Pläne für Fläche in Friedrichshain - Die Zukunft des RAW-Geländes wird "ˈɝbən"

Di 17.05.22 | 12:33 Uhr | Von Stefan Ruwoldt
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Archivbild: Innenansicht des RAW-Geländes am Abend. (Quelle: dpa/G. Matzka)
Bild: dpa/G. Matzka

Erst funktional, dann vernachlässigt, später ein Hort für Partys und jetzt ein urbanes Investitionsobjekt: das RAW-Gelände in Friedrichshain. Dienstag werden Pläne für das Gelände präsentiert, die Stefan Ruwoldt kommentiert. Zusammengefasst: Es geht hoch hinaus.

Es ist der ewige Kreislauf der Stadt: Erst ist ein Grundstück oder ein Haus einfach nur nützlich, später abgenutzt und hässlich und noch später kommen dann Aktivisten und machen in der Hässlichkeit Partys, richten sich ein. Eines Tages aber bekommen sie Besuch von Investoren. Die bringen Konzepte mit und Geld, nennen das Ganze "Immobilie" und sprechen nur noch von "Investitionsprojekten". Die Namen dieser Projekte werden auf Englisch verfasst und tragen meist "urban" im Titel. Natürlich englisch betont: ˈɜːbən. Das ehemalige Berliner Reichsbahnausbesserungswerk, kurz RAW, an der Warschauer Straße soll jetzt richtig "urban" werden.

Ein "L" soll die Vergangenheit in die Zukunft retten

In dieser geplanten Zukunft, die auf dem RAW-Gelände mit großen Bauprojekten starten soll, fehlt wohl all das, was den Ort in den letzten 25 Jahren zum schicksten Berliner Partyplatz gemacht hat. Doch das ist der Preis des Urban-Seins: Das Astra Kulturhaus, der Haubentaucher und einige Einrichtungen um den Kletterturm, der Suicide Circus oder eine Galerie etwa müssen ganz oder teilweise dran glauben.

Die Investoren gewähren dem RAW-Gelände eine Art Bestandsschutz mit einer kleinen Straße in Form eines "L". Rundrum aber wird entwickelt. So soll dieses L-Herz des künftigen RAW einen Tower an die Seite gestellt bekommen: ein 100-Meter-Hochhaus, also eine Art Gegenstück zum Amazon-Tower in der Nachbarschaft. Die Argumentationsidee, das Ganze als eine Art Gewinn für das ausschließlich rumplige Gesicht des RAW-Geländes zu verkaufen, lautet "Quadrameter-Geschossfläche": Wenn also hier Büros gebaut werden, müssen unten aus den Hallen und Schuppen keine Büros gemacht werden.

Pläne der Investoren für das Gelände sehen vor, dass hier künftig die Fahrräder auch gesonderte Ständer bekommen, sie zeigen den urbanen Youngster mit Mini-Stadtrucksack beim Latte und ordnen alles, was bisher irgendwie einfach so lief. Ein Einkaufzentrum soll entstehen und eine Reihe weiterer, reichlich schicker Sachen - Büros, Läden, Gastronomie und wohl auch Wohnungen sind Teil der Entwürfe.

Die Entwürfe interpretierte dann auch jeder ganz individuell: "So gut wie fast alle" Einrichtungen auf dem RAW-Geländen blieben erhalten, zitierte die B.Z. Investor Lauritz Kurth. Doch es gehört auch zu den Plänen, dass von Strandbar und Haubentaucher nur die Außenwände bleiben sollen, dass eine Markthalle dort gebaut wird, auf der verglaste Etagen für Gewerbe entstehen. Und das Astra muss im Investorensprech "umziehen".

Archivbild: Touristen nehmen an einer geführten Tour durch das RAW-Gelände teil. (Quelle: dpa/J. Kalaene)

Von Milliönchen zu Millionen

Auf dem Gelände sind teilweise seit Mitte der Neunziger in den Häusern, Schuppen und Hallen Dutzende Vereine und Firmen angesiedelt mit mehreren hundert Mitgliedern und mehreren hundert Mitarbeitern, so die Angaben aus Vorpandemiezeiten. Mehrere Hunderttausend Besucher und Gäste feiern hier regelmäßig oder spazieren hier, hören Konzerte oder treffen sich. All das wurde möglich durch Aktivisten, die lange vor allem durch den Verein RAW-Tempel vertreten wurden und die vielen soziokulturellen Projekten ein Heim auf dem Gelände gaben.

Bereits seit Jahrzehnten gibt es Pläne für eine Bebauung des Geländes. Als Ausbesserungswerk der Bahn wurde es nach der Wende sehr schnell nicht mehr genutzt, dann 1994 geschlossen und nach rund zehn Jahren Unklarheit ging die Bahn selbst an die Öffentlichkeit mit der Idee, es zu bebauen. Es war ihr Besitz, Teil der Erbmasse der Deutschen Reichsbahn der DDR.

Doch nach sieben Jahren war nichts geschehen und die Bahn verkaufte an eine Entwicklungsgesellschaft. Nach Streitigkeiten erwarben mehrere neue Eigentümer das Gelände. 2015 erwarb die Kurth-Gruppe aus Göttingen drei Viertel des Geländes: rund 50.000 Quadratmeter.

Die Berliner Zeitung nannte diesen Kauf 2015 den "Erwerb einer der größten und aufregendsten Freiflächen" Berlins. Der Kaufpreis wurde damals nicht bekannt, die Berliner Zeitung nannte 20 Millionen Euro, die Käufer widersprachen der Zeitung und erklärten nur, er läge darunter. Acht Jahre zuvor hatte die Käufergruppe für das gesamte 100.000 Quadratmeter große Gelände vier Millionen bezahlt. Man ahnt grob, wie die Eigentümer ihren Grundbesitz dort heute bilanzieren können.

In der Nachbarschaft ist viel Geld unterwegs

Die Idee und der Ruf nach Veränderung kommt nun aus hippen Vierteln rundum. Durch Neubebauung von Brachflächen und Sanierung hat sich die Einwohnerschaft gewandelt. Hier ist nun viel Geld unterwegs. Vor allem nachts und mit wenig Rücksicht. Darum soll nun genauer definiert werden, entlang welcher Strecken gefeiert und gefreizeitet wird. Der künftig neu definierte Feierbereich bekommt von der Warschauer Straße einen Zugang mit direktem Anschluss an die Partylinie M10, und auch von der S-Bahn geht es dann direkt ins Getümmel.

Vorstellung von Grobentwurf

Der Grobentwurf, der nun bekanntgegeben werden soll, ist die Essenz aus vier entwickelten und zuletzt im Februar vorgestellten Vorvorschlägen. Dialogwerkstätten nannten sich die Diskussionsrunden des Immobilienbesitzers, der Anwohner, der Betreiber und der Politik. Die Idee war eine möglichst große Übereinstimmung - ein Konsens. Geplanter Umbaustart ist 2024. Am Dientagabend soll dieser Friedensplan verkündet werden.

Sendung: rbb24 Inforadio, 17.05.2022, 09:20 Uhr

Korrektur: In einer früheren Version des Textes wurde für "urban" auf Englisch als die Lautschrift "ʊʁˈbaːn" verwendet. Das ist allerdings IPA für die deutsche Aussprache. Richtig ist "ˈɝbən". Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Beitrag von Stefan Ruwoldt

18 Kommentare

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  1. 18.

    Ich freu mich auch schon auf die neue „Begegnungsstätte“ mit toller „Aufenthaltsqualität“.
    Es wird ein weltberühmtes kulturelles und touristisches Highlight werden.
    Hoffentlich auch mit vielen Tiefgaragen.

  2. 17.

    Ich hoffe das Partyvolk läßt sich nicht abschrecken und wird weitere Jahrzehnte da feiernd die gemachten Versprechen hochleben lassen.
    Das bis dahin zugezogene / angesiedelte Neue wird das schon verkraften und verstehen.
    Und schließlich der Knüller: „dass hier künftig die Fahrräder auch gesonderte Ständer bekommen“! Echt?, endlich mal ein entschlossenes Handeln

  3. 16.

    Schön geschrieben, das mit Momo, und irgendwie hatte Huxley (das andere literarische Werk) auch recht. Ob er es damals "ahnte"?

  4. 15.

    Entschuldigung, leider ist im Falle des RAW Geländes das Urteil zu pauschal. Im Sinne der Sozialräumlichen Vernetzung gibt es hier die einmalige Chance, diese zu erhalten und zu stärken, Gerade für Kinder, Jugendliche und Familien. Das geht nicht ohne Kompromisse und ohne einen Eigentümer oder Investor, mit dem man das aushandeln kann. Ich möchte nicht mit den Nachbar*innen am Ostkreuz und der "Zukunft" tauschen, die Pandeon vor der Nase haben.
    ... und wer sagt, die Nutzer*innen stehen unter dem Druck des Eigentümers sieht nur schwarz/weiß, sie stehen auch unter dem Erwatungsdruck der Mitarbeitenden und Nutzer*innen aus der Nachbarschaft.
    Stadt ändert sich ständig und bei aller (Kapitalismus-) Kritik besteht bei diesem Projekt die einzigartige Möglichkeit, ein bischen mitzugestalten. Statt Verdrängung Transformation bei weiterhin bezahlbarem Kulturraum, auch für die Nachbarschaft.
    Well done Bezirk und Florian Schmidt!

  5. 13.

    Ein Hochhaus, Einkaufsmöglichkeiten und Wohnquartiere auf dem RAW - gute Nacht, Marie, war schön mit Dir. Das wird dem übrigen, "erhaltenen" Kulturbetrieb dort dann wohl nur ein groteskes und zahnloses Antlitz geben, von absoluter Aufgabe sozialräumlicher Vernetzung ganz zu schweigen. Man fühlt sich so alt, wenn man wiederholt Kulturorte sterben sieht. Denn es ist mitnichten ein bloßes Verrücken von einem Kulturort von A nach B - in einer immer teureren Stadt werden sich viele Clubs einen Neuanfang nicht leisten können. Wo der Schutz für Kulturbetriebe bleibt, möchte man sich dabei fragen. Immer das Gleiche, egal wer gerade regiert. Ich stelle mir gerade vor, wie die Leute dort wie bisher tanzen und sich austoben - nur ohne Musik und Co.

    Also dann: Schlafen in Schlafstätten, nicht zu laut atmen oder denken und immer schön Generisches konsumieren.

  6. 12.

    Schon traurig, allein schon der Gedanke, dass man in Berlin 50.000 Quadratmeter eventuell für 20 Millionen bekommt. Das würde ja gerade einmal einen Quadratmeterpreis von 400 € ausmachen. Und dafür bekommt so eine investorengruppe eines der letzten Filet stücke von Berlin in den Rachen geschoben Kultur kaputt gemacht. Auch wenn man sich darüber streiten kann, ob das für manche Kultur ist oder nicht und dafür eine Art. Europaviertel wieder aufgebaut, dass nur Kälte, ausstrahlt und Berlin einfach nur austauschbar macht.

  7. 11.

    Berlin wird das gleiche Schicksal ereilen, wie MUC und HH. Erst hip und anders, dann wollen die in die Jahre kommenden Hipster doch irgendwie schick wohnen. Dann kommt die Investoren und bauen ihre Einheitsbeton- und Glasfaden hin und dann sieht Berlin genau so aus wie die andere hochglanzpolierten Urban-Style Cities. Schick, aber so langweilig wie Bielefeld, nur teurer.

  8. 10.

    In Michael Endes Roman 'Momo' waren die Grauen Herren noch leicht als solche zu erkennen. Heute ist das schwieriger, denn sie können außen einen quietschbunten Anstrich haben und auch ganz weiblich oder divers daherkommen. Um die Lungen fit zu halten, rauchen sie auch keine Zeitzigarren mehr, sondern ernähren sich kohlenhydratarm. Sie wollen jetzt einfach sauberes Geld - und verwandeln dazu Städte auf dem ganzen Planeten in standardisierte, bargeldlose Geldautomaten. Doch was soll's, das ist nun mal der Preis des Fortschritts - weil: wer will sie nicht, die Schöne Neue Welt? Ach so, das ist ja aus einem anderen Roman. Letztlich aber dieselbe Geschichte.

  9. 9.

    Um die Geschichte der Zwischennutzung mal zu konkretisieren:
    Die Nutzung des Geländes durch kulturschaffende begann 1999 durch den frisch gegründeten RAW - tempel e.V. und war erst auf drei Jahre begrenzt. In der Zeit stand die soziokulturelle Nutzung als bildende Kunst, Musik, Tanz, Theater Zirkus u.v.m. im Vordergrund. Erst 2007 / 08 mit dem Übergang an die R.E.D. Berlin Developement GmbH begann die Einrichtung zahlreicher Clubs mit commerzieller Ausrichtung.
    Insofern ist der Beitrag: "Dann kam der Party- und Eventkommerz - von wegen Aktivisten." irreführend und falsch. Seit 1999 gibt es aus den Häusern im kulturellen L Angebote von und für die Nachbarschaft. Aus diesem Kreis kommen diejenigen "Aktivist*innen, die sich für den Erhalt und Ausbau der nachbarschaftlich orientierten Kulturarbeit einsetzen und eingesetzt haben. Leider werden diese Aktivist*innen in der Diskussion immer wieder vergessen. Ohne diese konstruktive Arbeit wäre das Gelände längst planiert.

  10. 8.

    Euer Autor beherrscht wohl leider nicht das internationale phonetische Alphabet, denn das, was da im Titel und auch im Artikel selbsg steht, ist die deutsche Aussprache - nicht die englische ;)

  11. 7.

    Alles fällt Neubau und Hochhäusern zum Opfer...Tacheles ist schon weg...jetzt das RAW Gelände...gänzliche Kultur wird niedergemacht...traurig

  12. 6.

    RAW ist demnächst also auch Geschichte. Ist dann Friedrichshain noch irgendwo, irgendwie interessant, oder schon die Vorstufe von Bullerbü, Blankenese (HH) oder Sendlinger Tor (MUC)? Wohin zieht jetzt das Partyvolk?

  13. 5.

    Stück für Stück wird so unwiederbringlich Kultur vernichtet oder sterilisiert, die Berlin so wertvoll, lebenswert und einzigartig macht.
    Es ist traurig... Viele tolle Clubs und Locations mussten in den letzten Jahren weichen, nur damit wieder irgendein Investor Geld aus der Zerstörung vin Kultureinrichtungen scheffeln kann... und die Politik interessiert es nicht.

  14. 4.

    1994 war das Gelände schon Erbmasse der Deutschen Reichsbahn der Bundesrepublik Deutschland, die neben der Deutschen Bundesbahn als Sondervermögen bestand. Vom Zug DDR sah man derzeit nicht mal mehr die Rücklichter ...
    Dann kam der Party- und Eventkommerz - von wegen Aktivisten. Als ewige Zwischenmutzung, bis der Immobilienmarkt brummt. Und jetzt muss sich zeigen, was aus der typisch aufgeblasenen Investorenlyrik tatsächlich wird.

  15. 3.

    Das ist richtig gutes Marketing: Erst den Kreativen und Clubs in einer abgeranzten Szenerie den Freiraum lassen, damit viele es als hipp und cool sehen. Dann nen merkwürdigen Namen drüber stülpen und das Gelände "entwickeln" und es richtig fett als cooles neues Stadtquatier in Eingentumskrümeln verkaufen. Und wenn erstmal viele Leute da leben, die viel Geld dafür bezahlt haben und ihre Ruhe haben wollen, ist vorbei mit dieser coolen hippen Szene. Und die Karavane zieht weiter...
    Auf diese Weise sind schon viele Ecken in Berlin und anderen Großstädten kaputt gegangen. Was übrig bleibt, ist dann nur noch der bekannte Spruch... früher, da wars mal...

  16. 2.

    gelingt - von gelingen
    gelinkt - Synonym für vernetzen
    Beides passt...

  17. 1.

    Die Eigentümer gehen clever vor: Hält man die "Szene" und das Flair fest, hat das auf den Wert einer Immobilie Einfluss. Wenn das über viele Jahre gelinkt, dann haben die einen Preis verdient... und die Mitmachenden, die das ja erst ausmachen, erst recht.

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