Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam - Gutachten soll sexuelle Belästigung im Rabbinerseminar aufklären

Do 19.05.22 | 15:54 Uhr
Abraham Geiger Kolleg am Institut für Jüdische Theologie (Bild: imago images/Jürgen Ritter)
Bild: imago images/Jürgen Ritter

Nach Vorwürfen sexueller Belästigung am Potsdamer Abraham-Geiger-Kolleg (AGK) erhofft sich der Zentralrat der Juden in Deutschland Aufklärung durch ein juristischen Gutachten. Damit beauftragt wurde die Kölner Rechtsanwaltskanzlei Gercke Wollschläger, wie der Zentralrat am Donnerstag mitteilte.

Geprüft werden sollen dabei nicht nur Vorgänge am AGH selbst, sondern auch in der Leo-Baeck-Stiftung, dem Zacharias-Frankel-Kolleg, dem Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk, der Union Progressiver Juden und der Allgemeinen Rabbiner-Konferenz. Die genannten Institutionen hätten der Untersuchung ausdrücklich zugestimmt, heißt es in der Mitteilung.

Ergebnisse für Ende des Jahres erwartet

Die Kanzlei Gercke Wollschläger ist auch wegen eines Gutachtens zu Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln bekannt, das Kardinal Rainer Maria Woelki in Auftrag gegeben hatte. Die Kanzlei solle sowohl Verantwortungsträger, Mitarbeiter wie auch potenzielle Opfer oder andere Betroffene befragen, erklärte der Zentralrat.

Um eine gründliche und unabhängige Untersuchung zu gewährleisten, würden die Gespräche und deren Auswertung mehrere Monate in Anspruch nehmen. Mit Ergebnissen der Untersuchung sei um den Jahreswechsel 2022/2023 zu rechnen.

Die Auswertung solle auch Handlungsempfehlungen enthalten, um festgestellte Defizite zu beseitigen und künftigen Defiziten im Zusammenhang mit sexualisierter Belästigung und Gewalt und sonstigem Machtmissbrauch vorzubeugen.

Thöne wird vorübergehend Direktorin

Die Vorwürfe der sexuellen Belästigung von Studierenden richten sich gegen einen früheren Dozenten des Kollegs und die Kritik am Umgang damit gegen den bisherigen Rektor, Rabbiner Walter Homolka. Dieser übt seit Medienberichten über den Skandal seine Ämter in der jüdischen Gemeinschaft und an der Universität Potsdam bis zur Klärung des Sachverhalts nicht aus. Die Universität Potsdam hat nach eigenen Angaben bereits vor einigen Wochen eine Untersuchungskommission zu dem Fall eingerichtet.

Am Donnerstagvormittag teilte das Kolleg mit, dass die frühere Berliner Finanzstaatssekretärin Gabriele Thöne (64) übergangsweise als Direktorin eingesetzt worden sei. Die Rechtsanwältin solle vor allem die Vorwürfe gegen die Ausbildungsstätte aufarbeiten und "deren Neustrukturierung in die Praxis umsetzen".

Das nach dem Rabbiner Abraham Geiger (1810-1874) benannte Kolleg bildet seit 2011 als An-Institut der Universität Potsdam liberale Rabbinerinnen und Rabbiner, Kantorinnen und Kantoren aus. Es ist das erste Rabbinerseminar in Zentraleuropa, das nach dem nationalsozialistischen Völkermord an den Juden gegründet wurde.

Sendung: rbb24 Brandenburg aktuell, 19. Mai 2022, 19:30 Uhr

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