Trotz rechnerischem Überhang - Berliner Schulen klagen über Personalengpässe bei Erzieher:innen

Mi 22.06.22 | 06:07 Uhr | Von Kirsten Buchmann
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Symbolbild: GrundschuelerInnen machen bei Regen eine Wanderung ins Gruene. (Quelle: dpa/S. Simon)
dpa/S. Simon
Audio: Radioeins | 22.06.2022 | Kirsten Buchmann | Bild: dpa/S. Simon

An Berliner Schulen gibt es einen Überhang an Horterzieher:innen – errechnete die Bildungsverwaltung. Doch in der Praxis müssen die Schulen mit vielen Ausfällen klarkommen, das zeigt das Beispiel Lichtenberg. Von Kirsten Buchmann

Die Grundschule am Wilhelmsberg im Bezirk Lichtenberg - rund 400 Hortkinder sind hier zu betreuen. Allerdings fehlen Erzieherinnen und Erzieher.

Laut dem koordinierenden Erzieher Matthias Schütz sind an diesem Tag 14 von 26 nicht da. "Es wird so sein, dass wir einige Räume zu lassen müssen, wie die Lernwerkstatt oder den Bewegungsraum." Die Folge in den anderen Räumen: "Es wird lauter, es wird voller, es gibt mehr Streitereien. Das wird die Situation heute sein und die ist sehr, sehr häufig", so Schütz. Nur noch eine Notbetreuung sei das. Selbst die Hausaufgabenbetreuung kann laut Schütz an diesem Tag nicht stattfinden.

Weniger Angebote für Kinder

Es fehle zudem die Aufmerksamkeit für die Kinder, die sie am dringendsten brauchen, sagt Integrationserzieherin Jessica Gemsa, nämlich die mit erheblichem Förderbedarf: "Die fallen leider hinten runter.“

Dem Elternsprecher der Schule, Alexander Hrabu, ist es gerade in der Corona-Zeit wichtig, dass genügend Erzieherinnen und Erzieher da sind: "Kinder haben teilweise psychische Probleme. Die häusliche Gewalt ist gestiegen. Dadurch brauchen sie viel mehr und sensiblere Betreuung." So müssten sie öfter mal in den Arm genommen werden.

Für die Kinder sei es zudem traurig, wenn die Arbeitsgemeinschaften ausfallen, sagt der Elternsprecher - kein Schwimmen oder Eislaufen ohne Erzieherinnen, die sie dorthin begleiten können.

Es werde der Mangel verwaltet, kritisiert Johannes Frisch, dessen Sohn die Lew-Tolstoi-Schule ebenfalls in Lichtenberg besucht: "Ideen, die wir hatten, wie Programmieren, können nicht genutzt werden, weil die Situation so sein kann, dass ein Erzieher drei Klassen beaufsichtigen muss und noch auf den Hof gucken muss, ob denn da auch noch was passiert."

Überlastete Erzieherinnen

Die Bildungsverwaltung betont, sie habe der Region Lichtenberg "weitere Erzieherstellen in erheblichem Umfang zur Verfügung gestellt". Das sei Schulleitungen in einer Sitzung am vergangenen Freitag erläutert worden. Bei krankheitsbedingtem Ausfall könne ab der sechsten Woche befristet Ersatz eingestellt werden. Darüber hinaus sei es "gute Praxis, dass die Fachaufsichten auch zwischen den Schulen durch kurzfristige Abordnungen Personalengpässen begegnen".

Ist das Problem damit behoben? Ja, meint die Bildungsverwaltung, rechnerisch seien genügend Erzieherinnen und Erzieher vorhanden. Guido Richter vom Grundschulleiterverband pocht dagegen auf weitere Hilfe: "Wir brauchen entweder finanzielle Mittel, aus denen wir eine temporäre Ersatzeinstellung finanzieren können. Oder wir brauchen eine bezirkliche Feuerwehr, einen Pool von Kolleginnen und Kollegen, die bei Bedarf an der jeweiligen Schule mit unterstützen."

An seiner Schule, ebenfalls im Bezirk Lichtenberg, fehlt an diesem Tag die Hälfte der Erzieherinnen. Wichtig wäre aus seiner Sicht kurzfristiger Ersatz ohne lange bürokratische Vorlaufzeiten. Die Leiterin der Schule am Wilhelmsberg, Jana Reiter, hat an ihrer Schule gute Erfahrungen damit gemacht, etwa Studierende kurzfristig als Vertretungen für erkrankte Lehrer einstellen zu können. Ein entsprechendes Budget dafür würde sie sich daher ebenfalls für Erzieherinnen wünschen. Denn, so sagt die Schulleiterin, "die Erzieherinnen, die da sind, sind überbelastet. Es fallen immer mehr aus."

Bisher keine Mittel für flexiblen Ersatz

Der bildungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus Paul Fresdorf findet, insgesamt müssten die Arbeitsbedingungen für Erzieherinnen und Erzieher an Schulen verbessert werden: "An der Schule, wenn ich denn schon Bildungsaufgaben mit übernehme, muss ich mir da die Bezahlung genauer anschauen und dadurch den Beruf attraktiver gestalten und mehr Menschen dafür begeistern. Denn je schlechter die Arbeitsbedingungen vor Ort sind, desto schwieriger wird es, Menschen dafür zu gewinnen."

Die CDU-Abgeordnete Katharina Günther-Wünsch fordert ebenfalls Verbesserungen. Es müsse dringend eine Personalkostenbudgetierung auch für die Erzieherinnen eingeführt werden - also Mittel, damit die Schulen bei Erkrankungen flexibel reagieren und Vertretungskräfte engagieren könnten. Bisher habe die Koalition dafür allerdings keine solchen Mittel bereitgestellt.

Diese will den Landeshaushalt für 2022 und 2023 im Berliner Abgeordnetenhaus an diesem Donnerstag beschließen.

Sendung: Radioeins, 22.06.2022, 15:00 Uhr

Beitrag von Kirsten Buchmann

13 Kommentare

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  1. 13.

    Jedes Kind kann, wenn es will. Aber immer diese Ausreden bringen nichts

    Schüler müssen nun mal lernen und Leistung bringen. Dazu gehört auch, dass der Unterrichtsstoff Zuhause aufbereitet wird.

    Nicht immer alles entschuldigen und Ausreden suchen.

    Aber heute ist ja immer der Lehrer schuld

  2. 12.

    Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gerade eindrucksvoll gezeigt, dass Lehrkräfte mitnichten Pädagog*innen sind. Und anscheinend machen Sie sich keine Gedanken darüber, dass das Kind, was „nicht will“ vielleicht auch einfach nicht kann.
    So eine Einstellung, wie Sie sie präsentieren, ist meiner Meinung nach eines der großen Probleme in unserem Schulsystem.

  3. 11.

    Ich erlebe es immer öfter. dass Eltern mit mir über Noten diskutieren. Ich bewerte eine Klausur und werde weder mit Schülern noch Eltern diskutieren. Neulich wollte einen Mutter bei mir hospitieren um meine fachliche Eignung zu bewerten. Da bin ich als der Haut gefahren. Was kommt als nächstes?

    Am besten wir gehen zum Frontalunterricht über. Wer will wird gefördert. Alle anderen wollen halt eh nicht. Schule muss mehr selektieren.



  4. 10.

    Wie soll man unterrichten, wenn ein Großteil der Klasse nicht mal vernünftig deutsch sprechen, lesen und schreiben kann.

    Außerdem gibt's zuviele Abiturienten mit immer schlechteren Leistungen.

    Es wäre dienlichr, wenn die Eltern nicht mehr über die Schullaufbahn ihrer Kinder entschieden dürften. Eltern treffen oft Entscheidungen, die von Gefühlen geleitet werden.

    Genauso muss der Gedanke der Inklusion überdacht werden. Ich durfte das ein Schuljahr live erleben. Stress für Schüler und Lehrer

  5. 9.

    Das ist ein großer Teil des Problems. Immer mehr Eltern sind erziehungsunfähig. Gerade diese Eltern vergessen, dass die Schule keinen Erziehungsauftrag hat.

    Ich unterrichte an einer Realschule. Wenn ein Schüler wirklich leistungsbereit ist, fordere ich diesen. Wer nicht will, hat nicht mit Unterstützung zu rechnen. Wieso unnötig Ressourcen verschwenden, wenn ein Schüler nicht will?

    Es erfüllt jeder Lehrer mit Frontalunterricht seine Pflicht.

    Elternabende und Klassenfahrten gibt's bei mir nich

  6. 8.

    Was das Elternhaus nicht schafft, kann keine Schule ändern. Hier liegt der Fehler darin, dass die Kinder immer mehr Freiheiten erhalten und dies auch in der Schule wollen. Als letzte Reaktion melden sich die Erzieher krank, da sie keinen Einfluss mehr haben.

  7. 7.

    Die Berliner wählen regelmäßig fatale Bildungspolitik.
    Und daher bekommen sie sie auch.
    Somit sollte man mit der Kritik dann einfach mal aufhören.
    Ein Sonnenuntergang ist ja auch keine Katastrophe.
    Irgendwann wird es mal wieder gute Schulen auf dieser Welt geben.

  8. 6.

    Nicht zu unterschätzen ist das Potenzial der Selbstzerfleischung durch unreflektiertes Personal, das sich auch noch selbst die Arbeit durch Getratschte und Mobbing zur Hölle macht. Ganz zu schweigen von unfähigen Leistungen, die sich an solchem Getue lieber beteiligen, als diesem Einhalt zu gebieten.

  9. 5.

    Ja, da spricht der Insider. Wir haben 3 Dauererkrankte und 1 Schwangere,4 Erzieher die in unseren Stellenpool als anwesend und verfügbar gelten,auf dem Papier!!! Seit letzten Oktober jonglieren wir den Dienstplan immer am Rande des noch vertretbaren . AG's und Angebote was ist das ? Ich empfinde meine Arbeit als unbefriedigend wir verwalten nur noch den personellen und räumlichen Notstand. Unser neuer Senat ist gut in Bekundungen,aber wo bleiben die neuen Schulbauten,wann wird unsere komplette Haushaltssperre aufgehoben und wie wird für Entlastung gesorgt. Lippenbekenntnisse helfen uns nicht weiter und auch den Kindern nicht. Wir können auch allen Kindern gern den Hortbesuch emöglichen,kostenlos ( macht sich in jeder Politiker-Vita perfekt) mein Wunsch ist es,das jeder in der Senatsverwaltung 1 Monat bei uns arbeitet. Das würde fehlende Kollegen abdecken. Ach ja Personalprobleme löst man ja damit ,das der Erzieher/ Kind Schlüssel einfach angehoben wird.

  10. 4.

    In den Schulen scheint es noch schlimmer zu sein, als in den Kitas. Meiner Meinung nach ist die Aufsichtspflicht bei dem hohen Personalmangel nicht gewährleistet. Von der Fürsorgepflicht brauchen wir gar nicht zu reden. Niemand will diese hohe Verantwortung übernehmen und so fehlen auch aus diesem Grund Leute. Oder sie sind überlastet. Kein Wunder, die Familien werden immer "besonderer". Das ist jedoch eine eigene Diskussion.

  11. 3.

    …das ist ganz einfach zu erklären: zum einen völlig überlastete Kolleg*innen, da seit dem Jahr 2008 (!!!) ein Fachkräftemangel herrscht, der leider dadurch zu kompensieren versucht wird, dass das Niveau der Ausbildung nach unten geschraubt wird, damit mehr Leute durchkommen. Ergebnis sind schlecht ausgebildete Fachkräfte, die keiner gebrauchen kann. Der Rest hat bereits die innere Kündigung eingereicht und lässt sich tatsächlich wochenlang krankschreiben…

  12. 2.

    Die Frage die sich mir stellt ist, wieso im Sommer regelmäßig die Hälfte des Personals ausfällt. Die Stadt kann so viele Stellen finanzieren wie sie will, wenn die Leute dann nicht zur Arbeit erscheinen, hilft das den Kindern wenig.

  13. 1.

    Das ist doch leider nichts NEUES in Berlin.

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