Erster Fall in Deutschland registriert - Verbreitung der Affenpocken für Charité-Forscher Sander "kein Grund zur Panik"

Fr 20.05.22 | 17:08 Uhr
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Affenpocken im Mikroskop
Interview: Leif Erik Sander | Radioeins | 20.05.22 | Bild: Russell Regner/CDC/AP

Die Pocken waren einer der gefährlichsten Infektionskrankheiten und gelten seit 1979 als ausgerottet. Ein Verwandter des Virus scheint sich nun zu verbreiten. Leif Erik Sander, Leiter der Infektiologie der Charité, rät dazu, Ruhe zu bewahren.

Die Affenpocken treten nun auch in Europa auf. Der Immunologe Leif Erik Sander sieht darin jedoch keine Gefahr für eine neue Pandemie. Für Deutschland wurde am Freitagvormittag - nach dem Interview mit Sander - nun auch ein erster Fall gemeldet.

Der Leiter der Klinik für Infektiologie an der Berliner Charité sagte am Freitag im rbb, man beobachte die Situation genau und nehme sie sehr ernst. Die Dynamik beim jetzigen Ausbruch sei neu.

Über 100 Verdachtsfälle in 10 Ländern - Erster Fall in Deutschland

Stand Freitagmorgen gibt es laut Sander weltweit 108 bestätigte Fälle oder Verdachts-Fälle von Infektionen mit den Affenpocken - unter anderem in Großbritannien, Spanien, Schweden oder Italien. Auffällig sei, dass viele Infizierte zuvor nicht in Afrika waren und keinen Kontakt mit infizierten Tieren hatten. Insofern müsse man von einer Übertragung von Mensch zu Mensch ausgehen, so Sander.

Am Freitagvormittag wurde auch der erste bestätigte Fall in Deutschland gemeldet: Das Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München hat bei einem Patienten mit charakteristischen Hautveränderungen das Affenpockenvirus zweifelsfrei nachgewiesen, teilte der Sanitätsdienst der Bundeswehr mit.

Krankheit sollte ernst genommen werden

Die Affenpocken sind ein enger Verwandter der Pocken. Sie wurden laut Sander 1958 zunächst bei Affen entdeckt - sind aber hauptsächlich unter Nagetieren verbreitet. Bisher kam es nur "gelegentlich" zu einer Übertragung von Tier auf Mensch - dies habe in den letzten Jahren aber zugenommen, so Sander.

Die Affenpocken seien etwas weniger gefährlich als die ursprünglichen Pocken - aber dennoch laut Sander ernst zu nehmen. Zu den Symptomen der Affenpocken beim Menschen gehören Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen sowie ein Ausschlag, der oft im Gesicht beginnt und dann auf andere Körperteile übergreift. Dieser Ausschlag könne auch vernarben, sagte Sander.

In Zentralafrika sei bei Ausbrüchen zwar eine Todesrate von bis zu elf Prozent beobachtet worden, doch diese Zahl hält Sander "für etwas zu hoch gegriffen", da die Datenlage noch nicht ausreichend große Zahlen umfasse.

Alter Pocken-Impfstoff schützt auch gegen Affenpocken

Die Pocken waren eine der gefährlichsten Infektionskrankheiten überhaupt. Die Impfung dagegen wurde nach einem Beschluss der Weltgesundheitsorganisation ab 1967 weltweit Pflicht. Der letzte Pockenfall trat in Deutschland Anfang der 70er Jahre auf. Daher die Impfpflicht Mitte der 1970er Jahre in West- und Ost-deutschland ausgesetzt. Seit 1979 gilt die Krankheit weltweit als ausgerottet.

Die gute Nachricht: Durch die enge Verwandschaft der beiden Virenstämme schützt wohl auch der Pocken-Impfstoff gegen die Affenpocken - sogar bei einer Impfung einige Tage nach einem Kontakt mit dem Virus.

Laut Sander "kann man potentiell davon ausgehen", dass alle, die bis in die 80er-Jahre gegen Pocken geimpft wurden, nun auch geschützt sind. Zwar sei dies nun 40 Jahre her, "aber ich würde erstmal von einem Schutz ausgehen", so Sander. Allerdings sind Personen, die in den 80er Jahren oder später geboren sind, oft nicht gegen Pocken geimpft.

Neue Pandemie sieht Sander nicht

Die Medizin und die Behörden seien auf die Pocken sehr gut vorbereitet, so Sander. Es werde sicherlich noch eine Verbreitung geben, aber es komme nicht zu einer Situation wie beim Coronavirus, da es nicht so ansteckend sei. "Für die allgemeine Bevölkerung ist es kein Grund zur Aufregung", sagte Sander.

Ähnlich äußerte sich Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Ärzte und Patienten seien durch die bisherigen Fälle sensibilisiert. "Aufgrund der bisher vorliegenden Erkenntnisse gehen wir davon aus, dass das Virus nicht so leicht übertragbar ist und dass dieser Ausbruch eingegrenzt werden kann", betonte der Minister. "Das kann aber nur gelingen, wenn schnell gehandelt wird."

WHO: Ansteckung von Mensch zu Mensch nur begrenzt

In Afrika wurden Affenpocken bei vielen verschiedenen Tieren nachgewiesen, vor allem bei Nagetieren und mehreren Affenarten. Auch von Mensch zu Mensch können die Viren weitergegeben werden - durch Tröpfcheninfektion, Wunden oder kontaminierte Gegenstände -, jedoch nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nur begrenzt.

Zu den Symptomen der Affenpocken beim Menschen gehören Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen, geschwollene Lymphknoten und Schüttelfrost sowie ein Ausschlag, der oft im Gesicht beginnt und dann auf andere Körperteile übergreift. Die meisten Menschen erholen sich innerhalb mehrerer Wochen von der Krankheit.

Sendung: Radioeins, 20.05.22, 09:00 Uhr

27 Kommentare

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  1. 27.

    Die Ansteckungen von Menschen im landwirtschaftlichen Bereich tendieren seit Jahren gegen Null. Hauptüberträger sind mittlerweile eher Haustiere wie Katzen, Farbratten. Beim Menschen schützt eine, auch schon ältere, Pockenimpfung recht zuverlässig.
    Auch https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/Kuhpocken/Kuhpocken.html

  2. 26.

    Affenpocken haben nichts mit den Pocken zutun. Die sind ausgerottet und nur noch in ganz wenigen Hochsicherheitslaboren vorhanden.

    Also keine Panik.

    Übrigens treten gelegentlich bei landwirtschaftlichen Mitarbeitern die harmlosen Kuhpocken auf.

  3. 25.

    Diese Impfung schützt nicht vor dem Krebs. Sie ist genauso partiell wirksam wie andere Impfungen, die wir unterdessen kennen. Nur gegen gewissen Virenstämme, und nur ein kleiner Prozentsatz dieser Krebsart ist durch diese Krebsart hervorgerufen.

    Die Pockenimpfung scheint immerhin gegen die Art der Pocken zu wirken.

    Wenn ich mir Bilder anschaue und Symptome, dann frage ich mich, waren alle HandMundFuss-Aushänge in den Kitas der letzten Jahre Affenpocken oder ist der Dude mit der vermeintlichen Akne und dem Exanthem auch ein Affenpockenfall?

    Und ja, Affenpocken übertragen sich wie alle ansteckenden Krankheiten durch engen Kontakt von Lebewesen zu Lebewesen. Dafür muss man nicht schwul oder längsgestreift sein. Manchmal reicht ein gebrauchtes Handtuch *bah*. Manchmal anhusten, oder fäkal-oral. Wie das halt so ist...

  4. 24.

    Och menno!
    Keine Panik?
    Ich wie schade, ich dachte wir müssen jetzt wieder alle in den Panikmodus verfallen.

  5. 23.

    Männer können die HP Viren ebenfalls bekommen und übertragen, auch wenn für sie keine gesundheitlichen Folgen entstehen. Unsere Kinderärztin meinte, dass es deshalb auch gut und richtig wäre Jungs dagegen zu impfen.

  6. 22.

    Die humanen Pocken sind ja auch ausgerottet. Die sog. "Affenpocken" werden wohl hauptsächlich von diversen Nagern übertragen. Der Name Affenpocken ist eigentlich irreführend, da Affen ein Fehlwirt sind (genauso wie der Mensch). Der Impfstoff gegen die humanen Pocken soll wohl auch ganz gut dagegen wirken, man könnte also ein neues Impfprogramm auflegen (einige Millionen Dosen sollten weiterhin in Reserve sein - das "Zeug" ist irre haltbar, da es als gefriergetrocknetes Präparat keine Kühlung braucht). Die Immunität fällt auch bei den Pockenimpfungen über die Jahre etwas ab, ist aber wohl fast ein lebenslager Schutz (insbesondere nach Zweitimpfung).

  7. 20.

    Auch im Westen wurde gegen Pocken geimpft.Das jetzt der eine oder andere wieder damit kommt den Osten gegen den Westen auszuspielen ist nur noch traurig.

  8. 19.

    Man wurde nur bis 1983 gegen Pocken geimpft. Danach nicht mehr, weil die DDR davon ausging, dass diese Krankheit ausgerottet ist.
    Was auch andere Länder dachten....

  9. 18.

    Ähhh - ist Prostatakrebs jetzt auch ansteckend? Also ich sprach von Gebärmutterhalskrebs, der von HPV-Viren hervorgerufen werden kann. Die sind ansteckend. Männer haben nur keine Gebärmutter ;-) sonst bekämen sie das auch... Man kann aber davon Krebs im Rachenraum bekommen... ;-)

  10. 17.

    Laut ORF Videotext dürfen in Österreich ab sofort auch die von Ihnen genannten Personen Blut spenden.
    Immerhin - ein wichtiger Schritt, wenn er auch in einer Gesellschaft, die von sich selbst behauptet, offen, tolerant und divers zu sein (Stichwort Tom Neuwirth) rund 40 Jahre zu spät kommt. Aber besser eine späte Gleichberechtigung als nie.

    Stichwort Prostatakrebs usw.: Wir reden hier von einer Viruserkrankung und nicht von einer organischen Krankheit! Ein Virus kennt nicht das Geschlecht seines Wirts, der Erreger infiziert Menschen unabhängig von seinem Geschlecht.

    Daher ist es purer Mumpitz zu behaupten, Männer seien eher betroffen. Zumal es nur eine Handvoll Erkrankte bis dato gibt - also weder eine ausreichende Datenlage noch entsprechende Studien.

    Genauso könnte man (falsch) behaupten, Frauen bekämen eher die Grippe, weil sie schwächer und anfälliger seien.

  11. 16.

    Lag Das jetzt an der "Kreuimpfung"? :)
    Lieber doch bei Comirnaty bleiben ;) .

  12. 15.

    Am Donnerstag trafen sich die sieben Minister bei Gesundheitsminister Karl Lauterbach (59, SPD) in Berlin und spielten den Ablauf einer Pocken-Pandemie im Jahr 2023 durch. Na dann weiß man jan, was als nächstes kommt.

    Karl Lauterbach formulierte es in einer Presskonferenz am 18. Mai so: “Meine Kollegen und ich werben dafür, dass wir einen Pandemie-Pakt schließen, dieser Pandemie-Pakt soll künftige Ausbrüche schneller erkennen und effektiver darauf reagieren können.”

    https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/134391/G7-und-WHO-wollen-Pockenpandemie-in-Uebung-simulieren

  13. 14.

    AHA, wusste ich garnicht. Na ja , ich bin ja auch stinknormal.
    Würde mich brennend interessieren was die anders machen.

  14. 13.

    Hey, mal was Gutes was einem diese Narbe bringt. Die übrigens nach der Zweiten Biontech und dem Booster mit Moderna so heftig juckte, dass ich sie mir bei Booster sogar blutig kratzte. Hatte das sonst noch wer?

  15. 12.

    Könnten wir uns jetzt mal wieder dem Thema "Pocken" zuwenden? Sexualpraktiken sind sicherlich auch ein spannendes Thema, aber passen irgendwie nicht so ganz rein.

    @Karin B., vielen Dank für die Info. Hab gleich mal in meinen Impfausweis geschaut (bin jetzt schon bei Heft 2, nicht nur wegen den laufenden Covidimpfungen :) ) und habe im Heft 1 was gefunden - Erleichterung. Meine Frau hat dann noch die typische "Narbe" am linken Oberarm gefunden - nächste Erleichterung. Ich wusste doch, daß man das irgendwann nochmal brauchen würde. :) ;)

  16. 11.

    Hi Lothar, seh ich auch so. In den 80ern im Osten hatte ich total Angst, weil mein Bruder ja schwul ist. Schwul=Aids war wohl die Devise. Zum Glück wurde dieser Schwachsinn irgendwann aufgeklärt. Man hat echt Angst, dass solche Stigmatisierung wieder zurück kommt...

  17. 10.

    Fragen Sie den Genossen Lauterbach, da werden Sie geholfen.

  18. 9.

    Bei Sexualverkehr unter homosexuellen Männern gibt es andere Praktiken als beim heterosexuellen Verkehr. Insofern unterscheiden sich auch die möglichen Ansteckungswege und -risiken. Ich finde es daher richtig, die betroffenen Menschen darüber zu informieren. Eine Diskriminierung ist dabei von den Medien sicher nicht beabsichtigt.

  19. 8.

    "...Laut Sander "kann man potentiell davon ausgehen", dass alle, die bis in die 80er-Jahre gegen Pocken geimpft wurden, nun auch geschützt sind..."
    Das wäre doch mal eine gute Nachricht für die, die schon früher alle erforderlichen Impfungen erhalten haben, um solche Krankheiten auszurotten. Alle Bürger/Bürgerinnen der ehem. DDR können also beruhigt sein.

  20. 7.

    Liebes RBB-Team,

    der gute Leif ist kein Virologe, sondern ist Internist und Lungenarzt und leitet an der Charité Berlin die Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung...Dass schmälert aber natürlich nicht seine Ausführungen...

  21. 6.

    Das ist echt diskriminierend! Dass Männer Gebärmutterhalskrebs (die Viren) übertragen können und es auch tun, das wird tunlichst verschwiegen. Da sollen sich die Frauen impfen lassen. Jo. Alles klar. Wenn beim RKI mal nur noch Frauen arbeiten, höre ich mal auf die - aber sowas geht gar nicht! Körperflüssigkeiten gibts oben, unten, in den Augen, Blutspende - überall. Alles ansteckend. GANZ ohne Kontakt übrigens - wir kennen noch den HIV-Blutspende-Skandal! Gut, dass wir vom alte-Sack-Verein uns noch an alles erinnern können...

    Und auch da der Skandal - Homosexuelle dürfen kein Blut spenden. Weil ja auch Heterosexuelle kein HIV übertragen können *puh*

  22. 4.

    Großartig - alle (ALLE) Kinder/Jugendlichen sind nicht mehr geimpft... und ja, es kann auch mit Tröpfcheninfektion übertragen werden. Super für die Maskenhersteller... hmpf... mich kratzt es jetzt schon! Alter.... echt...

  23. 3.

    Sehr guter Kommentar. Nur dummerweise ist jetzt diese Meldung in den Medien so raus und ich werde das unschöne Gefühl nicht los wieder an die 80er Jahre der AIDS Hysterie gegen Schwule erinnert zu werden.

  24. 2.

    Ich finde es diskriminierend, wie heute in der Zeitung steht und das RKI (falsch?) zitiert wird, "Männer, die Sex mit Männern " haben besonders gefährdet sein sollen. Das halte ich nicht nur für äußerst unglücklich formuliert sondern ist schlichtweg rückschrittlich und stigmatisierend!

    Warum sollten Männer die Krankheit übertragen können - Frauen aber nicht? Das entbehrt jeglicher medizinischer Evidenz.

    die Berliner Zeitung schreibt zb: "Männer, die Sex mit Männern haben, sollten laut RKI bei ungewöhnlichen Hautveränderungen „unverzüglich eine medizinische Versorgung aufsuchen“."

    SO hat das RKI das NICHT gesagt! Nachzulesen auf der RKI Website
    https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/A/Affenpocken/Affenpocken-Ueberblick.html

  25. 1.

    Hurra! Was kommt als nächstes? Eine Ebola-Pandemie?

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