Frauen in der Angelszene - "Vom Angeln hast du keine Ahnung!"

So 26.06.22 | 08:29 Uhr | Von Friedrich Rößler
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Frauen in der Angelszene (Quelle: privat)
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Im Landesanglerverband Brandenburg sind knapp 95.000 Mitglieder organisiert, darunter etwa zehn Prozent Frauen. Sie brennen für den Sport, doch in der Angelszene fühlen sich viele von ihnen nicht wirklich erwünscht. Von Friedrich Rößler

Sie gehören zu einer seltenen Spezies und werden oft belächelt: angelnde Frauen. Ihre Zahl steigt, auch in Berlin und Brandenburg – dennoch bilden sie immer noch eine Randgruppe, die es schwer hat, sich durchzusetzen. Der Landesanglerverband Brandenburg (LAVB), in dem auch der Berliner Verband organisiert ist, verzeichnete für 2021 – bei knapp 95.000 Mitgliedern - einen Frauenanteil von lediglich knapp zehn Prozent.

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Tascha, Sandra und Melanie sind drei Frauen von diesen zehn Prozent. Tascha angelt seit einigen Jahren in Berlin und Brandenburg – und inzwischen folgen ihr fast 7.000 Menschen auf Instagram, wo sie über ihre Aktivitäten im und am Wasser berichtet. Die Begeisterung für das Angeln habe sie schon in sich getragen, sagt sie, da sei Instagram noch gar nicht erfunden worden. "Ich hatte am Strand von Odessa Angler gesehen und wollte das auch", erzählt Tascha. "Leider hatte ich niemanden, der mich an das Hobby heranführen konnte." Also habe sie sich alles selbst beigebracht und im März 2019 in Berlin ihre Angelscheinprüfung erfolgreich bestanden.

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Faszination Angeln

Seit ihrer Kindheit ist auch die 38-jährige Sandra vom Angeln begeistert. Ihr Onkel habe sie im damaligen Jugoslawien mit an die Donau zum Fischen genommen. "Er erklärte mir, wie es geht und gab mir eine Stippe mit Pose in die Hand. Kurze Zeit später gab es den ersten Biss und es war um mich geschehen.“ Vor fünf Jahren hat Sandra ihren Fischereischein gemacht. Seitdem angelt und jagt sie Raubfische.

Melanie, Berufssoldatin aus Beeskow, angelt ebenfalls seit ihrer Kindheit und findet noch einen weiteren Aspekt absolut spannend: "Mich fasziniert, nicht zu wissen, was am anderen Ende beißt. Man sieht nicht, was unter Wasser auf einen wartet", sagt die 33-Jährige.

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Anbaggern und gute Ratschläge

Wenn die drei von ihrer Leidenschaft berichten, ist die Begeisterung nicht zu übersehen. Allerdings wissen auch alle drei von vielen Schattenseiten zu berichten. Eine davon: wie männliche Angler mit ihnen umgehen. Sie werde „als Frau am Wasser eher belächelt“, sagt Melanie. "Nicht ernst genommen oder vollgequatscht mit guten Ratschlägen". Als Diskriminierung will sie das aber nicht bezeichnen.

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Sandra aus Berlin schlägt hingegen andere Töne an: Als sie neu in der Angelszene gewesen sei und einfach nur Leute hätte kennenlernen wollen, habe sie sich immer wieder Anbaggerungsversuchen von männlichen Platzhirschen erwehren müssen, erzählt sie. "Aber Gott sei Dank waren nicht alle Männer so, und es fanden sich auch ein paar, mit denen man zufrieden losziehen konnte." Doch Vorurteile und Diskriminierung würden ihr heute noch begegnen, sagt sie. "Wenn ich mit meinem Vater zusammen am Wasser bin, wird immer er gefragt, wie es läuft - obwohl er am Rand sitzt und man ganz klar sehen kann, dass ich die Anglerin bin und nicht er." Metallbauerin Sandra antwortet dann einfach für ihren Vater, bis jeder verstanden hat, dass sie die Ansprechpartnerin ist.

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Instagram-Kommentare meist von Männern

Aber es gebe auch noch mehr Situationen, in denen Frauen nicht für voll genommen würden: "Ansonsten gibt es noch den Fall am Wasser, dass die Männer uns Frauen oft nicht zutrauen, einen großen Fisch ordentlich ausgedrillt zu bekommen und, dass wir ja nicht wissen können, wie man die Bremse passend zur Schnur einstellen muss."

Auch Tascha berichtet von unangenehmen Annäherungsversuchen am Wasser, die zwar alle "glücklich" ausgingen. Über ihren Instagram-Kanal erreichen sie aber immer wieder Neid und Hate-Speech: "Du bekommst nur so viel Aufmerksamkeit, weil du eine Frau bist. Vom Angeln hast du keine Ahnung!" – das habe sie sich schon oft anhören müssen. Anfänglich habe sie sich das zu Herzen genommen. "Mittlerweile merke ich, dass solche Kommentare meist von den Männern kommen, die Komplexe haben und nicht genug Aufmerksamkeit."

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Vereine und Verbände sind gefragt

Damit sich Frauen eher fürs Angeln oder wohler in der Angelszene fühlen, fordern alle drei Anglerinnen mehr Angebote von Vereinen und Verbänden: zum Beispiel reine Frauen-Angelkurse und damit weniger Alphatier-Mentalität, wenn es um Angelkompetenz gehe. Tascha bringt sogar ein Kinderbetreuungsangebot ins Spiel und Angelveranstaltungen für Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen.

Dass Frauen im Angelvereinsleben eher eine untergeordnete Rolle spielen, bestätigt Marcel Weichenhan vom LAVB. "Die Vorstände der Vereine sind doch sehr männerdominiert. Am häufigsten wird wohl die Position der Schatzmeisterin vergeben." Doch es gibt auch Ausnahmen: So hatte beispielsweise der Deutsche Angelfischerverband (DAFV) mit Sitz in Berlin jahrelang mit Christel Happach-Kasan eine Frau als Präsidentin.

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Dass immer mehr Frauen ihre Angelleidenschaft in Berlin und Brandenburg entdecken, ist für Weichenhan eine erfreuliche Entwicklung,. "Wie überall lösen sich auch hier die geschlechterspezifischen Grenzen auf, und das ist auch gut so", sagt er. Die geschilderten Anfeindungen seien ihm allerdings noch nicht zu Ohren gekommen, sagt der LAVB-Sprecher, betont aber: "Wenn es da ein Problem gibt, gehen wir in keinem Fall davon aus, dass es sich selbst löst." Die Betroffenen sollen sich bitte beim Verband melden, falls sie beim LAVB Mitglieder seien.

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Neues Rollenbild nötig?

Beim jährlichen Frauenangeln, das dieses Jahr am 26. Juni stattfinden wird, wolle Weichenhan selbst nachfragen, denn "der LAVB ist ein offener Verband für jedermann, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe oder Konzession".

Die Berliner Anglerin Tascha sieht jedoch nicht nur die Männer in der Pflicht, ihr Rollenverständnis zu überdenken, sondern auch die Frauen. "Es gibt auch ein paar Ehefrauen im Verein, die sich aber meist nicht für das Angeln interessieren: Dafür aber umso mehr, wo ihr Mann gerade ist und warum ich lieber mit ihren Männern abhänge, statt den Tisch zu decken."

Beitrag von Friedrich Rößler

13 Kommentare

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  1. 13.

    Angler angeln vielfach nur aus Spaß. Verantwortungsvolle Fischer* hingegen führen alle Fänge der menschlichen Ernährung zu. Und nein: Der Brandenburger Angelverband ist sogar stolz, dass hier jede* nach rein formaler Beantragung eines Scheins ohne jede Fach- und Sachkenntnis zum Spaß Tiere quälen darf. Richtlinien zur Verminderung der Qual oder auch zum Schutz von anderen Wasserbewohnern (z.B. jährlich Tausende elend verendende Vögel durch Angelschnüre und -haken) werden weder gelehrt noch kontrolliert - noch scheint es überhaupt entsprechende ethische Grundsätze zu geben. - Und tatsächlich sind die Bilder verharmlosende ÖR-Propaganda für einer sinnlose Qual: Würden hier Fotos gezeigt von Leuten, die aus "Sport" und "Spaß" z.B. mit Hunden kämpfen um sie unter Wasser zu drücken, wäre der Aufschrei - zu recht - wohl immens.

  2. 12.

    Danke an den rbb für den Artikel. Ich gehe zwar angeln, aber das mit den Vereinen ist nicht so meins. So hat jeder seine Meinung Was die Diversität der Kommentare ja auch zeigt. Petri...

  3. 11.

    Was ist mit dem Beruf des Fischers, den es weltweit gibt, Fischaufzucht etc.? Ihrer Meinung nach kann das also auch alles wegradiert werden. Tierwohl ja, aber bitte auf dem Teppich bleiben. Für das Angeln gibt es Vorschriften, die zum Tierwohl eingehalten werden müssen. Dafür macht man auch eine Angelscheinprüfung. Wenn Sie die vegane Lebensweise bevorzugen, ist das Ihre Privatangelegenheit.

  4. 9.

    Nur weil Fische nicht schreien können, müssen sie nicht noch lebend und nach Sauerstoff schnappend präsentiert werden. Ich finde solche Bilder anwidernd und obsolet, egal wer das Tier in die Kamera hält.

  5. 8.

    Kann man nicht einfach einen informativen Artikel schreiben,ohne immer krampfhaft den Geschlechterkampf auszurufen und Probleme zu überhöhen?

    Wenn der Frauenanteil lediglich knapp zehn Prozent beträgt,ist ja wohl auch klar,dass in den Vorständen Männer dominieren.

    Dass Männer Annäherungsversuche starten und es im Internet Anfeindungen durch irgendwelche Idi... gibt,ist nun auch keine wirkliche Nachricht.

  6. 7.

    Mehr Vorurteile sind in einem Artikel aber auch kaum möglich! Da ist vielleicht auch eine Aktualisierung der Klischees erforderlich!

  7. 6.

    Wo steht eigentlich, dass einzelne Geschlechter bzw. Gender sich nicht freiwillig darauf einigen dürfen, an bestimmten Orten oder Clubs und Vereinen unter sein- oder auch ihresgleichen bleiben zu wollen?

    Vielleicht sucht auch der ein oder die andere in unserer gendergleichmachenden Gesellschaft Ruhepole, an denen man "unter sich" sein kann, und - von anderen Gendern ungestört - für einen selbst lieb gewordenes Verhalten ausleben kann, ohne sich Andersmeinenden gegenüber erklären zu müssen.

  8. 5.

    Es geht manchen dieser Herren einfach nur um Neid. Mangels Selbstbewusstsein fürchten diese Typen einfach nur, dass Andere mehr Erfolg beim Angeln haben könnten. Frauen sind da ein "gutes" Feindbild, es würde aber auch jeden anderen treffen, der sich von solchen Typen nur ausreichend genug unterscheidet. Wenn junge Männer zu solchen Gruppen stoßen, trifft die die gleiche Ablehnung. Man kann überall Geschlechterungerechtigkeit hinein interpretieren, oftmals ist die Erklärung aber viel simpler.

  9. 4.

    Ich werde auch ständig vollgequatscht.

  10. 3.

    Tiere quälen als Freizeitbeschäftigung. Echt tolles Hobby. Wer sitzt da eigentlich in der Redaktion, dass das hier seit Monaten propagiert wird?
    Es ist unerheblich, welches Geschlecht das tut, bisschen Selbstreflektion wäre für alle gut.

  11. 2.

    Wo ist eigentlich festgelegt, welche Bereiche Frauen/Männern vorbehalten ist? Wir haben 2022 und es wird langsam Zeit, verknöcherte Strukturen aufzubrechen...in beide Richtungen. Es gibt kaum einen Bereich, in dem Frau/Mann NICHT genauso gut sein könnte wie andere Geschlechter.
    Im Übrigen bin ich der Meinung, dass nur Männer auf angelnde Frauen negativ reagieren, die sich nun auch in "ihrer Männerdomäne" bedroht fühlen. Da stimmt mit dem Frauenbild dann generell was nicht. Und Frauen, die negativ reagieren, haben wohl eher Sorge, dass sich ihr Mann anderen zuwenden könnte. Da stimmt dann in der Beziehung wohl was nicht.
    Also: Petri Heil für ALLE!

  12. 1.

    Was kommt als nächstes? Briefmarken sammeln? So langsam wir es stereotyp und wirklich langweilig……

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