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Es gab einen Fall in Berlin, eine Frau, die einen sehr hohen Nachlass hatte, von dem sie selbst wahrscheinlich gar nichts ahnte. Sie hat sehr einfach gelebt, in dem Haus, das über die Jahre baufällig geworden war. Anfänglich lebte sie dort mit ihren Eltern und am Ende nur noch in der Küche und in einem Nachbarzimmer. Sie vermietete Kellerräume an die Nachbarn und hatte keine Krankenversicherung, weil sie selbständig oder nicht berufstätig gewesen ist. Sie war eine höhere Tochter, wie man so sagt. Die Nachbarn brachten ihr was zu essen oder einen Mantel, weil sie so armselig wirkte. Als sie gestorben war, waren auf dem Konto noch rund 400.000 DM, und das Grundstück war 1,5 Millionen wert. Die Suche nach den Erben führte in verschiedene Länder, nach Frankreich, in die Schweiz und in Deutschland eben.

Wie gehen Sie bei der Suche vor?

Wir suchen im Standesamt, in den Kirchenbüchern, in den Meldedateien, aber auch auf Friedhöfen, in den Adressbüchern und verschiedenen Archiven. Das ist eigentlich nichts anderes als eine Familienforschung mit dem Hintergrund, dass eben ein Erbvermögen da ist.

Und was ist, wenn die Spuren ins Ausland führen?

Je nachdem, wo es hinführt, haben wir Korrespondenten, mit denen wir zusammenarbeiten. In Polen haben wir zwei in Breslau und in Oppeln, und in den USA haben wir auch welche, mit denen wir zusammenarbeiten, die dann konkrete Ermittlungen selbst vor Ort tätigen können.

So eine Suche kann zwischen drei und fünf Jahren dauern oder sogar auch länger.

Was bekommen Sie als Honorar?

Das Honorar wird mit jedem einzelnen Erben vereinbart, im Fall unseres Büros beträgt das 24 Prozent. Wenn die Erbsumme sehr hoch ist, kann das abweichen. Wir schreiben die Erben an. Wir fahren immer dann hin, wenn es sehr hohe Nachlässe sind oder besondere Verwandtschaftskonstellationen. Also wenn es sehr nahe Verwandte sind, oder eben sehr viel Geld ist. Wir fahren natürlich nur mit Einverständnis hin, aber dann ist das oft sehr schön, weil man die Menschen kennenlernt, die man so lange gesucht hat. Und wir kennen die Familie teilweise besser als die Person, die wir gefunden haben. Diese haben manchmal gar nicht so gute Kenntnisse über die ganze große Familie, wundern sich, wie groß die Familie ist, wie weitläufig, wo sie herkommt und kam.

Dann liefern Sie ja quasi eine Familiengeschichte dazu.

Ja, das finde ich auch immer besonders wichtig und schön. Die Erben selbst sind daran allerdings oft nur bedingt interessiert. Es gibt Leute, die sehr interessiert sind, aber die meisten haben nicht so ein Familieninteresse. Wenn man den ersten Erben hat, nimmt man in der Hoffnung auf weitere Informationen Kontakt auf. Aber da kommt meistens zutage, dass diese Person wenig Informationen über die Großeltern oder die Geschwister der Großeltern hat. Auch Cousins und Cousinen kennt man vielleicht noch von früher. Sehr alte Menschen haben meistens ein anderes Familienbewusstsein als jüngere, aber auch nicht immer.

Und haben Sie auch schon erlebt, dass die Erben dann das Erbe quasi ablehnen und ihnen einen Korb geben?

Ja, das erleben wir aus meiner Sicht immer häufiger. In der Regel ist es dann so, dass die Leute sich mit der Sache nicht befassen wollen und erst gar nicht auf unsere Briefe antworten. Weil sie vielleicht Angst haben, weil sie nicht wissen, worum es geht, weil sie ihre Ruhe haben wollen oder auch Betrug fürchten. Das ist immer schade, weil es sehr, sehr aufwendig ist, die Menschen zu ermitteln. Und dann ist man natürlich auch enttäuscht, wenn es zu keinem finanziellen Ergebnis kommen, weder für die Erben, die ja teilweise dann wirklich hohe Summen auch kriegen könnten, als auch für uns. Das erlebe ich öfter, dass ich Menschen nicht überzeugen kann, ihre Erbschaft anzunehmen, obwohl es unverfänglich ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Ursula Voßhenrich für rbb24 Inforadio. Der Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung des Audios, das im Aufmacherbild zu finden ist.

Sendung: Sendung: rbb24 Inforadio, 15.04.2022, 07:23 Uhr

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