Seismologischer Ausschlag - Konzertbesucher lassen offenbar Erde in Berlin erbeben

Sa 11.06.22 | 19:08 Uhr | Von Mark Perdoni
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Grafik: Karte Erdbebennews 10.06.2022 (Quelle: erdbebennews.de)
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Audio: rbb24 Inforadio | 09.06.2022 | Jakob Bauer | Bild: erdbebennews.de Download (mp3, 4 MB)

Anwohner im Südosten Berlins berichteten am Freitagabend über eine kurze, starke Erschütterung. Ein Erdbeben? Nein, sagt ein Experte. Allerdings bebte die Erde tatsächlich, offenbar ausgelöst durch ein Konzert der Band Florence & the Machine auf dem Tempelhofer Feld. Von Mark Perdoni

"Das ist nicht lustig. Meine Wohnung schwankte, die Stehlampe schwankte auch", schreibt eine Anwohnerin in Berlin-Neukölln rbb|24 über ihre Erfahrungen vom Freitagabend. Ihre erste besorgte Vermutung: "ein Erdbeben".

Sie ist an diesem Abend offenbar nicht die einzige, die eine Erschütterung in ihrer Wohnung spürt: Der Datenanalyst Jens Skapski registriert an dem Abend auf seinem Portal "erdbebennews.de" eine hohe Anzahl Zugriffe von Menschen aus Berlin-Neukölln. "Wir haben ja normalerweise keine Erdbeben in Berlin. Deshalb wollte ich es genauer wissen", sagt Skapksi rbb|24 auf Nachfrage. Am Samstag liefert er das Ergebnis seiner Recherchen auf Twitter.

1,4 auf der Lokalmagnitudenskala - für eine Minute

Und tatsächlich: Um Punkt 20:58 registrieren laut Skapksi gleich drei private seismologische Stationen in näherer Umgebung des Tempelhofer Feldes einen überdurschnittlichen Ausschlag, 1,4 auf der Lokalmagnitudenskala. "Das ist äquivalent mit einem kleinen Erdbeben", erklärt der studierte Geowissenschaftler. Ein Erdbeben schließt Skapksi jedoch aus: "Ein natürliches Erdbeben wäre kürzer und mit höherer Frequenz." Laut seinen Auswertungen dauerte die Erschütterung eine Minute. Das deckt sich mit den Schilderungen der Neuköllner Anwohnerin: "Ich hatte für 30 bis 60 Sekunden das Gefühl von Schwankschwindel", schreibt sie.

"Vermutlich gehen die Signale auf ein Konzert zurück", sagt Skapski. Diese Vermutung kommt nicht von ungefähr: Am Wochenende findet erstmals das Rockfestival Tempelhof Sounds auf dem Rollfeld vor dem ehemaligen Flughafengebäude auf dem Tempelhofer Feld statt. Zum Zeitpunkt der Erschütterung auf der Bühne: die englische Rockband Florence & the Machine.

Die Sängerin Florence Leontine Mary Welch von der englischen Band "Florence + the Machine" steht beim Tempelhof-Sounds Festival auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen Berlin Tempelhof auf der Bühne. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Florence & the Machine - ließen ihre Fans die Berliner Erde beben? | Bild: dpa/Britta Pedersen

"Das hatten wir bei Open Airs mit 60.000 Zuschauern noch nie"

So schreibt ein Nutzer, der offenbar zu dem besagten Zeitpunkt auf dem Konzert war, bei Twitter: "Bei Florence & the Machine gab es gegen 21 Uhr einen Moment, wo ziemlich viele gleichzeitig gesprungen sind. Da hat man die Erschütterungen vor Ort auch gespürt."

Experte Jens Skapksi hält diesen Ursprung für plausibel. "Bei natürlichen Erdbeben dieser Stärke spürt man nichts. Da sind ja auch noch einige Kilometer Gestein dazwischen. Hier ist die Quelle direkt an der Bodenoberfläche. Das spürst du dann direkt. Und da sind auch Schwingungen von Häusern möglich."

Auf Skapksis Ergebnisse reagierte eine Facebook-Nutzerin, die sich als ehemalige Tourmanagerin bezeichnet, verwundert: "Das hatten wir selbst bei Open Airs mit 60.000 Besuchern noch nie."

Laut Skapski hat das weniger mit der Menge der Zuschauer, sondern mit dem Untergrund zu tun. Ein entsprechender Boden könne die Energie der springenden Menge gut aufnehmen und weiterleiten. Das könnte ihm zufolge auch der Grund sein, dass die Erschütterung zwei Kilometer entfernt zu spüren gewesen ist.

Es wäre nicht das erste Mal, dass die Erde infolge eines Konzertes bebt: Im Jahr 2017 kam es während eines Auftritts der Chemnitzer Band Kraftklub in Leipzig zu Dutzenden Anrufen von besorgten Anwohnern wegen eines möglichen Erdbebens bei der Feuerwehr [mdr.de]. Zumindest für einen anderen Facebook-User scheint das Phänomen auch in Berlin nicht neu zu sein: "Aus meiner Zeit, als ich noch am Tempelhofer Feld wohnte, kenne ich diese Erschütterungen bei Konzerten".

Sendung: Radioeins, 11.06.2022, 16 Uhr

Beitrag von Mark Perdoni

26 Kommentare

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  1. 26.

    Ich mags (meist) auch ruhig, aber 2/365 sind definitiv nicht 24/7 und "Krach" liegt immer im Ohr des Zuhörers.
    "In der Ruhe liegt die Kraft" bedeutet allerdings, das man mit Ruhe und Gelassenheit viel erreichen kann, wird eher dem meditativen Yoga zugeschrieben und hat nichts mit "Grabesruhe" zu tun.

  2. 24.

    Was könnten wir lernen?
    Wenn sich sehr viele Menschen in Einigkeit zusammenschliessen, dann kann auch endlich mal ein politisches Erdbeben möglich sein! Bezahlbare Mieten und ÖPNV, Sozialstaat der den Namen auch verdient, Grundeinkommen ...usw., usw....gern auch nochmal in die Beiträger der Autoraserfetischisten reinlesen....

  3. 23.

    kleines registrierendes Beben (Tempelhof, Neukölln)

  4. 22.

    Oh,diesen Lärm kenne ich zu gut aus den Gärten der Welt in der Arena. Wir wohnen an einer Hauptstraße,dort ist nicht mal nachts Ruhe. Am Wochenende gibt es Konzerte usw. einen Tag davor wird aufgebaut und geprobt. Der Lärm ist unerträglich zuzüglich Bass. Es wackelt in den Wohnungen. Ich frage mich immer,wer für soetwas im Wohngebiet in den Ämtern eine Genehmigung erteilt.

  5. 21.

    Und ich als West-Berlinerin verzeihe Ihnen, dass Sie West-Berlin bzw. Berlin (West) in einem Wort und damit falsch geschrieben haben. Googeln Sie einfach mal „Schreibweise West-Berlin“. Danke!

  6. 20.

    Wenn ich solche Kommentare lese, frage ich mich immer, was an Ruhe eigentlich verkehrt ist. Heißt es nicht, in der Ruhe liegt die Kraft? Ich mag Konzerte sehr, aber auf dem Balkon liegen und einfach nur in Ruhe ein Buch lesen, mag ich auch. Ich denke, das darf man Städtern auch gönnen. 24/7 Krach hält auch keiner aus.

  7. 19.

    Konzerte bloß stattfinden lassen!!!
    Aber gerne in Olympiastadion, oder im Brandenburgischen und das Tempelhoferfeld endlich für den sozialen Wohnungsbau frei geben!

  8. 18.

    Jahrzehntelang sind da Flugzeuge gelandet und jetzt bringen ein paar hüpfende Konzertbesucher die Erde zum Beben? Hört sich irgendwie nach Münchhausen an.

  9. 17.

    Konzert Wir sind Helden - 2007. Da wurde genau dieser Effekt (ob ein Erdbeben quasi ausgelöst werden kann), schon einmal begleitet und ausgewertet von Quarks & Co mit Experten des Geoforschungszentrums Potsdam. Ergebnis - ja, das geht ;)

  10. 16.

    Man muss es ja nicht verbieten, vielleicht einfach nur verlegen, falls wirklich eine Gefahr droht ist der Ort dann offenbar einfach ungeeignet.
    Wobei ich ihn ja verkehrsgünstig gelegen finde, was vor allem bei vielen Besuchern Vorteile bietet

  11. 15.

    Der Boden im ländlichen Norden nimmt viel mehr an Erschütterungen auf, das können Sie doch nicht mit dem Tempelhofer Feld vergleichen. Im übrigen kommte es etwas seltsam daher, wenn ein/e Bewohner/in der "Heide" über den angespannten Stadtmenschen urteilt.

  12. 14.

    Was ist mit Tesla los? Will da nicht einer mal wieder einen Topf Farbe umschmeißen? Da könnte man sich wenigstens wieder erregen!
    Erdbeben in Berlin...Ich weiß nicht, da ist mein Nachbar lauter.

  13. 13.

    Heideland Heide,
    nun, das wäre spannend, dieser Vergleich.
    Aber, dazu wird es nicht kommen, denn der Senat und die Veranstalter werden wieder vor einer Minderheit einklinken, somit gehört diese Konzertreihe der Vergangenheit an.
    Zu @Tim: schön gerendert
    Auf Sie ist Verlass bei der Verhohepipelung unserer Deutschen Sprache und Beispiel für eine Minderheit, denn 67% der Bevölkerung wollen das nicht.

  14. 12.

    Na ob daraus, die Häuser zum schwnanken zu bringen, nicht ein Trend wird!?
    Ein Blick auf die Karte Berlins verrä,t das das Tempelhofer Feld eher im Zentrum, wenn dann südlich davon, liegt. Wie jemand auf südöstlich kommt, ist völlig unverständlich! Von Charlottenburg aus vielleicht...

  15. 11.

    G..! Endlich Mal wieder ordentlich was los, wie früher, als nach kurzer Zeit der Schweiß vonner Decke tropfte und keiner schrie "Vorsicht, Affenpocken" °^°

    So is Berlin ;-)

  16. 10.

    https://www.volcanodiscovery.com/earthquakes/quake-info/6847547/quake-felt-Jun-10-2022-Near-Berlin-Berlin-Germany.html

    Tiefe des Erdbebens: 10km

  17. 9.

    Hüpfen bei Florence + the Machine...
    is klar. Ich dachte bei Südosten auch gleich an Wuhlheide. Kann ja mal passieren.
    Diese Schwindelgefühle kenne ich auch.
    Da bebt die Erde, alles dreht sich.
    Und ein Metal-Konzert ist vielleicht auch noch irgendwo... ;)

  18. 8.

    Also von N52° 30' 10,4, E13° 24' 15,1 aus gesehen, haben sie Recht. Da liegt das Feld genau südlich. Von Ihnen aus nordwestlich. Trotzdem zählen Tempeldorf Neukölle zum südöstlichen Teil Berlins. Verdammt, alles so kompliziert, wenns genau sein soll.

  19. 7.

    Naja, so mancher Stadtmensch mag es halt ruhig und beschaulich, Geranien auf dem Balkon und Punkt 12 gibts Mittag. Aber ehrlich, kann schon an der Örtlichkeit liegen. Die Hallen, Tiefgeschosse, Entsorgungsleitungen könnten wie ein Resonanzkörper wirken. Aber abzüglich des Übertreibungseffektes wäre ein finaler Test schon spannend ... "Wacken meets Tempelhof" oder so ;-) und das drei Tage lang. Aber das kann ich mir hier doch nicht wirklich vorstellen, die Leute dort unten sind deutlich entspannter.

  20. 6.

    Natürlich im Südosten Westberlins. Das muss man dem RBB als Ostberliner einfach verzeihen.

  21. 5.

    Als Köpenickerin frage ich mich, seit wann das Tempelhofer Feld im Südosten von Berlin liegt ….

  22. 4.

    Bloß nicht! Endlich mal vernünftige Musik. Und für uns Anwohner kostenlos und draußen. ;-)

  23. 3.

    Joa, schon gar nich schlecht, Heinz … aber ich bin mir sicher, da geht noch was!

  24. 2.

    Jawoll, mit Musik bringen wir Gebäude zum Einsturz

  25. 1.

    Ich warte eigentlich nur auf den ersten missgünstigen Kommenta(to)r, der fordert, solche Konzerte zu verbieten, wenn sie Anwohner:innen in Angst und Schrecken versetzen …

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