Ufos über Berlin und Brandenburg - Was ist das da oben am Himmel?

Sa 28.05.22 | 08:37 Uhr | Von Anna Bordel
Zwei «Starlink»-Satelliten sind als Lichtstreifen am Nachthimmel zu sehen (Bild: dpa/Patrick Pleul)
Bild: dpa/Patrick Pleul

Anders als in den USA gibt es in Deutschland keine Taskforce, die sich mit Ufo-Sichtungen beschäftigt, das tun zumeist Hobby-Astronomen. Hunderte Sichtungen unerklärlicher Objekte nehmen sie jedes Jahr auf - und ermitteln. Von Anna Bordel

Thomas Bröse wollte eigentlich nur eine kurze Pause vom Motorradfahren machen an diesem späten Sonntagabend im August 2021. Er fuhr auf einen Rastplatz an der A10 in der Nähe von Nauen (Havelland), stellte die Maschine ab und ließ den Blick in den Nachthimmel schweifen. Als er in die südliche Himmelsrichtung blickte, blieb sein Blick plötzlich an etwas hängen.

"Da habe ich einen auffällig hellen Lichtpunkt am Himmel gesehen", erzählt Bröse. "Ich dachte, es wäre ein Stern. Nach einiger Zeit fing dieser 'Stern' an sich zu bewegen, erst langsam, dann in verschiedene Richtungen sehr schnell wechselnd, als würde jemand einen Scheinwerfer schnell hin und her bewegen."

Etwas weiter westlich habe er ebenfalls einen etwas weniger hellen, aber ebenfalls flackernden Lichtpunkt gesehen, sagt Bröse. Er rief seine Frau an, die sich zu dem Zeitpunkt in Nordrhein-Westfalen befand. Auch sie konnte die Erscheinung sehen. Bröse filmte den springenden Lichtpunkt mit seinem Handy. Bei der Aufnahme fiel ihm auf, dass "akustische Verzerrungen zu hören waren, wie wenn man im Radio nach einem Sender sucht", so Bröse.

Keine deutsche Ufo-Taskforce

Am Himmel könne man vieles für Ufos halten, sagt der Leiter der Archenhold-Sternwarte im Treptower Park in Berlin, Stefan Gotthold. Bei ihm würden zwei bis drei Mal die Woche Anfragen eingehen, in denen Menschen etwas Unerklärliches am Himmel beschreiben. "Etwa 90 Prozent der Sichtungen, die bei uns eingehen, sind terrestrisch. Also Objekte die von unserer Erde stammen, Flugzeuge zum Beispiel", so Gotthold. Anfragen würden sich auch dann häufen, wenn Planet Venus zum Abendstern werde oder die Internationale Raumstation über Berlin fliege.

In den USA hat es in der vergangenen Woche zum ersten Mal seit 50 Jahren eine Anhörung zum "nicht identifizierten Luftphänomenen" (UAP) [tagesschau.de] im US-Repräsentantenhaus gegeben. Für etwa 140 Flugobjekte hätte die eigens für ihre Untersuchung eingerichtete Taskforce des US-Militärs keine Erklärung gefunden.

In Deutschland sucht man eine offizielle Anerkennung des Phänomens vergeblich. 2009 stand das Thema außerirdisches Leben und Ufos zuletzt auf der Agenda im Bundestag: "Der Bundesregierung liegen keine Erkenntnisse vor, die eine zuverlässige Einschätzung der Wahrscheinlichkeit extraterrestrischen Lebens erlauben würden. Eine Landung Außerirdischer auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland hält die Bundesregierung nach heutigem wissenschaftlichen Kenntnisstand für ausgeschlossen", hieß es damals in einer Regierungsantwort auf eine schriftliche Frage des damaligen Grünen-Abgeordneten Peter Hettlich. Über eine Einheit, die sich offiziell mit dem Thema beschäftigt, ist hierzulande nichts bekannt.

Da habe ich einen auffällig hellen Lichtpunkt am Himmel gesehen, ich dachte es wäre ein Stern. Nach einiger Zeit fing dieser 'Stern' an sich zu bewegen, erst langsam, dann in verschiedene Richtungen sehr schnell wechselnd, als würde jemand einen Scheinwerfer schnell hin und her bewegen.

Thomas Bröse

Ufo-Fälle sind Ermittlungsarbeit

An eine offizielle Stelle wenden konnte Bröse sich deshalb mit seiner Sichtung nicht. Er fand die Gesellschaft zur Erforschung des Ufo-Phänomens (GEP), dorthin schickte er sein Video und erhielt eine Erklärung: "Eine Rekonstruktion der astronomischen Situation zum Zeitpunkt Ihrer Beobachtung hat ergeben, dass sich in der von Ihnen angegebenen Richtung der sehr hell strahlende Planet Jupiter befand", heißt es darin.

Der etwas weniger helle Leuchtpunkt sei ebenfalls ein Planet gewesen: Saturn. Durch die Erdatmosphäre habe es so ausgesehen, als habe er sich bewegt. "Die Atmosphäre wirkt dann manchmal wie eine Linse oder ein Prisma und bricht oder streut das Licht, so dass es noch verstärkt durch die Luftunruhe in der Atmosphäre, zu ungewöhnlichen Effekten kommen kann".

Ganz zufrieden ist Bröse damit nicht. Die Akustik, das verzerrte Rauschen sei gar nicht erklärt worden, sagt er.

Bei der GEP arbeitet unter anderem Hans-Werner Peiniger daran, Ufo-Sichtungen aufzuklären. Menschen können ihre Sichtungen bei ihm und seinen Kollegen einschicken. Sie versuchen dann, mit verschiedenen Programmen wie Wetterkarten, Flugradaren und Astronomieprogrammen zu ergründen, was auf dieser Sichtung zu sehen ist.

Der Hobby-Astronom sagt, er glaube nicht, dass irgendwann Außerirdische auftauchen. "Ich mache das seit 50 Jahren, habe schon etwa 5.000 Fälle gehabt, von denen ich etwa fünf Prozent nicht aufklären konnte", so Peiniger. Er glaube aber eher, dass es an zu dünner Datenlage liege und nicht, weil doch Ufos gesteuert von außerirdischen Lebewesen dabei gewesen seien. "Mich fasziniert bei dieser Arbeit die detektivische Herangehensweise", so Peiniger.

Starlink-Satelliten wie Perlenketten am Himmel

Peininger sagt, er verstehe den Begriff Ufo im eigentlichen Sinne, ohne Überbau: unidentifiziertes Flugobjekt. Im Raum Berlin und Brandenburg hat er seit 2020 nach eigenen Angaben 18 Sichtungen bearbeitet. Eine davon war die von Thomas Bröse.

Eine weitere beschrieb eine 69-jährige Frau. Die befand sich ihren Worten zufolge mit ihrer Freundin am Tegeler See und sah, wie hinter einer Wolke ein sichelförmiges silbriges Objekt - wie eine Mondsichel - hervorkam, geräuschlos in südwestliche Richtung flog und schließlich wieder von einer Wolke verdeckt wurde. Peiniger konnte ermitteln, dass es sich dabei um einen sogenannten Folienballon, besser bekannt als Luftballon, gehandelt hätte.

Nicht nur Peiniger, sondern auch Hans Köhler identifiziert Ufos - und zwar für das Centrale Erforschungsnetz außergewöhnlicher Himmelsphänomene (Cenap). Bei ihnen seien für gewöhnlich 300 bis 400 Sichtungen im Jahr eingegangen, bis sich vor drei Jahren die Fälle verdoppelt hätten, sagt Köhler.

"Das liegt hauptsächlich an den Starlink-Satelliten von Elon Musk. Wenn die gerade gestartet sind, leuchten sie in einer Reihe hintereinander wie eine Perlenkette", so Köhler. Dieser Anblick irritiere viele Menschen. 41 Prozent der Sichtungen im vergangenen Jahr seien durch Satelliten zu erklären gewesen. Auch er sagt, er glaube nicht an Ufos, die von Außerirdischen gesteuert werden. "99 Prozent der Fälle können wir aufklären. Da bleibt unterm Strich nichts, was auf außerirdisches Leben hinweisen würde", sagt er.

Wer kümmert sich offiziell um Ufos?

Doch nicht nur Hobby-Astronomen, sondern auch offizielle Stellen in Deutschland befassen sich zumindest mittelbar mit Ufos. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz beteiligt sich mittlerweile über die Mitfinanzierung des James Webb Space Telescopes indirekt an der Forschung nach sogenannten Exoplaneten, also erdähnlichen Planeten, auf denen es möglicherweise Leben gibt.

Außerhalb der Forschung spielen unidentifizierte Flugobjekte ganz gleich welcher Art eine Rolle, wenn es um die Sicherheit im Luftraum geht. Darum kümmert sich in Deutschland unter anderem die Deutschen Flugsicherung (DFS). Auffälliges ist dort aber noch nicht gesichtet worden. "Die Flugobjekte, die wir in unserem Luftraum sehen und kontrollieren, können auch entsprechend zugeordnet werden. Ausnahme sind Drohnen von Hobbypiloten", sagte DFS-Sprecher Stefan Jaekel.

Auch die Luftwaffe der Bundeswehr beschäftigt sich mit der Sicherheit im Luftraum. "In der Zentralen Datenbank für den militärischen Flugbetrieb werden permanent (...) alle Flugbewegungen über Deutschland erfasst und gespeichert", heißt es auf der Website. Ob es dort bereits zu Sichtungen unidentifzierter Flugobjekte kam, ähnlich denen in den USA, ist nicht bekannt.

Haben Außerirdische Augen?

Stefan Gotthold von der Archenhold-Sternwarte sagt, er glaube, dass es mehr sei als ein Sicherheitsbedürfnis, was Menschen an Ufos fasziniere. "Hierbei geht es um etwas Unbekanntes und ich glaube, dass die Menschheit schon immer danach strebt, Antworten zu finden", so Gotthold.

Wenn er an der Sternwarte mit Schüler:innen arbeitet, kommt immer wieder die Frage auf: Gibt es Leben im Weltall? "Diese Frage kann man mit viel Fantasie angehen: Wie würde solch ein Leben aussehen? Hat sich dieses Leben genauso entwickelt wie wir?", sagt Gotthold. Wie könnte so ein Leben aussehen? "Vielleicht ist es ein dunkler Planet. Wir haben Lebewesen auf der Erde, die in Höhlen leben. Solche Lebewesen brauchen gar keine Augen, sodass sich das Sehorgan erst gar nicht entwickelt oder zurückentwickelt hat". All solche Fragen spielten eine Rolle, wenn man sich außerirdisches Leben vorstelle.

Bröse ist nicht erst durch seine Planetensichtung sensibel für das Thema. Zuvor habe er nachmittags im Garten eine Reihe Lichter am Himmel gesehen und gedacht: Jetzt kommen die Außerirdischen.

Wenig später konnte sich aufklären, dass es sich um Starlink-Satelliten handelte. Sein Blick wird wohl auch jetzt weiter am Nachthimmel nach nicht-erklärbaren Erscheinungen suchen.

Beitrag von Anna Bordel

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