Todesfahrt in Berlin - 29-Jähriger kommt in Psychiatrie - Ermittler gehen von Schuldunfähigkeit aus

Do 09.06.22 | 21:41 Uhr
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Ein Polizist fotografiert die beschädigte Ladenfront am Unfallort. Am Vortag war ein 29-jähriger hier mit seinem Auto in der Nähe der Berliner Gedächtniskirche in eine Schülergruppe aus Hessen gefahren, deren Lehrerin ums Leben kam. (Quelle: dpa/F. Sommer)
Video: rbb|24 | 09.06.2022 | Material: rbb24 Abendschau | Bild: dpa/F. Sommer

Der 29-Jährige Autofahrer, der in Berlin eine Frau getötet und viele Menschen verletzt hat, wird vorerst in einer Psychiatrie untergebracht. Nach rbb-Recherchen war der Mann zuletzt im Jahr 2020 psychologisch auffällig.

Der 29-jährige Mann, der am Mittwoch mit seinem Auto in Berlin-Charlottenburg eine Frau getötet und dutzende weitere Menschen teils lebensgefährlich verletzt hat, wird vorerst in einer Psychiatrie untergebracht. Das Amtsgericht Tiergarten hat am Donnerstag einen entsprechenden Antrag auf einen Unterbringungsbefehl erlassen, wie die Berliner Generalstaatsanwaltschaft auf Twitter mitteilte. Den Antrag hatte zuvor die Berliner Staatsanwaltschaft gestellt.

"Schuldunfähigkeit wahrscheinlich"

Bis zur Prozesseröffnung solle der Mann in einer psychiatrischen Anstalt untergebracht werden, hatte Oberstaatsanwalt Sebastian Büchner am Donnerstagnachmittag mitgeteilt. Es gebe Anhaltspunkte dafür, dass eine psychische Beeinträchtigung Anlass für die Tat gewesen sei. Bei der Durchsuchung der Wohnung des Mannes sei man auf Medikamente gestoßen, zudem seien die behandelnden Ärzte von ihrer Schweigepflicht entbunden worden.

Der 29-Jährige leide an einer paranoiden Schizophrenie. "Es gibt keine Anhaltspunkte für einen terroristischen Hintergrund der Tat, ein Unfall kann ebenfalls ausgeschlossen werden", sagte Büchner. "Wahrscheinlich war es eine vorsätzliche Tat. Der Unterbringungsbefehl wurde mit dem Vorwurf ein vollendeter Mord sowie 31 Fälle des versuchten Mordes beantragt", erklärte der Sprecher weiter. Hinzu komme der Vorwurf des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr. Die Mordmerkmale seien Heimtücke und Begehung mit gemeingefährlichen Mitteln. Eine Schuldunfähigkeit sei "wahrscheinlich".

Von der Generalstaatsanwaltschaft hieß es später, hinsichtlich weniger schwer verletzter Personen könne ein Tötungsvorsatz nicht mehr angenommen werden. Deshalb würden dem Mann letztlich ein vollendeter Mord und siebzehn versuchte Mordtaten vorgeworfen.

Mann zuletzt im Jahr 2020 psychologisch auffällig

Derweil ist der 29-Jährige nach rbb-Recherchen zuletzt vor zwei Jahren psychologisch auffällig geworden. Der letzte Vorfall habe sich Anfang des Jahres 2020 ereignet, sagte der Bezirksstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf für Jugend und Gesundheit, Detlef Wagner, dem rbb. Der psychiatrische Dienst des Bezirks sei daraufhin tätig geworden.

Nach weiteren rbb-Informationen ist der 29-Jährige dann an eine psychiatrische Klinik überstellt worden, wo eine Einweisung geprüft werden sollte. Wie es anschließend mit dem Mann weiterging, ist nicht bekannt.

Wie der rbb zudem erfuhr, war der Tatverdächtige bereits im Jahr 2013 durch kleinere Diebstähle aufgefallen. Da diese offenbar einen psychologischen Hintergrund hatten, war - wie vorgeschrieben in solchen Fällen - von der Polizei der sozialpsychiatrische Dienst des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf informiert worden. Im Jahr 2014 sei der Mann dann für relativ kurze Zeit in klinischer Behandlung gewesen, bestätigte Wagner dem rbb. Anschließend sei der sozialpsychiatrische Dienst nicht mehr eingebunden gewesen, so dass keine weiteren Akteneinträge existierten.

"Hätte es weitere Auffälligkeiten gegeben, hätte der Dienst informiert werden müssen", sagte Wagner. Da dies offensichtlich nicht der Fall gewesen ist, sehe er weder bei der Polizei noch beim sozialpsychiatrischen Dienst, wo eine Möglichkeit bestanden hätte zu intervenieren.

Mann fiel bislang durch "Bagatellkriminalität" auf

Es gebe keine Erkenntnisse, dass der 29-Jährige schon einmal psychisch auffällig geworden sei, sagte dagegen der Sprecher der Staatsanwaltschaft bei der Pressekonferenz am Donnerstagnachmittag. Bislang sei der Mann durch "vereinzelte Vorfälle, die Jahre zurückliegen" polizeilich in Erscheinung getreten. Dabei habe es sich aber immer nur um Bagatellkriminalität gehandelt. "2014 gab es nach Jugendstrafrecht eine richterliche Verwarnung wegen Diebstahls gegen den Mann", führte der Sprecher der Staatsanwaltschaft weiter aus.

Zu den Opfern der Todesfahrt sagte er, ein begleitender Lehrer der Schülergruppe aus dem hessischen Bad Arolsen sei lebensgefährlich verletzt worden. Sieben Schüler lägen schwer verletzt in Krankenhäusern, von ihnen schwebe aber niemand in Lebensgefahr. Sieben weitere Schüler seien ambulant behandelt worden, 17 weitere Personen seien leicht bis schwer verletzt. 50 Personen seien am Mittwoch vor Ort psychologisch betreut worden.

Bewusst in zwei Menschengruppen gefahren

Bei der Todesfahrt am Mittwoch in Berlin ist der Täter in zwei Menschengruppen gefahren, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft weiter. Der Mann sei "bewusst mit einem Fahrzeug" in eine erste Gruppe von Menschen an der Ecke Kurfürstendamm und Rankestraße sowie dann auf der Tauentzienstraße in eine Gruppe von Schülern und Lehrern aus Hessen, die gerade die Fahrbahn überqueren wollte, gefahren.

Eine Mordkommission des Berliner Landeskriminalamtes (LKA) ermittelte am Donnerstag weiter zum genauen Ablauf der Tat - in alle Richtungen, hieß es. Unter Umständen soll sie wegen der vielen Opfer, Zeugen und sonstigen Hintergründe personell aufgestockt werden.

Am Tatort am Kurfürstendamm und der Tauentzienstraße arbeitete am Donnerstag erneut die Spurensicherung der Kriminalpolizei. Auch das sichergestellte Auto sollte noch einmal "intensiv durchsucht" werden, so der Sprecher. Die Polizei bat Zeugen, sich zu melden und auch mögliche Videos und Fotos der Tat an eine Internetseite der Polizei zu schicken.

Giffey und Rhein gedenken der Opfer

Derweil wurde auch am Donnerstag der toten Lehrerin und der vielen Verletzten in Berlin gedacht. An öffentlichen Gebäuden hingen Fahnen auf Halbmast, am frühen Donnerstagabend versammelten sich mehrere Organisationen, darunter Fuss e.V. und Changing Cities, am Tatort zu einer Mahnwache.

Franziska Giffey (SPD), Regierende Bürgermeisterin von Berlin, und Boris Rhein (CDU), Ministerpräsident von Hessen, besuchen den Ort der Amokfahrt und legen Blumen nieder in Trauer um die getötete Lehrerin und zahlreichen Verletzten nach der Todesfahrt am 08.06.2022. Ein 29-Jähriger war mit seinem Auto in der Nähe der Berliner Gedächtniskirche in eine Schülergruppe aus Hessen und kurz darauf in eine Filiale einer Drogerie gerast.(Foto: Fabian Sommer/dpa)

Zudem legten der hessische Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) und Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) am Donnerstagabend Blumen für die Opfer der Todesfahrt in Berlin nieder.

"Ich empfinde ganz tiefe Trauer, wenn ich diesen Ort sehe, und mein Herz ist wirklich schwer, seitdem ich die Nachrichten erfahren habe", sagte Rhein. Ein Mensch habe "eine ganze Schule, einen ganzen Ort und vor allem eine ganze Familie" in eine Tragödie gestürzt.

Rhein lobte die professionellen Abläufe während des Einsatzes in der Hauptstadt. "Das hat den Menschen in Bad Arolsen, das hat den Schülern, das hat auch diesem Lehrerkollegium insgesamt einen großen Halt gegeben." In seelsorgerischer Hinsicht werde nun alles getan, was möglich sei. Es sei zudem ein gut ausgestatteter Opferfonds" aufgelegt worden, der verhältnismäßig voraussetzungslos Auszahlungen vornehmen werde.

Die Zentrale Anlaufstelle der Berliner Justizverwaltung hat eine Hotline eingerichtet, unter der Betroffene ab sofort rund um die Uhr Hilfe finden können: 0800/000 9547.

Hilfe bietet jederzeit auch der Berliner Krisendienst für alle zwölf Bezirke unter 030 39063-10, -20, 30,...-90.

Sendung: rbb24 Abendschau, 09.06.2022, 19:30 Uhr

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14 Kommentare

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  1. 14.

    Traurig in jeder Hindicht. Mitschuld trägt eine Mangelverwaltung des Gesundheitssystems und eine gewisse Gleichgültigkeit gegrnüber psychisch kranken Menschen. Hätte es verhindert werden können? Das kann und will man wahrscheinlich nicht wirklich ermitteln. Mein Mitgefühl gehört den Verletzten, ihren Angehörigen und der Familie der Verstorbenen und allen, die wahrscheinlich ihr Leben lang an diesen Tag denken müssen. Danke an alle helfenden und couragierte Mitmenschen.

  2. 13.

    Zu Beginn dieses Artikels findet man quasi en passant den Hinweis, dass eine Frau getötet wurde.
    Klar.
    Muss ja auch irgendwie erwähnt werden.
    Ansonsten dominiert der Täter Überschrift und Inhalt.
    Ich sag's ganz offen:
    DAMIT BIN ICH NICHT EINVERSTANDEN!
    "Jetzt beachten dich alle", ist an solche Wirrköpfe genau das falsche Signal!
    Nicht dieser Wicht gehört momentan ins Scheinwerferlicht gerückt, die Opfer seines Wahns und deren Angehörige sollten im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und des Interesses stehen.
    Die verdienen unsere Beachtung und sollten in unseren Gedanken sein! Nicht er!

  3. 12.

    Wollen Sie mit Ihrem Kommentar über Ihren unsozialen und nicht vorhandenen Empathiezustand berichten?
    Ihre unsubstantiierte Besserwisserei im Augenblick des Leid von Ihnen unnd mir unbekannten Menschen ist anwidernd.

  4. 11.

    Bei Schizophrenie oder ähnlichen Erkrankungen, die mit Wahnvorstellungen einher gehen, sollte man vermutlich besser darauf verzichten, den Führerschein zu machen und sich ans steuer zu setzen. Es ist einfach im Fall, dass es zu einem Anfall kommt, zu gefährlich, mit schwerem Gefährt unterwegs zu sein.

  5. 10.

    Mir tun die betroffenen unendlich leid und sie haben mein tiefes Mitgefühl. Wütend macht mich allerdings das der Verursacher nun für schuldunfähig gehalten wird und am Schluss ohne Strafe davonkommen wird. Wieder ein Mitbürger, wo es nicht gelungen ist ihn in unsere Gesellschaft zu integrieren.

  6. 9.

    Ich bin darüber immernoch sprachlos und traurig. Schließe mich Ihren Bekundungen gerne an.

  7. 8.

    Zu diesem Zeitpunkt sollten sie solchen sinnbefreiten und empathielosen Kommentar unterlassen.

  8. 7.

    Für mich stellen sich einige Fragen: Wenn der Fahrer psychisch krank war, wie kommt er an eine Fahrerlaubnis? Bzw. Wie hat er fahren gelernt? Wenn die Krankheit erst später zu Tage trat, welche Mitschuld trifft die Schwester, den Täter das Auto zu geben bzw. den Schlüssel nicht genug weggeschlossen zu haben. Wenn er jetzt in eine "Geschlossene" kommt, warum wurde nicht vorher schon; der Täter war polizeibekannt; von amtsärztlicher Seite, genauer hingeschaut. Müssen erst Tote sein?

  9. 6.

    Tragischer Moment, kurzer Aufschrei und dann passiert - genau nichts. Wie nach jedem "Amoklauf" an US-Schulen wird kurz nach schärferem Waffengesetz gerufen. Es gibt aber immer viele, die "gute Argumente dagegen" finden. In Deutschland darf jede Person einen PKW fahren, sobald man einen Führerschein hat. Egal ob mittlerweile blind, frisch von der Hirn-OP oder in Verschwörungstheorien abgedriftet. Autos auf Gehwegen, Radwegen, in Karnevalsumzügen oder in Geschäften... Regelmäßige Eignungsuntersuchung? Fehlanzeige. Wird nicht kommen, weil es auch hier Viele mit "vielen guten Gründen dagegen" gibt. Weil das Recht auf uneingeschränkte motorisierte Mobilität einen höheren Wert hat, als das Recht auf Leben dieser Lehrerin, auf körperliche Unversehrtheit der Schülerinnen und Schüler oder das Leid der Angehörigen.
    Wenn Frau Giffey jetzt nicht für Eignungsuntersuchungen kämpft, werden viele Risikofaktoren weiter im dunkeln bleiben. Bis zum nächsten dunklen Tag in der Berliner Stadtgeschichte.

  10. 5.

    Ich wünsche den Verletzten eine baldige Genesung und den Angehörigen der Lehrerin mein aufrichtiges Beileid. Es wird lange Zeit dauern, dieses schreckliche Erlebnis zu verarbeiten. Ich hoffe, es gelingt.

    Ich wünschte mehr Prävention seitens der Regierenden und nicht nur medienwirksame Beileidsbekundungen nach solch schrecklichen Ereignissen. Die Politik ist in der Pflicht, psychische Erkrankungen ernster zu nehmen und Medizinern mehr Unterstützung zu geben, um Menschen, die Hilfe brauchen, diese zeitnah geben zu können. Gerade junge Menschen, die mit ihren Ängsten, Nöten oft allein gelassen werden, erhalten kaum Unterstützung. Keine Perspektiven, zu lange Wartezeiten auf eine psychologische Betreuung/Behandlung. Deshalb nur nach dem "Warum" zu fragen, wäre zu einfach. Die Ursachen, weshalb jemand einfach "austickt", können sehr vielschichtig sein. Psychiater, und Psychologen haben oft genug auf Missstände aufmerksam gemacht.

  11. 4.

    "Den Angehörigen der getöteten Lehrerin mein aufrichtiges Beileid und den Verletzten eine baldige Genesung". Ich schließe mich diesen Worten an, mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

  12. 3.

    Eine Klassenfahrt ist eine Schulveranstaltung im Sinne der Schulordnungen, welche von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich sein können. Nach Auskunft der ARAG können Gründe vorliegen, aufgrund derer nicht an der Fahrt teilgenommen werden muss. Das OVG Bremen entschied jedoch, dass Kinder nur in Ausnahmefällen von der Teilnahme einer Klassenfahrt aufgrund ihres Glaubens befreit werden können (Az.: 1 A 275/10). Die Schule ist mehr ist als Algebra und Vokabeln pauken. Gemeinsame Fahrten sind fester Bestandteil des Lernens und wichtig für das Klima in der Klasse. Gleichzeitig werden das gegenseitige Verständnis und soziale Verhaltensweisen wie Toleranz und Rücksichtnahme gefördert sowie das selbstständige und verantwortliche Handeln des Schülers gestärkt. Entscheiden sich Eltern trotzdem gegen eine Teilnahme ihres Kindes an der Klassenreise, muss es den Unterricht in einer anderen Klasse besuchen oder zu Hause schulische Aufgaben erledigen. Haben Sie davon schon mal etwas gehört ?

  13. 2.

    Den Angehörigen der getöteten Lehrerin mein aufrichtiges Beileid und den Verletzten eine baldige Genesung.

  14. 1.

    #rbb24: Wollen Sie darüber berichten, wie der Arbeitgeber hinter der verstorbenen Lehrerin steht?

    P.S. Klassenfahrten sind rechtlich heikel und reiner Idealismus der Lehrer, weil nicht Pflicht und "Rückendeckung" vom Arbeitgeber, wenn etwas passiert, einfach ausbleibt. Ganz zu schweigen von "Spesenübernahme" u.a. Kosten. Oder auch anders gefragt: Was ist es den Eltern wert, dass die Kinder 24h/Tag betreut werden, wenn man zu Hause besser aufgehoben ist, bei Mann und Kind... schläft und isst es sich besser.

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