Interview | Kaufhaus-Erpresser - "Dann kam er aus der Telefonzelle und sagte: 'Ja, ich bin Dagobert'"

Mo 13.06.22 | 10:57 Uhr
  8
Der mutmaßliche Karstadt-Erpresser "Dagobert" wird am 22.04.1994 in Berlin verhaftet. (Quelle: dpa/Bernd Settnik)
Audio: rbb24 Inforadio | 13.06.2022 | Vis à vis mit Martin Textor | Bild: dpa/Bernd Settnik

Als Kaufhaus-Erpresser ließ Arno Funke alias "Dagobert" in den 1980er und 1990er Jahren in Berlin Bomben detonieren. 30 Jahre später erinnert sich der damalige Ermittler Martin Textor an raffinierte Tricks und den Tag der Festnahme.

Arno Funke ist als "Dagobert" in die deutsche Kriminalgeschichte eingegangen. Ende der 1980er Jahre erpresst er zunächst den Kaufhauskonzern Hertie, zu dem das KaDeWe in Berlin zu der Zeit gehört und fordert 500.000 DM. Im Mai 1988 explodiert eine Bombe im KaDeWe, woraufhin der Konzern entscheidet, den geforderten Betrag zu zahlen. Vier Jahre später macht der Erpresser weiter - jetzt offiziell als "Dagobert" - und es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei, bis er 1994 gefasst wird. Funke sitzt schließlich eine langjährige Gefängnisstrafe ab. Auf der Jagd nach dem einfallsreichen Erpresser war damals auch Martin Textor, Ermittler und langjähriger Chef aller Berliner Spezialeinheiten.

rbb: Herr Textor, "Dagobert" lief in den Jahren 1992 bis 1994 zu einer ungewöhnlichen kriminellen Form auf: Vor allem vom Karstadt-Konzern forderte er mehrfach Geld, auch in Berlin. War Ihnen sofort der Gedanke gekommen, dass dieser Mensch womöglich derselbe ist, der bereits 1988 erfolgreich 500.000 DM vom KaDeWe-Konzern erpresst hatte, nachdem er dort auch einen Sprengsatz detonieren ließ?

Martin Textor: Als das KaDeWe erpresst wurde, war ich schon Chef des SEK und der Präzisionsschützen. Und nicht nur mir, sondern allen Polizisten in Berlin, die damals in diesen KaDeWe-Fall involviert waren, ist aufgefallen: Der Modus Operandi ist total gleich. Er vermeidet den kritischen Punkt einer Erpressung, nämlich der Geldübergabe. Der Erpresser ist immer ein Unbekannter, und der einzige Moment, wo die Polizei mit ihm in Kontakt kommen kann, ist die Geldübergabe. Und das hat er sehr analysiert und sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen, um diesen kritischen Punkt so zu gestalten, dass er das Geld bekommen konnte, ohne dass ihn die Polizei fassen kann.

ARCHIV, 2007: Dagobert Arno Funke und der ehemalige Leiter des MEK-Berlin, Martin Textor (Bild: imago images/Eventpress)
Jäger Martin Textor (rechts) mit dem Gejagten Arno Funke alias "Dagobert" (links) im Jahr 2007. | Bild: imago images/Eventpress

Bei der KaDeWe-Erpressung ließ er Polizisten das Lösegeld aus einem Zug werfen. Aber später ließ er sich schon was Komplizierteres einfallen. Er war technisch unglaublich findig.

Technisch ist er für meine Begriffe ein Genie – oder sagen wir mal so: Als Hobbybastler ist er herausragend gut. Er hat seine Ideen und die dazu notwendigen Vorarbeiten, die ja auch technisch hochinteressant waren, immer mehr verfeinert.

Zwischen 1992 und 1994 startete "Dagobert" eine weitere Erpressungsserie gegen den Karstadt-Konzern. Insgesamt gehen mehrere Bombenanschläge und ein Brandanschlag gegen Karstadt-Kaufhäuser auch in Berlin auf sein Konto. Das Ganze war also ernst. Ein ganzer Polizeiapparat ermittelte, es kam zu mehreren versuchten Geldübergaben, viele davon in Berlin. Aber die Polizei hat sich auch narren lassen von ihm. Haben Sie nicht einschätzen können, wie weit dieser Mensch geht?

Sie sagen, er hat uns genarrt. Ich könnte genauso sagen, wir haben ihn genarrt. Denn wann immer er das, was er suchte, bekommen hat, war kein Geld drin. Aber es ist richtig: Er hat immer wieder Wege gefunden, den kritischen Punkt der Geldübergabe mit neuen technischen und sehr umfassenden Ideen zu entzerren. Er hat zum Beispiel mal ein Schienenfahrzeug, eine kleine Lore, gebaut, das steht sogar hier im Berliner Polizeimuseum.

Aber: Narrt ein Täter die Polizei, wenn er übervorsichtig ist, um das Zusammentreffen mit der Polizei zu verhindern? Denn er hat viele der Geldübergaben schnell wieder abgebrochen, wenn er gemerkt hat, die Polizei hat wohl doch durchschaut, was ich hier vorhabe. Wenn er zum Beispiel eine Streusandkiste, die gefüllt tonnenschwer ist, auf einen Kanalschacht stellt – woher sollen wir wissen, dass darunter ein Kanalschacht ist. So viel Zeit ist ja gar nicht. [Hinweis der Red.: Am 19. April 1993 sollte die Polizei das Lösegeld in einer präparierten Streusandkiste in Berlin-Britz deponieren. Doch diese stand auf einem Kanalschacht. Der Erpresser öffnete die Kiste von unten und entkam mit der Tasche, in der sich jedoch überwiegend Papierschnipsel befanden.]

Sendehinweis: "Jagd nach Dagobert" am 13.6., 20:15 Uhr im Ersten

Inzwischen war der Mann so eine Art Held geworden. Alle haben geschmunzelt. Die Zeitungen haben sich darauf geworfen. Zwei Drittel der Menschen in diesem Land fanden ihn sympathisch. Das muss ihnen doch auch hochgekommen sein, denn es ging hier um Schwerstverbrechen.

Die Frage, wie die Öffentlichkeit einen solchen Täter einschätzt und wie sie ihn betrachtet, hängt ja nicht nur von dem Fall ab, sondern es hängt eben auch davon ab, wie über den Fall berichtet wird.

Wurde verharmlost?

Ich finde, dass das verharmlost wurde. Es wurde auch gesagt, der erpresst nicht die Bevölkerung, der erpresst bloß den Konzern. Bei dem Konzern kaufen die Leute aber ein. Für den Konzern ist eine Gelderpressung ein Kostenfaktor. Und wir als Polizei müssen uns auch nach dem Willen des Konzerns richten. Es ist nicht so, dass die Polizei sagen kann: Nein, wir geben dem kein Geld. Am Schluss hat Karstadt gesagt: Jetzt halten wir das nicht mehr aus, jetzt geben wir ihm wirklich Geld. Und es war ja auch das einzige Mal, nämlich dieser Fall mit der Lore, wo dann wirklich Geld, nämlich eine Million, auf dieser Lore war.

Es ist nicht so, dass die Polizei sagen kann: Nein, wir geben dem kein Geld. Am Schluss hat Karstadt gesagt: Jetzt halten wir das nicht mehr aus, jetzt geben wir ihm wirklich Geld.

Martin Textor, früherer SEK-Chef

Bei dem Fall mit der Lore gelang es Dagobert zu flüchten, weil er sah, dass ihm die Polizei auf den Fersen war. Aber am Ende haben Sie ihn erwischt – mit viel Hartnäckigkeit. Er hat ja aus Telefonzellen angerufen und seine Anrufe vorher angekündigt. Da haben Sie schließlich angesetzt.

Weil er diesen Punkt der Geldübernahme immer wieder entzerrt hat, haben wir einen anderen Weg gesucht, nämlich die Anrufe zu verfolgen. Aber das dauerte natürlich ein paar Minuten. Und wenn man dann zur Telefonzelle kam, war er nicht mehr da. Und deswegen haben wir uns mal angeguckt, aus welchen Telefonzellen in Berlin er telefonierte. Und das waren zu 90 Prozent Telefonzellen aus dem Westen der Stadt.

Sie haben ein Raster angelegt.

Ja, und am Schluss blieben 1.500 Zellen übrig. Und dann bin ich zum Polizeipräsidenten und habe gesagt: Ich brauche morgen mal 3.000 Polizisten, weil er wieder anrufen wollte. Dann haben wir den Einsatz durchgeführt – und dann kam der Anruf aus dem Osten Berlins, und damit war der Großeinsatz verpufft.

So ein Täter, so einen Menschen habe ich nie erlebt. Er hat sich mit mir getroffen, um mir zu erklären, dass am Hermannplatz beim Karstadt der Sprengkörper zwar explodiert ist, aber er das so berechnet hat, dass wirklich niemand zu Schaden kommen konnte.

Martin Textor, früherer SEK-Chef

Wieso hat die Festnahme dann am Ende funktioniert – Kommissar Zufall oder die Genialität von Polizisten?

Also, wir hatten mal wieder unsere Positionen besetzt. Dieses Mal kam das Gespräch nicht aus Berlin, sondern aus Potsdam. Und auf der Königstraße, die zur Brücke nach Potsdam führt, waren zwei Beamte des SEK. Sie sahen einen Kleinwagen vorbeifahren. Und dann sagten sie zu mir: Der Mann, der den Wagen fuhr, sah so nachdenklich aus. Das war ihnen irgendwie aufgefallen. Wir haben das Kennzeichen überprüft und stellten fest: Das ist ein Mietwagen. Und dann sagte der von der Mietfirma: Ja, der ist schon öfter vermietet worden. Und siehe da, es waren immer die Tage, wenn Dagobert mit uns telefoniert hat. Damit war klar: Das müsste er sein.

Er hat mit seinem Klarnamen Arno Funke die Fahrzeuge gemietet. Wir wussten dann, wo er wohnt und hätten ihn eigentlich schon festnehmen können. Aber dann gibt es wieder Schwierigkeiten in der Beweisführung. Deswegen wollten wir ihn eben auf frischer Tat ertappen. Dann haben wir hier gewartet, wann der nächste Anruf kommt. Er telefonierte, die fuhren mit ihrem Auto vor. Und dann kam er aus der Telefonzelle und sagte: 'Ja, ich bin Dagobert'.

Der Fall "Dagobert" war doch für Sie sicher der ungewöhnlichste in Ihrer Laufbahn, oder?

So einen Täter, so einen Menschen habe ich nie erlebt. Dagobert ist ein Sonderfall. Er hat sich mit mir getroffen, um mir zu erklären, dass auch am Hermannplatz beim Karstadt der Sprengkörper zwar explodiert ist, aber er das so berechnet hat, dass wirklich niemand zu Schaden kommen konnte. Aber diese Geste von ihm, ausgerechnet mir erklären zu müssen, dass er zwar Straftäter ist, aber nie Menschen gefährdet hat, hat mich irgendwie auch berührt. Und er hat außerdem in seinem Auftreten und in seiner Art zu reden, so die Art Humor, die ich auch mag – wir waren uns eigentlich dann sympathisch.

Vielen Dank für das Gespräch!

Mit Martin Textor sprach Christian Wildt für rbb24 Inforadio. Dieser Artikel ist eine gekürzte und redigierte Version. Das Originalinterview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Header des Artikels nachhören.

Sendung: rbb24 Inforadio, Vis à vis, 13.06.2022, 10:45 Uhr

8 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 8.

    Nun, dazu müssten sie ein Arbeitgeber sein, was ich aber stark bezweifele.

  2. 7.

    Ich Feuer Diesen typen

  3. 6.

    Bei wiki steht doch auch, dass er in einer KFZ-Werkstatt gearbeitet hat. Und soweit mir bekannt, hatte er sich z. H. eine kleine Werkstatt eingerichtet und an allem möglichen herumgebastelt. Zudem wurde ihm eine überdurchschnittliche Intelligenz bescheinigt, die mit seinen kreativen Fähigkeiten und technischem Geschick kombiniert, diese Lore usw. hervorbrachte. Er war wohl tatsächlich ein Eigenbrötler, der im stillen Kämmerlein alles alleine ausbrütete.

    Die Berufskrankheit wird wohl dazu geführt haben, dass er sich nicht sehr lange konzentrieren konnte und unter Migräne litt, was ihn aber nicht unintelligenter machte.

  4. 5.

    Kaufhauserpresser und Bomben zur Explosion gebracht. Pfui!!! Diese Person war kein Gentleman-Gauner, sondern ... (ohne Wort sonst geht es nicht durch die Netiquette).Nicht alle haben geschmunzelt. Dieser Bericht scheint m.M. solchen Menschen wohl auch ein bißchen zu verherrlichen.

  5. 4.

    Für's Dschungel-Camp hat's dann auch noch gereicht, wat willste mehr.

  6. 3.



    Zitat Wikipedia:

    "Während des Lackierens atmete er jahrelang Lösungsmittel ein. Die dadurch verursachten hirnorganischen Schädigungen sollen... "
    Was mich bis heute wundert wie der gute Arno mit seiner hirnorganischen Schädigung solche technisch komplexen Dinge wie diese Lore angefertigt hat? Wer waren die Helfer im Hintergrund? Wurde jemals die Entstehungsgeschichte dieser Lore ernsthaft ermittelt?

  7. 1.

    Er war ein Gentleman-Gauner mit Gewissen!

Nächster Artikel