Mehr Zuzug nach Brandenburg - Landlust mit Wachstumsschmerzen

Mi 29.06.22 | 12:02 Uhr | Von Sabine Loeprick
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Symbolbild: Bauarbeiter arbeiten nahe Potsdam (Brandenburg) an Eigenheimen in einer entstehenden Siedlung. (Quelle: dpa/R. Hirschberger)
Quelle: rbb24 Brandenburg Aktuell | 28.06.2022 | Michel Nowak | Bild: dpa/Hirschberger

Aus Berlin zieht es immer mehr Menschen aufs Land – viele davon nach Brandenburg. Laut einer aktuellen Studie gehört das Bundesland damit inzwischen zur Bevölkerungs-Gewinnerregion. Das hat aber seinen Preis. Von Sabine Loeprick

Wer wollte es nicht - Vogelgezwitscher und Dorfidylle gegen das Bremsenquietschen von Autos oder volle U-Bahnen eintauschen? Kein Wunder, dass es auch in Brandenburg und Berlin immer mehr Menschen aufs Land zieht.

Zwei Deutschlandkarten, auf denen Städte und Regionen in unterschiedlich dunkle Rot- und Blautöne gefärbt sind, zeigen es auf den ersten Blick: In den Jahren 2008 bis 2010 waren noch Deutschlands Großstädte die Orte mit den meisten Zuzüglern – also tiefrot. Viele ländliche Regionen vor allem im Osten Deutschlands waren hingegen von hoher Abwanderung geprägt – also tiefblau. Inzwischen hat sich das komplett geändert.

Grafik: Durchschnittlicher monatlicher Wanderungssaldo pro tausend Einwohner:innen, Gemeindeverbände und Einheitsgemeinden. (Quelle: Berlin-Institut, Wüstenrot Stiftung)
| Bild: Berlin-Institut, Wüstenrot Stiftung

Das ist das Ergebnis der am Dienstag vorgestellten Studie "Landlust neu vermessen" des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und der Wüstenrot-Stiftung. Dabei haben die Wissenschaftler das "Wanderungsgeschehen in Deutschland" von 2008 bis 2020 untersucht.

Landlust in Kleinstädten

Natürlich ist Berlin nach wie vor eine Stadt, die sich durch einen hohen "Wanderungssaldo" auszeichnet, wo also mehr Menschen hin- als von dort wegziehen. Doch die ehemals gegen Bevölkerungsschwund kämpfenden ländlichen Gebiete haben sich längst zu Gewinnern gemausert, auch in Brandenburg. Längst seien es nicht nur junge Familien, so die Verfasser der Studie, die aus der Großstadt aufs Land ziehen wollten. Auch junge Berufstätige zwischen 25 und 29 Jahren gehörten zur Gruppe der Umzugswilligen.

Wer bei "Landlust" allerdings allzu idyllische Bilder vor Augen hat, liegt nach den Ergebnissen der Studie nur teilweise richtig. Denn die fünf Gemeinden, die das Brandenburg-Ranking der Orte mit dem größten Zuzug anführen, haben fast allesamt um die 10.000 Einwohner – Tendenz steigend.

Zuzugs-Gewinner ist Schönefeld

Von idyllischen Dörfchen kann also weniger die Rede sein. Platz 1 belegt die Gemeinde Schönefeld, in deren sechs Ortsteilen momentan rund 19.000 Menschen leben – in den kommenden Jahren erwartet Bürgermeister Christian Hentschel (parteilos) einen Zuzug von weiteren rund 3.500 Menschen.

Erst vor kurzem hat die Gemeinde ein integriertes Stadtentwicklungskonzept (Insek) in Auftrag gegeben. Schließlich gilt es, die Infrastruktur der wachsenden Gemeinde an die neuen Herausforderungen anzupassen. Hunderte neuer Kita- und Schulplätze sollen angesichts des Zuzugs junger Familien geschaffen werden, ebenso wie Einkaufsmöglichkeiten. Außerdem muss die medizinische Versorgung sichergestellt werden, mit Arztpraxen, Apotheken, Physiotherapeuten. Auf diesem Gebiet – so haben es die Stadtplaner ausgemacht – gibt es einigen Nachholbedarf im Schönefelder Norden. Doch gerade hier soll weiter gebaut werden – ein neues Quartier für bis zu 11.000 Bewohner ist in Planung.

Schon jetzt arbeiteten die wenigsten Schönefelder vor Ort, sagt Bürgermeister Christian Hentschel und fürchtet den Verkehrskollaps, wenn der BER in Vollbetrieb geht. Dann rechnet er mit rund 35.000 Menschen, die täglich in Berlin-Rudow in den Bus zum Flughafen in Schönefeld steigen – Reisende, aber auch Mitarbeiter des Airports.

Investoren sollen für Infrastruktur zahlen

Der nahe gelegene BER, aber auch die Tesla-Fabrik in Grünheide und zahlreiche weitere Ansiedlungen entlang der Südost-Entwicklungsachse machen einen Umzug aus Berlin in Gemeinden wie Schulzendorf (im Ranking Platz 3) oder Bestensee attraktiv. Aber nicht nur das, sagt Bestensees Bürgermeister Klaus-Dieter Quasdorf (parteilos) und verweist auf die vielen Seen ganz in der Nähe des Ortes.

Der wird bald, da ist sich Quasdorf sicher, 10.000 Einwohner haben - aktuell sind es rund 8.800. Und schon jetzt gilt es, rund 1.600 Kinder zwischen "0 und 17 Jahren" in Kita-, Hort- und Schule unterzubringen. Nicht gerade leicht, räumt der Bürgermeister ein. Gerade habe man in einer Nachbargemeinde eine vorher leerstehende Kita als Ausweichquartier angemietet, jetzt baut die Gemeinde eine Kita mit 130 Plätzen. Das sei auch ein finanzieller Faktor, sagt der Bürgermeister und verweist auf die Kosten.

Deshalb will Bestensee neue Bauvorhaben von Investoren zukünftig an Bedingungen koppeln. Denn wer Wohnhäuser baue und mit Gewinn verkaufe, könne ja auch in die Infrastruktur des Ortes investieren, so der Plan. Also beispielsweise Straßen in den Neubaugebieten finanzieren – oder eben auch eine neue Kita.

Bauland wird deutlich teurer

Ganz so weit ist man in der Gemeinde Milower Land am westlichen Rand des Havellands noch nicht. Doch auch hier “fernab der Metropolregion Berlin-Brandenburg", wie Bürgermeister Felix Menzel scherzt, gebe es eine stetig steigende Nachfrage nach Bauland und Häusern.

Die Quadratmeter-Preise für Bauland sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen – von 20 auf 110 Euro, dennoch sei ein Ende der Nachfrage vorerst nicht in Sicht, so Menzel. Er sieht die Gemeinden angesichts stetig steigender Einwohnerzahlen auch ein Stück allein gelassen bei der Anpassung der Infrastruktur. Beispielsweise habe sich durch die zugezogenen Familien die Bevölkerungsstruktur deutlich verjüngt, daher brauche man auch hier mehr Kita- und Schulplätze.

Sendung: rbb24 Brandenburg aktuell, 28.06.2022, 19:30 Uhr

Beitrag von Sabine Loeprick

54 Kommentare

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  1. 54.

    Gute Einschätzung von Ihnen. Der Regio von Rathenow in die Berliner City benötigt ca. eine Stunde. Die Politik müsste aber endlich mal auf das Bevölkerungswachstum reagieren, die Züge sind proppevoll. Havelland als Landkreis, pro Jahr mindestens 1200 neue Einwohner, seit der Wende sind 35000 Einwohner dazugekommen. In den Nachbarkreisen OHV, PM und P genau das selbe Wachstum. BRB als Nachbar, hat auch noch mehr als 72000 Einwohner. Brandenburg sollte endlich in den ÖPNV investieren - Alles um Berlin wächst und wächst.

  2. 53.

    Ja, vollkommen richtig: Rathenow, Premnitz, Neustadt(Dosse, Brandenburg an der Havel, Frankfurt (Oder), Eberswalde, Werneuchen, etc. sind attraktive Orte durch die gute Anbindung und aus sich selbst heraus. Ich wollte damit nur ausdrücken, das man nicht auf das letzte Dorf ziehen sollte und nachher auf Brandenburg meckert. Auch wollte Ich damit sagen, das der Speckgürtel weit über den Berliner Ring hinausgeht und das von der Landesregierung auch mal akzeptiert und verändert werden sollte/ habe mich da etwas blöd ausgedrückt !!! - Viele Grüße aus dem Havelland.

  3. 52.

    Dann war ich wohl immer am BER wenn gerade kein FEX gefahren ist ? Chaos ohne Ende und Verspätungen der Regionalbahnen oder Ausfälle. Kein Personal zur Hilfestellung für die Reisenden und Hetzen von Bahnsteig zu Bahnsteig, um irgendwie nach Berlin rein zu kommen. Keine guten Erfahrungen mit dem Retro-Flughafen/ teilweise zu eng, wo sich die Leute drängen und mit Koffern fehlende Rolltreppen.

  4. 51.

    Das ist so nicht ganz richtig. Alles, was von Berlin direkt mit dem Regio in ca. 1h erreichbar ist, ist für Pendler attraktiv, wenn der Wohnraum billig ist also. Also für 5-6 EUR pro qm pendelt man gern alles bis Rathenow, Neustadt (Dosse), Frankfurt (Oder), Eberswalde, Werneuchen etc. Und bei Bodenpreisen um die 120 EUR baut man 4-5geschosser und dann rechnet sich das auch für Fremdfinanzierungen.

  5. 50.

    Ob der Bürgermeister davon weiss, dass der BER von Berlin auch direkt mit dem Zug (FEX/S-Bahn etc.) erreichbar ist?
    Oder warum erklärt er: "(...) wenn der BER in Vollbetrieb geht. Dann rechnet er mit rund 35.000 Menschen, die täglich in Berlin-Rudow in den Bus zum Flughafen in Schönefeld steigen – Reisende, aber auch Mitarbeiter des Airports.(...)"

    Den Mitarbeitern des Flughafen könnte der Bürgermeister mit dem Bau von bezahlbarem Wohnraum helfen, dann würde nicht nur das Pendeln verringert, sondern die Wohnraumproblematik entschärft.

  6. 49.

    In Brandenburg an der Havel werden aber auch konsequent Baulücken, in der Altstadt, in der Neustadt und auf der Dominsel geschlossen, daher auch das hohe Bevölkerungswachstum von 421 Einwohnern im Jahr 2021. Auch schwächelt Potsdam, trotz hohem Zuzugsdruck beim Bevölkerungswachstum und Brandenburg, ist per Regio und auch mehrmals die Stunde, gut erreichbar.

  7. 48.

    Eventuell ist es in den Randbezirken anders. Aber in den angesagten Bezirken ist es genauso, dass man bei guten Ärzten keinen Termin bekommt oder erst sehr fern in der Zukunft. Die einzige Lösung ist eine private Zusatzversicherung.

  8. 47.

    Ich bin aber auch der Meinung, die Leute sollten nicht zu weit herausziehen aus Berlin, um nicht dann irgendwann auf das Land Brandenburg zu schimpfen. Im Havelland sehe ich die Grenze bei ca. 10 - 15 Kilometer, ausserhalb der A10. Leider fangen in diesem Radius um Berlin, die Preise sehr oft bei 200 - 250 Euro je Quadratmeter Bauland an. Das fördert natürlich, das Wohnen auf jeder ,,Klitsche,, , wenn es nur ,,billig,, wird und damit Zerstörung von ,,Natur,, äh, Monokulturen in den Randregionen.

  9. 46.

    Können Sie ihre Berliner Adresse und Eckdaten veröffentlichen, ich hätte Interesse. Danke.

  10. 45.

    Gut geschrieben. Außerdem kostet der Boden dort weniger im Vergleich zu Berlin, also sollte man hier viel mehr bezahlbaren Wohnraum schnell am besten in Modulbauweise hochziehen. Aber natürlich nur, wenn auch die Linke Politik, dieses Thema der Wohnungsmisere wirklich gelöst haben will - wäre dann aber wieder ein Thema weg, dass man zur Wiederwahl nicht unnötig thematisieren kann. Ein Schelm, wer hier böses denkt...

  11. 44.

    Echt jetzt? Ist das Unwissenheit oder wollen Sie uns hier veräppeln?
    In Brandenburg/Havel ist das neue Bundesamt für Auswärtige Angelegenheiten mit rund 500 Mitarbeiter per Bundestagsbeschluss angesiedelt worden, übrigens 240 davon am Hauptsitz in Brandenburg an der Havel. Fällt Ihnen etwas auf?
    https://www.sueddeutsche.de/politik/bundesregierung-brandenburg-an-der-havel-500-beschaeftigte-bei-neuer-bundesbehoerde-240-in-brandenburg-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-210430-99-419747

  12. 43.

    ... tja, jeder bekommt halt das, was er verdient. Das ist wie mit Chefs und Angestellten, wären alle nur Chefs würde es nicht funktionieren ;-)

  13. 42.

    Gute Reise! Gerade im Alter aufs Land, klingt wohl überlegt ;-))

  14. 41.

    Da hat der Bürgermeister wohl vergessen, dass hier auch neue Steuerzahler kommen und der Länderfinanzausgleich auch die Einwohnerzahl berücksichtig, wenn er sagt: "Das sei auch ein finanzieller Faktor, sagt der Bürgermeister und verweist auf die Kosten."

  15. 40.

    Hier sind die Gründen gefragt! Einfamilienhäuser gehören in dem Bundesland zeitnah verboten, lieber Verdichten statt Flächen weiter zu versiegeln! Bei dem günstigen Bauland müssen unbedingt Mehrfamilienhäuser in diesem Bundesland gebaut werden. Die "Teuerung", also wenn der Preis von 20 auf 110 EURO pro qm steigt, dann kann man dieses doch kompensieren, indem man einfach 5- oder 6-geschossige Gebäude statt Einfamilienhäusern baut, also die Fläche 5mal intensiver nutzt. Somit wird dann auch weniger wertvolle Fläche versiegelt, weil mehr Menschen auf weniger Fläche wohnen können, wenn man in die Höhe baut.

  16. 39.

    Zersiedelung ? In vielen Städten und Kommunen in Ostdeutschland müssen erst einmal langsam, die Baulücken von Weltkrieg und Teilung geschlossen werden.

  17. 38.

    Schlimm ist in ganz Deutschland die jahrzehntelange Zersiedlung der Landschaft und das unumkehrbare Zubetonieren und Versiegeln von Naturflächen. Diese Flächen gehen der Natur als Lebensraum für immer verlustich, das ist wirklich nicht lustig. Es wird auch zuviel Häßlichkeit neugebaut anstatt in vorhandene rettbare traditionelle Immobilen zu investieren und alte Bausubstanz zu retten. Statt dessen entsteht allerorten so ein häßlich uniformes und piefiges Kleinschlumpfhausen mit Gärten von der Größe einer Picknickdecke und langweiligem Pampersbomber vor der Tür, der dann auch noch mit KM-Pauschale für umweltschädigendes Verhalten/Pendeln von uns allen gefördert wird. Muß ja jeder selber wissen. Hoffentlich werden dann endlich die größeren 4-Zimmer-Wohnungen in Berlin bald frei für uns!

  18. 37.

    Es IST eine Ost-West-Thematik und Sie haben leider meinen Beitrag falsch interpretiert, es geht um die Klagen der Westdeutschen über den Zuzug aus den sog. Neuen Bundesländern.

  19. 36.

    "Das ist doch aber kein Umzug aufs Land, das ist die Vergrößerung Berlins auf brandenburgischen Territorium."
    Der Himmel möge uns davor bewahren.
    Ich sehe jeden Morgen, wenn ich aus dem Fenster schaue, einen gewaltigen Unterschied zw. Schöneberg und Schönefeld. Und der Abendspaziergang auf dem Feldweg fühlte sich auch ganz anders an als wenn ich z.B. in der Feurigstr. 1x um den Block gehe.
    Nice day :-)

  20. 35.

    Ich weiß nicht, was der BER gekostet hat plus Infrastruktur plus Gewerbegebiete plus Hotels, usw. Bei solch enormen Strukturhilfen, ist doch ein großes Bevölkerungswachstum in der Region vorprogrammiert. Und wenn so viele Arbeitsplätze im Umland entstehen (Güterverkehrszentren/GVZ, Tesla, BER, Post-und Logistikcenter, Einkaufscenter, usw.), ziehen die Leute, natürlich ins Umland, der Arbeit wegen und nebenbei vielleicht noch ein schickes Häuschen.

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