Interview | Hasnain Kazim über Hass im Netz - "Ihnen fiel mein muslimisch klingender Name auf - das hat ausgereicht"

Fr 10.06.22 | 09:11 Uhr | Von Hasan Gökkaya, Roberto Jurkschat
  5
Hasnain Kazim spricht bei der Re:publika 2022. (Quelle: re:publica/Stefanie Loos)
Audio: rbb24 inforadio | Was ist die re:publica? | Annette Miersch | Bild: re:publica/Stefanie Loos

Der Journalist und Autor Hasnain Kazim hat eine eigene Methode entwickelt, um mit Rassisten umzugehen: Er schreibt zurück. Wie er gegen Hass im Netz ankämpft, was ihn ärgert und wie er andere ärgert, erzählt er im Interview.

Der Journalist Hasnain Kazim berichtete bereits aus Indien, Pakistan und der Türkei. Inzwischen lebt er in Wien, von wo aus er sich als Buchautor auf den Umgang mit Hass im Netz konzentriert. Kazim war zu Gast auf der diesjährigen re:publica in Berlin.

Über einen Zeitraum von zwei Jahren hat der ehemalige "Spiegel"-Redakteur jeder Person, die ihn zum Teil auch stark rassistisch beleidigt hat, zurückgeschrieben. Der E-Mail-Verlauf ist später in einem Buch abgedruckt worden. Warum er auf hassvolle Leserpost reagiert, wann er unsachlich wird und welche Grenze er zieht, sagt Kazim im Interview.

rbb|24: Herr Kazim, hat der Hass im Netz Sie zuerst gefunden oder andersherum?

Hasnain Kazim: Der Hass hat mich gefunden, allerdings schon bevor es das Netz gab. Die ersten Briefe erreichten mich noch per Post, da war ich Jugendlicher und hatte mich in einem Schülerartikel in einer Tageszeitung geäußert. In den Briefen standen Aussagen wie: "Du als Ausländer hast hier dein Maul nicht aufzureißen!" und "Geh dahin, wo du herkommst!". Da wurde mir klar: Ich bin bei einem Teil der deutschen Bevölkerung nicht willkommen.

Dabei waren Sie ja schon da, von wo sie herkommen: im Alten Land, vor den Toren Hamburgs.

Richtig. Später, als "Spiegel"-Journalist, erreichte ich mit meinen Texten viel mehr Menschen, die Zahl der Hass-Nachrichten stieg entsprechend stark an. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da bekam ich 1.000 Hassnachrichten an einem Tag. Die Leute regten sich sogar darüber auf, dass ich über eine Radtour schrieb. Was denn mir einfallen würde, als "Ausländer" für eine deutsche Zeitung zu schreiben, hieß es.

Was genau stört diese Menschen?

Ihnen fiel mein muslimisch klingender Name auf. Das hat ausgereicht. Dabei kommen nur meine Eltern aus Pakistan, ich bin in einem Dorf bei Hamburg protestantisch erzogen worden und bin konfessionslos.

Sie haben eine eigene Methode entwickelt, um mit Hass im Netz umzugehen: Sie schreiben zurück. Über einen Zeitraum von zwei Jahren haben Sie sogar auf jede einzelne Hassnachricht geantwortet. Manchmal gehen Sie sachlich vor, manchmal schreiben Sie völlig ironisch und unsachlich zurück. Warum?

Ganz ehrlich: Weil es Spaß macht. Und man muss das auch einmal so klar sagen: Nicht alle, aber viele der Verfasser sind wirkliche Trottel. In der Regel mache ich mir aber die Mühe, herauszufinden, ob da etwas zu retten ist. Ich schreibe entweder humorvoll zurück, spiegele ihnen ihr Klischee-Denken, setze auf Überspitzungen - oder ich werde eben ernst und antworte mit guten Argumenten.

Bringt das etwas?

Ich denke: ja. Bei einem Drittel der Menschen, die mich schriftlich beleidigen oder herabwürdigen, bewirke ich etwas. Wenn die Leute merken, dass da ein echter Mensch auf der anderen Seite ist, der ihnen auch noch antwortet, bitten sie plötzlich um Entschuldigung oder ändern ihren Ton.

Gibt es für Sie keine Grenze im Umgang mit diesen Menschen?

Ich bin ja wirklich offen für Kritik, niemand muss meine Meinung teilen. Aber wenn mir jemand Morddrohungen schickt, dann ist das nicht in Ordnung, und ich gehe juristisch dagegen vor.

Wer sind diese Menschen, die derart hasserfüllt sind?

Rassismus und Menschenfeindlichkeit sind in der gesamten Gesellschaft verbreitet. Das zeigt sich auch an den Absendern. Mir schreiben wirtschaftlich abgehängte Menschen genauso wie Juraprofessoren und andere Akademiker. Einige sind frustriert und nutzen mich als Ventil, einige kritisieren meine Meinung, was okay wäre, wenn sie mich nicht beleidigen oder bedrohen würden. Tatsächlich schreiben mir viele Leute in den Abendstunden oder sogar in der Nacht. Ich vermute, sie sind sehr einsam.

Hasnain Kazim spricht bei der Re:publika 2022. (Quelle: re:publica/A. Barth)Autor Hasnain Kazim auf der re:publica 22 (Bild: re:publica/Anne Barth)

Es wird so viel über Hass im Netz gesprochen wie nie zuvor. Dennoch, das Netz quillt über vor Beleidigungen und Morddrohungen. Wie ist das möglich?

Sie gucken sich das ab. Es gibt ja inzwischen genügend Männer und Frauen, die so reden, während sie einflussreiche Positionen bekleiden. Denken wir an Donald Trump, an Bolsonaro, an Marine Le Pen. Trump äußerte sich als US-Präsident auf Twitter so oft derart menschenverachtend, dass sich andere denken, dass sie das nun auch dürfen.

In einem ihrer Bücher schreiben Sie von einer "Internetburka". Was soll das sein?

Viele Deutsche regen sich über die Burka auf. Das kann ich nachvollziehen. Ich halte es für ein merkwürdiges Konzept, dass eine Frau sich vollständig verschleiern müsse. Ich mag das nicht.

Allerdings ist es albern, eine Burka-Debatte in Deutschland zu führen, weil sie hier fast niemand trägt. Dennoch gibt es Menschen, die so eine Debatte hier anstoßen wollen, nur mit der Absicht, den Islam insgesamt zu diskreditieren. Das ärgert mich. Noch mehr ärgert es mich, wenn ausgerechnet diese Leute dann anonym im Internet unterwegs sind. Habt doch wenigstens so viel Rückgrat und kritisiert mit Gesicht und Namen. Das tun die meisten im Netz aber nicht, sie tragen eine Internetburka.

Beim Vorlesen der gegen Sie gerichteten Hassbotschaften wirken Sie locker. Bei Ihren Lesungen auf der re:publica 2022 haben Sie das Publikum sogar zum Lachen gebracht. Gehen Ihnen diese Hassmails gar nicht nahe?

Doch, das geht mir schon nahe. Ich weiß noch genau, wie das war, als ich die ersten Briefe als Schüler bekam. Ich hatte Angst, jemand könnte mir oder meiner Familie Gewalt antun.

Heute weiß ich, dass viele Menschen es für normal halten, mir Morddrohungen zu schicken, obwohl sie so eine Tat nicht beabsichtigen. So traurig es klingt: Ich habe mich ein bisschen an diese Sprache gewöhnt.

Aber regelmäßig Hassnachrichten zu lesen, kann doch nicht gesund sein.

Wenn mir jemand schreibt, dass er mich "an meinen Gedärmen aufhängen" will, dann macht mich das wütend. Ich gebe mir jedoch Mühe, nicht permanent wütend zu sein, denn ich möchte ja Freude am Leben haben. Deshalb habe ich meine eigene Methode entwickelt, wie ich diesen Menschen begegne. Wenn ich das Gefühl habe, dass auf der Gegenseite ein Spinner sitzt, der nur pöbeln will, dann schreibe ich der Person entsprechend zurück. Ich gehe also mit Humor an die Sache heran, um mich zu schützen - und ja, es macht auch ein bisschen Spaß, diese Leute zu ärgern.

Trotzdem haben Sie inzwischen aufgehört, wirklich jedem und jeder zu antworten.

Ja, weil es diesen einen Moment gab. Ich kam eines Tages nach Hause, da guckte mich meine Frau an und fragte: "Du hattest heute wieder schlimme Mails, oder?" Das merke man mir an, sagte sie. In dem Moment wurde mir nach zwei Jahren bewusst: Wenn man sich zu intensiv damit beschäftigt, verbrennt man auf Dauer innerlich. Wenn ich heute einen Artikel über die AfD schreibe und 1.000 Emails bekomme, tue ich mir das also nicht mehr an, alle Nachrichten durchzulesen. Leider gehen dann auch konstruktive und freundliche Nachrichten verloren.

Sie könnten es auch komplett sein lassen.

Das halte ich nicht für richtig. Ich finde, es ist wichtig, zu reagieren, sonst überkommt einem das Gefühl, dass das alles normal sei. Vor allem, wenn Hassnachrichten über öffentliche Postings in sozialen Medien verbreitet werden, will ich widersprechen und Dinge richtigstellen. Denn da lesen ja wahnsinnig viele Menschen mit.

Andererseits gilt die Regel: Schützt euch selbst! Wer das Gefühl hat, das wird zu viel, sollte es lassen. Wer Morddrohungen erhält, sollte gar nicht erst diskutieren. Das ist absolut nicht okay, diese Leute sollten angezeigt werden.

Bringen juristische Schritte denn etwas?

Nicht immer, leider. Dennoch: Ich habe den Eindruck, dass sich bei Polizei und Staatsanwaltschaft etwas getan hat. Sie sind sensibler für dieses Thema geworden, haben kapiert, dass dagegen vorgegangen werden muss. Wir stehen aber sicherlich noch nicht da, wo wir sein sollten. Es gibt immer noch Polizeistationen und auch Staatsanwälte, die solchen Fällen nicht genug Beachtung schenken.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Hasan Gökkaya und Roberto Jurschat für rbb|24.

Sendung: rbb24 radioeins, 08.06.2022, 15 Uhr

Beitrag von Hasan Gökkaya, Roberto Jurkschat

5 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 5.

    „Mit Rassismus hatte das nichts zu tun...“

    Darf ich fragen, woher Sie DAS bitte so genau wissen wollen? Vermutlich sind Sie weder dabeigewesen noch kennen Sie den Zugbegleiter persönlich, oder?

  2. 4.

    Das sehe ich genauso Steffen. Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich hätte mich beim Schaffner bedankt, weiterfahren zu dürfen, ohne Strafe zu zahlen. Mit Rassismus hatte das nichts zu tun...
    Auffällig ist eher, dass die Rassismus-Karte gerne gezogen wird, wenn man eine Strafe umgehen will.

  3. 3.

    Sie können sich besser bedanken, dass Sie nicht wegen Schwarzfahrens angezeigt wurden. Eine unvollständig ausgefüllte Fahrkarte ist ungültig und somit nicht vorhanden. Dass die Schaffner davon inzwischen die Nase voll haben, kann ich sogar nachvollziehen. Mit angespanntem Rassismus hat das gar nichts zu tun, die haben keine Lust, ständig unsinnige Diskussionen zu führen. Sie sehen es ja offenbar immer noch nicht ein. Natürlich ist das 9-Euro-Ticket ein Ermäßigungsticket und personengebunden. Sonst könnte ja die halbe Verwandtschaft das Ticket im laufenden Monat nutzen. Das ist aber explizit ausgeschlossen.

  4. 2.

    Ich bin kein Moslem werde aber für pro Islam gehalten und werde krass unfreundlich fast angepöbelt von einem Schaffner der NEB gestern um 18:05 ,weil das 9Euro Ticket nicht meinen Namen aufwies das ist zwar richtig aber kein Anlass um durch den Wagon zu pöbeln dass es ein Ermäßigungsfahrschein sei , was auch nicht stimmt den es ist für jeden. Ich meide diese Horrorlinie und hoffe dass irgendwann die DB wieder kommt

  5. 1.

    Sicher könnte nicht ein Rassist begründen, warum er andere hasst, wahrscheinlich hassen sich Rassisten selbst am meisten und sicher haben sie völlig eingeschränkte soziale Fähigkeiten. Anonym andere zu beleidigen und zu bedrohen, ist immer ein feiger Akt der eigenen Unfähigkeit. Die Gesellschaft kann stolz auf Herrn Kazim sein.

Nächster Artikel