Täglich schlechte Nachrichten aus der Heimat - "Es gibt keine Pressefreiheit mehr in Afghanistan"

Di 03.05.22 | 08:14 Uhr
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Die Journalistin Zainab Farahmand ist vor den Taliban nach Berlin geflohen. (Foto: Robert Holm/rbb)
Audio: Radioeins| 03.05.2022| Gespräch mit Robert Holm | Bild: Robert Holm/rbb

Zainab Farahmand ist vor den Taliban nach Berlin geflohen. Von hier aus muss sie zusehen, wie in ihrer Heimat die Pressefreiheit schwindet – gerade jetzt, wo sie so wichtig wäre. Ein Blick auf die Lage am Tag der Pressefreiheit. Von Robert Holm

Als die Frage mit dem Gefängnis kommt, wird Zainab Farahmand ganz still. Es geht um den August letzten Jahres, als die Taliban in ihrem Heimatland Afghanistan die Macht übernahmen. Als sich plötzlich Menschenrechtsaktivist:innen verstecken mussten. Als tausende Menschen zum Flughafen Kabul strömten, um dem neuen Regime zu entkommen. Hatte sie da auch Angst vor Verfolgung, vielleicht sogar vor dem Gefängnis? Farahmand denkt nach. Holt tief Luft. Stille. "Können wir diese Frage weglassen?", fragt die 26-Jährige auf Englisch.

Sie sitzt in einem Tonstudio in Berlin-Friedrichshain. Hier wird der Podcast von "Reporter ohne Grenzen" aufgezeichnet. Gerade hat Farahmand von ihrer Arbeit als Journalistin in Afghanistan erzählt. Schon bevor die Taliban die Macht übernahmen, war diese Arbeit nicht leicht. Besonders für eine Frau, noch dazu eine, die keine Angst hat vor Themen wie Gleichberechtigung oder Gewalt in der Ehe: "Ich habe zum Bespiel über zwei Frauen berichtet, die von ihren Ehemännern vergewaltigt wurden", erzählt sie.

Pressefreiheit war schon immer gefährdet

Doch es sei schwer gewesen, Zeitungen zu finden, die diese Themen drucken. Schon vor der Machtübernahme der Taliban lag Afghanistan in der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen auf Platz 122 von 180. "Warlords haben Journalisten beeinflusst, damit diese nicht unbequem werden. Und die Medien haben sich natürlich auch genau überlegt, welche Berichte ihnen Vorteile bringen könnten", erzählt Farahmand, "trotzdem war die Lage für Journalisten besser als heute. Denn wir hatten zumindest auf dem Papier Meinungsfreiheit in Afghanistan."

Und die hat Zainab Farahmand genutzt, um die Lage des Landes aus ihrer Sicht zu beschreiben, auch für ausländische Medien. Schon 2020 verfasste sie unter der Überschrift "Die Taliban sind unsere Feinde" einen Artikel für die "Welt am Sonntag". Veröffentlicht wurde er unter ihrem Klarnamen: Eine weibliche Journalistin, die auch noch gegen die Taliban schreibt - heute völlig undenkbar: "Die Medien werden jetzt von den Taliban kontrolliert. Sie verbieten Frauen im Fernsehen oder in den Nachrichten. Frauen haben es jetzt generell viel schwerer."

Hilfe für geflüchtete Journalist:innen

"Frau Farahmand hatte Glück", sagt Katja Heinemann von Reporter ohne Grenzen. Nach Angaben der Organisation haben es ungefähr 2.600 Menschen aus dem Land geschafft: Journalist:innen, Jurist:innen, Menschenrechtsaktivist:innen, die vor den Taliban geflohen sind und etwa in Deutschland ein Visum bekommen haben. "Aber es gibt immer noch Dutzende geflohene Journalistinnen und Journalisten, die es nicht hierher geschafft haben. Sie sitzen in Drittländern wie Iran oder Pakistan fest. Die erhoffen sich seit acht Monaten eine Aufnahme in Europa oder Amerika, aber können einfach nicht weiterreisen."

Doch selbst, wenn die Weiterreise gelingt - die Probleme bleiben groß. Das merkt auch Farahmand. Sie will weiter als Journalistin arbeiten und muss dafür fast bei Null anfangen: Netzwerke aufbauen, das Land verstehen, Themen finden. Und dann noch eine neue Sprache lernen. Das alles ist viel auf einmal. Reporter ohne Grenzen unterstützt viele geflüchtete Journalist:innen. "Außer Geld brauchen diese Kolleginnen und Kollegen einfach kollegiale Beratung, Strukturen: Wie schreibe ich einen Businessplan, wie kann ich vielleicht ein Exilmedium so betreiben, dass das auch nachhaltig möglich ist?", sagt Katja Heinemann. "Es braucht Ausstattung, es braucht Vernetzung. Es braucht Zugang zu Redaktionen, die vielleicht Arbeitsmittel zur Verfügung stellen."

Auch Farahmand wird von Reporter ohne Grenzen unterstützt. Seit ihrer Flucht konnte sie schon Artikel veröffentlichen, unter anderem in der "Welt" und im "Tagesspiegel". Dabei brauchte sie Unterstützung, denn sie spricht noch kein Deutsch. "Das muss ich unbedingt lernen, das ist sehr wichtig", sagt sie auf Englisch und lacht. Sie versucht fröhlich zu bleiben. Trotz der schlechten Nachrichten, die sie täglich aus der Heimat bekommt, von ihrer Familie, Freundinnen und Freunden, ehemaligen Kollegen.

Regelmäßig schlechte Nachrichten

"Ich habe gerade von einem Journalisten gehört, der verhaftet wurde, nur weil er über eine Demonstration der Volksgruppe Hazara berichtet hat", erzählt sie in dem Berliner Tonstudio. "Und nur einen Tag später wurde ein anderer Journalist entführt, von dem wir nichts weiter gehört haben." Doch darüber wird in ihrer Heimat nicht berichtet. Afghaninnen und Afghanen haben immer weniger Möglichkeiten, sich zu informieren.

Und das wird Folgen haben, glaubt Zainab Farahmand: "Das führt in den Fundamentalismus. Vormals hatten wir hier Terrorgruppen und die machen gerade das ganze Land zu Terroristen." Es gibt keine freie Presse mehr in Afghanistan und die Folgen sind fatal.

Sendung: Radioeins, 03.05.2022, 08:40 Uhr

6 Kommentare

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  1. 6.

    Wir sollten nicht vergessen, dass die BRD in Bezug auf die Pressefreiheit um zwei Plätze auf Platz 16 abgerutscht ist. Eine Tendenz, die wir seit Jahren erleben.
    Unter anderem durch eine Gesetzgebung, die Journalistinnen und Journalisten sowie ihre Quellen gefährdet und der abnehmende Medienvielfalt.

  2. 5.

    Es gab doch noch nie eine richtige Pressefreiheit in Afghanistan, auch bevor die Taliban dort das Sagen hatten. Dies läßt doch die dortige Religion schon gar nicht zu.

  3. 4.

    Ich sehe das anders: Der Einsatz hat etwas gebracht. Er hat den Afghanen zumindest eine gewisse Zeit lang (mehrere Jahre) eine relative Ruhe gebracht. Das dies nun vorbei ist, ist schlimm und tragisch. Aber es gab eine - leider nur bgrenzte - relativ ruhige Zeit mit ein paar mehr Freiheiten und Menschenrechten und ein bisschen weniger (Taliban-)Terror. Es war nicht alles umsonst, auch wenn das Ziel (dauerhafte Enttalibanisierung und Demokratisierung) leider überhaupt nicht erreicht wurde.

  4. 3.

    Welch eine Überraschung, wer hätte sowas im ernst erwartet?

  5. 2.

    Afghanistan ist eins der schlimmsten Länder der Welt. Egal welcher Bereich dort, es kann nicht mehr schlimmer kommen fast.
    Afghanistan wird die nächsten mindestens 39 Jahre nicht mehr auf die Beine kommen.
    Das Taliban Freiheit hassen, ist ja nicht überraschend.

  6. 1.

    Das war vorrauszusehen, als wir uns dort vom Acker machten. Aber die Taliban waren dann nicht mehr so schlimm. Ist überhaupt klar, wo das ganze Geld bleibt, was dahin fließt. Außerdem haben wir was anderes zu tun. Wir verteidigen die Demokratie nicht mehr am Hindukusch, warum auch. Diese Menschen wurden nur verar...

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