Nach Todesfahrt - Giffey spricht von "dunklem Tag in der Berliner Stadtgeschichte"

Do 09.06.22 | 09:07 Uhr
Blumenstrauß niedergelegt an der Tauentzienstraße in Berlin. (Quelle: rbb/M. Gomm)
Audio: rbb24 Inforadio | 09.06.2022 | Stephan Ozsváth | Bild: rbb/M. Gomm

Der tödliche Vorfall mit einem Auto in der Berliner Tauentzienstraße wird von der Politik inzwischen als Amoktat eingestuft. Nach Bundeskanzler Scholz äußerte sich auch die Regierende Bürgermeisterin Giffey am Donnerstagmorgen entsprechend.

Am Tag nach der tödlichen Autofahrt nahe der Berliner Gedächtniskirche hat sich die Berliner Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) tief betroffen gezeigt. Im rbb24 Inforadio sprach die SPD-Politikerin am Donnerstagmorgen von einem "dunklen Tag in der Berliner Stadtgeschichte".

Wie am Abend schon Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) sprach Giffey von einer "Amoktat eines psychisch schwer beeinträchtigten Menschen". Dass es sich um eine Amoktat handelt, habe "sich gestern Abend verdichtet". Es gebe teilweise wirre Äußerungen des Mannes. Die Umstände des tragischen Geschehens würden weiter untersucht.

Auch Bundeskanzler Olaf Scholz hat den tödlichen Vorfall als "Amoktat" bezeichnet. Er sei "tief betroffen", schrieb der SPD-Politiker am Mittwochabend bei Twitter.

Lehrerin aus Hessen getötet

Ein 29-jähriger Mann aus Berlin war am Mittwochvormittag mit einem Kleinwagen in der City West in eine Gruppe von Passanten gefahren, darunter eine Schulklasse aus Hessen. Eine Lehrerin wurde dabei getötet. Nach Angaben Giffeys gibt es zudem sechs lebensbedrohlich Verletzte und drei Schwerverletzte. Noch am Mittwoch seien Eltern der Jugendlichen zusammen mit Schulpsychologen aus Hessen mit einem Bus angereist, so Giffey.

Die Regierende Bürgermeisterin dankte im rbb24 Inforadio den Einsatzkräften von Polizei und Feuerwehr und zeigte sich tief beeindruckt von der Andacht, die am Mittwochabend in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche stattgefunden hatte.

Bei der Todesfahrt handele sich um ein Ereignis, das "sehr tiefe Verletzungen und Traumata wieder aufreißt", sagte Giffey mit Blick auf den islamistischen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche im Dezember 2016.

Für Donnerstag wurde in Berlin Trauerbeflaggung angeordnet. Der Verein Changing Cities will um 17:30 Uhr am Tatort eine Mahnwache gegen motorisierte Gewalt veranstalten.

Kein Bekennerschreiben gefunden

Am Mittwochabend hatte ein Spezialeinsatzkommando bereits die Wohnung des Tatverdächtigen in Charlottenburg durchsucht. Vom Verfassungsschutz gebe es keine Erkenntnisse über den Mann, sagte Innensenatorin Spranger zuvor in der rbb24 Abendschau. Im Wagen des 29-Jährigen seien Plakate mit Bezug zur Türkei gefunden worden, aber kein Bekennerschreiben.

Nach Angaben von Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik werde bei den Ermittlungen im Moment nichts ausgeschlossen. Im Berliner Landeskriminalamt (LKA) ist eine Mordkommission für den Fall zuständig, nicht der Staatsschutz, der sich um politisch motivierte Kriminalität von Extremisten kümmert. Mit Hilfe eines Dolmetschers werde versucht, mehr "aus den teilweise wirren Äußerungen", die der Täter von sich gibt, herauszufinden, konkretisierte Giffey.

Der mutmaßliche Fahrtweg des PkWs an der Tauentzienstraße/Rankestraße (Bild: rbb24)

Todesfahrt endete im Schaufenster einer Parfümerie

Soweit bekannt, fuhr der Mann den Kleinwagen am Mittwochvormittag an der Straßenecke Tauentzienstraße/Rankestraße auf den Bürgersteig in die Menschengruppe. Danach fuhr er auf die Kreuzung und knapp 200 Meter weiter auf der Tauentzienstraße Richtung Osten. Kurz vor der Ecke Marburger Straße lenkte er den Wagen erneut von der Straße auf den Bürgersteig, touchierte ein anderes Auto, überquerte die Marburger Straße und landete im Schaufenster einer Parfümerie. Passanten hielten den Fahrer fest, dann nahm ihn die Polizei in Gewahrsam.

Die Polizei richtete eine Telefonhotline für Angehörige ein, vor Ort waren elf Seelsorgerinnen und Seelsorger im Einsatz. Sie hätten Augenzeugen betreut, darunter einige der unverletzten Schülerinnen und Schüler aus Hessen, sagte der Beauftragte der evangelischen Landeskirche für die Berliner Notfallseelsorge, Justus Münster, im rbb24 Inforadio.

Die Sperrungen rund um den Ort der tödlichen Autofahrt wurden laut Verkehrsinformationszentrale in der Nacht zu Donnerstag wieder aufgehoben, die Tauentzienstraße ist für den Verkehr wieder frei.

Die Gegend, in der sich der tödliche Vorfall am Mittwoch ereignete, ist wegen der vielen Geschäfte, Cafés und Sehenswürdigkeiten oft sehr belebt. Sie ist ein Anziehungspunkt für Touristen aus dem In- und Ausland. Der Unfallort befindet sich unweit der Gedächtniskirche am Breitscheidplatz.

Dort war im Dezember 2016 ein islamistischer Attentäter in einen Weihnachtsmarkt gefahren. Dabei und an den Spätfolgen starben 13 Menschen, mehr als 70 wurden verletzt. Der Fall vom Mittwoch weckte in Berlin auch Erinnerung an eine Amokfahrt auf der Stadtautobahn A100 im August 2020, als ein Autofahrer gezielt drei Motorradfahrer rammte. Er wurde vom Gericht in die Psychiatrie eingewiesen.

Giffey fühlte sich zudem an die Bilder nach dem Raser-Unfall 2016 fast an der gleichen Stelle erinnert. Damals hatten sich zwei Raser auf dem Kurfürstendamm ein Rennen geliefert; dadurch starb ein unbeteiligter Rentner.

Sendung: rbb24 Abendschau, 09.06.2022, 19:30 Uhr

Nächster Artikel