Eine Regionalbahnstreckenrecherche - Für neun Euro in die Sonne des Südens

Sa 21.05.22 | 14:49 Uhr | Von Stefan Ruwoldt
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Eine Banane auf Reisen. (Quelle: imago/ agefotostock)
Bild: imago/ agefotostock

Was geht alles mit dem Neun-Euro-Ticket? Ziemlich viel, sagt die Regionalbahn-Auskunft der Deutschen Bahn. Stefan Ruwoldt hat die Fahrpläne studiert - und weist Wege zu einsamen Seen und Cocktails am vollmondbeschienenen Strand.

Für neun Euro jeden Tag in die weite Welt - oder zumindest in die Weite der nahen Umgebung: Das Neun-Euro-Ticket ist eine Art Ferienticket für alle. "Klima-Rail" könnte man es nennen. Ohne Motorrad oder Auto werden vielleicht etwas ruckelige, aber unschlagbar günste Zugreisen möglich.

Von Berlin aus lässt es sich beispielsweise - mit Gummistiefeln im Rucksack und der Spinnrute im Gepäcknetz - zum Angeln an die Barschgruben von Finowfurt fahren (mit der Regionalbahn in gut einer Stunde nach Ruhlsdorf und dann noch ein bisschen mit dem Rad). Oder es ginge nach Neuruppin zum Fontane-Geburtshaus oder zur Klosterkirche Sankt Trinitatis (mit dem RE von Gesundbrunnen in anderthalb Stunden).

Die größten Sparer zuckeln mit dem Regionalexpress zum Küstriner Polenmarkt, um dort richtig viele Zigaretten zu holen, weil man das Benzingeld spart (mit dem RE von Lichtenberg in gut einer Stunde). Und natürlich gelten diese Zeiten auch für die umgekehrte Tour - aus Brandenburg zum Ausflug nach Berlin. Der Preis ist dabei ebenfalls identisch: neun Euro pro Monat, nicht pro Strecke.

Und es geht sogar noch mehr: mit Regionalbahn, Nahverkehrsbus und Fähre Hunderte Kilometer ins Land hinein fahren, ohne dass der SUV die Landschaft verfeinstaubt. Bis in den tiefsten Südwesten. Sogar bis ins Ausland - beispielsweise bis zum Badischen Bahnhof Basel, der zwar schon in der Schweiz liegt, aber organisatorisch zur Deutschen Bahn gehört.

Karte mit Zugverbindung zwischen Berlin und Basel, aufgeteilt nach ICE und Regionalzug. (Kartenmaterial: OpenStreetMap contributors, Quelle: Deutsche Bahn)

Der Sonne entgegen: Berlin-Basel

Basel ist von Berlin aus dank ICE schon jetzt keine Weltreise mehr. Wenn der Zug pünktlich ist - was er öfter ist - sind es knapp sieben Stunden. Also: Frühstück auf der Schönhauser Allee in Berlin, Nachmittags-Latte in einem Cafe an der Mittleren Brücke in Basel - und wenn man sich beeilt, schafft man dort noch ein bisschen Naturhistorie im Museum. Zum Abschluss des Tages zur Erfrischung noch ein paar Kilometerchen Schwimmerei flussabwärts im Rhein.

Allerdings war die Ferne bisher nicht ganz billig: Zwischen 30 und 100 Euro kostet das Ticket, je nachdem, mit welcher Bahncard man wann bucht.

Doch nun geht das auch anders: Ab nach Basel mit dem Neun-Euro-Ticket! So flott geht es allerdings nicht, Sitzfleisch ist vonnöten. Hilfreich ist auch eine gewisse Routine beim Umsteigen. Wichtig wären auch: Geografie-Kenntnisse. Und keine Angst vor Fahrrädern im Gang. Vorsicht bei halben Zügen, bei denen vielleicht der hintere Teil stehen bleibt und der vordere komisch abbiegt. Obacht bei Schienenersatzverkehr. Es braucht außerdem viel Lektüre und Verpflegung für unterwegs. Und natürlich eine Powerbank fürs Mobile.

Wertpapiere inklusive

Dafür kommt man mit dem Neun-Euro Ticket quasi umsonst nach Basel, und unterwegs erwarten einen: Otto von Guericke (Magdeburg, 35 Minuten Umsteigezeit), ein sehr kurzer Einblick in die Geschichte der Hexenverfolgung (Sangerhausen, 6 Minuten Aufenthalt), Weltkulturerbe im Bergpark (Kassel, 33 Minuten), Wertpapiergeschichte (Frankfurt/Main, 30 Minuten), ein kurzer Sprint zur Augustaanlage (Mannheim, 11 Minuten), ein bisschen Erholung am Schlossturm im Schlossgarten (Karlsruhe, 37 Minuten) und ein erstes Schwarzwaldgefühl in Offenburg (11 Minuten).

Also: Start nach dem ersten Frühstück um 10.11 Uhr in Berlin und Ankunft in der Sandoase am Rheinufer zum perfekten Zeitpunkt - um 1.24 Uhr in der Nacht. 15 Stunden und 17 Minuten Reisedauer und sieben Mal umsteigen. Käses Rundfahrt zum Minimaltarif.

Natürlich kann man, wenn man knapp 16 Stunden übrig hat, auch von Sidney nach Dallas fliegen (13.801 Kilometer, 15:35 Stunden) oder von Dubai nach Oakland (14.193 Kilometer, 16:05 Stunden). Oder man fliegt von Schönefeld nach New York (6.400 Kilometer, 9:20 Stunden) und läuft in den übrigen fünf Stunden nach Manhattan. Klar ist aber: All das geht auf keinen Fall mit dem Neun-Euro-Ticket, und für die kriminelle Klimabilanz bei diesen Flügen muss der Reisende für den Rest seines Urlaubs leider in den Ozon-Strafvollzug. Gute Reise.

Beitrag von Stefan Ruwoldt

44 Kommentare

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  1. 44.

    Weil Baerbock vor der Wahl diese Ticket bereits angekündigt/versprochen hat, dass hat sie damit zu tun.
    Wir kaufen das Ticket nicht, da keine Verwendung oder höchstens die Freitag bei Welke gezeigte (Hundekot von den Schuhen abwischen).
    Ein Geschenk von Baerbock an die Berliner und auf dem flachen Land bedeutungslos, ach ja, nicht ganz. Bezahlen werden es die Steuerzahler, auch die auf dem flachen Land.

  2. 43.

    Zwischen Küstrin-Kietz und Kostrzyn fährt ein Ersatzverkehr für die RB26.

  3. 42.

    Nein, Küstrin (Kostrzyn) und Stettin (Szczecin) sind nicht im 9€-Ticket enthalten. Ab dem letzten Ort auf deutscher Seite muss ein ergänzendes Ticket zum VBB-Anstoßtarif gekauft werden: Tantow - Szczecin für 3,20€ (mit BahnCard 2,40€) und Küstrin-Kietz - Kostrzyn für 2,10€ (mit BahnCard 1,60€). Info: https://www.vbb.de/tickets/sondertickets/fahrausweise-von-und-nach-polen/

  4. 41.

    Da hast du recht,lieber Hans.Ich habe zwar mein Auto abgeschafft,aber das tue ich mir dann doch nicht an.Ich buche rechtzeitig ein Ticket im ICE und fahre bequem an mein Ziel.Zugfahren soll doch auch entspannt verlaufen.Es wird schlimm.

  5. 40.

    Ist doch schon mal ein guter Ansatz. Vier Stunden Fahrt mit Unterbrechung nach gut zwei Stunden (da kann/muss Fiffi eh raus), Urlaub in Deutschland, fürs Hundewasser geht auch 'ne große PET-Flasche - also viel Spass an der Küste - so Richtung Flensburg oder Emden.

  6. 39.

    Prima Geschichte. Und - wer es denn mag soll es gerne machen - in 15 Stunden und mehr nach Basel zu tuckern.
    Allerdings frage ich mich jetzt, ob dieses Freizeitevent jetzt tatsächlich mehr Menschen - vor allem Pendler - zum Benutzen des ÖPNV begeistern wird?
    Diese 9 Euro Ticket wird jetzt als superpreiswertes Angebot für eine Urlaubsreise vorgeschlagen - obgleich damit etwas anders bezweckt werden sollte. Einfach zu erkennen, dass allein schon diese Geschichte beeindruckend darstellt, das es sich also um einen nur kurze Zeit andauernden Effekt handeln wird. Also brauchen wir unsere - farblich grün angehauchte - Politik durchaus noch nicht zu feiern. Naja - und Verkehrswende, in der Urlaubs- und Ferienzeit ist auch nur das klägliche Ergebnis von Aktionismus. Durchdacht ist dabei jedoch fast nix.... Für die Metropolregionen gibt es schon lange gute Vorschläge, den ÖPNV für Menschen "schmackhafter" zu machen, auch Preiswerter. In den ländlichen Regionen hat das Angebot noch viel Luft.

  7. 38.

    Das Stau Argument ist lächerlich. Zumal die Klimaanlage im Auto ja läuft.

  8. 37.

    die viel Zeit haben wie z.B. 3 fach Geimpfte können jetzt 13 Wochen für 27€ durch D. fahren."
    Man liest es einmal, man liest es zweimal und versucht einen Sinn darin zu erkennen.

  9. 36.

    Noch so'n Ding, für 9 Euro das Ticket und dann den Tip am Ziel ein Rad buchen,da ja nicht im Ticket genauso wie der Hund enthalten.Tagesmiete Rad macht meist 12 Euro ,aber wo kriegt man Hunde her?

  10. 35.

    Nicht nur der Hund freut sich,denn der kostet ja extra,also auch die Bahn.So bleibt der Verlust,der nicht vom Staat,also von uns allen ausgeglichen wird in Grenzen.

  11. 34.

    Hallo, schon mal im Stau gestanden? Freut sich der Hund sicher wenn es nur immer für paar Meter weiter geht.

  12. 33.

    Beim Lesen dieses Textes fiel mir auf, dass mein Mann und ich das schon immer für umsonst können, da er aufgrund seiner Gehbehinderung im ganzen Bundesgebiet umsonst im Nahverkehr fahren kann und außerdem eine Person mitnehmen kann.
    Er hat gar nichts vom 9€-Ticket, und da wir beide keinen Führerschein haben, haben wir auch nichts vom Tankrabatt.
    Trotzdem finden wir das 9€-Ticket grundsätzlich gut.
    Ich verstehe die Leute nicht, die immer meckern müssen, weil sie irgendetwas nicht brauchen, dass anderen Leuten aber hilft.

  13. 32.

    Besonderheit: In Frankfurt (Oder) über die Grenze nach Slubice mit dem Stadtbus 983 geht mit dem 9-Euro-Ticket, da Slubice dem Frankfurter AB-Tarifgebiet zugeordnet wurde. Somit verlässt man das VBB-Gebiet nicht. Also Essen gehen und shoppen sind mit dem Ticket in PL drin.

  14. 31.

    Nur blöd, dass ein Hund spätestens alle 4h zum Pinkeln raus muss, Beschäftigung, Auslauf und auch soziale Kontakte benötigt, auf Reisen durch die Bewegungen etc wenigstens 2h eine Pause nötig hat, genügend Wasser zu trinken und einen Rückzugsraum zum Ruhen braucht. Solange wir Hunde haben, fahren wir mit einem passenden Wagen, so wir auf innerdeutsche Reise gehen (Ausländern fällt flach, außerdem lerne ich lieber die Heimat kennen, als unsinnig für öde Fotos über den Globus zu jetten) die sich aufs nötigste beschränken. Nie würden wir unseren Fellnasen Züge oder Öffis antun. Und hier in der Stadt fahre ich eh nur Rad. Interessant ist wäre das Ticket für uns nur ohne Haustiere. Aber dennoch eine klasse Idee mit dem Ticket.

  15. 30.

    Im Prinzip nichts anderes als das " Schöne WE Ticket " aus den 90-iger Jahren. Nur , dass dieses Ticket den ganzen Monat gilt. Leute , die viel Zeit haben wie z.B. 3 fach Geimpfte können jetzt 13 Wochen für 27€ durch D. fahren.

  16. 29.

    Jupp!

    Waren immer sehr lustige Fahrten. Mit vielen Unterbrechungen und manchmal auch unfreiwilligen Stopps im Nichts :)
    Man konnte sich immer unterhalten und hat viele Menschen kennengelernt.
    Leider schauen heute alle ins Handy oder Tablet, statt zu quatschen, Bier zu Trinken und illegal zu Rauchen.

    Trotzdem allen jungen Menschen eine gute, lustige, spannende Fahrt!!!!

  17. 28.

    Sehe ich ganz genauso....jeder lotet für sich sein Ding aus. Vielleicht macht man aus einem 15 Stunden Trip auch einen 14 Tage Urlaub.:-)

  18. 26.

    Nie wieder werde ich eine längere Fahrt ausschließlich mit Nahverkehrsmitteln (einschließlich Regio-Züge) machen. X mal umsteigen, auf Anschlußzug warten (entweder hat dieser Verpätung oder er ist grade weg, weil der Zug, mit dem man gekommen ist, Verspätung hatte), auf den Bahnhöfen gibts natürlich kein WC - was bei einer knapen Stunde Warteeit schon mal kritisch werden kann, auch keinen Imbiss oder eine Wasserflasche. Wenn man Glück hat, existiert wenigstens ein dreivierteloffenes Glaswartehäuschen. Sehr beliebt sind auch Streckensperrungen (auf die man beim Ticketkauf selbstvertändlich nicht hingewiesen wird)+SEV, der mal eben zwei Stunden länger braucht als für die Zugfahrt vorgesehen war. Alles auf einer einzigen Fahrt erlebt, von Berlin HBF nach Zinnowitz. Das nächste Mal fahre ich IC oder ICE - auch wenns Geld kostet.

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