"Talfahrt" bei Amphibienpopulation - Naturschützer zählen deutlich weniger Kröten und Frösche in Brandenburg

Mi 25.05.22 | 17:21 Uhr
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Ein Teichfrosch in einem Tümpel der Döberitzer Heide. (Quelle: dpa/Ingolf König-Jablonski)
Video: rbb24 Brandenburg Aktuell | 25.05.2022 | Michel Nowak | Bild: dpa/Ingolf König-Jablonski

Es quakt immer seltener in Brandenburg: Die Zahl der Amphibien wie Frösche oder Kröten ist nach Angaben von Naturschützern innerhalb von acht Jahren um zwei Drittel zurückgegangen. Experten machen dafür vor allem eine Ursache aus.

Die Zahl der Amphibien wie Frösche oder Kröten hat sich in Brandenburg in den vergangenen Jahren deutlich verringert. Es gebe eine "Talfahrt" bei der Amphibienpopulation, sagte die Leiterin der Naturwacht Brandenburg, Britta Schmidt. Der Verein betreut insgesamt 15 "Nationale Naturlandschaften" in Brandenburg.

Zwischen 2014 und 2018 hätten die Ranger der Naturwacht an den insgesamt 33 Schutzzäunen noch rund 39.000 Amphibien gezählt, sagte Schmidt. 2019 seien es noch 18.500 gewesen, 2021 sei die Zahl auf etwa 13.500 gesunken.

Trockenheit wird Problem für Kaulquappen

Auch wenn das diesjährige Frühjahr nicht ganz so trocken gewesen sei, bedeute dies noch keine Entspannung. So würden die Tümpel, in denen die Amphibien laichen, schnell austrocknen, sagte Schmidt. Die Kaulquappen könnten sich daher nicht komplett entwickeln. Die zunehmende Trockenheit infolge des Klimawandels bezeichnete sie als Hauptursache der sinkenden Amphibienpopulation.

Durch die Abnahme der Niederschläge und den Anstieg der Verdunstung ändere sich der Landschaftswasserhaushalt, hieß es. Wasser fließe auf den trockenen Böden schneller ab. Hinzu komme eine verstärke Wassernutzung im Siedlungsbereich und eine voranschreitende Flächenversiegelung.

"Zeigt, dass der katastrophale Klimawandel beginnt"

Auch der BUND Brandenburg zeigt sich von den aktuellen Zahlen betroffen. "Das ist extrem beängstigend", sagte Axel Kruschat vom BUND dem rbb. Die Daten würden zeigen, "dass der katastrophale Klimawandel beginnt, dass das jetzt wirklich los geht". Der BUND fordert deshalb, "echten Klimaschutz in Brandenburg", zum Beispiel ein Festhalten am Kohleausstieg. Ohne den Klimaschutz werde man im Naturschutz keine Erfolge mehr haben.

Ein weiteres Problem neben dem Klimawandel und dem daraus resultierenden Wassermangel seien Pestizide. Durch den Einsatz von Pestiziden sei die Insektenpopulation zurückgegangen, die wiederum eine Nahrungsgrundlage für Amphibien darstellt, erklärt Kruschat. Auch die Amphibien selbst sien von den Pestiziden aufgrund der Aufnahmefähigkeit ihrer Haut besonders betroffen. Kruschat fordert deshalb: "Zumindest in Naturschutzgebieten darf es keinen Pestizideinsatz mehr geben."

In Reichhardsluch nur noch 24 statt früher 1.295 Kröten

Einen besonders starken Rückgang verzeichnet die Naturwacht Dahme-Heideseen am Krötenzaun Reichhardsluch. Einer Mitteilung des Landesamts für Umwelt (LfU) zufolge wurden dort in diesem Jahr nur 24 Amphibien gezählt. Vor 20 Jahren seien es noch 1.295 Tiere gewesen. "Die diesjährige Zahl ist ein historischer Tiefpunkt", so das LfU.

Stark betroffen von dieser Entwicklung ist auch die Döberitzer Heide im Havelland. In dem Gebiet südlich von Dallgow-Döberitz, das von der Heinz Sielmann Stiftung mit Sitz im niedersächsischen Duderstadt betreut wird, gefährde der anhaltend niedrige Grundwasserspiegel die Amphibienwanderung, sagte Sprecherin Nora Künkler.

Sehr starke Populationseinbußen gab es den Angaben zufolge beim Moorfrosch, von dem man nur noch selten Exemplare in Sielmanns Naturlandschaft Döberitzer Heide sehen könne. Ihr Lebensraum-Angebot habe sich verschlechtert, sagte Künkler. Die Tiere bräuchten Kleingewässer, die aber immer weiter austrocknen und verschwinden wüden. Dies sei im Großen und Ganzen auf den Klimawandel zurückzuführen.

Kalte Frühlingsnächte verderben die Balzstimmung

In diesem Jahr setzt sich laut Künkler der Negativtrend bei der Amphibienpopulation weiter fort. Auch dieses Frühjahr sei zu trocken gewesen. "Dazu kamen kalte Nächte bei Ende April, so dass nicht so richtig Balzstimmung aufkommen wollte", sagte Künkler. "Der Klimawandel überholt uns auf der rechten Spur."

Alarm schlägt ebenfalls der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Brandenburg. Es gebe Berichte aus den Regionen, dass die Bestände der heimischen Amphibienpopulationen um 60 bis 100 Prozent zurückgegangen seien, sagte BUND-Sprecherin Heidrun Schöning.

Dennoch gebe es auch vereinzelt positive Entwicklungen, beispielsweise in den Flussauen: Deichrückverlegungen an der Elbe und gezielte Schutzmaßnahmen im Nationalpark Unteres Odertal haben den Angaben zufolge Bestandszunahmen bei gefährdeten Arten wie Rotbauchunke und Laubfrosch bewirkt.

Sendung: rbb24 Brandenburg aktuell, 25.05.2022, 19:30 Uhr

16 Kommentare

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  1. 16.

    Die Kröten wandern immer mal - meist sind sie nicht wirklich weg, sondern nur woanders.

    Aber mal ernsthaft. Wegen des trockenen Frühjahrs sind wohl wirklich weniger Kröten und auch Weinbergschnecken unterwegs.
    Die Eidechsen und Blindschleichen haben aber gefühlt (ich zähle die nicht, staune nur, wenn ich öfter aufpassen muss, nicht draufzutreten) zugelegt - sogenannte Singvögel haben wir auch in vielen Arten. Hoffen wir mal, daß das eine normale Schwankung bleibt.


    Part Köten mehr könnte sicher jeder brauchen.

  2. 15.

    Zu wenig Nahrung, indirekt bedingt durch Pestizide etc. und zu wenig Wasser werden die plausiblen Ursachen für den Populationsrückgang sein. Was das Einbringen von Pestiziden und Co. angeht, muss man leider feststellen, dass nicht nur Naturschutzgebiete, sondern selbst Wälder schon lange ihren Anteil am Giftregen abbekommen. Bezüglich Wasserknappheit lassen sich je nach Ortslage auch die Kohlegruben für massive Naturzerstörung auch bzgl. Wasserhaushalt verantwortlich machen. Da gibt es schon konkretere Maßnahmen, als nur als Totschlagargument Klimawandel aufzuführen, so als könne man nichts machen. Von den von Lobbyinteressen zerfressenen Landwirtschaftsministerien ist auf Länder- wie Bundesebene leider gar nichts zu erwarten. Die beiteiligen sich noch eher am Gewinnstreben. Dabei bräuchte es harte Verbote von Pestiziden, klare Vorgaben zur Vielfalt auf dem Acker, inkl. Feuchtbiotope und ebenso klare Vorgaben bzw. Strafen im Umgang mit Wasser, ob für Unternehmen oder Privatleute.

  3. 14.

    Im Prinzip interessiert das doch keinen! Wer ändert denn sein Verhalten wegen Kröten? Wer braucht schon Vielfalt, wenn wir ein Handy haben? Scheinheiliges Getue...

  4. 13.

    Mitten im Siedlungsgebiet Hönow gibt es den Grünzug, einen Park mit mehreren zum Sammeln und Versickern des Regenwassers angelegten Senken. Im Laufe der Zeit hat sich in den feuchteren Schilf angesiedelt, darin leuchtend gelbe Wasserlilien - geschützte Pflanzen - und viele Frösche. Solche Feuchtbiotope werden vielerorts geschützt. Deshalb war ich erstaunt, eines Tages Bagger zu sehen, die die gesamte Senke ausbaggerten, ohne Rücksicht auf geschützte Pflanzen und Tiere. Mein Anruf beim zuständigen Mitarbeiter der Gemeinde Hoppegarten mit dem Hinweis auf die geschützten Arten wurde mit dem Satz: „Das muss alles raus, sonst kann das Wasser nicht versickern! Und außerdem geht Sie das gar nichts an!“ einfach abgeschmettert. Mal abgesehen von der Unverschämtheit ist das auch sachlich falsch, denn auch vor dem Ausbaggern gab es nur in einigen der „Rigolen“ überhaupt stehendes Wasser und der Großteil der zum Versickern vorgesehenen Fläche war ständig trocken.

  5. 12.

    Sogar die Kröten wandern aus....

  6. 11.

    Komischerweise gibt es subjektiv gefühlt/beobachtet aber immer mehr Reiher. Gibt es da einen Zusammenhang?

  7. 10.

    Ja und nein. Sicher tragen die von Ihnen benannten Faktoren einen erheblichen Teil zum Rückgang der Amphibien bei. Die wiederholten trockenen Jahre aufgrund des Klimawandels verstärken diese Entwicklung jedoch in ganz wesentlichem Ausmaß.

  8. 9.

    „Bei uns hüpfen und springen noch reichlich Kröten über die Wiese Richtung Wassergraben.“

    Was ja nun noch lange nicht bedeutet, dass es woanders nicht ganz anders aussehen kann … Nicht wahr?

  9. 8.

    Hä? Am stetig schwindenden Wasser in der Region, weil es zunehmend wärmer wird und nicht mehr genug regnet, soll – zumindest Ihrer Meinung nach – nicht, wie von der Wissenschaft benannt, der Klimawandel schuld sein? Sondern? Schon eine reichlich gewagte These, die Sie da als Nicht-Fachmann aufstellen, wage ich mal zu behaupten …

  10. 7.

    Bei uns hüpfen und springen noch reichlich Kröten über die Wiese Richtung Wassergraben.

  11. 6.

    Hat sich denn an den von Ihnen vorgeschlagenen Problemen in den letzten Jahren etwas so wesentlich verschlechtert, dass es den starken Rückgang erklären kann, oder liegt es vielleicht doch einfach daran, dass wir jetzt schon mehrere Jahre in Folge zu wenig Regen haben?

  12. 5.

    Und da ist er wieder, der Universalschuldige - der Klimawandel. Im Detail betrachtet stimmt das nicht ganz. Würde man die naheliegenden Ursachen benennen, könnte man sofort etwas dagegen tun. Aber genau das will man nicht. Feuchtgebiete schaffen, ökologische Landwirtschaft, Vernichtung der Lebensräume, Verbot von Glyphosat, welches Lurche über ihre empfindliche Haut aufnehmen, zu häufiges, zu frühes und zu flaches Mähen von Wiesen und Straßenbegleitgrün, all das wäre sofort umsetzbar. Aber nein, der kaum greifbare Klimawandel ist schuld und wieder wird nichts wirksames getan. Weil man es nicht will!

  13. 4.

    "Wenn die kalten Nächte die Balzstimmung versauen , warum stellt der NABU nicht ein paar Heizpilze dort auf ?"
    Die Erderwärmung ist bei denen noch nicht ganz so angekommen - bestimmt schlechtes WLAN!

  14. 3.

    Wenn die kalten Nächte die Balzstimmung versauen , warum stellt der NABU nicht ein paar Heizpilze dort auf ?

  15. 1.

    Kröten und Frösche haben deutlich mehr Naturschützer gezählt. Sie haben dafür einen Hauptgrund ausgemacht: Das Ende der Eiszeit. Es gibt auch weiteres Positives zu vermelden: Weniger Störche...

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