Interview | Psychoanalytikerin über Kindertraumata - Wenn der Vater die Mutter tötet

Mi 04.05.22 | 12:18 Uhr | Von Efthymis Angeloudis
Ein allein spielendes Kind. (Quelle: dpa/Anthony Anex)
Bild: dpa-Symbolbild/Anthony Anex

Etwa ein Fünftel der Mordopfer in Deutschland wird vom Partner oder Ex-Partner getötet. So auch in Pankow, wo ein Mann offenbar seine ehemalige Lebensgefährtin umgebracht hat. Zurück bleiben oft Kinder, die leiden. Wohin mit ihnen?

Ein 42-jähriger Mann soll am vergangenen Freitag in Berlin-Pankow auf der Straße seine Frau, die von ihm getrennt lebte, mit einem Messer ermordet haben. Die Frau, eine Mutter von sechs Kindern, starb noch am Tatort. Die Kinder der Getöteten im Alter von drei bis 13 Jahren sind in Obhut der Behörden.

Wenn der Vater die Mutter umbringt, bricht für Kinder die Welt zusammen. Sie verlieren beide Elternteile gleichzeitig. Zurück bleiben Fragen, Ungewissheit und Schuldgefühle, die ihre Entwicklung, auch die von Säuglingen, beeinträchtigen können.

Mit was für Hürden sie zu kämpfen haben und wie Behörden und Verwandte reagieren sollten, erklärt Renate Schepker, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) im Interview.

Zur Person

Prof. Renate Schepker. (Quelle: DGKJP)
DGKJP

Prof. Dr. Renate Schepker

ist Ärztin für Kinder und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Psychoanalytikerin und Vorstandsmitglied der DGKJP. Von 2005 bis 2021 war Schepker Chefärztin der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie Weissenau, Ravensburg.

rbb|24: Frau Schepker, mitten in Pankow hat am Freitag ein 42-jähriger Mann offenbar seine ehemalige Lebensgefährtin erstochen. Etwa ein Fünftel der Mordopfer in Deutschland wird vom eigenen Partner getötet. Zurück bleiben oftmals gemeinsame Kinder. Was passiert mit ihnen so kurzzeitig nach solch einer Tat? Wo kommen sie unter?

Renate Schepker: Das wird gerichtlich zugewiesen. Erstmal hat das Jugendamt eine Fürsorgepflicht. Das heißt, die Kinder werden in Obhut genommen, wenn beide Elternteile ausfallen. Und das ist hier der Fall. Das Jugendamt hat dann die Aufgabe, in einer unglaublich kurzen Zeit zu überprüfen, wer ist denn aus der Verwandtschaft eventuell geeignet? Da gibt es in aller Regel auch Konflikte zwischen der Täterfamilie und der Opferfamilie.

Die meisten Kinder kommen in Verwandtschaftspflege und meistens bei den Opferfamilien. Die Jugendämter halten es in der Regel für sinnvoll, Geschwister zusammenzulassen und die Kinder eher in Verwandtschaftspflege als in Familien- oder Jugendhilfeeinrichtung zu übergeben.

Man braucht aber gerade in solchen Fällen mit fachlicher Beratung eine Einschätzung, wie viel Unterstützung braucht ein Kind und kann die aufnehmende Familie diese Unterstützung überhaupt leisten. Oder kann sie es bei vielen Kindern nur für die Älteren leisten oder nur für die Jüngeren. Das muss in aller Regel innerhalb einer sehr kurzen Zeit aber fachlich und in aller Ruhe entschieden werden.

Wenn Kinder bei Verwandten unterkommen, werden sie dann nicht zusätzlich durch die Tat von dem familiären Umfeld belastet?

Sie werden weniger durch die Tat, als durch die Trauer der Verwandten belastet. Selbst wenn es die väterliche Verwandtschaft ist, hat diese auch jemanden verloren. Letztendlich landen die Täter in der Regel in lebenslanger Haft.

Man darf den Kindern ihre Loyalität zum Vater/Täter nicht abnehmen. Kinder haben immer Loyalitäten und Beziehungen, sowohl zur Mutter als auch zum Vater. Das wird in den Opferfamilien, bei den mütterlichen Großeltern, oft vergessen, weil die Wut und die Trauer so groß sind.

Die Literatur dazu sagt, dass die Kinder zu dem Zeitpunkt beide Elternteile verlieren, auf unterschiedlichen Weisen, und dass die Kinder zu hundert Prozent eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Es ist ein extremes Trauma, einen nahen Angehörigen, zum Beispiel die eigene Mutter, durch eine Gewalttat zu verlieren. Schlimmer ist es natürlich, wenn der eigene Vater diese Straftat begangen hat, weil man zu beiden eine Beziehung hat.

Werden Kinder nach so einer Tat begutachtet, um zu sehen, wie man sie am besten unterstützen kann? Ist das verpflichtend?

So etwas ist nicht verpflichtend. Die Kinder werden auch nicht begutachtet. Der Ausdruck ist viel zu hoch gehängt, aber sie werden öfter mal vorgestellt. In Deutschland haben wir jetzt flächendeckend Trauma-Ambulanzen oder zumindest regional zuständige Kinder- und Jugendpsychiatrien, aber auch Praxen. Und ich kenne das aus meiner Praxis, dass sogar Polizei und Jugendamt gemeinsam Befragungen anfragen. Was wussten die Kinder? Was haben sie mitbekommen? Wer hat was miterlebt? Und sind die Kinder belastet?

Welche Reaktionen haben Kinder je nach Alter auf diese Tat?

Eine posttraumatische Belastungsstörung ist immer eine schwere und auch von Chronifizierung bedrohte Störung, die eine Behandlung erfordert. Man kann erst nach einem gewissen Zeitabstand feststellen, ob es das auch wirklich ist. Aber die Chance, dass es sich wirklich zu einer chronischen Störung auswirkt, ist sehr groß.

Die äußert sich unterschiedlich bei Kindern. Je jünger die Kinder, desto mehr fallen sie auf frühere Entwicklungsstufen zurück, desto mehr sind sie mit ihrer Spielfähigkeit und auch in ihrer weiteren Entwicklung auch der sprachlichen Entwicklung beeinträchtigt.

Je älter die Kinder sind, desto mehr haben sie schon eine erwachsenentypische Symptomatik. Das heißt, sie bekommen dann typische Albträume, bekommen Nachhallerlebnisse, Flashbacksituation, erschrecken bei jeder Sirene oder bei jedem Notarztwagen, den sie sehen. Und dann kommen Erinnerungen hoch.

Ganz wichtig ist, dass man die natürlich ablaufenden Trauerprozesse auch positiv unterstützt, dass jedes Kind einen betreuenden Erwachsenen hat bei der Beerdigung, dass sie auch teilnehmen können, dass man nichts vermeidet, um die Kinder pseudomäßig zu schonen, sondern dass man genügend Raum lässt für Trauer, für schreien und weinen und wütend sein und alles, was dazugehört.

Oft geht man davon aus, dass Kinder viel zu jung sind, um den Mord der Mutter wahrzunehmen oder um sich erinnern zu können. Stimmt das?

Sobald Kinder wahrnehmen können, nehmen sie die Belastung wahr. Ich habe persönlich ein Kind vorgestellt bekommen, das gerade zwei Jahre alt war. Dieses zweijährige Kind hat dann später eindeutig posttraumatische Symptome entwickelt und hat sehr wohl etwas mitbekommen; auch wenn es in der Sprachentwicklung noch nicht so weit war, dass es viel hätte erzählen können.

Bei Säuglingen, die man schlecht explorieren, fragen oder untersuchen kann, ist es sehr schwierig. Aber natürlich äußern auch Säuglinge Unbehagen. In Form von Schreien, Essstörungen, Schlafstörungen, Anpassungsstörungen.

Auch der Wechsel der Umgebung oder der Bezugsperson macht bei Säuglingen natürlich etwas aus. Sie können aber nicht viel beitragen bei einem Streit zwischen den Eltern. Ältere Kinder können das sehr wohl und sind eigentlich sehr sensibel für Spannungen im Elternhaus.

Und wie gehen ältere Kinder mit einem Mord in der Familie um?

Die Kinder sind hochgradig irritiert, existenziell verunsichert, haben eine ganze Bandbreite an Symptomatik. Die meisten zeigen dann erstmal so etwas wie Regression. Das heißt, sie klammern sich an Erwachsene, sie suchen Schutz, suchen Sicherheit. Und das ist ganz wichtig, dass diese Sicherheit ganz schnell hergestellt wird. Im Sinne von Verlässlichkeit, also nicht von Verpflanzungen in verschiedene Betreuungen.

Wie sieht das Verhältnis dieser Kinder gegenüber dem Vater aus?

Das ist sehr unterschiedlich, je nachdem, wie das Verhältnis zu dem Vater vorher war und wie involviert der Vater in der Kinderbetreuung gewesen ist.

Es hängt auch vom Entwicklungsstand des jeweiligen Kindes ab und davon, wie lange Konflikte in der Familie existiert haben und wie offen diese für Kinder waren. Ich kann mir auch Konstellation vorstellen, wo das Kind eher parteilich für den Vater war. Dennoch wird ein Kind nicht verstehen können, dass ein Vater so etwas tut, aber trotzdem eine emotionale Bindung zu dem Vater haben.

Sollte denn der Kontakt zum Vater aufrecht erhalten werden?

Im Rahmen einer Untersuchungshaft und eines Ermittlungsverfahrens wird kein Kontakt möglich sein. Das kann man einem Kind erklären. Ob man einen kompletten Kontaktabbruch macht, das muss, meiner Erfahrung nach, ein eingesetzter Vormund eines Kindes abwägen.

Es kann therapeutisch sehr hilfreich sein, dass ein Kind gegenüber dem Vater auch Ablehnung oder Gefühle oder Ärger äußern kann, selbst wenn es keine besonders gute Beziehung zu ihm hatte. Das Begegnungen stattfinden auf welche Weise auch immer.

In der Regel würde ich in solchen Situation aber am Anfang empfehlen, dass man ein Moratorium macht, also eine Zeit, in der die Kinder erst mal die Gelegenheit bekommen, ihre Gefühle zu sortieren und das mit Fachleuten auch vorzubereiten.

Zeigt sich das Trauma bis ins Erwachsenenleben dieser Kinder?

Wenn eine Behandlung nicht erfolgreich ist oder einfach über einen unzureichenden Zeitraum stattgefunden hat, gibt es Schädigungen, die bis ins Erwachsenenleben reinreichen. Was am häufigsten passiert, ist das Konzentrationsstörungen und Lernstörungen entstehen und Schulabschlüsse nicht so erreicht werden können, wie es eigentlich möglich gewesen wäre.

Es gibt Kinder, die regelmäßige, sogenannte Jahrestags-Reaktionen zum Todestag haben, wo man überlegen muss, wie man diesen Tag am besten gestaltet, um ihn rumzubekommen. Es gibt Kinder, die in ihrer Berufswahl neue Beeinträchtigungen erfahren. Und auch Kinder, die sich später in der Partnerwahl beeinträchtigt fühlen und nicht gut fähig sind, liebevolle Beziehungen zu entwickeln.

Wenn eine Störung lange anhält, dann ist es möglich, dass die Kinder beeinträchtigt sind, aber es ist nicht die Regel. Diese Kinder sind nicht quasi dazu verurteilt, dass sie ihr Leben lang leiden. Es gibt einige wenige sensible Kinder, vielleicht auch Kinder, die vorher schon ein bisschen traumatisiert waren oder Gewalt erlebten, die dann besonders empfänglich sind für eine schwere Ausprägung der Störung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Efthymis Angeloudis

Beitrag von Efthymis Angeloudis

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