Prozess gegen mutmaßlichen KZ-Wachmann - Staatsanwalt fordert fünf Jahre Haft für 101-jährigen Angeklagten

Di 17.05.22 | 17:08 Uhr | Von Lisa Steger
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Archivbild: der Angeklagte mutmaßliche KZ-Wachmann im Herbst 2021 vor Gericht (Quelle: dpa/Fabian Sommer)
Audio: Antenne Brandenburg | 17.05.2022 | Lisa Steger | Bild: dpa/Fabian Sommer

Fünf Jahre soll ein mutmaßlicher früherer SS-Wachmann im KZ Sachsenhausen in Haft - das hat die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer gefordert. Der heute 101-Jährige sei ein "Rädchen im Vernichtungswerk" gewesen und habe im KZ Karriere gemacht. Von Lisa Steger

Der 101 Jahre alte Brandenburger, der rund drei Jahre lang SS-Wachmann im Konzentrationslager Sachsenhausen gewesen sein soll, könnte für fünf Jahre in Haft kommen. Das zumindest hat die Staatsanwaltschaft beantragt.

Seit Anfang Oktober muss sich der 101-Jährige wegen Beihilfe zu über 3.500 Morden verantworten. Das Landgericht Neuruppin verhandelt in Brandenburg an der Havel in einer eigens umgebauten Turnhalle.

"Die Urkundenlage ist eindeutig, es gibt keinen Zweifel", erklärte Oberstaatsanwalt Cyrill Klement am Dienstag in seinem Plädoyer. Zahlreiche Dokumente belegen nach seinen Worten, dass es sich bei Josef S. auf der Anklagebank um den Mann selben Namens handelt, der von Ende 1941 bis zum Februar 1945 bei der SS in Sachsenhausen diente. Es handele sich um Unterlagen der SS, aber auch Briefe von Angehörigen des nunmehr Angeklagten.

Mehr als eine Randfigur

Als Wachmann habe der Angeklagte von den Türmen aus jeden Winkel des Lagers sehen und mit dem Maschinengewehr erreichen können, so Oberstaatsanwalt Cyrill Klement. Wachmänner hätten die erschießen sollen, die flüchten wollten. In sechs Kompanien habe Josef S. als SS-Mann gedient, zuletzt als Rottenführer. Das war der höchste Mannschaftsdienstgrad, eine Führungsposition mit Verantwortung für vier bis acht andere SS-Männer.

"Sie haben im KZ Karriere gemacht", sagt Klement in Richtung des Angeklagten. Er nannte den 101-Jährigen ein "Rädchen im Vernichtungswerk". Daher die Forderung nach einer Verurteilung zu fünf Jahren Haft. "Das ist unsere Sicht der Dinge, aber ob es zu einer Vollstreckung von fünf Jahren kommt, das steht jetzt nicht zur Debatte", sagte Cyrill Klement dem rbb nach seinem Vortrag. Er wolle dem Urteil nicht vorgreifen.

Strafmildernd wirke für den Angeklagten, dass er sich dem Verfahren trotz Alter und Krankheit gestellt habe, so Klement. Der Hochbetagte ist erst vor einigen Wochen an Bein und Fuß operiert worden und hatte zudem Corona. Zudem gibt es keine Einträge im polizeilichen Führungszeugnis, und die Taten lägen lange zurück. Er sei erst 21 Jahre alt gewesen, als er der SS beitrat, und habe unter dem Einfluss der NS-Ideologie gestanden, so Klement weiter.

Gegen Josef S. allerdings spreche vor allem die unvorstellbare Grausamkeit der Taten und die hohe Zahl der Opfer. Sie wurde, wie der Oberstaatsanwalt betont, nur vorsichtig geschätzt. Es waren vermutlich weit mehr.

Grausamste Mordmethoden

In dem Zeitraum von 1942 bis 1945 legt Klement dem Angeklagten Beihilfe zu exakt 3.522 Morden zur Last. Er listet akribisch auf: 200 sowjetische Kriegsgefangene starben durch einen Genickschuss in einer eigens dazu konstruierten Anlage - die Betroffenen wurden im Glauben gehalten, sie würden nur medizinisch untersucht. Auch 2.352 Kranke wurden dort ermordet. Weitere 566 Häftlinge seien an lebensfeindlichen Bedingungen gestorben - durch Hunger, Auszehrung und Kälte. Schließlich habe Josef S. Beihilfe zur Vergasung von 400 weiteren Opfern geleistet.

Konkrete Taten konnten Josef S. nicht nachgewiesen werden, räumt Klement ein. Das sei aber nach neuer Rechtsprechung des BGH auch nicht nötig. Es reiche die "fördernde Wirkung des allgemeinen Wachdienstes", so der Staatsanwalt. "Die Wachleute leisteten eine Drohkulisse, die jeden Gedanken an Flucht und Widerstand im Keim erstickte", erklärte Klement. "Die Kommandantur wusste um willige Vollstrecker wie Sie, die diese Taten möglich machten."

Auch auf einen Befehlsnotstand könne sich der Angeklagte nicht berufen; Mord sei auch im Dritten Reich strafbar gewesen. Befehle zu Verbrechen hätten nicht befolgt werden müssen, so Klement. Der Angeklagte, so der Staatsanwalt, hätte dem KZ-Dienst entgehen können, wenn er sich freiwillig an die Front gemeldet hätte. Doch das tat er nicht.

Anwalt: DDR-Behörden wussten von SS-Vergangenheit

Ohne sichtbare Regung verfolgte der 101-Jährige das Plädoyer. Anfang Juni soll Verteidiger Stefan Waterkamp plädieren. Er geht ebenfalls davon aus, dass der Angeklagte SS-Wachmann war - auch, wenn der Angeklagte nach wie vor bestreitet, je im KZ gewesen zu sein.

Der Anwalt sagte dem rbb am Rande des Prozesses, drei Jahre Haft seien mindestens zu erwarten. Waterkamp zufolge muss das Gericht aber auch berücksichtigen, dass die Behörden in der DDR seit den 70er Jahren von der SS-Vergangenheit des Brandenburgers wussten, ihn aber nicht anklagten. "Es ist die Frage, warum nicht?" Möglicherweise sei dies eine "rechtsstaatswidrige Verfahrensverzögerung".

Verteidigung will bei Haft-Urteil in Revision gehen

Am 23. Mai wird der Prozess mit weiteren Plädoyers fortgesetzt. Dann haben die Anwälte der Opfer und der Hinterbliebenen das Wort. Anfang Juni könnte das Urteil verkündet werden.

Rechtskräftig wird es wohl zunächst nicht, denn der Verteidiger will in Revision gehen, wenn seinem Mandanten eine Haftstrafe droht. Da der Hochbetagte nicht in Untersuchungshaft ist, kann es acht oder neun Monate dauern, bis der Bundesgerichtshof entscheidet, zeigten sich mehrere Anwälte im rbb-Interview überzeugt – wenn der Angeklagte dann noch lebt.

In diesem Fall würde das Urteil erst im kommenden Jahr rechtskräftig werden. Josef S. wäre dann 102 Jahre alt. Ein Gutachter müsste entscheiden, ob er noch haftfähig ist. Anwalt Thomas Walther, der elf der Nebenkläger vertritt, hält das für möglich. "Es gibt Haftkrankenhäuser in jedem Bundesland", sagte er im rbb-Interview. Die Versorgung eines Hochbetagten sei dort gewährleistet.

Sendung: Antenne Brandenburg, 17.05.2022, 14 Uhr

Beitrag von Lisa Steger

30 Kommentare

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  1. 30.

    Ich versuche noch ein drittes mal eine Antwort an Steffen, und reduziere sie soweit, als dass sie nun hoffentlich vom zuständigen Redakteur zugelassen wird. Danke!

    Antwort auf Steffens Frage an mich: Die Bedeutung des von mir verwendeten Eingangswörtchens "zumindest" ist Ihnen aber schon bekannt, oder Steffen?

  2. 29.

    Der Unterschied zwischen der AfD und einer Besuchergruppe der AfD (=Gäste) ist Ihnen aber schon bekannt, oder?

  3. 28.

    Zitat: ""Die AfD hat behauptet".. Quelle?"

    Zumindest hat dies, und noch mehr, jemand aus einer AfD-Besuchergruppe aus dem Wahlkreis von A. Weidel behauptet.

    https://www.tagesspiegel.de/politik/rechtsradikale-in-sachsenhausen-polizei-ermittelt-gaestegruppe-von-afd-spitzenfrau-weidel-hetzt-in-kz-gedenkstaette/22976378.html

  4. 27.

    Sie liegen falsch. Warum sollte man Ihnen und nicht den Experten glauben?

  5. 26.

    Das mit der RAF ist so nicht ganz richtig. Für die Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord musste schon eine sehr enge Tatbeteiligung oder zumindest das Angehörigsein zum Führungskreis nachgewiesen werden. In der Regel war das eben nicht der Fall. Wenn man den Grundsatz aber konsequent anwenden würde, müsste heute auch jeder IS-Angehörige ausnahmslos wegen Beihilfe zum Mord verurteilt werden und nicht nur wegen Zugehörigkeit zu einer Terrororganisation. Wo liegt denn effektiv der Unterschied zwischen einer KZ-Sekretärin und einer IS-Braut? Bei einem Wachmann verstehe ich den Vorwurf ja zumindest noch in Ansätzen, aber der Grundsatz wird eben auch auf absolute Helfershelfer ausgeweitet. Da wird es dann zumindest in Teilen absurd. Genau so absurd, wie einen 101-Jährigen ernsthaft in Haft schicken zu wollen, nachdem dessen Tun Jahrzehnte lang bekannt war.

  6. 24.

    Bei der RAF sind die Angeklagten wegen Mitgliedschaft in einer Terroristischen Organisation verurteilt worden. Auch wegen Mordes selbst wenn man ihnen keine direkte Tatbeteiligung nachweisen konnte

    Das die SS eine Terroristische Organisation war steht außer Zweifel. Das sollte allgemein schon für eine Verurteilung reichen

  7. 23.

    Besorgen Sie sich mal das rechtskräftige Urteil Az.: 617 Ks 10/19 jug des LG Hamburg Jugendkammer v. 23.07.2020 bezüglich eines Wachmanns im KZ Stutthof. Beihilfe zum Mord in 5232 Fällen.

    Diese Richter haben sich bemüht, ein gerechtes Urteil zu sprechen, welches ihnen m.E. auch gelungen ist.
    Ich zitiere ab RN 504:

    .... hat die Kammer eine Jugendstrafe von zwei Jahren als schuldangemessen erachtet.

    Die Kammer hat die Strafe gemäß § 21 Abs. 2 JGG zur Bewährung ausgesetzt. Es war zu
    erwarten, dass der Angeklagte auch künftig einen rechtsschaffenden Lebenswandel führen
    wird, wie er es die letzten 75 Jahre seit der Tat getan hat. Ein Vollstreckungsbedürfnis
    im Hinblick auf seine Entwicklung besteht nicht.

    Das Gericht hat in dem Fall den erzieherischen Gedanken des Jugendstrafrechts anerkannt und war überzeugt, dass auch eine Bewährungsstrafe dazu führt, nach der Tat im weiteren bis zum Lebensende einen rechtschaffenden Lebenswandel zu führen.

  8. 22.

    Kleiner Logikfehler des Staatsanwalts: bezüglich der 200 sowjetischen Kriegsgefangen kann sich der Angeklagte auf Befehlsnotstand berufen. Kriegsgefangene werden üblicherweise bewacht, dazu hatte er Befehl. Die Erschießung von Kriegsgefangen war ein Kriegsverbrechen. Die Rechtslage, auch des deutschen Reichs, war so, dass der Befehl zur Ermordung eines Kriegsgefangenen hätte verweigert weden müssen. Insofern durfte der Angeklagte darauf Vertrauen, dass die ledigliche Bewachung von Kriegsgefangenen keine Beihilfe zu Mord darstellt. Lt. StA war eine direkte Teilnahme an Morden nicht nachzuweisen.

    Außerdem ist es praktisch gesehen, ein (aus der Sicht des Angeklagten) sehr kostengünstiger Pflegeheimplatz. Er bekommt seine tägliche Stunde Ausfahrt im Rollstuhl. Im "normalen" Pflegeheim reichen dafür die Pflegekräfte nicht, eine individuelle Betreuung täglich für 1 Stunde im Freien durchzuführen.

  9. 21.

    Meiner Meinung nach gibt es die Pflicht zum Widerstand für alle. Wer den nicht leistet ist moralisch mitschuldig. Das rechtlich zu bewerten ist schwierig.
    Ich danke den Franzosen. Auf allen Gedenksteinen steht: Hier ermordeten die Nazis...es waren nicht die Nazis, es waren Deutsche. Alle die damals hätten handeln können sind mitschuldig.

  10. 20.

    Fünf Jahre währen ja prinzipiell für die Tat angemessen, wenn sich die Richter und Staatsanwälte selber seinerzeit nicht , sonder wegen Mordes zu lebenslänglich verurteilt hätten. Doch die Justiz hat Milde sich selbst gegenüber walten lassen, ist aber streng gegen ihre einstigen Gehilfen.

  11. 19.

    Quasi zum Sterben ins Gefängnis.

  12. 18.

    2018 hat die AfD behauptet, in Sachsenhausen hätte es keine Gaskammern gegeben. Vielleicht haben Sie sich dort informiert? Das wurde als Volksverhetzung eingestuft.

  13. 17.

    Ihr kommentar sollte nachdenklich machen , viele Menschen gehen auch heute mit der Majorität

  14. 16.

    Je weiter die Zeit zurück reicht, um so größer und mutiger wird der Widerstand gegen das Dritte Reich.
    Hand auf's Herz: Die meisten von uns wären schlichtweg Mitläufer gewesen und nicht im aktiven Widerstand. Die, die am lautesten schreien, wären mit Sicherheit die Ersten gewesen, denen es den rechten Arm nach oben gerissen hätte. Aus der Entfernung ist leicht Reden und Moralpredigten halten. Wir alle sind doch einfach nur glücklich, dass wir diese dreckige Zeit nicht mitmachen mussten.

  15. 14.

    Man kann es auch anders sehen: Nicht mal die DDR, und die war bei der Verurteilung von Nazis nun wahrlich nicht zimperlich, ist auf die Idee gekommen, dass der Wachdienst eine Beihilfe zum Mord dargestellt hat. Dieses Konstruktes hat sich erst die gesamtdeutsche Justiz bedient, um seinerzeit Demjanjuk doch noch irgendwie dranzukriegen. Ob diese Sicht juristisch gerecht ist, darüber streiten sich die Fachleute, es ist vom Bundesgerichtshof als zulässig erachtet worden. Das freilich erst, nachdem alle Nazi-Richter im Grabe lagen, man hätte den einen oder anderen von denen sonst womöglich auch mit drankriegen müssen. Die jetzige Prozesswelle mutet daher schon sehr aktivistisch an, um die Justiz schnell noch an den letzten kleinen Helfern reinzuwaschen. Einen Nutzen gibt es längst nicht mehr, dafür hätte man diese Rechtsprechung schon vor Jahrzehnten anpassen müssen. Fünf Jahre Haft? Der Mann geht keinen Tag seines Lebens hinter Gitter, in dem Zustand. Das ist lächerlich.

  16. 13.

    So, so.
    Dem KZ-Dienst durch freiwillige Meldung zur Front entgehen...
    Äh???
    Wer ist denn so blöd und geht freiwillig an die Front?
    So ein Mist kann wohl nur deutschen Juristen einfallen.
    Ich verteidige nicht das Verhalten der Täter. Aber dieser Prozess, 77 Jahre nach Ende des Nazi-Regimes,ist nichts weiter als eine Farce.

  17. 12.

    "...sondern dort sogar Karriere gemacht."
    DAS kann man ihm für volle 3,5 Jahre Dienst nun sicher nicht ernsthaft nachsagen: Rottenführer ist der zweitniedrigste Beförderungsdienstgrad im ganzen SS-Gefüge, entspricht in etwa einem Obergefreiten außerhalb. Also Unsinn. Die bekannten Tatvorwürfe reichen doch völlig aus.

  18. 11.

    Vielen Dank für Ihren Hinweis. Allerdings gab es laut der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten auch im KZ Sachsenhausen eine Gaskammer, wie sie hier nachlesen können: https://www.sachsenhausen-sbg.de/ausstellungen/dauerausstellungen/mord-und-massenmord/

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