Plädoyers im Wachmann-Prozess - "Eine wirklich angemessene Strafe für diese Gräueltaten gibt es nicht"

Mo 23.05.22 | 17:25 Uhr | Von Lisa Steger
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Der angeklagte ehemalige KZ-Wachmann sitzt im Gerichtssaal. (Quelle: Fabian Sommer)
Bild: dpa/ Fabian Sommer

Im Prozess gegen einen nun 101 Jahre alten SS-Wachmann im Konzentrationslager Sachsenhausen hatten am Montag zwei Anwälte von Überlebenden und Hinterbliebenen das Wort, die Anwälte hielten ihre Plädoyers. Von Lisa Steger

Der Brandenburger Josef S., der laut Anklage mehr als drei Jahre lang im Konzentrationslager Sachsenhausen als SS-Wachmann diente, könnte zu einer mindestens fünfjährigen Haftstrafe verurteilt werden. Das forderten am Montag zwei Nebenklagevertreter in ihren Schlussvorträgen.

Der 101-Jährige muss sich seit Anfang Oktober wegen Beihilfe zu – laut Staatsanwaltschaft – 3.522 Morden verantworten. Er bestreitet weiterhin, jemals in der SS oder in einem Konzentrationslager gewesen zu sein.

Zwölf Minuten für jede Tat, für jedes Opfer

"Eine wirklich angemessene Strafe gibt es nicht", sagte in seinem PlädoyerAnwalt Thomas Walther, der elf Überlebende und Hinterbliebene vertritt. Dazu seien die Gräueltaten zu furchtbar gewesen. Walther erinnerte an Leichenberge, an die Asche der Verbrannten, die als schwarzer Schnee vom Himmel fiel, an Häftlinge, die einfach verhungert sind.

Die Aufgabe eines SS-Wachmanns, so der Jurist, sei gewesen, das Morden in einem abgesicherten Bereich möglich zu machen. An den Morden mit einer Genickschussanlage, so Walther, sei die 8. Kompanie, in der der Angeklagte unter anderem diente, direkt beteiligt gewesen.

Für den Angeklagten spricht in Walthers Augen nur, dass die Taten lange zurückliegen. Sein Fazit: Fünf Jahre Haft "würden dem Angeklagten die Chance geben, am Ende seines Lebens eine Denkpause zu machen." Für gewöhnlich erhalte ein wegen Beihilfe zum Mord Verurteilter schon mindestens drei Jahre Haft für ein einziges Opfer. Für Taten, wie sie hier angeklagt seien, sei der geltende Strafrahmen – drei bis 15 Jahre Haft – nicht ausgelegt, so Walther im rbb-Interview nach der Verhandlung.

Eine fünf Jahre währende Strafe, räumte Walther ein, würde zwölf Minuten für jedes Menschenleben bedeuten. Anderseits hätten selbst die Offiziere an der Rampe von Auschwitz gerade einmal vier bis sechs Jahre Haft erhalten. Auch dies müsse man bedenken.

Bilanz am Ende einer Juristenkarriere

Der 79 Jahre alte Thomas Walther, früher Richter in Bayern, befasst sich seit 16 Jahren ausschließlich mit NS-Unrecht. Erst als Ermittler, dann als Opfervertreter. Er kritisierte im Plädoyer, dass die Zentralstelle zur Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Ludwigsburg, für die er lange arbeitete, personell unzureichend ausgestattet gewesen sei. Unter anderem deshalb, so Walther, können NS-Täter vielfach erst jetzt angeklagt werden.

Bei dem nun Angeklagten sieht Walter aber auch Versäumnisse in der DDR. "Ernsthaft wurde niemals gegen den Angeklagten ermittelt", so Walther in seinem Plädoyer. Das Ministerium für Staatssicherheit habe ihn zeitweise im Visier gehabt, davon jedoch habe Josef S. nichts mitbekommen. "Er konnte sein Leben ohne jede Angst vor einem Strafverfahren und vor Strafe in der DDR führen", so Walther.

Urteil nach Erwachsenenstrafrecht

Auch Anwalt Hans-Jürgen Förster, der ein Opfer medizinischer Versuche vertritt, hält fünf Jahre Haft – oder mehr - für angemessen. Sein Mandant Shimon R. wurde als Kind nach Sachsenhausen verschleppt. Ohne sein Wissen erhielt er immer wieder Hepatitis-Erreger, die ihn hätten töten können. Shimon R. wurde gegen Kriegsende auf den berüchtigten Todesmarsch geschickt und im Mai 1945 befreit.

Von diesen Menschenversuchen habe der Angeklagte vermutlich nichts gewusst, so Förster. Doch habe er sich an der Schaffung lebensfeindlicher Bedingungen beteiligt, unter denen auch Shimon R. litt. Der Vorwurf der Beihilfe zu versuchtem Mord sei somit erfüllt, sagte Förster.

Der Angeklagte war jung, als er seine Taten beging, aber immerhin älter als 20, somit gelte für ihn das Erwachsenenstrafrecht, argumentierte der Nebenklagevertreter in seinem Plädoyer. Josef S. hätte sich dem SS-Dienst durch ein Versetzungsgesuch entziehen können, und zwar mit "nicht unerheblicher Überlebenswahrscheinlichkeit", doch er blieb bei der SS im Lager bis zum Februar 1945, so Förster.

Verbüßung unwahrscheinlich

Für die Länge der Strafe komme es nicht darauf an, ob sie auch wirklich verbüßt wird, meinten beide Nebenklagevertreter übereinstimmend. "Das ist vollkommen unbeachtlich", sagte Thomas Walther. Auch Hans-Jürgen Förster argumentierte, dafür sei später die Staatsanwaltschaft zuständig. Bis dahin gelte: "Jede Bemessung von Freiheitsstrafe nach Jahren in Zahlen mutet geradezu absurd an angesichts des Lebensalters des Angeklagten."

Förster bezweifelte, dass Josef S. überhaupt haftfähig ist. Die Strafe sei aber ein wichtiges Signal an die Überlebenden und Hinterbliebenen, daher dürfe es nicht bei der Mindeststrafe für Beihilfe zu Mord – drei Jahre Haft – bleiben.

Prozess wird im Ausland aufmerksam beobachtet

Christoph Heubner verfolgt den Prozess für das Internationale Auschwitz Komitee. Er sagte am Rande des Prozesses, den Überlebenden komme es auf die Länge der Strafe nicht an. Allein, dass das Verfahren stattfinde, helfe ihnen. Die Opfer-Familien wüssten sehr zu schätzen, dass sich das Landgericht nach so langer Zeit immer noch gründlich mit den damaligen Gräueltaten befasse.

Anwalt Thomas Walther appellierte in seinem Plädoyer an den Angeklagten, doch noch zu gestehen. Darauf aber deutet derzeit nichts hin.

Der Prozess wird am Dienstag mit weiteren Plädoyers fortgesetzt. Erneut haben Vertreter von Opfern das Wort. Am 1. Juni soll der Verteidiger plädieren. Am darauf folgenden 2. Juni könnte das Urteil verkündet werden.

Sendung: Inforadio, 23.05.2022, 17:20 Uhr

Beitrag von Lisa Steger

8 Kommentare

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  1. 8.

    Zitat: "Für mich hat das heutige Verfahren eher einen Alibi-Chrakter. Hätte es keinen Krieg gegeben, wäre der Mann ganz friedlich in seiner Heimat geblieben."

    Was ist das denn für eine verquere Logik? Damit sprechen Sie grundsätzlich jedem Menschen Eigenverantwortung für sein Handeln ab, da er, wie in diesem Fall der Angeklagte, nur aufgrund der wahnsinnigen Ideen eines einzelnen dem Schicksal 'zum Opfer gefallen' ist.

  2. 7.

    Die Nazis in der DDR wurden vielfach gern von der Stasi zu Mitarbeit (zu sog. IM´s) erpresst. So war es jedenfalls in meiner Familie (Informationen aus Stasiakte).

  3. 6.

    Ganz so ist es eben nicht. Auch in der DDR wurde die Verfolgung von Naziverbrechen nur Halbherzig durchgeführt. Alte Nazis wurden sogar direkt angeworben um an höchsten Stellen weiter zu arbeiten. Ich kann nur das "Braunbuch DDR" empfehlen.

  4. 5.

    Das ist falsch! Jeder der sich mit der Geschichte befasst, weiß das. Dazu folgender Link:

    https://www.mdr.de/geschichte/ddr/politik-gesellschaft/entnazifizierung-nazis-in-der-ddr-100.html

  5. 4.

    Sabine:
    "Antwort auf [Der von drüben ] vom 23.05.2022 um 17:56
    In der DDR gab es erstaunlicherweise keinen einzigen Nazi. Die sind sämtlich zum Kriegsende in den Westen oder nach Südamerika geflüchtet. So jedenfalls die Geschichtsauffassung der DDR."

    Wie in Diktaturen üblich, gab es in der DDR nur ein Schwarz-Weiß-Bild der Geschichtsschreibung ohne komplexer Grautöne. Putin ist das aktuelle Beispiel: Alle Kriegskritiker und sind Volksverräter, Terroristen, Nazis, denn Putin ist heilig und erfüllt eine heilige Mission des Aufbaus eines russischen Zarenreiches - mit aller Gewalt.

  6. 3.

    Das ist einfach Quatsch.
    Selbstverständlich hat man damals nicht alle vor Gericht gestellt. Manche haben die "Russen" gleich in die ehemaligen KZ gesperrt oder deportiert - aber selbstverständlich blieben noch viele übrig.
    Es war aber für einen Neuanfang unabdingbar, mit den Leuten zu leben, die nunmal da waren. Nur die eindeutig harten Fälle wurden verfolgt - und auch verurteilt.

    Für mich hat das heutige Verfahren eher einen Alibi-Chrakter. Hätte es keinen Krieg gegeben, wäre der Mann ganz friedlich in seiner Heimat geblieben.
    Viele der wirklich Schuldigen, zum Beispiel die Vorgesetzten des jetzt Angeklagten wurden nie belangt, Im Westen bekamen die SS-Leute sogar eine ordentliche Rente..... die nach der Wende auch zu den ehem. Angehörigen der dortigen SS-Truppen in die baltischen Republiken überwiesen wurde.

    Treue zahlt sich aus? Aber nur, wenn man rechtzeitig stirbt..... wie verlogen ist diese Welt?

  7. 2.
    Antwort auf [Der von drüben ] vom 23.05.2022 um 17:56

    In der DDR gab es erstaunlicherweise keinen einzigen Nazi. Die sind sämtlich zum Kriegsende in den Westen oder nach Südamerika geflüchtet. So jedenfalls die Geschichtsauffassung der DDR.

  8. 1.

    Zitat:"Für die Länge der Strafe komme es nicht darauf an, ob sie auch wirklich verbüßt wird, meinten beide Nebenklagevertreter übereinstimmend. "Das ist vollkommen unbeachtlich", ... "Jede Bemessung von Freiheitsstrafe nach Jahren in Zahlen mutet geradezu absurd an angesichts des Lebensalters des Angeklagten.""

    Den Überlebenen, deren Angehörigen und den Angehörigen der Ermordeten kommt es sicherlich in erster Linie auf einen Schuldspruch an. Dass eine mögliche Haftstrafe tatsächlich kaum vollstreckt wird, darüber dürften die Beteiligten sich im Klaren sein. Es geht um die Anerkennung der Schuld und dem Angeklagten kann nur gewünscht werden, dass er sich in seinem letzten Wort endlich zu seiner Beteiligung bekennt.

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