Berliner Phänomen - Wenn die Ente auf dem Balkon brütet

Mi 11.05.22 | 16:20 Uhr | Von Jenny Barke
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Entenmama legt Eier im Blumentopf (Quelle: rbb/Jenny Barke)
Video: rbb24 Abendschau | 11.05.2022 | Arndt Breitfeld | Bild: rbb/Jenny Barke

Stockenten haben in Berlin 80 Seen zur Auswahl, dazu etliche Teiche und Tümpel. Beste Bedingungen für die Brutzeit, könnte man meinen. Aber: Weil ruhige Brutplätze rar sind, weichen sie immer häufiger auf Balkone aus. Und nun? Von Jenny Barke

Besonders auffällig ist sie nicht: Ohne Geschnatter dreht sie sich still um ihre eigene Achse, sucht die beste Sitzposition im Blumentopf. Ihr Blick auf ungebetene Balkongäste: Misstrauisch bis verdrießlich. Schließlich scheint sie es sich bequem gemacht zu haben. Mama Ente legt ihr zweites Ei.

Die braungefiederte Stockente hat Inforadio-Reporterin Anna Hanke zum ersten Mal am Dienstagvormittag auf ihrem Balkon im zweiten Stock entdeckt. "Ich hab's plötzlich hinter mir kratzen gehört und mich umgedreht. Da saß die Ente im Blumentopf und ich hab mich gefragt: Was macht sie da?" Die Ente flatterte weg, das erste Ei lag im Blumentopf und Anna blieb mit Fragezeichen auf dem Balkon zurück. Ist das ein idealer Brutort für das Tier? Und was tun, wenn die Küken geschlüpft sind?

Mit dem Flausch kommt die Gefahr

Der Brutplatz an sich stelle kein Problem dar, sagt Wildtierexperte Derk Ehlert. Denn für knapp einen Monat ist die Untermieterin selbstgenügsam. Zunächst kommt sie Ehlert zufolge täglich zum gewählten Nistplatz, lege jeden Tag ein Ei, für etwa neun bis zwölf Tage. Danach brüte sie ihre Eier etwa 25 Tage aus, bis die Küken schlüpfen.

Mit dem Flausch kommt allerdings auch die Gefahr für die Entenfamilie: "Das Weibchen wird dann runter springen und von unten die Jungen locken. Die Jungen springen auch runter", sagt Ehlert weiter. Dabei würden sich die relativ weichknochigen Tiere noch nichts tun. Dann sei aber die Exkursion schon zu Ende, weil die Tiere nicht vom Hof kämen oder in einem Gullyloch landeten.

Entenfamilie muss zurück zum "Heimathafen"

Deshalb gilt es, diesen Zeitpunkt genau abzupassen und Mama und frisch geschlüpfte Küken zum nächstgelegenen Gewässer zu bringen. Ganz wichtig: Es muss das heimatliche Gewässer sein, nicht etwa ein weit entfernter See. "Bringt man sie woanders hin, kann es passieren, dass sie mit ihren Küken durch die ganze Stadt läuft, um zu ihrem eigentlichen Nachhause zu kommen", so Ehlert.

Entenfahrdienste und Adoptionsvermittlung

Wer sich die Umsiedlung der Entenfamilie vom Balkon hin zum Wasser nicht zutraut, kann sich dafür auch professionell helfen lassen, zum Beispiel vom Naturschutzbund Nabu [berlin.nabu.de]. "Das Problem ist wohl größer, man kann bei ihnen sogar einen Meldebogen ausfüllen", hat Anna bereits festgestellt. Von Telefonberatung über Entenfahrdienst bis zur Adoptionsvermittlung verwaister Stockentenküken in Stockentenfamilien gehen die Angebote. Allerdings ist der Service teuer, um eine Spende wird gebeten.

Bis es soweit sei, freue sich die Familie aber darauf, die Ente beim Brüten zu beobachten, sagt Annas Sohn Emilio: "Ich finde es sehr spannend, weil es ja doch eine sehr unwahrscheinliche Zusammenkunft ist und ich finde es auch sehr schön, dass wir ihr hier einen Lebensraum bieten können."

Der Balkon könne übrigens - ersten Sorgen zum Trotz - weiterhin von der Familie genutzt werden, hat der Nabu Anna beruhigt. "Die sind Menschen inzwischen gewohnt. Man sollte ruhig auch zwischendurch schon mal hingehen", sagt Anna. "Das ist vielleicht auch gut für den Umzug hinterher, dass sie wissen, dass diese Menschen nichts Böses wollen und gerne dem Balkon weiter so nutzen wie gehabt."

Eigentlich müsste man die Berliner Stockente umbenennen, sagt Wildtierexperte Derk Ehlert: Sie niste inzwischen so häufig beim Menschen, dass sie wohl eher Terassen- oder Balkonenten heißen müsste.

Sendung: rbb24 Inforadio, 11.05.2022, 15:30 Uhr

Beitrag von Jenny Barke

2 Kommentare

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  1. 2.

    So süß wie das ist: Es darf nicht sein, dass Wildtiere in der Stadt NUR noch auf Balkonen Ruhe finden. Besonders dann nicht, wenn die Jungtiere im Gully oder bestenfalls im falschen Teich enden können. Das ist ein weiteres deutliches Zeichen, dass Grünpflege in Berlin wieder in die Hände von Profis muss, die ein klares Bewusstsein für Naturschutz haben. Öffentliche Grünanlagen dürfen nicht von der BSR, übereifrigen SGA-Mitarbeiter*n oder Privaten totgepflegt werden, die Gebüsche viel zu weit zurückschneiden, zu viel Totholz entfernen und Naturräume "säubern" wie einen Bürgersteig. Und die Berliner* müssen wieder mehr Respekt haben vor Naturflächen an Seen und in Parks, statt jeden Busch als Partyhöhle zu missbrauchen. Hierfür braucht es Aufklärungskampagnen - und weil das nur begrenzt hilft, leider auch massive Zäune, regelmäßige Überwachung und bei Bedarf drastische Strafen.

  2. 1.

    Ich hatte schon 3 mal das Erlebnis mit Mama Ente und deren 6 bis teilweise 10 Küken. Wichtig ist, dass man einen großen Karton bereit hat um die Familie zu transportieren. Am besten auch einen Teich oder Park mit See ausfindig machen.

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