Urteil gegen mutmaßlichen KZ-Wachmann erwartet - Kein Wort zu Sachsenhausen

Mo 27.06.22 | 06:42 Uhr | Von Lisa Steger
  2
Der Angeklagte kommt zur Fortsetzung des Prozess des Landgericht Neuruppin. (Quelle: dpa/Fabian Sommer)
Audio: Antenne Brandenburg |So 26.06.22 |Steger, L. | Bild: dpa/Fabian Sommer

Josef S. soll Beihilfe zu rund 3.500 Morden geleistet haben. Am Montag soll die Verteidigung ihr Plädoyer halten, am Dienstag soll das Urteil gegen den nun 101-Jährigen fallen. Die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen endet mit diesem Fall nicht. Von Lisa Steger

33 Verhandlungstage sind vergangen. Am Montag, nach dem Plädoyer seines Verteidigers, wird Josef S. ein letztes Mal Gelegenheit haben, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Ob er davon Gebrauch macht, ist offen.

Dabei ist Josef S. alles andere gewesen als ein schweigender Angeklagter. “Guten Morgen allerseits” rief er am Beginn eines jeden Verhandlungstages in Brandenburg an der Havel vernehmbar in die Runde. Und das tat er selbst noch zum Ende des Prozesses, als er nicht mehr am Rollator in den Saal laufen konnte, sondern im Rollstuhl hineingeschoben wurde.

Zu seiner Vita teilte er mit, er sei in seiner Heimat Litauen Soldat gewesen; nach seiner Übersiedlung ins Deutsche Reich habe er sich als Handwerker und Landarbeiter verdingt. Die Vorwürfe der Anklage wies er zurück. “Die Juden waren gute Menschen”, ließ er wissen. Mit alledem hatte er, so wollte er mitteilen, nichts zu tun.

Körperlich verblüffend robust

Die zahlreichen Belege für seinen dreijährigen SS-Dienst im Konzentrationslager Sachsenhausen prallten an ihm ab. Zäh hielt Josef S. an seiner Sicht der Dinge fest.

Dement ist Josef S. aber nicht, wie ein Gerontopsychiater als Gutachter feststellte; er schloss auch aus, dass jemand drei Jahre seines Lebens vollständig verdrängt haben könnte.

Körperlich verblüffend robust stellte sich der inzwischen 101-Jährige dem Verfahren. Der hagere Mann, der nach wie vor zuhause wohnt, überlebte während des Prozesses Corona und überstand auch die Operation wegen einer großflächigen Wunde am Fuß. Kurz vor dem Urteil streckte ihn eine Erkrankung mit über 39 Grad Fieber nieder. Auch davon erholte er sich rasch.

Einer der letzten Angeklagten

Josef S. ist der bisher älteste mutmaßliche NS-Täter, der sich je vor einem deutschen Strafgericht verteidigen musste. Geboren wurde er im November 1920. Kurz vor seinem 21. Geburtstag trat er, so die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, in die SS ein. Das war 1941. Zahlreiche Dokumente belegen, dass Josef S. bis zum Februar 1945 Wachmann geblieben war. Dann wurde er zum Kriegsdienst abkommandiert und geriet in sowjetische Gefangenschaft.

1947 kam er frei und verbrachte sein Leben in Brandenburg, wo er in einer Landwirtschaftschaftlichen Produktionsgenossenschaft arbeitete. Von der Justiz behelligt wurde er in der DDR nicht, obwohl die Stasi seit Ende der 70er-Jahre um seine SS-Verstrickung wusste.

Auch in der Bundesrepublik geschah ihm zunächst nichts. Erst vor wenigen Jahren kam die Zentralstelle für die Aufklärung von nationalsozialistischen Verbrechen in Ludwigsburg dem Mann auf die Spur. Die Staatsanwaltschaft Neuruppin übernahm den Fall. Sie stellte fest: Josef S. lebte noch. Und er war verhandlungsfähig.

Juristische Verfolgung begann spät

Eine Änderung der Rechtsprechung hatte es möglich gemacht, auch "untergeordnete Täter" wie SS-Wachleute und andere Helfershelfer anzuklagen.

Einer der bekannteren Fälle: der Prozess gegen Oskar Gröning. Der frühere SS-Wachmann hatte in Auschwitz unter anderem das Geld der deportierten Juden verwaltet und Wachdienst an der "Rampe" geleistet. Das Landgericht Lüneburg verurteilte ihn dafür 2015 zu vier Jahren Haft.

Ein Jahr später bestätigte der Bundesgerichtshof das Urteil in einem Beschluss, der Rechtsgeschichte schreiben sollte. Erst dieser Beschluss machte die Verfolgung auch der untergeordneten Täter möglich. (Aktenzeichen: 3 StR 49/16). Die Kernaussage: Bereits die "allgemeine Dienstausübung im Konzentrationslager Auschwitz" könne Beihilfe zum Mord sein.

"Das gilt jedenfalls dann, wenn konkrete Handlungsweisen mit unmittelbarem Bezug zu dem organisierten Tötungsgeschehen in Auschwitz (hier: Wachdienst an der "Rampe" und Verwaltung der den Deportierten abgenommenen Gelder)" festgestellt worden seien.

Wer hilft, macht sich schuldig

Beihilfe sei eine Handlung, die die Haupttat "fördert und erleichtert", so der BGH. So sei es auch im Fall von Josef S.. Der Angeklagte habe "als Teil der Drohkulisse" dabei mitgewirkt, "jeden Gedanken an Widerstand oder Flucht bereits im Keim zu ersticken", so der Beschluss. Anders als vielfach kolportiert, hat der BGH hier kein Gesetz komplett neu gedeutet. Er hat lediglich die Regeln, die allgemein für Beihilfe gelten, auf die Mordfabrik KZ angewandt. Wer bei einem Bankraub Schmiere steht, begeht Beihilfe, wenn er weiß, dass der Raub stattfindet. Wer vor einem Einbruch das Einbruchswerkzeug kauft, begeht ebenfalls Beihilfe, wenn er den Tatplan kennt. Dies sollte nun auch für Taten im KZ gelten. Die Wachleute hätten gewusst, dass die Gefangenen ermordet werden sollten.

Oskar Gröning trat die Strafe, die der BGH bestätigt hatte, nicht an. Er beschwerte sich beim Bundesverfassungsgericht. Für das Gefängnis sei er zu alt. Das Gericht lehnte ab - doch Gröning starb drei Monate später, ohne im Gefängnis gewesen zu sein.

Mehrere Prozesse - keine Haftstrafen

Mehrere deutsche Landgerichte verurteilten in der Folge des Beschlusses zwar weitere frühere SS-Männer. Eine Strafe antreten, das musste niemand von ihnen. Reinhold H. erhielt im Landgericht Detmold fünf Jahre Haft. Er starb, bevor das Urteil rechtskräftig wurde. Bruno D. wurde im Landgericht Hamburg von einer Jugendstrafkammer zu zwei Jahren Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt. Johann R., der mit 19 Jahren Wachmann im KZ Stutthof geworden war, erkrankte während seines Prozesses und wurde für dauerhaft verhandlungsunfähig erklärt.

Auch der Brandenburger Angeklagte Josef S. muss wahrscheinlich bei einem Schuldspruch nicht mehr in Haft. Sein Verteidiger hat angekündigt, bei einer drohenden Haftstrafe in Revision zu gehen. Der Bundesgerichtshof müsste sich noch einmal mit seinem Fall beschäftigen und wird vermutlich erst in acht bis zwölf Monaten entschieden. Dann ist der Angeklagte bereits 102 Jahre alt - oder tot.

Die juristische Aufarbeitung solcher Taten ist aber noch nicht abgeschlossen.

Die Nacht, als die Gewalt eskalierte

Weitere ehemalige Täter und Täterinnen im Visier

Die Staatsanwaltschaft Neuruppin ermittelt noch gegen drei Hochbetagte, die in den Konzentrationslagern Sachsenhausen beziehungsweise Ravensbrück gedient haben sollen. Als sie damit anfingen, sollen sie zwischen 19 und 21 Jahren alt gewesen sein. Heute sind die Beschuldigten, zwei Männer und eine Frau, zwischen 97 und 99 Jahre alt.

Der 97-jährige Beschuldigte soll Wachmann in Sachsenhausen, die 99-jährige Frau soll mit 21 Jahren Aufseherin in Ravensbrück geworden sein. Dort soll ein heute 98-jähriger Mann ebenso für die SS gedient haben. Sein Fall könnte vor dem Jugendgericht verhandelt werden. Denn den Dienst für die SS trat er der Staatsanwaltschaft zufolge mit 19 Jahren an.

Es wäre weder weder die erste noch die letzte Jugendkammer, die die juristische Aufarbeitung von Verbrechen im Nationalsozialismus leistet: So war es ja auch schon bei den Angeklagten Bruno D. und Johann R. Vor dem Landgericht Itzehoe muss sich derzeit eine 96-Jährige verantworten, die mit 18 Jahren Sekretärin im Konzentrationslager Stutthof wurde. Auch diesen Fall verhandelt eine Jugendkammer. Ihr damaliger Chef, Lagerkommandant Paul Werner Hoppe, bekam nach dem Krieg übrigens neun Jahre Haft. Sieben davon verbüßte er.

Staatsanwaltschaften müssen weiter ermitteln

Das Missverhältnis zwischen den Urteilen und ihrer faktischen Folgenlosigkeit springt ins Auge. Doch die Staatsanwaltschaften sind nach dem "Legalitätsprinzip" von Rechts wegen gezwungen, wegen jeder verfolgbaren Straftat zu ermitteln.

Man muss auch hinnehmen, dass Männer, die seinerzeit jeden erschossen, der zu flüchten versuchte, der bei einem Gewaltmarsch umfiel oder einfach krank war, am Ende ihres Lebens nur drei Stunden im Gericht sitzen können, weil sie zu schwach sind.

Einmal versuchte Josef S., den Gerichtsmediziner zu instrumentalisieren, um wegen einer Wunde am Bein verhandlungsunfähig geschrieben zu werden. Auf manche Prozessbeobachter wirkte das unangemessen, gar geschmacklos. Aber die Stärke des Rechtsstaats erweist sich auch im Umgang mit denen, die ihn verachten.

Die Verfahren gegen mutmaßliche Helfer in den Konzentrationslagern werden also weitergehen. So lange, bis auch der letzte von ihnen das Zeitliche gesegnet hat.

Sendung: Antenne Brandenburg, 27.06.22,

Beitrag von Lisa Steger

2 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 2.

    Ich hoffe ihnen ist nicht bewußt wie sie hier gerade das mörderische Naziregime verharmlosen. Die DDR war mit Sicherheit eine Diktatur aber keine durchorganisierte Todesmaschinerie. Der Vergleich verbietet sich also.

  2. 1.

    Genauso werden später einmal die Verhandlungen gegen die ehemaligen Stasi-Wärter in den Gefängnissen der DDR ausgehen! Aber natürlich erst viel viel später, wenn alle alt und gebrechlich sind!

Nächster Artikel