Volksbefragung 2022 - Zensus-Hotline in Berlin und Brandenburg nur schlecht erreichbar

Mi 25.05.22 | 16:42 Uhr | Von Mara Nolte
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Symbolbild: Ein alter Mann, Senior (Quelle: dpa/Jiri Hubatka)
Audio: Antenne Brandenburg | 25.05.2022 | Kersten Klemm | Bild: Symbolbild: dpa/Jiri Hubatka

Beim Zensus sollen Millionen Haus- und Wohnungseigentümer online Auskunft erteilen. Viele Senioren sind damit überfordert oder haben erst gar kein Internet. Eine Hotline soll helfen, doch die bereitet manchen noch größere Kopfschmerzen. Von Mara Nolte

"Das ist eine richtige Sauerei!" - Eberhard Widke ist immer noch außer sich. Vor ein paar Tagen hat er einen Brief vom Amt für Statistik bekommen. Es geht um den Zensus 2022 - ermittelt werden soll, wie viele Menschen in Deutschland leben, wohnen und arbeiten. Die Teilnahme sei verpflichtend, steht dort fett gedruckt. Herr Widke solle online einen Fragebogen ausfüllen, heißt es weiter im Brief, doch Herr Widke hat kein Internet.

Alternativ könne er telefonisch einen Papier-Fragebogen ordern. Doch auch diese Möglichkeit stellt den Rentner vor ungeahnte Herausforderungen. Denn die angegebene Telefonnummer ist für ihn nicht zu erreichen. "X-mal habe ich es versucht, jedes Mal die Auskunft: Diese Nummer ist ungültig." Herr Widke ruft seinen Freund an, der auch kein Internet hat. Bei der Hotline kommt der aber auch nicht durch: "Der hat sich vor Ärger beinahe auf den Boden geschmissen", erzählt Widke. "Ich war so sauer."

Ängstliche und wütende Zuschriften

So wie Eberhard Widke und seinem Freund geht es auch anderen. Zahlreiche Brandenburger und Berlinerinnen, die kein Internet haben oder mit dem Online-Fragebogen nicht zurechtkommen, haben sich beim rbb gemeldet und berichten, dass sie unter den Hotlines des Zensus niemanden erreichen könnten. Teilweise geben sie an, es seit mehreren Tagen zu versuchen.

Eine Frau berichtet, dass sie zuletzt bis nach Magdeburg verbunden worden sei, wo man ihr dann sagte, sie müsse einen Fragebogen aus Brandenburg zugeschickt bekommen. Sie telefoniere sich praktisch von "Pontius zu Pilatus" und niemand sei zuständig oder willens ihr zu helfen.

Viele Zuschriften sind wütend oder ängstlich. Denn im Zensus-Schreiben steht auch: "Erteilen Auskunftspflichtige keine, keine vollständige, keine richtige oder nicht rechtzeitige Auskunft, können sie zur Erteilung der Auskunft mit einem Zwangsgeld (...) angehalten werden." und weiter: "Die Ordnungswidrigkeit kann mit einer Geldbuße bis zu fünftausend Euro geahndet werden." Als Fristende wird im Brief der 30. Mai 2022 angegeben. Bei einer Stichprobe des rbb sind die angegebenen Nummern erst nach mehrmaligem Versuchen erreichbar.

Amt für Statistik empfiehlt am Abend oder Wochenende anzurufen

Die Projektleiterin des Zensus beim Amt für Statistik Berlin-Brandenburg in Potsdam, Kersten Klemm, räumt gegenüber dem rbb ein, dass es bei der Hotline Probleme gibt. "Diese ganze Problematik Hotline ist schwierig, ja. Wir haben jetzt ein erhöhtes Aufkommen an Anrufen bekommen", sagt Klemm. Die Kapazitäten seien nun aber "erheblich erweitert" worden. Trotzdem fehle es auch an Interessenten "für diese recht kurzfristige Callcenter-Tätigkeit". Klemm empfiehlt Betroffenen am Abend oder am Wochenende anzurufen.

Sollte man es bei der Hotline dann doch geschafft haben, bekäme man innerhalb von zwei bis drei Wochen den Papierfragebogen mit einer neuen Frist. Laut Klemm müssen Betroffene auch nicht sofort mit dem Durchsetzen des Bußgelds rechnen. "Wir schicken erst noch eine Erinnerung mit einer neuen Frist raus. Es kann ja auch sein, dass jemand plötzlich im Krankenhaus ist oder im Urlaub". Erst wenn derjenige eine sogenannte Heranziehung bekäme, werde es ein bisschen ernster. "Dann muss man sich bemühen, dort einen Fragebogen zu bekommen", so Klemm.

Herr Widke hat mit dem Zensus erst einmal abgeschlossen. Er hat inzwischen seinen Sohn um Hilfe gebeten. Der sei bei der Hotline zwar auch nicht durchgekommen, habe aber online alles abgewickelt.

Befragungen zur Person und Eigentum von Häusern oder Wohnungen

Seit Mitte Mai läuft in Deutschland der Zensus. Die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder führen erstmals seit 2011 wieder eine Volkszählung durch. Bundesweit werden mehr als 30 Millionen zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger befragt, wie sie leben, wohnen und arbeiten. Etwa 10,3 Millionen zufällig ausgewählte Menschen werden im Rahmen des Zensus an der eigenen Haustür unter anderem zu Name, Geschlecht, Familienstand und Staatsangehörigkeit befragt. Zudem werden etwa 23 Millionen Eigentümer von Häusern oder Wohnungen online befragt.

Sendung: Antenne Brandenburg, 25.05.2022, 16 Uhr

Beitrag von Mara Nolte

32 Kommentare

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  1. 32.

    Und wie kommentiert man hier, wenn man doch vermeintlich KEIN Internet hat ?
    Gehen all die vielen " Aber ich habe doch gar kein Internet" immer zum Nachbarn?
    ;-)

  2. 31.

    "24/7 geschaltet daher dürfte wohl nicht dauernd besetzt sein" Doch! Wenn Sie hier mitlesen, sollte es ihnen nicht entgangen sein.

  3. 30.

    Mein Ehemann bekam auch einen Bogen mit den Zugangsdaten zum Internet. Es hat sich aber ein kleines Problem beim Ausfüllen ergeben -- mein Mann ist vor 8 Jahren verstorben, obwohl alle für solche Fälle zuständigen Instanzen informiert sind. Es ist einfach nur zum Haareraufen

  4. 29.

    Versteh ich das richtig, Sie kommen zu einer Befragung, ca. 10 Min ,dann verabschieden Sie sich unter Zurücklassung einer Code-Nr. oder mehrerer Papierfragebogen. Warum wird die Befragung nicht gleich komplett abgewickelt ? Höre ich da etwa einen Amtsschimmel wiehern ??

  5. 27.

    Die Rufnummern zum anfordern der Unterlagen sud 24/7 geschaltet daher dürfte wohl nicht dauernd besetzt sein.

    Außerdem hat bestimmt jeder Bürger, der angeblich keinen Internetzugang hat, einen Verwandten ect, der über einen Internetzugang verfügt und ggf helfen kann.

    Manche stellen sich an wie die ersten Menschen. Hauptsache Meckern..

  6. 26.

    Die auskunftspflichtige Person zum Zensus ist verstorben. Also Kontaktaufnahme über Hotline ohne Erfolg. Dann habe ich eine E Mail geschrieben und den Sachverhalt geschildert. Auch von dieser Stelle habe ich bisher keine Antwort erhalten. Der Zensus war lange geplant und sich nun hinzustellen und auf fehlendes Personal hinzuweisen ist schon erstaunlich und fragwürdig.Was hat die Projektleiterin Frau Klemm bisher für das Projekt Zensus getan?

  7. 25.

    Die Wahrscheinlichkeit beim Radiogewinnspiel durchzukommen ist höher als in Berlin jemanden vom Amt (ausser Finanzamt Mitte, die sind echt gut) zu erreichen

  8. 24.

    Das ist bei mir genauso. Die Aufforderung zur Auskunft war an meine richtige Adresse gerichtet. Auskunft sollte ich aber zu einem ganz anderen Grundstück geben das ich gar nicht kenne. Hotline ist nicht besetzt. Auf meine Mail wird seit einer Woche nicht reagiert. Wenn hier Personen mit falschen Adressen verknüpft werden, hat das AfS schon Mal Datenschutzprobleme.

  9. 23.

    In Berlin sind auf berlin.de keine Telefonnummern von Ämtern mehr zu finden. Nur noch 115. Wenn ich dort anrufe werden die Informationen an die richtigen Atellen weiter geleitet. Sagen die Mitarbeiterinnen jedenfalls. ( PS : letztens wollte ich das Versorgungsamt erreichen. 115 gewählt. Automatenstimme ("Wenn sie das wollen tippen Sie ...). Auch damit sind Menschen überfordert. ).

  10. 22.

    Haben Sie noch ein Telefon mit Wählscheibe und müssen noch ein Ferngespräch anmelden ?
    Ironie aus, jetzt aber Ernsthaft.
    Ich war während meiner Dienstzeit als Feuerwehrbeamter mehrere Jahre im Arbeitskreis zur Einführung des BOS Digitalfunks.
    Der Chef dieses Arbeitskreises sagte zur 1. Sitzung im Jahre 2000 (!!!), "Ich nehme Ihnen alle Illusionen, Deutschland ist fernmeldetechnisch auf dem Stand von Albanien und Moldawien "
    Das war vor 22 Jahren, die beiden genannten Länder haben uns überholt.
    Schönen Vatertag und nicht ärgern, trinken Sie eine Weiße mit Schuss.

  11. 21.

    Das ist typisch für Hotlines, fängt ja schon bei Ärzten an und Wohnungsbaugesellschaft an.
    Es geht erst gar keiner ran.
    Unmöglich.

  12. 20.

    Ich wollte man könnte unter Zwangsgeld auch Behörden zwingen Fragen zu beantworten. Eine Frist von 7 Tagen ist ein Scherz Schreiben am 23igsten Antwort bis 30igsten zumal man manchmal auf Zuarbeit Dritter angewiesen ist. Vorbereitung unterirdisch.

  13. 19.

    Da gibt es aber ein winzig kleines Problem in Berlin! Auch Wahlen kann Berlin nicht richtig organisieren! Siehe letzte Wahlen!

  14. 18.

    Ich bin Erhebungsbeauftragter im Rahmen des ZENSUS-2022

    Hier wird im Bericht und in den Kommentaren die persönliche Befragung und die Befragung als Immobilienbesitzer durcheinander geworfen.
    Für die persönliche Befragung kündige ich meinen Besuch mit einem Termin an und man kann mich anrufen, falls der Termin nicht passt.
    Der erste kurze Fragebogen dauert 10 Minuten, dann wird entweder ein Zugangscode und Daten ausgehändigt, damit man den detaillierten Fragebogen online beantworten kann oder ein oder mehrere Papierfragebogen und ein frankierter Rückumschlag.

  15. 17.

    Wir wollen immer in hochtechnisiertes Industrieland sein und machen anderen gerne Vorschriften was sie wie zu tun hätten. Schon die Vergabe der Impftermine und die überlastete Hotline hat uns gezeigt, wir sind ganz weit hinten dran. Nichts klappt nur viel Wind. Mit Zensus dokumentieren wir wieder, das wir nicht gelernt haben und unfähig sind solche Projekte entsprechend zu organisieren. Das nächsten Chaos droht dann bei der Neuberechnung der Grundsteuer. Wo sind nur unsere Fachleute geblieben!!

  16. 16.

    Liebe Mitmenschen,
    ich bin Erhebungsbeauftrager beim Amt für Statistik Berlin Brandenburg. Zumindest für die Haushaltsbefragung, kann ich folgendes sagen: Ausgewählte Haushalte kriegen bei der ersten Begehung von uns Beauftragten einen Brief eingeworfen. Hier ist neben der allg Hotline auch eine Kontaktmöglichkeit zu dem Beauftragten angegeben. Dann kommt dieser zu dem genannten Termin vorbei und übergibt entweder die online zugangsdaten oder es wird vor ort ausgefüllt.

  17. 15.

    Es ist für mich völlig unverständlich, wieso bei der Zensus-Immobilienbefragung die paar Fragen nicht einfach gleich im Anschreiben mitgeschickt wurden. Da verschickt die Behörde einen Brief, in dem die Internetzugangsdaten etc. und Rufnummern mitgeteilt werden, dazu gefügt noch ein 2. Blatt voll mit rechtlichen Hinweisen (2seitig bedruckt - liest kein Mensch durch), aber für ein 3. Blatt mit den Fragen, hats nicht gereicht. DAS muss man dann mühsam extra über eine vollkommen überlastete Hotline telefonisch anfordern. Das soll mal einer verstehen…

  18. 13.

    Das ist alles zu kompliziert, wir haben dann nach 10 Minuten nur noch misst beantwortet. Ist dich ein Witz sowas. Das war für den Mikrozensus. Da wird man auch ständig mit belästig. Die Antwortmöglichkeiten die man braucht sind nicht da. Was das bringen soll.... Aber wie sagt man so schön, traue nie einer Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast...

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