Ärztemangel - Warum viele junge Assistenzärzte den Traumjob hinwerfen wollen

Di 24.05.22 | 09:16 Uhr | Von Thomas Rautenberg
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Junge Ärztin auf Station. (Quelle: imago | Westend61)
Audio: rbb24 Inforadio | 24.05.2022 | Thomas Rautenberg | Bild: imago | Westend61

Ärzte fehlen an allen Ecken und Enden, auch in Berlin. Und es ist keine Besserung in Sicht: Nach einer aktuellen Studie denken ein Drittel der jungen Medizinerinnen und Mediziner nach dem erfolgreichen Studium ans Aufgeben. Von Thomas Rautenberg

Paolo Mehringer hat vor einem Jahr sein Medizinstudium in Italien abgeschlossen. Jetzt lebt der 28-Jährige in Berlin und ist Assistenzarzt auf der Gynäkologie- und Geburtshilfestation eines großen Klinikbetreibers. Arzt werden sei schon immer ein Lebenstraum gewesen, sagt Paolo: "Und nach ganz, ganz viel Arbeit im Studium hat sich dieser Traum zunächst auch erfüllt."

Paolo Mehringer Assistenzarzt im ersten Weiterbildungsjahr. (Quelle: rbb/Rautenberg)
Assistenzarzt Paolo Mehringer | Bild: rbb/Rautenberg

Arbeit ohne Ende

Doch als Arzt in Weiterbildung oder Assistenzarzt fing für ihn die richtige Arbeit erst an - und das buchstäblich rund um die Uhr. Manchmal, erinnert sich Paolo, habe er über viele Tage nichts anders als die Klinik gesehen. 40 Stunden war seine vertragliche Wochenarbeitszeit. Darüber hinaus musste er zumindest an zwei Wochenenden im Monat den Dienst auf Station oder in der Rettungsstelle übernehmen. Zweimal 16 Stunden Arbeitszeit im Monat kamen also dazu. "Das ist schon krass", sagt der 28-Jährige.

Anfang des Jahres, hat Paolo auch mal 28 Tage am Stück gearbeitet. Sicherlich ein Extremfall in der Corona-Krise, sagt er.

Groteske Arbeitszeitabrechnung

Paolo Mehringer liegt noch ein anderes Problem auf der Seele, das viele Assistenzärzte gleichermaßen betrifft. Im Klinikalltag werden ihm nur die normalen Schichtstunden auf dem Arbeitszeitkonto gutgeschrieben. Für die vielen Stunden aber, die er darüberhinaus im Bereitschaftsdienst auf der Station verbringt und dabei, wie er sagt, die exakt gleiche Arbeit macht und sogar operiert, wird er geringer bezahlt.

Und: Diese Stunden werden ihm nicht auf seine fünfjährige Weiterbildungszeit als Facharzt angerechnet. Für einen Zwölf-Stunden-Nachtdienst, rechnet er weiter vor, würden ihm acht reguläre Arbeitsstunden und 3,5 Bereitschaftsstunden angerechnet. Da er den Tag nach der Nachtschicht nicht weiterarbeitet, bekommt er für die Zeit sogar noch Minusstunden angerechnet, die er wiederum mit Überstunden ausgleichen muss. Das sei doch absurd und ungerecht, empfindet der 28-Jährige.

Komplexe Medizin macht die Ausbildung immer schwieriger

Chefarzt Dr. Christian Althoff leitet die Radiologie und Nuklearmedizin am Zehlendorfer Helios-Klinikum Emil von Behring. Er bildet selbst Assistenzärzte aus, kennt deren Probleme, aber auch die Nöte der eigenen Station. Die Medizin, sagt der 49-Jährige, werde immer komplexer. Eine moderne Therapie in der Onkologie sei nicht mal ansatzweise mit den Behandlungsverfahren vor zwanzig Jahren vergleichbar. Die Komplexität der modernen Medizin brauche Erfahrung, sagt Dr. Althoff. Und Erfahrung wiederum brauche Zeit. "Der Arztberuf mit seiner fünfjährigen Weiterbildung zum Facharzt und den Diensten auf Station ist deshalb eine Herausforderung für die jungen Mediziner und deren Familien. Das betrifft nicht nur die Mütter, sondern auch viele Väter, die sich neben dem Job um ihre Familie kümmern wollen."

Personalmangel erhöht den Druck

Für den Stationsbetrieb werden kaum zusätzliche Ärztinnen und Ärzte eingestellt. Zum einen, weil es gar nicht die Bewerber gibt. Zum anderen haben viele Klinikbetreiber zuerst die Wirtschaftlichkeit und erst dann die Arbeitsbedingungen auf den Stationen im Auge.

Die Ärztevertretung Hartmannbund hat im vergangenen Jahr bundesweit 1.200 Assistenzärzte nach ihrer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit befragt: Rund 40 Prozent waren danach zwischen 45 und 55 Stunden im Dienst. Ein Drittel hat im Durchschnitt sogar bis zu 65 Stunden wöchentlich gearbeitet. Nur knapp acht Prozent der befragten Assistenzärzte sind mit den Arbeitsbedingungen im Klinikalltag sehr zufrieden. Die große Mehrheit, nämlich 66 Prozent, schätzen ihre berufliche Situation bestenfalls mit gut oder befriedigend ein.

Die Ärztinnen und Ärzte auf Station müssen endlich wieder zu ihrer ärztlichen Tätigkeit zurückkehren dürfen.

Ina Reiber, zuständige Referatsleiterin beim Hartmannbund, fordert Entlastung für die Mediziner - vor allem durch viel mehr Digitalisierung und viel weniger Bürokratie. Ärzte sollten wieder Ärzte und keine Buchhalter sein, sagt Reiber. "Die Ärztinnen und Ärzte auf Station müssen endlich wieder zu ihrer ärztlichen Tätigkeit zurückkehren dürfen. Das ist das, was wir von nahezu allen Assistenzärzten gespiegelt bekommen. Und das ist auch die wesentliche Forderung, mit der wir beim Ärztetag auftreten werden."

Ausbildungszahlen müssen steigen

Im vergangenen Jahr haben die deutschen Universitäten nach Angaben des Hartmannbundes rund 11.600 Studienplätze in der Humanmedizin angeboten. An privaten Hochschulen haben in der gleichen Zeit bis zu 900 Studierende angefangen. Im Jahr 2010 hat die Zahl der Medizin-Studienplätze noch bei rund 9.000 gelegen. Der Zuwachs bei den Studienplätzen ist also gering und hält mit dem realen Bedarf in den Kliniken und ambulanten Behandlungseinrichtungen keinesfalls Schritt.

Assistenzarzt Paolo Mehringer gehört nicht zu den über 30 Prozent seiner jungen Kolleginnen und Kollegen, die nach dem erfolgreichen Studium ans Aufgeben denken. Er hat seine Arbeitszeit zunächst auf 70 Prozent reduziert. Paolo will zumindest einen Tag in der Woche frei haben. Seine fünfjährige Weiterbildungszeit zum Facharzt wird sich damit allerdings um zwölf bis fünfzehn Monate verlängern.

Sendung: rbb24 Inforadio, 24.05.2022, 07:05 Uhr

Beitrag von Thomas Rautenberg

32 Kommentare

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  1. 32.

    @ Medical Meider diese Aussage ist an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Bitte äußern sie sich in derlei Diskussionsforen nicht. Ihnen fehlt definitiv die Qualifikation an konstruktiven Diskussionen mitzuwirken.

  2. 31.

    Selbst als Assistenzärztin im dritten Jahr tätig und alles erlebt. Die Bereitschaften sind unverschämt, aber viel mehr als das Unbezahltsein der Stunden nagt die Arbeitsatmosphäre, der man sich 10-12 Stunden unter der Woche und 12-24 am Wochenende aussetzen muss. Den Pflegemangel, der noch weiter fortgeschritten zu sein scheint als der Ärztemangel, und der auch mehr Aufmerksamkeit bekommt, badet man jede Minute mit aus - irgendwer MUSS die Arbeit machen. Man fährt selbst die Patienten von A nach B, druckt Labore aus, zieht Medikamente auf und holt Wasser für die Leute, weil sonst nichts voran geht und sich die Patienten stapeln! Hinzu kommt das Gezanke um Betten, die Hausleitung zuckt mit den Schultern - Hauptsache die Auslastung ist bei 100%, was mit den Fällen darüber ist, die Notfälle die auch ein Bett brauchen, tja das ist dann plötzlich "persönliches Pech". Aber wehe, bei all der Fehlplanung geht was schief, dann war der Arzt fahrlässig und unfähig!

  3. 30.

    Vielleicht sollte man in unserem Gesundheitssytem ganz schnell mal umdenken ansonsten haben wir blad kaum noch Ärzte/innen. Über das Fachärzte Angebot brauchen wir uns erst gar nicht unterhalten. Man sollte wieder den Faktor Mensch als Patient in den Mittelpunkt stellen statt den Gewinn an Einnahmen.

  4. 29.

    "z.B. Landarzt in Brandenburg werden" - macht nur Sinn, wenn man die großen und langen Anstrengungen wieder zurückverdienen kann/muss. Wissen Sie wieviel Patienten pro Tag das erfordert?

  5. 28.

    Die Approbation erhält man nach dem bestandenen Staatsexamen. Das ist die Grundlage, um überhaupt ärztlich arbeiten zu dürfen. Es schließt sich eine Weiterbildung von 6 Jahren an. Das heisst, dass man 12 Jahre Ausbildungsweg hat, ehe man sich theoretisch selbstständig machen kann. Es bedeutet nicht zwei Jahre die Zähne zusammen beißen. 24 Stundendienste sind durchaus weiterhin üblich in der Klinik, die noch zu dem normalen Wochendienst dazu kommen. Über 60h/Woche ist die Regel, 24h durch arbeiten auch noch, dabei mit höchster Konzentration, damit man dem Patienten, dem es schlecht geht, auch im Notfall kompetent helfen kann. Operieren Sie mal 24h lang ohne wirkliche Pausen, arbeiten Sie mal ein Wochenende in der Notfallambulanz mit den seit Jahren steigenden Patientenzahlen. Danach reden wir gerne noch einmal darüber, wie lange Sie es schaffen, die Zähne dafür zusammen zu beißen. Keine Berufssparte mit derartiger Qualifikation würde das mehr als 6 Monate mit machen. Ärzte schon.

  6. 27.

    Wie lange muss man denn Assistenzarzt sein? Verstehe es so, dass man das zur Approbation braucht. Scheint sich also um einen überschaubaren Zeitraum zu handeln. Finde, da kann man sich mal zusammenreißen und halt mal zwei Jahre oder so Dreck fressen.
    Danach kann man doch sofort z.B. Landarzt in Brandenburg werden und raus aus dem Klinikbetrieb...
    Abgesehen davon sollte man sich mit dem Ausbildungsweg auseinandersetzen. Es ist doch schon seit langem so, dass die Arbeitsbedingungen in Kliniken nicht eben als die besten gelten (Obwohl aus Patientensicht an den Wochenenden weit und breit kein Arzt auf Station ist, LOL...). Wer Medizin anfängt, sollte das also wissen.

  7. 26.

    die kosten der Krankenhäuser sollten auf private Unternehmen ausgelagert werden , die griffen freudig zu , Ameos, Vivantes , Agnes Karll , Schön Klinik etc. sind profitorientierte Unternehmen und wollen Gewinne mit Patienten machen.
    Ein Patient ist aber individuell, jeder ist anders und läßt sich nicht pauschal über den Kamm scheren . Dann tauchte die böse Redewendung der " blutigen Entlassung " auf, d.h. die Nachsorge wurde den Hausärzten überantwortet, die damit häufig in Kollision mit der KV gerieten weil ihre leistungen nicht anerkannt wurden . Der nächste Konflikt war programmiert, da geht es auch um Verordnung von notwendigen Medikamenten, die dem Arzt in Rechnung gestellt werden

  8. 25.

    die Privatisierung der Krkhs. ist das Problem : ich habe von 1972-1975 als Assistenzarzt und Oberarzt im Virchow Klinikum gearbeitet, Beginn 8: oo Uhr, Ende 16.oo Uhr, wer Bereitschaftsdienst hatte blieb dort bis zum nächsten Tag 16.00 Uhr und machte den Stationsdienst, die Op`s mit , die Neuaufnahmen oder die Ambulanz.Als Oberarzt war man in Rufbereitschaft .Freie Tage gab es als Ausgleich nicht, die Bezahlung wurde nach verschiedenen Stufen geregelt , Behandlungen efolgten nach Dringlichkeit , von Profit war keine Rede, alle waren zufrieden. Dann kamen die DRG´s, dann die Privatisierungen und damit die Profitorientierungen, und nun haben wir den Salat . Betroffen sind die Patienten und dann die Ärzte im "besten" Gesundheitssystem hierzulande

  9. 24.

    An dieser Situation trägt allein die Politik die Schuld. Wie toll wäre es doch, wenn der Arzt auch nur Arzt sein dürfte und all seine Kraft dem Patienten zur Verfügung stellen könnte. Aber nein, unsere Verantwortlichen haben ein Bürkratiemonster geschaffen, wo der Arzt einen Großteil seiner Zeit damit beschäftigt ist irgendwelchen Unfug zu Papier zu bringen, was am Ende kein Schw…… lesen wird. "Wer diesen Unfug erschaffen hat, kann ihn auch ändern, aber dazu bräuchte man Mut und der fehlt.

  10. 23.

    Schwer, sich so ganz ohne Ahnung ein Urteil über Paolo Mehringers Lebenslauf zu bilden... :-)
    Für mich plausibel - ein Südtiroler, hat daher in Italien studiert und kann aber Deutsch, so dass er hier arbeiten kann.
    Auch nur eine Vermutung, aber plausibel und vielleicht besser, als auf Verdacht loszuschimpfen.......
    (Von wegen "Viele Deutsche mit schlechtem Abiturnoten studieren Medizin im Ausland.")

  11. 22.

    Wir haben miterlebt wie schlecht die med. Versorgung geworden ist.Mit Blaulicht ins Krankenhaus. Ewig Notaufnahme gelegen im Nachtanzug Blutabnahme u.s.w. Im Nachtanzug Std. gelegen, kalt. Also Herzschrittmacher. 2 Tage gewartet. Dann festgestellt Lungenentzündung. 6 Tage Intensiv. Dann 1Tag auf Herzstation, nächsten Tag O.P. 1Tag nach O.P. und 3 Tage nach Intensivstation entlassen.Weil Zimmer gebraucht 5 Std.auf Papiere auf Holzstuhl warten lassen.Kanüle im Arm vergessen.Selbst Kanüle gezogen.

  12. 21.

    Das hat man schon in den 80er gesehen was die Thatcher in England getrieben hat.
    Das Management sollte komplett ausgetauscht werden.Es gibt genug ARBEITSLOSE Betriebswirte die Taxi fahren. Da es um das liebe Geld geht, vor lauter Gier, ist es schon richtig übergriffig.

  13. 20.

    Mir ist immer wieder unerklärlich, wieso Angestellte im Wissen um die vorhandene Ressourcenknappheit nicht in der Lage sind, dies bei Vertragsverhandlungen auszunutzen.
    Notfalls muß man eben mal geschlossen die Klinik wechseln.

  14. 19.

    Sind Sie selber auch Arzt oder wieso kennen Sie die Arbeitsbelastungen von Assistenzärzten so konkret? Haben Sie es am eigenen Leib erlebt oder nur als Dritter (Patient etc) zugesehen? Letzteres eher, sonst würden Sie die real vorhandene Überlastung nicht negieren.

  15. 18.

    Ich frage mich, was noch alle passieren muss, damit wir endlich begreifen, das bestimmte existenzielle Bereiche unseres Lebens vor dem ´Markt´ geschützt werden müssen!

  16. 17.

    Mehr Belastbarkeit junger Menschen… Ein Hohn!! Sorry, aber ein Breufskraftfahrer hat z.B. eine maximale Arbeitszeit. Danach eine Pflichtpause von mind. 11 Stunden! So sollte das auch bei Ärztinnen sein. Nix moderne Sklaverei!!!!

  17. 16.

    Noch eine Nebenwirkung, wenn Gesundheit zur Ware wird!

  18. 15.

    Das gesamte, angebliche so tolle, Gesundheitssystem in diesem Land steht vor dem Kollaps. Der Mensch ansich ist heute nur noch eine Nummer mit der man Geld verdienen will. Nichts anderes. Das muss irgendwann an die Wand fahren. Die Ärzte und Pflegepersonal sind die Maschinen (Inventar) und haben mit wenig Investition zu funktionieren. Die Patienten sind die Nummer (Krankenkarte), die man abmelken tut.

  19. 14.

    Wenn die Ärzte bei der Erfassung des Arbeitsanfalls im Bereitschaft die tatsächlichen Zeiten angeben würden kämen sie im Schnitt vermutlich auf weit über 49 %. Laut Arbeitszeitgesetz müsste dann Schichtdienst eingeführt werden.
    Das ist aber oft nicht gewünscht!

  20. 13.

    Was auch häufig wenig Erwähnung findet, ist die Tatsache dass im Rahmen von Optimierung mit der Hilfe von McKinsey (Vivantes) und zur maximalen Ausschöpfung von Gewinn und Minimierung von Kosten für die Aktienhalter (Helios)die ärztliche Besetzung dermaßen knapp und auf Kante genäht ist, dass die jungen Kollegen seltenst eine angemessene und strukturierte Ausbildung erhalten. Von eingehaltenen Pausenzeiten,etc. mal abgesehen. Arbeit mit Angst und im Akkord. Das ist die Realität für viele junge Kollegen.

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