Einsatz nach Todesfahrt - "Man ist in Berlin auf Anschläge besser vorbereitet als 2016"

Fr 10.06.22 | 11:47 Uhr | Von Anna Bordel
Rettungskräfte helfen einer verletzten Person, nachdem ein Auto in eine Menschenmenge gefahren ist. (Quelle: dpa/Michael Sohn)
Video: rbb24 Spezial | 08.06.2022 | Bild: dpa/Michael Sohn

Allgemeines Lob für die Rettungskräfte in Berlin: Polizei, Politik und Experten wie der Opferbeauftragte sprechen von einem gut funktionierenden Einsatz - obwohl nicht alles der Regel entsprach. Von Anna Bordel

Auf Amoklagen zu reagieren, trainieren Berliner Einsatzkräfte. Damit sie vorbereitet sind und genau wissen, was in einem solchen Fall zu tun ist. Konkret heißt das, erst sichert die Polizei den Ort, dann kommen die Sanitäter. Doch die Realität lässt das nicht immer zu. So wie am Mittwochvormittag beim Rettungseinsatz nach der Todesfahrt in Charlottenburg. Das Auto des Täters stand im Geschäft, Schwerverletzte lagen davor auf dem Bürgersteig. Erst Stunden später wurde der Wagen gesichert und auf Sprengsätze überprüft.

Eigentlich hätten die Sanitäter die Verletzten also erst nach der Sicherung des Autos retten dürfen, weil nicht klar gewesen ist, welche Gefahr noch von dem Wagen ausging. Dass sie trotzdem sofort geholfen haben, hat den Verletzten möglicherweise das Leben gerettet. Wäre in dem Renault Clio aber ein Sprengsatz in die Luft gegangen, hätten sie einen fatalen Fehler begangen.

"Bei einem solchen Vorfall kann nicht alles in 'richtig' und 'falsch' unterteilt werden", meint die Polizeireporterin des rbb, Kerstin Breinig. Vieles hat ihrer Meinung nach bei dem Einsatz sehr gut funktioniert. "Man ist in Berlin auf Terroranschläge offenbar besser vorbereitet als auch 2016 noch", sagte sie am Mittwochabend im rbb Spezial. Und das sehen auch einige der führenden Politiker in Berlin so.

Bei unklarer Einsatzlage entsendet Polizei Hundertschaft

Die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) zeigte sich erschüttert über den Vorfall, war mit der Einsatzkräften aber zufrieden. Die Notfall-Pläne zum koordinierten Einsatz aller Rettungskräfte und der psychosozialen Betreuung der Opfer hätten am Mittwoch "vorbildlich gegriffen", sagte Giffey. Umgesetzt worden sei, was nach dem islamistischen Terroranschlag 2016 als Notfall- und Aktionsplan erarbeitet wurde. Auch Innensenatorin Iris Spranger (SPD) sagte im rbb Fernsehen, Polizei und Rettungskräfte seien vorbildlich in kürzester Zeit vor Ort gewesen und hätten mit ihrer Arbeit begonnen.

Dazu zählt auch die Priorisierung der verletzten Opfer. Rettungskräfte hätten zügig festgestellt, wem sie nicht mehr helfen können, wer schnell Hilfe braucht und wer noch warten kann, so der Eindruck von Polizeireporterin Breinig.

Dass die Polizei so zügig am Ort gewesen ist, war kein Zufall oder der Nähe zum Breitscheidplatz geschuldet, sondern wäre überall in der Stadt so gewesen, sagte Polizeisprecher Thilo Cablitz dem rbb am Donnerstag. Der Einsatz sei insgesamt sehr gut gelaufen. "Da kam der Notruf rein, dass jemand auf dem Gehweg in eine Menschengruppe gefahren ist und wir müssen dann schnell einordnen, was wir da für eine Einsatzlage haben", so der Sprecher. Wenn es eine unklare Einsatzlage sei, wie am Mittwoch, so habe die Polizei eine Hundertschaft, die sie sofort entsenden könne.

Da kam der Notruf rein, dass jemand auf dem Gehweg in eine Menschengruppe gefahren ist und wir müssen dann schnell einordnen, was wir da für eine Einsatzlage haben.

Berliner Polizeisprecher Thilo Cablitz

Kriminalität hat keine Nationalität

Der Einsatz sei zentral koordiniert worden, sodass schnell unterschiedliche Einsatzkräfte, wie Spezialisten für Tatortsicherung, psychologische Notfallversorgung oder auch Absperrung des Tatortes vor Ort seien. Und dies sei nicht die einzige Neuerung, welche die Polizei seit dem Attentat auf dem Breitscheidplatz im Dezember 2016 für vergleichbare Einsätze erarbeitet hat. Die Einsatzkräfte hätten außerdem alle eine entsprechend andere Ausrüstung als bei einem Verkehrsunfall. Auch die Polizisten, die eine Absperrung aufstellen, tragen laut Cablitz eine Maschinenpistole und einen kugelsicheren Helm.

Die Auswertung der Beweismittel hätte zudem dieses Mal besser funktioniert und ging schneller. "Uns wurde nach dem Attentat auf dem Breitscheidtplatz 2016 vorgeworfen, den Lkw des Täters zu langsam durchsucht zu haben. Gestern haben wir noch am Tatort den Wagen nach Beweismitteln und weiteren Gefahrenquellen untersucht", so Cablitz. An einer einzigen Stelle hätte er es in der Kommunikation gehakt: "Wir von der Polizei sprechen nicht von Nationalitäten. Kriminalität hat keine Nationalität", sagte Cablitz. Dennoch ging von der Polizeipressestelle am Mittwochnachmittag ein Tweet heraus, der die auf die Nationalität des Täters hinwies.

Einige Betroffene werden sich erst in Wochen melden

Ebenfalls ein wichtiger Punkt, der erst nach dem Attentat vor sechs Jahren erarbeitet wurde, seien die Einsatznachsorgeteams, die sich nicht nur am Einsatzort, sondern vor allem in der nächsten Zeit um die psychologische Betreuung der Einsatzkräfte kümmern, so Cablitz.

Um die psychologische Betreuung der Zeugen und Betroffenen kümmern sich unterdessen andere. Auch an dieser Stelle haben Verantwortliche den Eindruck, dass einiges besser läuft, als nach dem Vorfall vor sechs Jahren. "Ich denke, dass es bislang so gelaufen ist, was die Opferbetreuung angeht, wie es laufen soll", sagte Berlins Opferbeauftragter Roland Weber dem rbb. "Das heißt, dass wir sehr viel gelernt haben aus den Geschehnissen vom Breitscheidplatz (..) und ich den Eindruck habe, dass es wirklich gut angelaufen ist und (…) die Opferhilfe funktioniert". In den vergangenen Jahren habe man daran gearbeitet, ein komplettes Netzwerk an Opferhilfe aufzubauen, das in solchen Fällen schnell greift. Dazu gehören unter anderem die psychologische Notfallversorgung, die als erstes vor Ort die Zeugen und Betroffenen unterstützt. Eine zentrale Anlaufstelle wurde 2018 eingeführt.

"Wer heute Hilfe sucht, ruft am besten beim Berliner Krisendienst an, die sind auch Teil des Opferhilfswerks, und wird dort Hilfe bekommen", so Weber weiter. Die Zentrale Anlaufstelle für Betroffene von Großschadensereignissen sei zunächst auf die Informationen der Ermittler angewiesen. Bei einem Terroranschlag bekommen Opfer andere Schadensersatzleistungen als bei einem Amoklauf.

Weber geht auch davon aus, dass einige Verletzte sich erst im Nachgang bei ihnen melden werden. Manche Betroffene würden auch erst einige Tage oder Wochen später merken, dass sie psychische Beschwerden nach dem Vorfall haben.

Sendung: rbb 88,8, 09.06.2022, 16:45 Uhr

Beitrag von Anna Bordel

Nächster Artikel