Beschluss zur Mindestversorgung - Warum das "schnelle" Internet in Brandenburg noch weit entfernt ist

Mi 15.06.22 | 08:11 Uhr | Von Frank Preiss
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Symbolbild: Computer Nutzer in einer Wohnung, Internetverbindung über W-Lan. (Quelle: imago images/J. Tack)
Bild: imago images/J. Tack

Ende vergangener Woche hat der Bundesrat ein Grundrecht auf Mindestversorgung mit Internet beschlossen. Ein Blick nach Brandenburg zeigt: Im ländlichen Raum geht diese Vorgabe insbesondere an der Lebenswirklichkeit von Familien komplett vorbei. Von Frank Preiss

Wie schnell muss ein Internet-Anschluss sein, um Nutzer nicht auszugrenzen und zu benachteiligen? Diese Frage beschäftigt seit Monaten die Politik in Deutschland. Am vergangenen Freitag hat der Bundesrat vorerst Antworten gefunden: Jeder Privathaushalt in Deutschland hat rückwirkend zum 1. Juni einen Rechtsanspruch auf eine Mindestversorgung - das beschlossen die Bundesländer mehrheitlich.

In Zahlen ausgedrückt heißt das: Jeder Internet-Anschluss - und sei er auch noch so entlegen - muss mindestens 10 Mbit/s beim Herunterladen von Daten und 1,7 Mbit/s beim Hochladen gewährleisten. Die Latenz - also die Reaktionszeit - darf nicht höher als 150 Millisekunden sein. In einem Jahr sollen diese Werte aktualisiert werden.

Doch wie weit kommt man mit einem solchen Anschluss? Und wie ist Brandenburg damit versorgt?

Richtwerte genügen nur für Gelegenheitsnutzer

Immerhin 98,2 Prozent der Internet-Anschlüsse im Land (in Berlin sind es 100 Prozent) erfüllen die vom Bundesrat festgelegten Werte, wie ein Blick auf den offiziellen Breitband-Atlas [bundesnetzagentur.de] zeigt (Stand November 2021). Allerdings sind Nutzern von 10 oder 16 MBit/s-Anchlüssen enge Grenzen gesetzt, wie Arne Düsterhöft, Digital-Experte beim Verbraucherportal Finanztip.de, im Gespräch mit rbb|24 erklärt.

10 MBit/s genügen für das Surfen im Internet, für E-Mails, Online-Banking und online Musik hören. "Sogar Filme in HD-Qualität lassen sich damit streamen", so Düsterhöft. "Doch gerade Videos reizen die Internetleitung schon ziemlich aus und erlauben kaum Raum für eine zweite Person, die parallel im Netz surfen möchte."

Auch beim Arbeiten von zuhause aus sind solchen Anwendern Grenzen gesetzt, betont der IT-Experte weiter: "Bei Videokonferenzen kommt noch hinzu, dass es bei einem langsamen Internet-Anschluss oft auch beim Upload hapert. Laut Recht auf schnelles Internet stehen dem Internetnutzer zukünftig mindestens 1,7 Mbit/s im Upload zu. Das reicht gerade so aus, damit das eigene Bild bei den Kollegen in der Videokonferenz auch flüssig ankommt."

Familien und größere WGs brauchen mindestens 100 MBit/s

Wesentlich weiter kommt man dagegen mit 50 Mbit/s: Gerade Vielsurfer, Paare und Familien sollten eher dazu greifen, sofern die Leitung es hergibt, rät Düsterhöft: "Filme in Ultra-HD-Qualität (4K) brauchen beispielsweise mindestens 25 Mbit/s. Auch wer öfters größere Dateien herunterlädt, Cloud-Speicher für die Datensicherung nutzt oder über VPN auf dem Firmenserver arbeitet, vermeidet mit einer angemessenen Internetgeschwindigkeit viel Alltagsfrust."

Familien mit Teenagern und größeren Wohngemeinschaften rät Düsterhöft zu Tarifen ab 100 Mbit/s, am besten sogar ab 200 Mbit/s: "Damit bleiben auch mehrere parallele Filme flüssig, falls die Familie sich nicht auf ein Abendprogramm einigen kann. Auch Internet-Dauernutzer und Gamer können so große Dateien hin und her schicken und die neuesten Spiele schnell runterladen, sobald sie rauskommen. Noch größere Tarife mit Gigabit-Geschwindigkeiten (1.000 Mbit/s), wie sie in der Werbung gern angepriesen werden, sind eher ein schöner Luxus für Technik-Enthusiasten", sagt der Finanztip-Journalist.

Übrigens sind die Preise für das Internet anders als in den meisten anderen Lebensbereichen noch vergleichsweise moderat: "Bei Internet-Tarifen ist die Inflation zum Glück nicht angekommen. Dank dem stetigen, wenn auch recht langsamen Netzausbau sinken die Preise Jahr für Jahr eher etwas", sagt Düsterhöft, der den Anbietermarkt aufmerksam beobachtet.

Symbolbild: Ein Arbeiter zeigt die aufgespleissten Fasern eines Glasfaserkabels beim Anschluss eines Netzwerkkabels auf einer Baustelle. (Quelle: dpa/A. Franke)Beim Breitbandausbau haben Brandenburgs Städte klar die Nase vorn.

Kleine Gemeinden bleiben abgehängt

Ein Blick in den aktuellen Breitband-Atlas (Stand November 2021) zeigt derweil, dass die Schere zwischen Berlin und Brandenburg beim "schnellen Internet" weit auseinandergeht: Mit mindestens 50 Mbit/s können in Berlin 98,5 Prozent der Haushalte ins Internet gehen - in Brandenburg sind es nur 92,4 Prozent. Damit liegt das Land klar unter dem Bundesdurchschnitt (95,1 Prozent) - und im Länder-Ranking nur noch vor Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.

Screenshot des "Breitbandatlas" für Ostbrandenburg (Bild: Bundesnetzagentur)Helle Flecken rund um Seelow - ein Blick auf den "Breitband-Atlas".

Helle Flecken in MOL und LOS

Schon ab 30 Mbit/s werden die Unterschiede zwischen Stadt und Land deutlich sichtbar: In Berlin können 98,9 Prozent der Haushalte mindestens diese Bandbreite nutzen, in Brandenburg flacht schon hier die Kurve deutlich auf 93,5 Prozent ab. Blickt man auf das schnellstmögliche Internet mit 1.000 Mbit/s, so können hiervon grundsätzlich 94 Prozent der Berliner Haushalte Gebrauch machen - in Brandenburg nur 29,4 Prozent.

Der Breitbandatlas zeigt für Brandenburg zudem ein deutliches Stadt-Land-Gefälle: In Städten wie Frankfurt/Oder (97 Prozent), Potsdam (99) und Cottbus (98) können nahezu alle Haushalte mit mindestens 50 Mbit/s ins Internet gehen, im Landkreis Märkisch-Oderland dagegen nur 86 Prozent. In kleinen Gemeinden des Landkreises wie Alt Tucheband oder Sachsendorf liegt der prozentuale Anteil der Haushalte mit über 30 Mbit/s sogar nur im einstelligen Bereich.

Weitere helle Flecken auf der Breitband-Karte gibt es auch in anderen Landkreisen wie Oder-Spree. In der Gemeinde Rauen bei Fürstenwalde haben nur 35 Prozent der Haushalte die Möglichkeit, mit mehr als 30 Mbit/s zu surfen. In Neu-Seeland in der Lausitz können nur 31 Prozent der Haushalte mit dieser Geschwindigkeit surfen.

Ministerium: "Weiße Flecken" sollen bis 2025 verschwinden

Wo konkret in Brandenburg noch der größte Nachholbedarf beim schnellen Internet besteht, wollte das zuständige Wirtschaftsministerium des Landes auf rbb|24-Nachfrage derweil nicht mitteilen. "Jeder Landkreis bzw. jede kreisfreie Stadt setzt eigenverantwortlich seine/ihre Projekte zum Breitband-Ausbau um und entscheidet, welche unterversorgten Gebiete über die Bundesförderrichtlinie ausgebaut werden sollen", teilte eine Sprecherin lediglich mit. "Eine genaue Analyse mit einem daraus ableitenden Ranking zum Nachholbedarf in den Gebietskörperschaften stellt keine Fördervoraussetzung dar. Es liegen daher zwar den Bewilligungsbehörden Angaben zur geplanten Anzahl auszubauender Teilnehmer vor, jedoch keine Analysen zum Grad des Nachholbedarfs der einzelnen Gebietskörperschaften."

Grundsätzlich gebe es aber natürlich nach wie vor "weiße Flecken, d.h. die Regionen, die über Bandbreiten von unter 30 Mbit/s verfügen", räumte die Sprecherin ein. Dabei gehe es um insgesamt 37 Projektgebiete, die "sukzessive bis 2025 realisiert werden", so die Sprecherin des Brandenburger Wirtschaftsministeriums.

Auf "schnelles Internet" kann man bis zu einem Jahr warten

Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums zeigen derweil, dass der Breitband-Ausbau in Brandenburg seit 2018 zwar beständig, aber nicht mit berauschend schneller Geschwindigkeit vorangekommen ist: So wuchs der Anteil der 50 Mbit/s-Haushalte zwischen 2018 und 2021 um knapp 10 Prozent, jener von mindestens 100 Mbit/s um 39,3 Prozent - und der Glasfaserausbau, der mehr als 1.000 Mbit/s ermöglicht, wuchs in dem Zeitraum um 22,8 Prozent (in Berlin im selben Zeitraum um 40 Prozent).

Allerdings: Werden die vom Bundesrat festgelegten Vorgaben für "schnelles Internet" unterschritten, könnte die Bundesnetzagentur jetzt die Verlegung besserer Anschlüsse veranlassen. Doch dafür braucht der Betroffene viel Geduld: "Stellt ein Internetnutzer mit dem Speed-Test der Bundesnetzagentur [breitbandmessung.de] fest, dass seine Internetleitung zu langsam ist, kann er einen zeitgemäßen Internetanschluss zukünftig über die Bundesnetzagentur einfordern", sagt Finanztipp-Experte Arne Düsterhäft - und betont zugleich: "Richtig fix wird es aber wahrscheinlich nicht funktionieren: Denn damit das schnelle Internet zuhause ankommt, müssen Internetnutzer einen langen Prozesses durchlaufen. Und dies könnte durchaus ein Jahr oder noch länger dauern."

Sendung: rbb24 Inforadio, 15.06.2022, 11 Uhr

Beitrag von Frank Preiss

9 Kommentare

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  1. 9.

    Ich finde es immer wieder gut, wie die Brandenburger Ministerien reagieren. Dieses Mal sind die Landkreise und kreisfreien Städte (und mal nicht die Bundesregierung)Schuld. Das Wirtschaftsministerium weist jede Schuld von sich. Willkommen im Klub der nichts wissenden, nichts ahnenden und nichts tuenden Ministerien in Brandenburg.

  2. 8.

    Deutschland sollte auf dem Nivau bleiben.
    Der Respekt des Restes der Welt wird geschichtlich irgendwann mal, in zehn oder elf Jahren, nicht ausbleiben.

  3. 7.

    Gut wenn die Karten mit den weißen Flecken immer ausreichend grob sind ... es gibt bspw. in Bernau bei Berlin VDSL- und Glasfaser-Angebote in vielen Ecken der Stadt. Doch mitunter reicht eine Straße als Trennlinie, um die Verfügbarkeit auf 16-MBit-ADSL zu bremsen. Das kann dann nur ein einzelnes früheres Baufeld, bei dem sich eine lokale Firma den Zuschlag der Vernetzung sicherte, nur um dann kurz danach Pleite zu gehen und von einem überregionalen Kabeldienstleister aufgekauft zu werden, der an den paar Gebäuden irgendwo weit weg nicht gerade all zu viel Interesse hat, erst recht wenn die rechtlich zugrundegelegten Karten immer schön anzeigen, dass die Kommune doch super versorgt wird. Wenn dann die Alternative Kabel-Internet heißt, das mehrmals täglich ausfällt, weil zu viele Haushalte an einem Kabelstrang hängen und irgendwer irgendwo immer mal wieder Störungen verursacht, dann bewirkt das auch nur Achselzucken beim Anbieter ...

  4. 6.

    Leider wird die Erkenntnis der Bundesnetzagentur in diesem Artikel nicht erwähnt https://www.tagesschau.de/wirtschaft/verbraucher/breitband-ausbau-internet-geschwindigkeit-101.html Es kommt drauf an was drauf steht, sondern was ankommt. Zukunftssichere Glasfaseranschlüsse sind bis heute Mangelware. Da die Netzbetreiber noch viele Jahre auf ihren Kupferleitungen herumreiten dürfen. Zumal trotz besserer Gesetze die Vermieter sich in vielen Fällen nicht bewegen. Bis zum Mieter dringt die Glasfaser nur schwer vor und als Mieter hat man da keine Handhabe. Es sei denn man möchte die Kosten aus eignender Tasche zahlen. Wenn sie mal in den Städten auf Straßenniveau heran gehen würden könnten Sie Festellen das Breitbandanschlüsse reines Glück sind. Je nach dem wie günstig man an der alten Infrastruktur wohnt. Wie die Kabel verlaufen etc. So sind 100m weiter deutlich geringe Bandbreiten möglich, bis zur Unterversorgung. Die Anschlüsse sind auch im Vergleich innerhalb Europas zu teuer!

  5. 5.

    Das Problem existiert nicht nur auf dem Land.
    Ich bekomme mitten in Berlin (nicht "am Rand", U Bahn ist gleich gegenüber) auch nur DSL 16000, in der Praxis 11 MBit/s down, 2 Mbit/s up. Internet übers TV Kabel ist gar nicht verfügbar. Ausbau nicht geplant.

    Ich komme im Moment nur über Mobilfunk zu einem zeitgemäßen Internetzugang. Kost natürlich mehr und eignet sich auch nicht um eine größere Zahl von Menschen mit "Festnetzersatz" zu versorgen.

    Weil ich regelmäßig Livestreams mache (senden, nicht nur schauen), ist vor allem der langsame Upstream bei dem DSL Anschluss ein großes Problem.
    Mein Eindruck ist: Auf dem Land kennt man dann den Bürgermeister, es gibt Initiativen und Förderprogramme, um endlich auszubauen.
    Wenn in der Stadt alle anderen Gebäude in der Straße schnelles Internet haben, man selbst aber auf DSL 16000 sitzt, interessiert es keinen. Auch, wenn das Gebäude 12 Stockwerke hat und mehr Personen darin leben, als in manch kleinem Dorf.

  6. 4.

    Die Mindestvorgaben sind wahrscheinlich bewusst so gewählt, dass man sie mit Kupfer erreichen kann und keinen Glasfaserausbau betreiben muss. Bloß keine Investitionen forcieren, man könnte ja sonst versehentlich die Position als Schlusslicht verlassen.

  7. 3.

    Und wieder etwas, das mich an "Das Leben des Brian" erinnert:

    Hiermit wird eindeutig festgestellt, dass ein jeder ein Recht auf schnelles Internet hat.
    Auch wenn er gar kein schnelles Internet haben KANN.
    Übrigens wäre eine schnelle Internetverbindung auch im Sinne des Umweltschutzes:
    Was man herunterladen kann, braucht man nicht kaufen zu fahren.
    Und dass jemand in einem kommenden "Jurassic"-Film wahrscheinlich versucht, Biblio- und Videothekare zu klonen, haben wir auch dem Internet zu verdanken.

  8. 2.
    Antwort auf [Uwe] vom 15.06.2022 um 09:21

    Bitte nicht so spitz, wenn beide Hände gebraucht werden um sie schützend über die Kohlelobby zu halten geht eben nicht mehr.

  9. 1.
    Antwort auf [Uwe] vom 15.06.2022 um 09:21

    Bitte nicht so spitz, wenn beide Hände gebraucht werden um sie schützend über die Kohlelobby zu halten geht eben nicht mehr.

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