26 Kleinkinder missbraucht - Zwölf Jahre Haft und Sicherungsverwahrung für Kinderbetreuer aus Berlin

Do 05.05.22 | 17:20 Uhr | Von Ulf Morling
Archivbild: Landgericht Turmstraße, Berlin Moabit. (Quelle: imago images/Schoening)
Audio: Inforadio | 06.05.2022 | Ulf Morling | Bild: imago images/Schoening

Ein Kinderbetreuer muss zwölf Jahre ins Gefängnis - unter anderem wegen 95-fachen sexuellen Missbrauchs. Der 28-jährige war auch von Berliner Bezirksämtern als Betreuer von behinderten Kindern empfohlen worden. Von Ulf Morling

Zwölf Jahre Gefängnis unter anderem wegen schweren sexuellen Missbrauchs und Missbrauchs von Schutzbefohlenen verhängte die 9. Strafkammer des Berliner Landgerichts am Donnerstag. Es hieß im Urteil, dass nach dem umfassenden Geständnis des Angeklagten und der Beweiswürdigung durch das Gericht zweifelsfrei erwiesen sei, dass er in fünf Jahren 26 zum Teil schwer behinderte Kinder im Alter von sieben Monaten bis zu acht Jahren sexuell missbraucht habe. 95 Taten sah das Gericht als erwiesen an.

Außerdem verhängte das Gericht für die Zeit nach der Haftverbüßung die (zeitlich nicht festgelegte) Sicherungsverwahrung für den 28-jährigen ehrenamtlichen Kinderbetreuer und Babysitter. Zwar sei es ein Ausnahmefall, dass ein nicht einschlägig Vorbestrafter bereits in die Sicherungsverwahrung eingewiesen würde, so der vorsitzende Richter, Marc Spitzkatz. Aber der Angeklagte habe eine fest verwurzelte Neigung und pädophile Störung, die noch nicht behandelt sei. Nur während der Urteilsverkündung war die Öffentlichkeit zugelassen.

Eltern vertrauten dem Betreuer

Von Januar 2015 bis März 2020 soll der angeklagte Techniker auch als Babysitter und ehrenamtlicher Kinderbetreuer in Berlin gearbeitet haben. Über einen gemeinnützigen Verein bot er sich seit 2016 als ehrenamtlicher Kinderbetreuer auch für geistig schwer behinderte Kinder an. In seiner Funktion unternahm der Angeklagte unter anderem Ausflüge mit den betreuten Jungen in das Schwimmbad oder den Tierpark, begleitete sie zur Kita beziehungsweise in die Schule. Selbst in den Familien der Kinder war er gut bekannt, ihm wurde vertraut.

"Es gab ausführliche Gespräche vor seinem Einsatz und er legte seine durchweg guten Zeugnisse vor", so ein Vertreter der Kinder am Rande des Prozesses. Während der Ausflüge oder auch in der Wohnung der Eltern seiner ihm anvertrauten, oft behinderten Schützlinge benutzte er die Kinder für seine "pädophile Störung" und den "Windelfetischismus", die im psychiatrischen Gutachten festgestellt wurden. In einer Vielzahl der Fälle nahm er seine Taten mit dem Handy auf, von denen einige im Gerichtssaal in der Beweisaufnahme gesichtet wurden: "Es gab sieben Taten mit erheblichen körperlichen Schmerzen für die Opfer", sagte der vorsitzende Richter, Marc Spitzkatz, in der Urteilsbegründung.

Bekannter in Nordrhein-Westfalen machte mit

Ein mutmaßlicher Mittäter soll über verschlüsselte Chatforen eingeladen worden sein, am Missbrauch teilzunehmen. So soll der Angeklagte diesen ebenfalls in dieser Sache strafrechtlich verfolgten Mann im Februar 2019 in den Tierpark eingeladen haben, um sich an einem ihm zur Betreuung anvertrauten achtjährigen Jungen zu vergehen.

Der Angeklagte selbst soll sich im über vierjährigen Betreuungszeitraum des hirngeschädigten Kindes Dutzende Male an dem Jungen vergangen haben - in einer neurologischen Kinderarztpraxis in Charlottenburg, in der Kita des Kindes und auch in der Wohnung seines Opfers. Eine der großen Ängste der 20 Eltern im Prozess, die für ihre Kinder als Nebenkläger aufgetreten sind, war, dass die vom Angeklagten beim Missbrauch gefertigten Pornobilder ihrer Jungen irgendwann im Internet auftauchen und für immer dort bleiben.

Prozess weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Weil der Persönlichkeitsschutz der minderjährigen Opfer und des Angeklagten schwerer wiege als das Recht der Öffentlichkeit auf Informationen, hatte die 9. Jungendschutzkammer nach dem Verlesen von 20 Opfernamen, die als Nebenkläger im Prozess auftraten, die Öffentlichkeit für den gesamten Prozess ausgeschlossen, statt sie wie üblich zu besonders intimen Details wie in den Gutachten der Psychiater und Zeug:innenaussagen, zeitlich begrenzt auszuschließen.

Selbst Opferanwälte hatten diese Vorgehensweise kritisiert: "Die Öffentlichkeit sollte davon wissen, was passiert ist, schon aus dem Grund, solche Taten zukünftig verhindern zu können! Ich verstehe das Theater nicht", widersprach eine der Opferanwältinnen gegenüber rbb24. Doch nur die Urteilsverkündung fand öffentlich statt.

Nach der Recherche von rbb24 war der Angeklagte seit 2016 als ehrenamtlicher Kinderbetreuer bei einem bundesweit organisierten Verein tätig. Insbesondere wird dort versucht, behinderte Kinder zu fördern und zu schützen beziehungsweise deren Eltern zu entlasten. Zu diesem Zweck gibt es in dem Verein unter anderem einen Kinderschutzbeauftragten, der die ihm anvertrauten Schützlinge auch vor sexueller Gewalt zu bewahren hat.

Die vom Angeklagten ausgewählten Jungen sollen "für eine Vielzahl von Missbrauchshandlungen" benutzt worden sein. Aufgrund ihrer Behinderungen hatten sie sich auch während der Tat nicht oder nur missverständlich äußern können, sagten die Ermittler*innen aus. Man arbeite mit Eignungsprüfungen, Schulungen und auch Begleitungen seiner Betreuer, so der Geschäftsführer des Vereins gegenüber dem rbb. Der Angeklagte habe im erweiterten Führungszeugnis keine Eintragungen gehabt, hieß es. Daher habe er auch als Betreuer von Kindern arbeiten können.

Anonyme Anzeige beendete die Missbrauchstaten

Über die Internetwache der Polizei war der Angeklagte von einer durch die Polizei nicht festgestellten Person angezeigt worden. Sie bat, dass die geschädigten Kinder ausfindig gemacht werden, um sie zu schützen. Sie sollten die Möglichkeit bekommen, ihre Traumata aufzuarbeiten. Ihr Anliegen war, dass keine weiteren Kinder zu Schaden kommen.

Auf Handy und Laptop des Angeklagten soll die Polizei viele Tausend Missbrauchsdateien gefunden haben. Der Angeklagte stellte nötige Zugangsdaten zur Verfügung. Aus seinen Unterlagen ging hervor, dass er von mindestens zwei Bezirksämtern 2016 und 2020 als Betreuer für Kinder bestellt wurde. Mehrere Bezirksämter beschäftigen ihn im selben Jahr bei einer Kinderveranstaltung.

Bei einer Tagung der Fach-AG der Berliner Jugendämter im August 2021 sollen nach Informationen von rbb24 die Bewerbungen des Angeklagten bei mehreren Bezirksämtern als Kindertagespfleger thematisiert worden sein. Da war der Angeklagte gerade festgenommen worden und kam in Untersuchungshaft. Da der Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, blieben die Einzelheiten der Beschäftigung des Angeklagten im Dunkeln.

Nebenklagevertreter Roman von Alvensleben hat schon im Prozess um den Pflegevater, der auf einem Campingplatz in Nordrhein-Westfalen Kinder missbraucht haben soll, Opfer vertreten. Im Berliner Prozess saß er für zwei missbrauchte Brüder, sieben Monate und zwei Jahre alt. Auch in diesem Fall seien Jugendämter beteiligt, die aus seiner Sicht versagt hätten, so von Alvensleben. Mehr könne er nicht sagen, denn die Öffentlichkeit sei im Prozess ausgeschlossen gewesen und damit müsse er schweigen. "Das ist der Skandal: Weil wieder auf den Seiten der Jugendschutzbehörden Versagen eine Rolle gespielt hat."

Von "Versagen" wird in der Urteilsbegründung des Gerichts nicht gesprochen. Gegen das Urteil kann der Angeklagte in Revision gehen.

Sendung: Inforadio, 05.05.2022, 13:30 Uhr

Beitrag von Ulf Morling

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