Aktionstag zur Gleichstellung - Was Studierende mit Behinderung sich wünschen

Mi 04.05.22 | 16:50 Uhr | Von Sylvia Tiegs
Student Tim-An Neumann an der HU Berlin. (Quelle: rbb)
Video: rbb|24 | 07.05.2022 | Material: rbb24 Abendschau | Bild: rbb

Viele Studierende lernen wieder gemeinsam im Hörsaal, nicht mehr per Video einsam zu Hause. Etliche sind darüber auch sehr glücklich. Kommilitonen mit Vorerkrankungen oder Behinderungen empfinden das anders. Von Sylvia Tiegs

 

"Hey, Tim!", ruft es fröhlich aus der Menge junger Leute. Tim-An Neumann lacht zurück, begrüßt einen Bekannten. Der Student der Humboldt-Uni schiebt sich in einem Meer von Kommilitonen zur nächsten Lehrveranstaltung. Tim-An studiert Sonderpädagogik; er freut sich, seine Uni-Kumpel wieder zu treffen. Trotzdem muss er schon nach wenigen Momenten schwer durchatmen im lauten Gewusel.

"Das Problem ist: wenn ich zu Vorlesungen gehe, verpasse ich oft den Anschluss, weil die Geräuschkulisse so stark ist." Tim-An Neumann ist hochgradig schwerhörig, in beiden Ohren trägt er sichtbar Hörgeräte. "Studierende reden miteinander, so fängt es ja meist in der Vorlesung an, dann sind die Professoren für mich schlechter zu verstehen."

Er komme dann oft kaum mehr mit, müsse den Inhalt der Vorlesung nacharbeiten – das koste viel Zeit. Zu Hause, in ruhiger Umgebung, wäre das Verfolgen großer Lehrveranstaltungen für ihn viel einfacher. Aber dazu müssten sie "hybrid" angeboten werden: nicht nur in Präsenz, sondern auch digital.

Bei schlechter Luft raus aus dem Seminar

Kommilitonin Elisabeth, Studentin der Sprachwissenschaften, beschäftigen ähnliche Gedanken. Sie hat eine starke Sehbeeinträchtigung und chronisches Asthma. Das ständige Wechseln der Räume in den engen Unigebäuden ist für ihre schwachen Augen sehr anstrengend, sagt sie. Hinzu kommen Atemprobleme wegen des Asthmas: "Am Anfang der Präsenzveranstaltung ist die Luft noch okay im Raum, aber nach eineinhalb Stunden wird sie schlecht. Ich gehe dann raus, verpasse natürlich was und störe obendrein alle anderen, wenn ich wieder hineingehe."

Das ist ihr unangenehm, sie findet: hybride Veranstaltungen wären auch für sie die Lösung. Sie könnte große Seminare von zu Hause aus verfolgen, ohne ihre Gesundheit zu strapazieren. Leider aber wollten das manche Dozenten nicht, sie beharrten stattdessen auf Anwesenheit, klagt die Sprachstudentin.

Tim-An Neumann dagegen erkennt durchaus an, dass es schon etliche hybride Angebote an der HU gibt. Aber sie reichten noch nicht aus, findet auch er.

Online-Angebote machen Unis attraktiv

Dabei bietet gerade die Humboldt-Uni aktuell etwa ein Viertel ihrer Veranstaltungen hybrid an - also in Präsenz mit gleichzeitiger digitaler Übertragung, sagt ihr Sprecher Hans-Christoph Keller. Das ist im Vergleich nicht wenig. Die Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW beispielsweise nennt auf Anfrage nur "deutlich mehr als 10 Prozent hybride Angebote".

Immerhin aber gibt es dort für "nahezu alle Kurse zumindest Lehr-Unterlagen zum Download im Kursportal Moodle". Die Freie und die Technische Universität dagegen teilen mit, bei ihren Studierenden stehe derzeit eher die Nachfrage nach mehr Präsenz im Vordergrund, und nicht nach Online-Veranstaltungen. Beschwerden zu einem mangelnden Digitalangebot habe man noch nicht vernommen.

Aus Sicht der Humboldt-Universität aber ist es sogar ein Wettbewerbsvorteil, viel online anzubieten: Die Nachfrage durch die Studierenden sei hoch, und die Hochschule hat nach den Worten ihres Sprechers dafür auch volles Verständnis. Nicht nur für körperlich beeinträchtigte Studierende, sondern auch für jene, die Studium und Familie oder Beruf zeitsparend unter einen Hut bringen müssen.

Uni-Sprecher Hans-Christoph Keller ist sich "ziemlich sicher, dass es kein Zurück zur reinen Präsenzlehre" geben wird. Nicht nach den Erfahrungen, die alle mit den technischen Möglichkeiten in der Zeit vor der Pandemie gemacht hätten. Deshalb werde sich auch die Humboldt-Uni bemühen, ihr Digitalangebot weiter auszubauen. Demnächst startet hier der Einsatz einer Software, die digital aufgezeichnete Lehrveranstaltungen untertitelt. Gut für Hörbeeinträchtigte wie Tim-An Neumann oder Studierende, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Sie kommen beim Nachhören besser mit.

Hybride Lehre ist teuer und aufwändig

Das bedeute aber nicht, dass man alle Veranstaltungen zu 100 Prozent digital anbieten könne. "Ich denke, das geht im Moment an keiner Hochschule", sagt HU-Sprecher Keller. Dazu fehlten den Unis die Mittel. Es sei ja nicht damit getan, überall einfach eine Kamera reinzustellen.

Wenn man einen Vortrag inklusive Fragen und Antworten übertragen wolle, brauche man Mikrofone vorne bei den Dozenten und mitten im Hörsaal oder Seminarraum unter den Studierenden. Nicht trivial in den teilweise alten Sälen. Und teilweise fehle aktuell sogar bestellte Hardware, ergänzt eine Technikexpertin der HU. Auch die Uni leide unter Lieferverzögerungen, wie derzeit so viele andere Besteller.

Bei allen Schwierigkeiten: Studierende mit Beeinträchtigungen dringen auf mehr Möglichkeiten für sich. Der hörbeeinträchtigte Tim-An Neumann fordert, dass Präsenzveranstaltungen zugänglich gemacht werden für die, die von zu Hause lernen möchten. Kommilitonin Elisabeth wünscht sich angesichts ihrer Sehschwäche und ihres Asthmas, "dass Einschränkungen normal sind. Dass wir nicht nur toleriert sind, sondern akzeptiert und integriert sind." Flächendeckende hybride Lernangebote gehörten einfach dazu.

Sendung: rbb24 Inforadio, 05.05.2022, 07:30 Uhr

Beitrag von Sylvia Tiegs

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