Eine Tote und viele Verletzte in Berlin - 29-Jähriger fährt in Menschenmenge - Ermittler gehen von Amoktat aus

Mi 08.06.22 | 23:05 Uhr
Das Unfall-Fahrzeug das am Vormittag in eine Drogerie am Kudamm gerast war. (Quelle: imago images)
Video: rbb24 Spezial | 08.06.2022 | Bild: imago images

Nach der tödlichen Autofahrt eines 29-Jährigen in Berlin geht die Polizei inzwischen von einer Amoktat aus. Der Festgenommene sei "psychisch beeinträchtigt", teilte Innensenatorin Spranger am Mittwochabend mit.

Nach der tödlichen Autofahrt eines 29-Jährigen am Mittwochvormittag in Berlin-Charlottenburg verdichten sich Hinweise auf eine psychische Erkrankung des Mannes. Die Ermittler gehen inzwischen von einer Amoktat aus. "Nach neuesten Informationen stellt sich das heutige Geschehen an der Tauentzienstrasse als eine Amoktat eines psychisch beeinträchtigten Menschen dar", teilte die Berliner Innensenatorin Iris Spranger (SPD) am Mittwochabend auf Twitter mit.

Bereits zuvor hatte Spranger politische Hintergründe der Tat eher ausgeschlossen. Zwar seien in dem Tatfahrzeug Schriftstücke und Plakate mit politischen Aussagen gefunden worden. Seitens des Verfassungsschutzes läge gegen den Mann aber nichts vor, betonte Spranger am Mittwoch in der rbb24 Abendschau. Sie kündigte für Donnerstag eine Trauerbeflaggung in Berlin an und sprach den Angehörigen der Opfer ihr Mitgefühl aus.

SEK-Einsatz in Wohnung des Fahrers

Auch Polizeipräsidentin Barbara Slowik betonte, derzeit gebe es keine einschlägigen Erkenntnisse über eine politische Tat. Slowik rief Zeugen, die Bildmaterial von dem Vorfall haben, dazu auf, dieses an das Hinweisportal der Berliner Polizei [be.hinweisportal.de] zu übersenden. Die Ermittlungen liefen weiter unter Hochdruck und seien inzwischen von einer Mordkommission übernommen worden, betonte die Polizeipräsidentin im rbb-Fernsehen.

Auch am Mittwochabend sicherte die Polizei noch vor Ort Beweise. Die Untersuchungen dort werden den Ermittlern zufolge am Donnerstag weitergehen.

Ein Spezialeinsatzkommando der Polizei durchsuchte die Wohnung des 29-jährigen Fahrers in Berlin-Charlottenburg. Über Ergebnisse ist noch nichts bekannt. Der Mann war nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur mit einem Auto unterwegs, das seiner älteren Schwester gehört. Er soll der Polizei bereits bekannt gewesen sein, allerdings nicht in Zusammenhang mit Extremismus.

Video: rbb|24 | 08.06.2022 | Material: rbb24 Abendschau, rbb Spezial

Lehrerin aus Hessen stirbt - mehrere lebensgefährlich Verletzte

Bei dem Vorfall gegen 10:30 Uhr in der Nähe der Berliner Gedächtniskirche ist eine Lehrerin aus Hessen getötet worden. Nach Angaben der Feuerwehr wurden außerdem sechs Menschen lebensgefährlich und drei schwer verletzt. Nach Angaben der Polizei vom Mittwochabend geht sie von insgesamt etwa 20 Verletzten aus, eine konkrete Zahl könne wegen der dynamischen Lage aber weiter nicht genannt werden.

Unter den Verletzten befinden sich laut Polizei 14 Schülerinnen und Schüler einer zehnten Klasse, ein Lehrer wurde nach derzeitigem Stand schwer verletzt. Die Lehrerin sei mit der Klasse aus dem nordhessischen Bad Arolsen in Berlin gewesen, teilte die hessische Landesregierung mit.

Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) sagte: "Wir haben umgehend Notfallbetreuungsteams nach Bad Arolsen geschickt, um den Angehörigen, Mitschülerinnen und Mitschülern sowie den Lehrkräften beizustehen."

Mehrere Rettungswagen stehen an der Tauentziehenstrasse (Bild: rbb/Gomm)
Rettungskräfte stehen an der Tauentzienstraße. | Bild: rbb/Gomm

Passanten hielten Fahrer fest

Wie Polizeisprecher Thilo Cablitz sagte, war der Fahrer auf der Tauentzienstraße in Höhe Rankestraße zunächst in eine Menschenmenge gefahren. Dann fuhr er zurück auf die Straße und kam Ecke Marburger Straße in einem Ladengeschäft zum Stehen. Dem Sprecher zufolge konnten Passanten den Fahrer des Wagens festhalten. Die Polizei war mehrere Stunden lang mit 130 Einsatzkräften vor Ort, hinzu kamen etwa 100 Feuerwehrleute.

Der mutmaßliche Fahrtweg des PkWs an der Tauentzienstraße/Rankestraße (Bild: rbb24)
| Bild: rbb24

Tiefe Betroffenheit aus der Politik

Am Mittwochabend wurde in der Gedächtniskirche der Opfer gedacht. Anwesend waren auch zahlreiche Politiker, darunter die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD). Auf arglose Menschen sei bei dem Vorfall am Mittwoch "brutale Gewalt" eingebrochen, sagte die Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein bei der Andacht. "Eine solche Situation verschlägt uns die Sprache." Viele Zeugen und Betroffene hätten noch die Schreie der Menschen in den Ohren, sagte Trautwein. In der Gedächtniskirche wurden nach dem Vorfall Augenzeugen seelsorgerisch betreut. Rund 100 Menschen nahmen das Angebot wahr.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat mitteilen lassen, seine Gedanken seien bei den schwer und sehr schwer Verletzten sowie bei dem Todesopfer und denen, die Schreckliches erleben mussten.

Tiefe Betroffenheit äußerte auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). "Die Reise einer hessischen Schulklasse nach Berlin endet im Alptraum. Wir denken an die Angehörigen der Toten und an die Verletzten, darunter viele Kinder. Ihnen allen wünsche ich eine schnelle Genesung", teilte der Kanzler auf Twitter mit.

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke äußerte ebenfalls seine Betroffenheit und Anteilnahme. "Meine Gedanken sind bei den Schwerverletzten und bei der getöteten Frau, die auf schreckliche Weise aus dem Leben gerissen wurde. Den Hinterbliebenen gilt mein tiefes Mitgefühl und meine Hoffnung allen Opfern, die noch um ihr Leben ringen", sagte der SPD-Politiker der Deutschen Presse-Agentur am Mittwochabend.

Trauerbekundungen und Blumen an der Tauentzienstraße

Sendung: rbb Spezial, 08.06.2022, 20:15 Uhr

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