Neue Studie - Jeder Fünfte war schon von Rassismus betroffen

Do 05.05.22 | 15:55 Uhr
"Stop racial Profiling" steht bei einer Demonstration in Berlin am 18.07.2020 auf einem Schild. (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
Bild: dpa/Christoph Soeder

Der neue "Nationale Rassismusmonitor" zeigt mit einer repräsentativen Umfrage, dass fast die Hälfte der Menschen in Deutschland schon rassistische Vorfälle beobachtet hat. 22 Prozent waren sogar selbst betroffen - ein Fünftel der Bevölkerung.

Das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung hat untersucht, wie verbreitet Rassismus in der deutschen Gesellschaft ist. Vorgestellt wurde die mit staatlicher Förderung neu etablierte Studie "Nationale Rassismusmonitor" [rassismusmonitor.de] am Donnerstag von der neuen Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne).

2021 wurden 353 Bedrohungen gemeldet

Heraus kam, dass rassistische Vorfälle in Deutschland alles andere als ein Randphänomen sind. Rund 45 Prozent der Bevölkerung haben laut der repräsentativen Umfrage schon einmal persönlich rassistische Vorfälle beobachtet.

Mehr als ein Fünftel der Bevölkerung (etwa 22 Prozent) gibt an, bereits selbst von Rassismus betroffen gewesen zu sein. Das geht aus der Auftaktstudie hervor, der am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde und in den nächsten Jahren fortgeschrieben werden soll.

Erst am Mittwoch hatte die Berliner Opferberatungsstelle Reach Out veröffentlicht, dass 2021 in Berlin 350 Angriffe und Bedrohungen bei ihr gemeldet worden sind, die rassistisch, homosexuellenfeindlich oder antisemitisch motiviert waren. Dabei seien mindestens 620 Menschen bedroht, beschimpft oder verletzt worden. Die Beratungsstelle wies auf eine hohe Dunkelziffer von Taten hin.

90 Prozent sagen, dass es in Deutschland Rassismus gibt

In der am Donnerstag vorgestellten Studie zu Rassismus stimmten 90 Prozent der Menschen - unabhängig vom eigenen Erleben - der Aussage "Es gibt Rassismus in Deutschland" zu. Gleichzeitig stimmte fast die Hälfte aller Befragen (44,8 Prozent) tendenziell der Aussage zu, dass "Rassismusvorwürfe und politische Korrektheit" die Meinungsfreiheit einschränken.

Jeder Zweite (47 Prozent) der Befragten gibt aber auch an, in den vergangenen fünf Jahren schon einmal einer rassistischen Aussage im Alltag widersprochen zu haben.

Die Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (Dezim) zeigt, dass junge Menschen häufiger von direkten Rassismuserfahrungen als Ältere berichten. Das könnte mit einem geschärften Problembewusstsein bei den Jüngeren zusammenhängen, womöglich aber auch damit, dass junge Betroffene mehr Kontakt zu Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft haben.

Befragte gehörten teils zu betroffenen Gruppen

Die Forscher hatten neben der repräsentativen Befragung der Bevölkerung im Alter ab 14 Jahren auch gezielt Angehörige von sechs Minderheiten in den Blick genommen: Schwarze Menschen, Muslime, Asiaten, Sinti und Roma, Juden und osteuropäische Menschen. Die Befragten konnten sich dabei sowohl selbst einer dieser Gruppen zuordnen als auch angeben, ob sie von Außenstehenden einer dieser Gruppen zugeordnet werden.

Von den Angehörigen der sechs Minderheiten gaben insgesamt 58 Prozent an, schon einmal selbst Rassismus ausgesetzt gewesen zu sein. In der Altersgruppe zwischen 14 und 24 Jahren waren es mit rund 73 Prozent jedoch deutlich mehr als bei den über 65-Jährigen mit 24,2 Prozent. In Bezug auf die einzelnen Gruppen ist die Studie allerdings nicht repräsentativ.

Betroffenen wird Hypersensitivität unterstellt

Die Forscher kommen zu dem Schluss, Rassismuskritik werde oft dadurch abgewehrt, dass Betroffenen eine Hypersensitivität unterstellt werde. Den Angaben zufolge ist ein Drittel der Bevölkerung tendenziell der Auffassung, dass Menschen, die sich über Rassismus beschweren, "häufig zu empfindlich" seien.

Sendung: rbb24 Inforadio, 05.05.2022, 15:09 Uhr

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