Kadaver liefern Nährstoffe für Wald - Ökologe fordert mehr Toleranz für tote Tiere

Do 26.05.22 | 13:15 Uhr | Von Andreas Heins
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Rostfarbiger Dickkopffalter auf einem Rehbein (Quelle: Reneé Krawczynski)
Bild: Reneé Krawczynski

Tote Tiere im Wald möchte man nicht unbedingt auf einem Waldspaziergang sehen. Sie riechen streng und locken Fliegen an. Aber sie sind auch eine wichtige Nahrungsquelle und wirken sich positiv auf die Flora aus. Von Andreas Heins

Dass verendete große Tiere in der Natur liegenbleiben, hat mittlerweile Seltenheitswert in Europa. Kaum ein Reh stirbt an Altersschwäche, etwa eine Million Tiere werden geschossen und weitere 200.000 überfahren. 30.000 Tonnen Biomasse werden so der Natur entzogen, allein durch die Jagd auf Rehe. Der Ökologe René Krawczynski von der BTU Cottbus hat untersucht was geschieht, wenn man die toten Tiere in der Natur belässt. Das Ergebnis hat selbst ihn überrascht, die Kadaver locken nicht nur die bekannten Aasfresser wie Greif- und Rabenvögel an. Sie sind eine wichtige Nahrungsquelle für viele Tiere und wirken sich positiv auf die Pflanzenwelt aus.

Was passiert, wenn totes Tier liegenbleibt

Die ersten Besucher sind tatsächlich Raben und Greifvögel. Raben entdecken das Aas, die Greifvögel folgen ihrer Spur. Beide mögen frisches Aas. Doch eine Wildschweinhaut ist zäh, und wenn keine großen Beutegreifer wie Wölfe den Kadaver aufbrechen, ist es schwer an die vitaminreichen Innereien zu kommen.

Bald darauf finden sich zahlreiche Insekten ein. Das Winterhalbjahr und der Frühling ist dabei die Zeit der Käfer, der Herbst eher die Zeit der Fliegen und deren Maden. Neben Käfern, die das Aas direkt fressen, gibt es auch räuberische Arten, die auf Madenjagd gehen. Auch Ameisen und Wespen nutzen den reich gedeckten Tisch. Gerade im Frühjahr, wenn Insekten noch selten sind, finden Zugvögel hier reichlich Nahrung. Die Insektenlarven verkriechen sich im Winter im Boden und der steckt dann voller Futter. Singvögel, die eher zu vegetarischer Kost neigen, brauchen ebenfalls Insekten zur Aufzucht ihrer Jungen. Und selbst die Raben bevorzugen eher Maden als Aas.

Alles wird verwertet

Meisen nutzen die Kadaver besonders nachhaltig: Im Winter fressen sie Aas, im Frühjahr die ersten Insekten. Das Fell von Rehen und Hirschen ergibt zudem ein bequemes Nestpolster, das wissen auch Eichhörnchen zu schätzen. Ist Wasser in der Nähe eines Kadavers, kommen auch Frösche nicht zu kurz. Selbst ein Maulwurf auf Insektenlarvenjagd wurde schon beobachtet. Auf der Suche nach Mineralien werden sogar Schmetterlinge und Bienen von den Überresten angelockt. Gerade auf sandigen, nährstoffarmen Böden hier in Brandenburg sind Knochen eine der wenigen Mineralienquellen.

Die Pflanzenwelt profitiert dabei genauso von den Kadavern, die den Boden mit Nährstoffen versorgen. Auf großen Knochen wachsen noch jahrelang Moose und Flechten, die auf kalkarmen Untergrund sonst nicht gedeihen würden.

Zu strenge Hygienevorschriften?

Große Beutegreifer gibt es in unseren Wäldern kaum, sieht man von den wenigen Wolfsrudeln ab. Damit sich größere Pflanzenfresser wie beispielsweise Rehe, Hirsche und Wildschweine nicht übermäßig vermehren, werden sie geschossen. Selbst in den deutschen Nationalparks wird gejagt, um "den Wald zu schützen". Das wenigste davon findet jedoch den Weg zurück in die Natur. Wenn die Kadaver so viele positive Auswirkungen in der Natur haben, warum werden sie dann aber entfernt?

Der Gründe sind einerseits die strengen Hygienevorschriften hier in Deutschland. "Die BSE-Krise Anfang der Zweitausender war der Auslöser für eine europaweite Verschärfung der Regeln", sagt der Ökologe René Krawczynski. "Mittlerweile sind die EU-Vorschriften gelockert worden". So sei seit 2011 selbst das Auslegen von Haustierkadavern für Vögel aus Naturschutzgründen ausdrücklich erlaubt. "Auf die Praxis hat das wenig Einfluss gehabt. In Deutschland wird die Möglichkeit, die Lockerungen zu übernehmen kaum genutzt", sagt Krawczynski.

Bleihaltige Munition

So heißt es immer noch in der Brandenburgischen Jagdordnung: "Aufbrüche von erlegtem Wild und erlegtes Raubwild sind von den Erlegenden so zu beseitigen, dass eine Aufnahme durch Greifvögel nicht möglich ist." Hintergrund ist hier die Blei-Belastung, da noch immer einige Jäger mit bleihaltiger Munition jagen.

In dem jetzt bekannt gewordenen Entwurf des Brandenburger Jagdgesetzes, das sich zurzeit in Überarbeitung befindet, wird dies noch verschärft. Dort heißt es: "Für verendetes Schalenwild besteht für die Jagdausübungsberechtigten die Pflicht zur Aneignung und Beseitigung …, wenn das Fallwild aufgrund seiner Lage oder seines Zustandes die Allgemeinheit belästigen kann."

René Krawczynski hält diese Formulierung für fatal, dies würde die Bedenken von Jägern noch verstärken, wenn sie mit Anzeigen von Spaziergängern rechnen müssten. Ob diese Formulierung auch in Überarbeitung ist, war vom zuständigen Ministerium nicht zu erfahren.

Wiedehopf auf Kadaver (Quelle: René Krawczynski)Wiedehopf steht auf einem Kadaver

Mehr Toleranz gefordert

Auch das uneinheitliche Vorgehen der Veterinärämter behindere, dass Kadaver in der Natur bleiben, sagt er, da gäbe es keine einheitliche Richtlinie. Jäger, die Kadaver in der Natur belassen wollen, müssen sich einzeln mit dem zuständigen Veterinäramt auseinandersetzen, nur in wenigen Fällen werden Dauergenehmigungen erteilt. Die Afrikanische Schweinepest hat dieses Vorgehen in Brandenburg zusätzlich erschwert.

Der Geschäftsführer des Landesjagdverbands Brandenburg, Kai Hamann steht dem Auslegen von Kadavern in der Natur eigentlich neutral gegenüber, solange es sich um Wild handelt, das nicht mehr zum menschlichen Verzehr geeignet ist. Aber auch er sieht erhebliche Konflikte zwischen den geltenden Vorschriften und möglichen Waldspaziergängern.

Das ist das dritte Problem. Wir haben uns in unserer Gesellschaft so weit vom Tod entfernt, dass wir tote Tierkörper nicht mehr als natürlich empfinden. Überall, wo solche Versuche bekannt werden, rufen sie große Aufmerksamkeit und Beschwerden von Anwohnern hervor. Oft aus unbegründeten Hygienebedenken oder "weil man sowas nicht macht". René Krawczynski ruft deshalb zu mehr Toleranz gegenüber toten Tieren zum Schutz der Natur auf. "Schließlich gehört der Tod zum Leben."

Beitrag von Andreas Heins

16 Kommentare

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  1. 16.

    Zitat:"Auf dieser Insel gab dann sogar Käfersorten, die vorher nicht da waren."

    Was für das Ökosystem der Insel nicht unbedingt förderlich sein muss. Diese wurden sicherlich durch den Kadaver eingeschleppt.

  2. 15.

    Zitat:"Hintergrund ist hier die Blei-Belastung, da noch immer einige Jäger mit bleihaltiger Munition jagen."

    Dann sollte die Nutzung von bleihaltiger Munition verboten werden. Und wer seine noch verbrauchen möchte, muss die Kadaver aufbrechen und die Kugeln entfernen.

  3. 14.
    Antwort auf [Meckersack] vom 27.05.2022 um 09:57

    Nicht jeder menschliche Fortschritt ist sinnvoll, sondern die meisten sogenannten Fortschritte sind eher fatal für unseren schönen Planeten.

  4. 13.

    Ein Ökologe ist kein Förster. Ein Förster aber oft auch Ökologe oder handelt so. Eines ist klar, Nichtstun ist nur sehr selten richtig. Das was richtig ist müssen diejenigen herausfinden, die auch die Folgen tragen...

  5. 12.

    Interessant, dass dieser Artikel gerade jetzt kommt. Im letzten Spiegel gab es einen Beitrag, wo ein toter Wal nicht entsorgt wurde, sondern man hat ihn auf einer unbewohnten Insel abgelegt. Das Ergebnis war so, wie hier in diesem Artikel geschildert: Tiere und Pflanzen haben profitiert. Auf dieser Insel gab dann sogar Käfersorten, die vorher nicht da waren.

  6. 11.

    Es handelt sich um die EU-Verordnung 1774/2002. Mit der Novelle 1069/2009 wurde das Auslegen von Wildtieren für wild lebende Vögel erlaubt, mit der Verordnung 142/2011 auch von Haustieren für Arten der FFH- und Vogelschutzrichtlinie.

  7. 10.

    Es müsste viel viel mehr Rotwild und Wildschweine gejagt werden, am besten die dann gleich vor Ort im Wald liegen lassen
    Junge Triebe beim Waldumbau werden nicht mehr abgefressen, die Kadaver dienen als Dünger dem Wald und anderen Tieren als Futter - also eine richtige Win-Win-Situation.

  8. 9.

    EU-Verordnung 1069/2009. Die Änderungsverordnung (EU) 2019/1009 durchgeführten Änderungen gelten seit dem 15. Juli 2019. In einem Fachartikel von 2020 werden Erweiterungen zu diesen Änderungen gefordert. Ein anschaulicher Bericht, der mit dem RBB-Artikel durchaus konform geht, finden sie hier: https://sciencenotes.de/leben-nach-dem-tod/

  9. 7.

    An all die totgefahrenen Tiere am Straßenrand, werde ich mich nie gewöhnen. Tiere die wirklich im Wald versterben, haben eine äußerst begrenzte Haltbarkeitszeit und werden ruckzuck verwertet. So schenkt der Tod wiederum leben.
    Muss man das Menschen wirklich nahebringen?

  10. 6.

    Das, was im Kühlregal liegt, hat für sehr viele Menschen nichts mit dem Tier zu tun, was es einmal war.

  11. 5.

    Danke dem Rbb für diesen wirklich interessanten Bericht.
    Ich kann mich Kommentar eins und zwei nur anschließen.

  12. 4.

    Interessantes Thema. Von welcher EU Richtlinie ist in diesem Beitrag die Rede

  13. 3.

    Das bekommen schon einige mit. Auch ein Schnitzel oder Steak ist ein totes Tier bzw. Teil eines Kadavers.

  14. 2.

    Dass es in der Natur Dinge und Abläufe gibt, die sinnvoll sind, ist für viele Menschen schwer vorstellbar, da der Mensch fast alles für sich betrachtet. So muss für viele Menschen auch in der Natur aufgeräumt werden, im Wald und, schlimmer noch, im eigenen Garten, was dann wiederum unnatürlich ist. Solche Artikel hier sind hilfreich und vielleicht findet dann auch ein Umdenken statt. Wieviele Lebewesen sich von Kadavern ernähren oder diese verwerten, das bekommen doch die allerwenigsten mit.

  15. 1.

    ...das ist ein sehr interessanter Artikel. Vielen Dank dafür. Ein Umdenken wäre also tatsächlich angebracht. Einfach die Natur, Natur sein lassen... Ggf. könnten Förster/Jäger lediglich dafür sorgen, dass das tote Tier nicht auf den Wegen liegt. Aber im Unterholz sollte es nicht stören. Denn dort ist der Mensch nur Gast... Hoffentlich wird daran bei der Überarbeitung des Gesetzes auch gedacht...

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