101-jähriger Josef S. - Anwalt fordert Freispruch für mutmaßlichen KZ-Wachmann

Mo 27.06.22 | 14:40 Uhr
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Der angeklagte ehemalige KZ-Wachmann Josef S. (l) und sein Anwalt Stefan Waterkamp am 23.02.2022 im Gerichtssaal in einer Turnhalle. (Quelle: dpa/Fabian Sommer)
Audio: Antenne Brandenburg | 27.06.2022 | Lisa Steger | Bild: dpa/Fabian Sommer

Im Prozess gegen den mutmaßlichen KZ-Wachmann Josef S. sind die Plädoyers gehalten worden. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten vor, als KZ-Wachmann an Verbrechen beteiligt gewesen zu sei. Der Verteidiger forderte am Montag einen Freispruch.

Im Prozess gegen einen mutmaßlichen früheren SS-Wachmann des Konzentrationslagers Sachsenhausen hat der Verteidiger am Montag einen Freispruch für seinen Mandanten gefordert. Für den Fall, dass das Gericht Josef S. doch verurteilt, beantragte sein Anwalt eine Bewährungsstrafe von bis zu zwei Jahren. Sollte es mehr werden, will er in Revision gehen.

Anwalt verweist auf fehlende Nachweise

Dem 101-Jährigen hätten im Prozess keine konkreten Taten der Beihilfe zum Mord an Tausenden Lagerhäftlingen nachgewiesen werden können, sagte dessen Verteidiger Stefan Waterkamp am Montag in seinem Plädoyer. Außerdem sei nach wie vor nicht sicher, ob sein Mandant der Mann sei, der in den Unterlagen der Staatsanwaltschaft aufgeführt ist - auch wenn Name und Geburtsort - es handelt sich um ein Dorf mit etwa 800 Einwohnern - übereinstimmten. Denn die vorliegenden Unterlagen stammten ja von der SS und könnten, so Waterkamp, auch gefälscht sein. Es fehlten Nachweise, wie ein "von ihm selbst unterschriebenes Beitrittsformular zur SS", Fotos in SS-Uniform oder auch ein Bekleidungsnachweis, der die ihm ausgehändigte Kleidung im Wachlager quittierte.

Zudem seien die Morde im KZ auch ohne die Wachleute, so sein Mandant denn überhaupt einer gewesen sei, verübt worden. "Man kann solche Leute nicht für alles, was in einem Lager passiert ist, verantwortlich machen. Aber genau das ist das, was die Staatsanwaltschaft hier tut. Weil man eben heute nicht mehr feststellen kann, was der Angeklagte – wenn er denn dort war – genau gemacht hat."

Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs reiche eine allgemeine Tätigkeit im Wachdienst des KZ für eine Verurteilung nicht aus, so der Anwalt. Doch eine Änderung der Rechtsprechung hat es möglich gemacht, auch "untergeordnete Täter" wie SS-Wachleute und andere Helfershelfer anzuklagen.

101-Jähriger streitet alles ab

Josef S. selbst rief am Montag vor Gericht, er wisse gar nicht, warum er "hier" sei. Er habe "damit gar nichts zu tun". Der Angeklagte beteuerte in seinem Schlusswort vor dem für Dienstag erwarteten Urteil erneut seine Unschuld. Der 101-Jährige ist vor dem Landgericht Neuruppin wegen Beihilfe zum Mord an Tausenden Lagerhäftlingen angeklagt.

Der Prozess wird aus organisatorischen Gründen am Wohnort des hochbetagten Angeklagten in Brandenburg/Havel geführt.

Der 101-Jährige hat in dem seit Oktober vergangenen Jahres laufenden Prozess bislang bestritten, dass er in dem KZ überhaupt tätig war und angegeben, er habe in der fraglichen Zeit von 1942 bis Anfang 1945 als Landarbeiter bei Pasewalk (Mecklenburg-Vorpommern) gearbeitet. Die Staatsanwaltschaft stützt sich bei ihrer Anklage aber auf Dokumente zu einem SS-Wachmann mit dem Namen, dem Geburtsdatum und dem Geburtsort des Mannes sowie auf weitere Dokumente.

Haft droht dem Mann aufgrund seines Alters nicht wirklich

Die Staatsanwaltschaft hatte fünf Jahre Gefängnis für den Mann gefordert. Nebenklage-Vertreter Thomas Walther plädierte auf eine mehrjährige Haftstrafe, die ein Maß von fünf Jahren nicht unterschreiten solle. Zwei weitere Nebenklage-Vertreter forderten einen Schuldspruch, ohne ein konkretes Strafmaß zu nennen.

Josef S. ist der bisher älteste mutmaßliche NS-Täter, der sich je vor einem deutschen Strafgericht verteidigen musste. Geboren wurde er im November 1920. Sein Verteidiger hat angekündigt, bei einer drohenden Haftstrafe in Revision zu gehen. Der Bundesgerichtshof müsste sich dann noch einmal mit seinem Fall beschäftigen und vermutlich erst in acht bis zwölf Monaten entschieden.

Opferfamilien warten auf Urteil

Christoph Heubner vom Internationalen Ausschwitz-Komitee verfolgt den Prozess. Den Opferfamilien komme es nicht auf die Länge der Strafe an, sagt er. So wollten, "dass Recht gesprochen wird und dass es endlich zu einem Urteil kommt - und zu einer Benennung dessen, was geschehen ist, das ist der zentrale Punkt. Darauf haben sie lange gewartet, dass das in Deutschland geschieht". Ein Schuldspruch gilt als wahrscheinlich.

Sendung: Antenne Brandenburg, 27.06.2022, 12 Uhr

18 Kommentare

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  1. 18.

    Lieber Gerd,
    haben Sie sich den von Ihnen eingestellten Link auch einmal selber angesehen?
    Oder geht es Ihnen nur darum, etwas geschrieben zu haben, wie bei der Mehrzahl Ihrer Beiträge?

  2. 17.

    Nein, SIE wollen nicht verstehen, egal aus welchen Motiven.

    Schau·pro·zess ... auf propagandistische Massenwirkung angelegtes öffentliches Gerichtsverfahren

    "Als Schauprozesse werden im Allgemeinen öffentliche Gerichtsverfahren bezeichnet, bei denen die Verurteilung des Beklagten bereits im Voraus feststeht."

  3. 16.

    Das hat glücklicherweise kein Paul aus Prag zu entscheiden.

    Und für all diejenigen, die hier regelmäßig unter jedem Beitrag zu diesem Thema den Begriff "Schauprozess" im Munde führen, mal eine Begriffserklärung dazu:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Schauprozess

    Sollten diese Nutzer nach der Lektüre immer noch der Meinung sein, den richtigen Begriff gewählt zu haben, stimmt eindeutig etwas mit deren Rechtsempfinden nicht.

  4. 14.

    Das Verfahren ist kein Scheinverfahren. Es ist dir die Rechtspflege ein wichtiges und richtiges Zeichen. Mord verjährt nicht. Da die Staatsanwaltschaft von den angeklagten Morden Kenntnis erlangt hatte, musste sie sogar Anklage erheben.

    Wenn, dann alle.. ist kein Prinzip des Rechtsstaats.

    Kosten für dieses Verfahren sind bei Verurteilung vom Mörder zu tragen.

  5. 13.

    Wer haftunfähig ist, kommt ins Haftkrankenhaus. Da Mord nicht verjährt, ist das Verfahren richtig und wichtig.

    Zu welchem Ergebnis das Gericht kommt, wird in geheimer Beratung entschieden. Dabei haben die Schöffen die gleiche Stimme wie die Berufsrichter

    Schon mein Professor sagte immer: vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand..

    Warten wir die Entscheidung der Strafkammer ab.

  6. 12.

    Sie haben meine Kritik nicht verstanden. Für mich ist es ein Schauprozess, weil unzählige Politiker der BRD ungeschoren davongekommen sind, obwohl sie Bestandteil des Naziregimes waren. Ohne Prozess wurden sie in das politische System der BRD integriert. Schauen Sie im Internet nach und Sie werden erstaunliche Namen finden.

  7. 11.

    Ihre Umdeutung der Rechtslage gehört vielleicht in Ihre Stammtischecke, hat hier aber nichts zu suchen. Der Sobibor-Prozess hat zu einer Änderung der Rechtslage geführt - ebenso von Ihnen wie vom Verteidiger ignoriert, Sie wissen es, blenden es aber bewusst aus. Wem nachgewiesen werden kann, als Wachmann in einem KZ tätig gewesen zu sein, hat einen Anteil an der Verantwortung für die Taten, die von dem Ort jeweils ausgingen. Ihrer Verzerrung der Rechtslage zufolge wären die damalige Reichsbahn, die Hersteller von Giftgas - oder Genickschussanlagen wie in Sachsenhausen - oder die Hersteller von Stacheldraht, der die Lager umringte, ebenso schuldlos wie die Wachmannschaften, die am systematischen Massenmord mitwirkten. Absurd. Die öffentlich-rechtliche Anerkennung von, erstens, den Verbrechen des NS-Regimes und, zweitens, der ausführenden Täter*innen ist Ihnen offensichtlich gleichgültig. Beschämend.

  8. 10.

    Solch dummes Zeug kann man eigentlich nur dann verbreiten, wenn man so gar keine Ahnung hat. Beschäftigen Sie sich mal mit der Geschichte und schauen Sie nach welche Politiker eine Nazivergangenheit hatten bzw. haben.

  9. 9.

    Mord verjährt nicht. Egal wann Täter gefasst bzw. bekannt werden. Ich habe kein Mitleid mit diesem Menschen. Er hat viele Chancen der Sühne vertan und jetzt soll ihm Gnade zuteil werden? Wieviel Leben hat er auf dem Gewissen? Auf ein ehrliches kann er sich nicht berufen. Wie die Strafe ausfällt entscheidet die Richterschaft, aber eine Strafe muss folgen.

  10. 8.

    Sie wissen offensichtlich nicht was ein Schauprozess ist! Und was hat das eine mit dem anderen zu tun? Sie verharmlosen absichtlich die Taten des Mannes. (Beihilfe zum)Mord verjährt nicht.

  11. 7.

    Ich weiß, dass Sie für Ihre Meinung einen Shitsturm ernten werden, auch ich, der Ihre Meinung teilt.

  12. 6.

    Nicht nur die BRD sondern die DDR auch ,die wurden alle umgeschult, waren bei der Stasi oder NVA und laufen alle frech rum

  13. 4.

    Die Kernaussage: Bereits die "allgemeine Dienstausübung im Konzentrationslager Auschwitz" könne Beihilfe zum Mord sein, ist mit einem wesentlichen Einwand behaftet:
    "Das gilt jedenfalls dann, wenn konkrete Handlungsweisen mit unmittelbarem Bezug zu dem organisierten Tötungsgeschehen in Auschwitz (hier: Wachdienst an der "Rampe" und Verwaltung der den Deportierten abgenommenen Gelder)" festgestellt worden seien.
    Was der Angeklagte im KZ real für eine Aufgabe hatte, ist der bisherigen Prozess-Berichterstattung nicht zu entnehmen. Ich bin daher sehr gespannt, zu welchem Ergebnis das Gericht kommt.

  14. 3.

    Sie wissen offensichtlich nicht was ein Schauprozess ist! Und was hat das eine mit dem anderen zu tun? Sie verharmlosen absichtlich die Taten des Mannes. (Beihilfe zum)Mord verjährt nicht.

  15. 2.

    Dieser Prozess ist nur ein Schauprozess nach der Devise, seht her wir in Deutschland tun etwas. Der alte Mann bekommt doch kaum noch etwas mit. Tausende Nazis, sicher auch Angehörige der SS fanden nach 1945 ein neues Domizil in der BRD und wurden in hohe Positionen gehievt. Auch wenn sie vielleicht inzwischen verstorben sind, die Angehörigen genießen deren Pensionen oder die von ihnen erworbenen Immobilien. Dieses Land ist an Scheinheiligkeit kaum zu übertreffen. Wenn Verurteilung, dann alle.

  16. 1.

    Seit 1990 hätte man diesem Mann den Prozess machen können.
    Das was da mit dem Mann gemacht wird ist irgendwie- für mich nicht nachvollziehbar, dem Gesetz wird genüge getan und dann- wird der Mann die Strafe vermutlich nicht antreten können wegen Haftunfähigkeit.

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