Hohe Hürden für Menschen mit Behinderung - Kein einziger DB-Bahnhof in Brandenburg ist komplett barrierefrei

Do 30.06.22 | 09:14 Uhr
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Eingang des Bahnhofs Eisenhüttenstadt. (Quelle: imago/J.Ritter)
Audio: Antenne Brandenburg | 30.06.2022 | Bild: imago/J.Ritter

Auch im Jahr 2022 heißt es für Menschen mit Behinderung an fast allen Bahnhöfen in Brandenburg: Hier geht es für Sie nicht weiter! Der Nachholbedarf bleibt groß, nicht nur für Rollstuhlfahrende. Hör- und Sehbehinderte bleiben noch häufiger auf der Strecke.

Nicht ein einziger Bahnhof der Deutschen Bahn in Brandenburg ist vollständig barrierefrei. Von den 310 Bahnhöfen und Haltepunkten des Unternehmens sind nur 106 "weitreichend", 204 sogar "nicht weitreichend" barrierefrei. Das geht aus der Antwort des Verkehrsministeriums in Potsdam auf eine Anfrage der Linken-Landtagsfraktion hervor, wie am Donnerstag bekannt wurde.

Als uneingeschränkt barrierefrei gelten Bahnhöfe erst dann, wenn mehrere Ausstattungen vollständig vorhanden sind. Dazu zählen unter anderem der stufenfreie Zugang zum Bahnsteig, Leitsysteme auf den Bahnsteigen für Blinde und Sehbehinderte, Stufenmarkierungen auf den Treppen und eine Bahnsteighöhe von über 55 Zentimetern, wie das Ministerium mitteilt.

Nicht einmal jeder zweite Bahnhof hat einen Aufzug

Das Ministerium beruft sich dabei auf die Deutsche-Bahn-Tochter DB Station Service AG (DB StuS). Ihren Angaben zufolge waren bis zum Mai dieses Jahres nur die Kriterien für die Fahrgastinformationsanzeige, für die Lautsprecher und das Wegleitsystem auf allen Bahnhöfen jeweils zu 100 Prozent erfüllt.

Bei den Bestimmungen für tastbare Leitsysteme für Blinde und Sehbehinderte durch im Boden der Bahnsteige eingelassene Rillen oder Nocken lag die Quote erst bei 53 Prozent. Bei der Stufenfreiheit der Bahnsteigzugänge waren es immerhin schon 93 Prozent. Die Zahl der Aufzüge erhöhte sich von 114 im Jahr 2017 auf 139 im vergangenen Jahr. Damit war noch nicht einmal jeder zweite Bahnhof mit einer Aufzugsanlage ausgestattet.

Einen Termin, bis wann alle Bahnhöfe in Brandenburg vollständig barrierefrei sind, nannte die Deutsche Bahn nicht. Viele Projekte befänden sich noch in der frühen Planungsphase, hieß es.

Bundesweit gut drei Viertel der Bahnhöfe barrierefrei

Bundesweit gibt es derweil noch teilweise großen Nachholbedarf beim Thema barrierefreie Bahnhöfe: Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes waren zum Zeitpunkt Juli 2020 rund 78 Prozent der Bahnhöfe in Deutschland barrierefrei. Der Rest der Bahnhöfe ist jedoch unter anderem für Rollstuhlfahrer, Senioren und Kinderwagen nicht oder nur schwer zugänglich. Außerdem fehlt bei 43 Prozent der Bahnhöfe ein Leitsystem für Sehbehinderte.

Seit 2012 hat die DB StuS eigenen Angaben zufolge knapp 300 Millionen Euro für den Um- und Ausbau von barrierefreien Bahnhöfen in Brandenburg investiert. Bis 2030 seien weitere Investitionen in Höhe von mindestens 670 Millionen Euro geplant. Gemäß eigenen Angaben baut die Deutsche Bahn bundesweit pro Jahr rund 100 Bahnhöfe barrierefrei um.

Lage bei der S-Bahn ist besser

Bei der S-Bahn in der Region Berlin-Brandenburg zeigt sich derweil ein besseres Bild: Nach Angaben der Berliner S-Bahn sind 160 Bahnhöfe von den 168 S-Bahnstationen in der Region durch ihre ebenerdige Lage, Rampen und/oder Aufzüge in der Regel bereits barrierefrei nutzbar. 145 Bahnhöfe sind an den Bahnsteigen mit einem Blindenleitsystem ausgestattet, 49 Stationen verfügen über mit Braille-Schrift versehene Handläufe an den Treppen. 238 Aufzüge gibt es auf den Bahnhöfen.

BVG verfehlt Ziel der Barrierefreiheit

Schwächer aufgestellt in Sachen Barrierefreiheit sind die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Sie haben das Ziel verfehlt, von 2022 an alle U-Bahnhöfe barrierefrei zugänglich gemacht zu haben. Von insgesamt 175 Bahnhöfen sind aktuell 141 für Rollstuhlfahrer oder Gehbehinderte mit einer Rampe oder einem Aufzug zugänglich, wie die BVG im Januar auf rbb-Anfrage mitteilte. Das sind rund 80 Prozent der Bahnhöfe. 130 U-Bahnhöfe (74 Prozent) verfügen demnach über ein Blinden-Leitsystem.

Eine UN-Konvention zur Stärkung der Rechte behinderter Menschen sieht vor, dass von 2022 an der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) vollständig barrierefrei sein soll. Deutschland hatte die Konvention bereits 2009 ratifiziert.

Sendung: Antenne Brandenburg, 30. Juni 2022, 8 Uhr

44 Kommentare

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  1. 44.

    Es geht nicht um Übervorteilung, es geht um das ganz normale maximal einträgliche Geschäft. Mithin abseits und gleichgültig aller Inhalte. Mithin also auch gegenüber der hier fokussierten Barrierefreiheit.

    Mitdenken sieht anders aus und steht bei einer AG unter dem Vorbehalt der Schädigung des Geschäfts. Dass fulminante Ideen von Krupp und Siemens zu ihrer Zeit durch AG beflügelt wurden, einfach deshalb, weil kein Vorbeikommen an solchen Ideen war, steht außer Frage, Insofern ist die AG systematisch sowohl Akkumulator als auch Trittbrettfahrer.

    Wären die im Rollstuhl per se eine überaus zahlungskräftige Klientel, in Windeseile wären sämtliche Bahnhöfe Brandenburgs einschlägig umgebaut worden.

  2. 43.

    Fein "gebellt"

    Es ist, Ihrem Kommentar folgend und offensichtlich, dass Sie etwas durcheinander werfen.
    Aktiengesellschaften sind das Eine, der Vorstand ist im erweiterten Sinn der "Angestellte" dieser AG.
    Das Positionen hin und wieder zur Übervorteilung mißbraucht werden - Nunja das ist so und wird, wie Ihrer geschätzten Aufmerksamkeit nicht entgangen sein dürfte, auch strafrechtlich verfolgt worden.

    Auch über das Ergebnis kann man trefflich streiten, dass wiederum ist unserer Gesetzeslage zuzuschreiben. Oder glauben Sie wirklich, dass ein Richter, wegen vielleicht drei verlorener Euro eines Minnidepots bei einer Provinzsparkasse ein anderes Urteil spricht.

    Da müssen Sie schon mit etwas anderem um die Ecke kommen.




  3. 42.

    Recht-Haben-Wollen würde in der Tat zu nichts führen.

    Sie gehen offenbar vom sinnvollen Systemgedanken aus, ich stelle die organisatorische Aufsplitterung, so wie Sie getan wird, in Frage. Eben wegen der beobachtbaren Konsequenzen.

    Beste Grüße

  4. 41.

    Wir reden von unterschiedlichen Dingen. Die Wartung von Sicherheitsteilen prüfrelevanter Fördertechnik, wie Fahrstühle kann man nicht "aufsplitten". Wohlgemerkt, die Wartung. Hier im Artikel geht es um Bahnhöfe, worauf Sie die Diskussion gestartet hatten. Meine Vorschläge sind dazu ein Beitrag. Es geht nicht darum, wer hat recht...

    P.S. Es ist verständlich was Sie unter der Aufteilung meinen und sagen wollen, nämlich das am verkehrten Ende gespart wurde. Der Artikel gibt nur nicht mehr her, dass man diesen "Strang" weiter besprechen kann.

  5. 40.

    "Das Wesen einer Aktiengesellschaft ist doch nicht die massenhafte Ausschüttung ..."

    Es soll gerüchteweise sogar Aktionärsklagen gegen Vorstände geben, die nicht gemäß solchen Verständnisses handeln. Das Wesen der Aktiengesellschaft ist gerade nicht die Beförderung und Weiterentwicklung von Inhalten, sondern die Ausschüttung und das Wohlergehen der Aktionäre, gleichgültig einschlägiger Inhalte. Unter anderen hat dies seinerzeit Daniel Goeudevert bei VW seitens Ferdinand Piech und Gerhard Schröder zu spüren bekommen.

  6. 39.

    Wer eine AG für eine Gemeinschaft hält, die zum Spass und aus Gemeinsinn ein paar Papierchen handelt, der sollte Anderen keine falsch verstandene Romantik vorwerfen. - Auch ein verantwortungsvoller Umgang mit Immobilien ist schlicht ein elementarer Bestandteil eines funktionierenden Landes.

  7. 38.

    In Eisenhüttenstadt gab es am Bahnof zwei Gaststätten ("Bierschwemme" und "Restaurant"), einen Kiosk für Zigaretten,
    Schokolade und andere Kleinigkeiten, einen gut sortierten Zeitungsverkauf vom Postzeitungsvertrieb, Gepäckschließfächer, Fahrkartenverkauf und natürlich auch eine Toilette.
    Der Bahnsteig hatte selbstverständlich eine Aufsicht - der freundlichen Dame konnte man auch mal sagen, daß da noch einer gerade fast seinen Zug verpasst - dann stand die Fuhre mal par Sekunden länger und jemand war zufrieden.....

    Davon ist heute zur Zeit nichts mehr übrig. War offenbar nicht nötig bzw. "rechnete" sich nicht. Für den Umbau brauchte man bisher seit dem Abriss des Befehlsstellwerks (die damalige Bürgermeisterin meinte, das wäre die Schrankenwärterbude) 2016 bis heute.

    Und fertig ist wohl immer noch nicht.

  8. 37.

    Wie schlimm muss es noch werden....

    Das Wesen einer Aktiengesellschaft ist doch nicht die massenhafte Ausschüttung - geht es noch.
    Es handelt sich um eine Gesellschaft, sagt doch der Name schon allein. Wertpapier, die gehandelt werden usw.

    Und so ein Bahnhof, an dem Züge anfangen, wenden, enden, kreuzen und überholt werden können was hat der denn jetzt damit zu tun - Daseinsvorsorge, ein Bahnhofsgebäude zu repräsentativen Zwecken und ggf. zur Beherbergung von Gästen, dass soll Daseinsvorsorge sein - für wen? Also bitte legen Sie diese Sozialromantik ab.

  9. 36.

    Also ich entsinne mich an eine stets volle Bahnhofskneipe in Seelow. War damals auch unter uns Jugendlichen beliebt, weil keiner nach dem Ausweis gefragt hat, wenn Bierholen als Hauptpreis für den Verlierer beim Skatabend angesagt war.
    Schön mit dem ausgespülten 5l Fit-Kanister in die Kneipe rein und einmal vollmachen bitte.
    Kneipen sind ja etwas verpönt heute also werden alte wilhelminische Bahnhöfe gern mal für Kultur u.ä umgewidmet. Geht also.

  10. 35.

    Es gibt eine klare Scheidung von Sicherheit und Service. Sicherheit wird überprüft, sonst schreitet das Eisenbahn-Bundesamt genauso ein wie seinerzeit, als auf einen Schlag drei Viertel der Berliner S-Bahn-Züge vom Gleis geholt wurden. Der Service-Bereich ist geschieden davon und unterliegt diesen Auflagen nicht.

    Nicht alles, was zum Ausfall führt, betrifft den Sicherheitsbereich, solange niemand dabei verletzt wird oder zu Schaden kommt. Es ist schlicht und einfach ein Ausfall zu Lasten der Fahrgäste. Und dieser Ausfall (verursacht durch den "Service-Bereich") wird kalkulatorisch in Kauf genommen, abseits der erfolgten Prüfung.

  11. 34.

    Wesen der Aktiengesellschaft ist es, dass es zu möglichst hohen Ausschüttungen kommt. So war und ist es auch gedacht in Richtung Bahn AG und Zuweisungen an den Bundeshaushalt. Genau das ist das Grundproblem: Daseinsvorsorge, sprich: dass sich spezifische Leistungen niemals "rechnen" können oder aber Kommerzialität, die bis ins Kleinste hineinwuchert.

    Das ist das Grundproblem bei der Deutschen Bahn AG und auch bei den kommerzialisierten Krankenhäusern - um mal "mutig" diese Verbindung zu ziehen. Barrierefreiheit ist da im Wesentlichen nur PR und unliebsam erduldete Auflage von außen, im Zweiten ist die selbsttätig befähigte Aufrechterhaltung von Gesundheit nachrangig gegenüber der einträglichen Bekämpfung verbleibender Krankheiten.

  12. 33.

    Muss man aber noch hinzufügen, dass der Bahnhof in EH sich zum lokalen BER entwickelt was die Fertigstellung angeht. Sofern der Zustand fertig für dieses Projekt überhaupt schon definiert ist.

  13. 32.

    Beide Höhen sind nach TSI grundsätzlich zulässig, In D. sind dabei 76 cm eigentlich bereits seit 1991 bei Neu- oder umfassenden Umbauten als Regelhöhe vorgesehen. 2019 hat die DB bei Talgo dazu passende "ECx"-Wagenzüge zur Lieferung ab 2023 bestellt. Geliefert werden die aber wohl frühestens 2024.

  14. 31.

    Die Kernaufgabe der DB ist die Menschen von A nach B zu bringen, und selbst da "fährt" sie Defizite ein, übrigens die Aktien der DB AG sind im Besitz der Staates, und er Bezuschußt die DB jährlich mit Milliarden.
    Ergo, auf jeden kleinen Bahnhof eine Wohlfühloase zu erwarten, das ist ein zu hoher Anspruch, der auf die Kosten der Steuerzahler ginge, werden doch die Steuern für Wichtigeres gebraucht.

  15. 30.

    Das Bild zeigt die beiden ehemaligen Empfangsgebäude von Eisenhüttenstadt.

    Das eine schon ewig, das andere auch schon einige Jahre ohne Funktion.

    Die Bahn ist inzwischen weiter und baut seit 2016(?) einen neuen Bahnsteig mit Dach und Aufzügen für allerlei Behinderte. Leute mit Handicap - oder wie da gerade aktuell genannt werden soll.

    Möchte nur sagen: zum Thema passt das Bild nur, wenn man nicht weiß, wo es aufgenommen wurde.

  16. 29.

    Die Fahrstuhlhersteller und anderer Fördertechnik zeichnen nicht nur ab... Das können die sich bei sicherheitsrelevanten Teilen nicht erlauben und schadet dem Ruf bei zukünftigen Aufträgen. Die Fördertechnikauflagen sind hart. Deshalb hört man auch nur von soliden Herstellern wie Linde, Otis, Schindler usw. Achten Sie mal drauf.

  17. 28.

    ...und ich glaube, besser noch: ich weiß, dass da einfach nur per Sicht und Kürzel abgezeichnet wird - weil alles andere vermeintlich zu teuer käme. Das aber ist auf längere Sicht und vor allem aus Fahrgastsicht heraus ein glatter Trugschluss.

    Es gibt keine Bevorratung von Ersatzteilen (auch bei den beauftragten Firmen nicht) und genau das fällt der Bahn irgendwann auf die Füße.

  18. 27.

    Es war anders gemeint: Die händische Wartung wird auf den Hersteller verlagert, der Betreiber hat auch keine Overhheadkosten mehr, wie Buchhaltung, Rechnungskontrolle, Auftragsvergabe usw. Die monatl. Gebühren decken alles ab. Für den Hersteller ist dies ein Kundenbindungsinstrument um bei weiteren Vorhaben berücksichtigt zu werden und er kennt sein Produkt und übernimmt Verantwortung. Er kann auch, und wird es auch, zertifizierte Handwerksbetriebe vor Ort schulen und einsetzen.

  19. 26.

    Na also: Die Immobiliensparte der DB will Kohle scheffeln. Menschen sind da maximal zweitrangig. Sag ich doch.

  20. 25.

    Einfach mal genau lesen statt poltern: ich rede nicht von Kneipen, die nicht laufen. Ich rede von gut funktionierenden, kleinen Gastronomien, die aber keiner Kette angehören und NUR deswegen rausfliegen. Merkste was??

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