Fehlende Räume, hohe Auflagen - Quereinsteiger fürs Lehramt in Berlin klagen über Hürden und Probleme

Mo 09.05.22 | 06:22 Uhr | Von Christina Rubarth
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Schüler:innen sitzen in einem Klassenraum auf dem Boden (Bild: Privat)
Video: rbb|24 | 12.05.2022 | Material: rbb24 Abendschau | Bild: Privat

Seit Jahren sucht Berlin nach Lösungen für den Lehrermangel - auch mithilfe von Quereinsteigern, die parallel zum Job an den Unis ausgebildet werden. Betroffene klagen jedoch über zahlreiche Probleme und Hürden. Von Christina Rubarth

Auf dem Boden eines kahlen Büroraums sitzt ein gutes Dutzend Studentinnen und Studenten im Kreis. Auf dem grauen Teppichboden hocken Studierende im Master-Studiengang Grundschullehramt für Quereinsteiger, zusammen mit klassischen Lehramts-Studierenden. Solche Bedingungen treffen in diesen Tagen einige, die an der Humboldt-Universität studieren. Das Sommersemester läuft zwar schon seit drei Wochen, aber für diese Studierenden steht erst jetzt ein Raum zur Verfügung - und die Möbel sind noch nicht da.

Dass nach zwei Jahren Online-Unterricht auch drei Wochen nach Semesterstart noch nicht klar war, ob ihr wichtigstes Seminar aus Raumgründen überhaupt stattfinden kann, habe bei ihr das Fass zum Überlaufen gebracht, sagt Saro Gorgis: "Ich dachte, das kann eigentlich nicht sein. Wir haben diesen Notstand an den Schulen - und es hapert an der Raumkapazität, auch oft an personellen Kapazitäten an den Universitäten." Die Mitte-30-Jährige ist gefrustet über die Umstände ihres Studiengangs. Nicht nur über fehlende Unterrichtsräume, sondern auch über zu wenig Dozenten, unflexible Studienbedingungen und einen engen Lehrplan.

Quereinsteiger müssen sich selbst finanzieren

Saro Gorgis arbeitet seit Jahren als wissenschaftlich-kurative Assistenz in diversen Museen und bereitet dort Ausstellungen mit vor. Zwei-Jahres-Verträge sind in dem Bereich üblich, sie suchte daher einen sicheren Job, unbefristete Verträge und eine Perspektive für die Zukunft. Drei Semester hat sie nun schon hinter sich und das Zertifikat in der Tasche, das sie für den Master-Studiengang braucht. Studierende, die in ihrem Erststudium keines der relevanten Grundschul-Hauptfächer studiert haben - Deutsch, Mathe und Sachunterricht -, müssen vorher innerhalb von zwei Semestern ein Zertifikat erwerben, um in den Master starten zu können. Der dauert dann nochmal vier Semester, ein Praxissemester inklusive. Dann folgt das Referendariat. "Wir haben einen Notstand an den Schulen", sagt Saro Gorgis, "aber wir haben einen sehr festgelegten Idealstudienverlaufsplan." Der hat strenge Fristen - wenn dann ein gefordertes Seminar aus Kapazitätsgründen ausfällt, müssen Studierende im Zweifel länger studieren.

Gerade für die ist das schwer, die beim Eintritt in ihr zweites Studium schon Familie haben. So wie Jakob Hort: Der Anfang Vierzigjährige ist Historiker, hat sieben Jahre als Erzieher in Grundschulen gearbeitet und ist Vater von drei Kindern. "Meine Frau arbeitet Vollzeit im Schichtdienst als Ärztin, und ich muss mich halt auch um die Kinder kümmern und nebenbei studieren. Das Studium ist aber Vollzeit. Also es ist schwierig, das zu vereinbaren." Dabei hat er sogar noch Glück: Er ist nicht darauf angewiesen, neben dem Vollzeitstudium noch seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Denn für die Quereinsteiger-Studierenden gibt es kein Bafög, sie müssen sich selbst finanzieren.

Praktika - selbst wenn schon unterrichtet wird

Neben Saro Gorgis und Jakob Hort berichten auch weitere Studierende von Problemen und Frust: "So wie das Studium inhaltlich und organisatorisch aufgebaut ist, macht es meiner Meinung nach überhaupt keinen Sinn", äußert sich ein 44-Jähriger Student gegenüber dem rbb. "Viele von uns arbeiten schon lange an Schulen mit großen Schülergruppen und haben teilweise schon Klassenleitungen übernommen, müssen trotzdem unbezahlte Praktika machen und sich am Ende des Studiums noch mit unsinnigen Forschungsseminaren und Theorieseminaren abquälen. Das wirkt alles nicht gerade dem Lehrkräftemangel entgegen und trägt auch nicht zur Steigerung der Motivation bei."

Räume fehlen

Masterarbeiten verzögerten sich, weil Betreuer fehlten, heißt es. Für Seminare fehlten Räume. Dabei könnte zumindest dieses Problem - bei besserer Planung - gelöst werden: In der Invalidenstraße 110 steht ein großes Gebäude der Humboldt-Universität mit zig Räumen leer. Es ist ein riesiger Klotz mit grauer Betonfassade an der Kreuzung zur Chausseestraße. Für Umbau und Sanierung wurde das Gebäude leergezogen. Doch noch bewegt sich nichts. Zurzeit nutzt die Humboldt-Uni daher zum Beispiel in der Schönhauser Allee Räume als Ersatz - nur dass dort die Studierenden in den dritten Woche des Sommersemesters noch keine Möbel vorfanden.

Auch eine Studentin betont, dass sie bereits fest in einem Klassenteam arbeite und stellvertretende Klassenlehrerin sei. Doch nach dem Studienverlaufsplan müsse sie ein unbezahltes Praxissemester absolvieren, das bewusst nicht an einer Schule durchgeführt werden solle, an der man bereits tätig war. Begründet würde das mit Rollenkonflikten. Diese Regelung führe dazu, dass Studierende unbefristete Stellen und die von ihnen geleiteten Klassen für das Praxissemester aufgeben müssten, kritisiert sie. Es sei für sie unverständlich, dass hier nicht mehr Flexibilität möglich sei.

Studierende fordern mehr Flexibilität

Von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie heißt es, dass das Master-Studium für Quereinsteiger im Grundschullehramt seitens der Universitäten einen hohen Aufwand erfordere. Die Studierenden kämen mit unterschiedlichsten Voraussetzungen an die Universitäten, betont Sprecher Martin Klesmann. Daher sei der Betreuungsaufwand höher als bei Regelstudierenden. Außerdem, so Klesmann, hätten aufgrund der Corona-Pandemie in den vergangenen zwei Jahren räumliche und personelle Kapazitäten eingeschränkt werden müssen.

Eine Lösung, sagen sowohl Jakob Hort wie Saro Gorgis, könne doch sein, Unterricht in Präsenz und online anzubieten. Das würde Raumprobleme lösen und den Studierenden mehr Flexibilität ermöglichen. "Ich würde mir wirklich wünschen, dass der Fokus auf die Lehre gelegt wird", sagt Saro Gorgis. "Dass mehr Interesse da ist von Seiten des Senats, auch von Seiten der Universität, die Studierenden zu unterstützen."

Sendung: rbb24 Abendschau, 09.05.2022, 19:30 Uhr

Beitrag von Christina Rubarth

24 Kommentare

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  1. 23.

    Etwas Gutes hat diese Aktion. Die zukünftigen Arbeitnehmer merken vom ersten Tag an, wie es bei ihrem Arbeitgeber um Interesse, Wertschätzung, Zukunftsorientierung und Arbeitsplatzausstattung bestellt ist. Und daß die Kampagnen bei Instagram & Co. die Wirklichkeit überhaupt nicht widerspiegeln.

  2. 22.

    Es gibt Quereinsteiger, die sich durchgequält haben, weil sie ihren Traumberuf gefunden haben und jetzt besseren Unterricht machen, als Lehrkräfte, die Jahrzehnte im Dienst sind und „keen‘ Bock“ mehr haben! Bitte nicht so pauschalisieren.

  3. 19.

    Innenarchitekt*innen planen Innenbereiche für Schüler*innen, damit sie - sowie ausgebildete Lehrer*innen, Studierende sowie Quereinsteiger*innen - nicht im "Regen steh'n!"

  4. 18.

    So ist es. Quereinsteiger sind erforderlich, weil die hiesigen Landespolitiker bei der Besetzung der Lehrerstellen komplett versagt haben. Damit verbunden ist eine völlige Entwertung des regulären Lehrerberufes. Aber das, wenn ich mal so direkt sagen darf, "kaputte Berlin" ist ein Einzelfall. Nirgends in Deutschland ist der Anteil von Quereinsteigern beim Lehrerberuf so hoch wie in Berlin.
    Eine Untersuchung, warum ausgerechnet in Berlin Lehrerstellen nicht attraktiv sind, wäre fällig, aber ist wohl nicht erwünscht.

    https://magazin.sofatutor.com/lehrer/hilfe-bei-lehrermangel-seiten-und-quereinstieg-bundeslaendervergleich/

  5. 16.

    Quereinsteiger sind fachwissenschaftlich ausgebildet und müssen nur über ein Referendariat im Schnelldurchgang eine Lehrbefähigung erwerben (aus eigener Erfahrung weiß ich: strukturell wird dabei quasi verhindert, dass man guter Pädagoge wird).
    Seiteneinsteiger müssen noch ein Fach "nachstudieren" und DANN ein Referendariat machen.
    Ich würde mir wünschen, dass die Qualität den Unterrichts von Quer-, Seiten oder Sonstwie-Einsteigern erst beurteilt wird, wenn sie eine qualitativ fundierte Ausbildung erhalten haben.
    Aus Negativbeispielen in Seminaren lernt man nicht soviel wie von guten Dozenten.

  6. 15.

    Meiner Meinung nach wird durch die Quereinsteigerregelung das klassische Lehramtsstudium (Richtig mit Fächern und so....) komplett entwertet. Man muss in Berlin nur einen Bachelor in "irgendwas" (Fall aus dem Bekanntenkreis: Ergotherapie) haben und darf dann Grundschullehrer:in werden. Huschi-Wuschi mit Masterstudium ausgebildet. Da kann doch fachlich nichts bei rumkommen.

  7. 14.

    Ich muss aus Erfahrung sagen, dass viele Quereinsteiger nicht immer guten Unterricht machen. Umso wichtiger, dass sie zumindest zum Teil das Studium nachholen. Viele Sachen im Studium machen nicht viel Sinn - für alle. Also Augen zu und durch. In Berlin wird das sowieso nicht mehr besser - Danke an den Senat.

  8. 13.

    Gemäß der in Berlin üblichen Verantwortungsdiffusion ist NIEMAND konkret schuld an dem beschriebenen Zustand.

  9. 12.

    Ein anschaulicher Kommentar der sehr gut beschreibt, warum Sie nicht "angelockt" werden. Ihre beruflichen und Bildungsanstrengungen war nicht umsonst und dürfen das auch nicht werden. Denn Ihre, etwas "bedauerlichen Zeilen" stehen in einem ganz anderem Licht, wenn man bedenkt, dass diese 20 Jahre auch Rentenpunkte und Lebensarbeitszeit bedeuten (incl. Lehrzeit!). "Hintenraus" wird das mal zum Vorteil werden... Da muss sich die Bildungsverwaltung in der ganzen Einstellung noch sehr ändern, um attraktiv (für Sie) zu werden. Z.Z. ist sie es nicht.

    P.S. Wer zuerst 45 Jahre Einzahlungen in die Rentenkasse voll hat, kann als Gewinner gelten, wenn eines Tages das Rentenalter ganz abgeschafft/ersetzt wird. Gerecht wäre es... und wird kommen...müssen.

  10. 11.

    Auch für Quereinsteigende gibt es Vorgaben. Ich habe mit 16 Jahren meine Berufsausbildung begonnen und aus familiären Gründen kein Abitur gemacht. Ich habe mit Mitte 20 meine Fachwirtausbildung neben einem Vollzeitjob absolviert und somit die Hochschulreife aber auch einen Abschluss, der dem Bachelor gleichkommt. Ich war in meinem Leben noch nie einen Tag arbeitslos und gehe nun seit 20 Jahren durchweg arbeiten. Ich möchte mich gern beruflich neu orientieren und habe mich bereits über die Einstiegsmöglichkeiten im Lehrberuf informiert. Leider wird es mir versagt, diesen Quereinstieg zu nutzen. Das ist schade und sehr ablehnend...so wie ihr Kommentar.

  11. 10.

    Hier ist der deutsche Amtsschimmel voll in seinem Element. Da hilft nur ein eiserner Besen, um alles zu entrümpeln. Aber dazu benötigt man mutige Politiker und keine Duckmäuser!

  12. 9.

    Es ist die Politik, die möglichst lange Praktika, Überschneidungen (also ohne direkten Anschluss in den Beruf), in der Gestalt, "kostenlose" Arbeit "genießt". Absicht? Es scheint so. Der gefühlte Ton, gepaart mit der Arroganz bestimmter Sachbearbeiter gegenüber Berufsanfängern (dann Mitte 40?)kann zu Ablehnung weiter zu machen führen.

    Oft hören wir auch hier von Kommentatoren Neiddebatten, ohne Berücksichtigung der Anstrengungen und Entbehrungen, so wie sie hier von Herrn Hort beschrieben werden. Da kann man etwas genauer darüber nachdenken, wenn es heißt: auch Besserverdiener müssen irgendwo wohnen...

    P.S. Die Verwendung des falschen *-Plural, entgegen des dt. Rechtschreibrates, kann aber auch nachteilig im Beruf sein... Raten Sie mal warum?

  13. 8.

    Schade dass es der Fachbereich nicht schafft nach den Jahren der Pandemie hybride Veranstaltungen zu machen. Spricht Bände über die beteiligten Dozenten.
    Wäre eine gute Möglichkeit zur Teilhabe für beeinträchtigte Personen, Erziehende und Studenten die nebenher noch arbeiten müssen.

  14. 7.

    "Quereinsteiger ... klagen"
    Lieber RBB, investiert für dieses wichtige Thema doch bitte ein wenig mehr Zeit. Das Problem ist ja nicht, dass es den Quereinsteigern schlecht geht, weil keine Stühle im Seminarraum stehen, sondern dass die Landespolitik den Ernst der Lage an den Schulen nicht zu begreifen scheint.
    Ich selbst habe Anfang des Jahres meinen Versuch des Quereinstiegs abgebrochen: Ich war bereits mit einer Schulleitung einig, die wollte mich gern als Lehrer für Mathematik einstellen. Die mir von der Senatsverwaltung angebotenen Konditionen waren für mich aber leider nicht machbar. Und damit meine ich nicht das Geld, ich arbeite jetzt sogar für ein geringeres Gehalt.

  15. 6.

    Quereinsteiger sind eine Notlösung und naturgemäß kann es da keine fertige Lösung geben, denn im Grunde kann ja jeder, der schonmal irgendwas studiert hat, "Quereinsteiger" werden.
    Oder, wenn man es nicht so mainstreamed ausdrücken will, Quereinsteiger sind im Grunde akademische Ausbildungsabsolventen, die sich in einem Beruf, der sich an ihrer Erstausbildung orientierte, nicht Fuß fassen konnten, für die der Steuerzahler schon mal für ihre Erstausbildung für eine andere Fachrichtung tief in die Tasche gegriffen hat.

  16. 5.

    Den Schülern geht es nicht besser als den Studenten.
    Es ist ein Skandal was sich an unseren Schulen abspielt.
    Sehr viele Kinder werden keinen vernünftigen Abschluss haben.

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