Begehrte Fachkräfte aus dem Ausland - Warum immer mehr Inder:innen Berlin für sich entdecken

Di 21.06.22 | 06:12 Uhr | Von Christina Rubarth
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Inderinnen in Berlin. (Quelle: rbb)
Video: rbb24 Abendschau | 21.06.2022 | Christina Rubarth | Bild: rbb

Die Entwicklung begann schleichend. Inzwischen sind Inder:innen in Berlin eine der größten Gruppen von Zugezogenen. Die Wirtschaft freut sich und hofft auf ein Ende des Fachkräftemangels. Doch die Inder:innen haben mit alltäglichen Problemen zu kämpfen. Von Christina Rubarth

Die gelernte Software-Ingenieurin Divya Sharma kam 2019 zum Master-Studium nach Berlin. Die 32-Jährige zog es weg aus Indien. Warum? Das hatte viele Gründe. "Die Menschen sind hier empathischer, Berlin ist international." Und, vielleicht der persönlich wichtigste Grund, ihr Heimatland zu verlassen: In Indien gebe es zu viel Konkurrenz in der Arbeitswelt, auch weil es einfach sehr viel mehr Menschen gebe.

Inderin in Berlin. (Quelle: rbb)
Deutsch lernte Divya bereits in Indien. Der DAAD wirbt dort für ein Studium in Deutschland. | Bild: rbb

In acht Bezirken die größte ausländische Community

Sharma steht symbolisch für einen Trend, der seit einigen Jahren zu beobachten ist. Im Jahr 2021, so die Zahlen des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg, sind unter allen ausländischen Zugewanderten am häufigsten Personen mit indischer Staatsangehörigkeit nach Berlin gezogen.

17,5 Prozent aller aus dem Ausland nach Berlin gezogenen Menschen waren Inder:innen. Insgesamt sind es nun 19.744. Damit hat sich die Zahl der Inder:innen in Berlin seit 2017 fast verdreifacht. In keiner anderen deutschen Stadt ist die Community so groß wie in Berlin. In acht von zwölf Bezirken stellen sie inzwischen den größten Anteil an Zugezogenen mit ausländischer Staatsangehörigkeit dar. Die meisten von ihnen seien zum Studieren und Arbeiten nach Berlin gekommen. Das jedenfalls gibt die Indische Botschaft auf Nachfrage von rbb|24 an.

Die meisten Fachkräfte würden nun im IT-Sektor, im Banken- und Finanzwesen arbeiten. Daten der Bundesagentur für Arbeit aus dem September 2021 bestätigen diese Einschätzung: Zu diesem Zeitpunkt waren 10.687 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte aus Indien in Berlin registriert - das ist die größte Gruppe eines außereuropäischen Landes.

Neustart mit Studentenvisum

Bevor Divya Sharma nach Deutschland auswanderte, hat sie eher durch Zufall in Indien begonnen, Deutsch zu lernen. Sie brauchte einen Ausgleich zu ihrem stressigen Job als Software-Ingenieurin. "Die indische Arbeitskultur hat mich wirklich krank gemacht," sagt sie. Die Arbeit habe immer Priorität, Urlaub gebe es kaum, Freizeitaktivitäten seien teuer. Das alles wollte sie nicht mehr. Ihre Recherchen ergaben: In Europa lässt sich gut studieren, viel günstiger als in den USA oder in Kanada. Sie wagte den Schritt und schrieb sich ein für einen internationalen Leadership-Master an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW). Der Vorteil: Mit einem Studentenvisum, sagt sie, habe man im Anschluss Zeit, sich einen Job zu suchen. Mit einem Arbeitsvisum müsse man viel schneller eine sichere Arbeit finden.

Sharmas Leben in Berlin startete 2019 in der Brunnenstraße in Mitte. Eine dunkle Wohnung, in die sie im Berliner Winter einzog. Sie fühlte sich allein, wurde depressiv. Als sie nach Lichtenberg in ein Studentenwohnheim zog, wurde es besser - trotz Corona.

So wie Sharma kommen jedes Jahr viele junge Inder:innen zum Studieren - auch, weil der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) in Indien Werbung für Deutschland als Studienort macht. Viele junge Leute machten und machen sich daraufhin nach Deutschland auf - und das spürt man auch an den Universitäten hierzulande: Divya Sharma hat Klassen an der an der HTW gesehen, in denen alle Studierenden aus Indien kamen. Auch sie wollte nach Deutschland, weil hier das Studium günstiger ist als in den USA oder Kanada und sie sich nicht von ihren Eltern finanzieren lassen wollte.

Inderinnen in Berlin. (Quelle: rbb)
2019 kam Divya (rechts) für ein Studium nach Berlin. Inzwischen ist sie auch privat angekommen. | Bild: rbb

Sechs bis zwölf Monate für alle bürokratischen Hürden

Zum günstigen Studium oder für internationale Arbeitserfahrung ein paar Jahre in Berlin zu leben, ist für viele Inder:innen attraktiv. Die deutsche Wirtschaft profitiert ihrerseits jedoch auch von der Zuwanderung, Stichwort Fachkräftemangel. Eigentlich müsse sich Deutschland deswegen sogar noch sehr viel mehr um indische Zuwander:innen bemühen, findet Forschungsdirektor Alexander Kritikos vom "Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung" (DIW) in Berlin: "Inder gehen noch immer häufiger in die USA, und wir müssen uns in Deutschland fragen, warum es uns nicht gelingt, noch mehr bestens ausgebildete indische Fachkräfte zu gewinnen."

Zwar mache es das Fachkräfteeinwanderungsgesetz für internationale Fachkräfte einfacher, nach Deutschland zu kommen. Trotzdem könne es in Berlin sechs bis zwölf Monate dauern, bis alle bürokratischen Hürden überwunden sind, so Kritikos. Er fordert deshalb Bürokratieabbau, schnellere Abläufe, mehr Willkommenskultur. "Auf Bundesebene müssen wir das Zuwanderungsgesetz kritisch bewerten und schauen, ob wir da noch etwas verbessern können. Ob wir uns noch mehr in die Richtung bewegen müssen, die andere Länder wie Kanada beim Bemühen um Fachkräfte vorgemacht haben."

Social-Media-Kanäle werben für Leben in Deutschland

Außerhalb der bürokratischen und offiziellen Sphären läuft derweil eine Kampagne. Auf dem YouTube-Kanal "Bharat in Germany" gibt der Inder Bharat Chaudhary, der seit ein paar Jahren in Hamburg lebt, Tipps für den Umzug nach Deutschland und erklärt all das, was einen in Deutschland erwartet. Auf dem Kanal erzählen junge Inder:innen dokumentarisch von ihrer Reise nach Deutschland, auch deren Eltern kommen zu Wort. Andere Videos bieten auch ganz konkret Informationen, was alles erledigt werden muss, wenn man als Studierende:r oder Fachkraft nach Deutschland kommen will: von der Registrierung bis zur Eröffnung des eigenen Kontos - und ja, auch über Heimweh und schlechtes Wetter.

Für Divya Sharma hat sich der Mut ausgezahlt, ihr Heimatland zu verlassen. Gerade hat sie ihren dritten Job in Berlin im Software-Bereich angenommen. Sie genießt den freundschaftlichen Umgang mit ihren Kolleg:innen, die definierten Arbeitszeiten und ihre Freizeit, die sie nun mit ihrem Freund, einem Deutschen, verbringen kann. Den hat sie bei der Arbeit kennengelernt.

Vor einem halben Jahr ist Divya mit ihm in Schöneweide zusammengezogen. Jetzt verlegen beide ihr Homeoffice für ein paar Wochen von Berlin ins italienische Bari. Mehr Work-Life-Balance ginge kaum. Nach Indien zurück? Das will Divya trotz Sehnsucht nach ihren Eltern nicht. Ihr Lebens- und Arbeitsmittelpunkt ist jetzt Berlin.

Sendung: rbb24 Abendschau, 21.06.2022, 19:30 Uhr

Beitrag von Christina Rubarth

6 Kommentare

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  1. 6.

    Wollen Sie mit diesem Vergleich allen Ernstes eine unzureichende Stadtreinigung und Sachbeschädigung relativieren?
    PS:
    Man könnte ja politisch was ändern. Bei Ihnen hört sich das für mich so an, als ob die Opfer selber Schuld sind.

  2. 5.

    Nicht meckern, aufräumen! Oder nach München ziehen. Gilt auch für Lothar. Wann habt ihr denn das letzte Mal eure Kühlschränke grundgereinigt? Dort riecht bestimmt wie im vermüllten Kiez, oder schlimmer. Die schlimmsten Müllsünden erlebe ich in Spießbürger-Kleingartenanlagen, wo mal schnell der Müll in irgendeinem Busch landet, weil die Müllabfuhr ja auch immer teurer wird.

  3. 4.

    Wahrscheinlich meinte Peter, München und nicht Berlin ? Aufstrebend ist in Berlin, nur die Beschmierung der Hausfassaden und der Müll.

  4. 3.

    Was ist denn in Berlin aufstrebendend? Meine ganze Nachbarschaft ist zugemüllt, wie viele Kieze. Alles ist verdreckt und beschmiert mit Grafitti.

  5. 2.

    Schön, dass Berlin so beliebt und ein aufstrebender Wirtschaftsstandort ist!

  6. 1.

    Hier zeigt sich das es auch auf legalen Weg mit entsprechender Qualifikation möglich ist nach DEU zu kommen.

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