rbb exklusiv | Berliner Feuerwehr - Beinahe täglich im Ausnahmezustand

Fr 08.07.22 | 06:05 Uhr | Von Haluka Maier-Borst und Franziska Hoppen
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Symbolbild: Einsatzkräfte der Feuerwehr verlassen am 22.05.22 unter Atemschutz das Gelände eines Sportvereins in Berlin. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Bild: dpa/Paul Zinken

Von 0 auf 30 in zwei Jahren: Die Zahl der monatlichen Ausnahmezustände der Berliner Feuerwehr ist rapide gestiegen. Das zeigen Daten, die dem rbb exklusiv vorliegen. Unnötige Anrufe bei der 112 sind allerdings nicht der Grund. Von Haluka Maier-Borst und Franziska Hoppen

14 Stunden und 48 Minuten. So lange dauerte am 1. April der Ausnahmezustand der Berliner Feuerwehr an. Die vorhandenen Rettungswagen waren zu 80 Prozent und mehr ausgelastet. Die vorgegebenen zehn Minuten zwischen Notruf und Eintreffen bei den Patienten konnte kaum noch eingehalten werden.

Der Tag war ein Sonderfall. Zahlreiche Corona-Regelungen liefen an diesem Wochenende aus, während wahrscheinlich gleichzeitig der Krankenstand hoch war. Und doch steht er stellvertretend für eine Situation, die für die Berliner Rettungskräfte in den letzten 12 Monaten fast zur Regel geworden ist. Das zeigt auch die Tatsache, dass vor zwei Wochen sogar 16 Stunden lang die Feuerwehr überlastet war.

Inzwischen kommt es fast täglich zum Ausnahmezustand, wie Daten aus der Antwort der Senatsinnenverwaltung auf eine parlamentarische Anfrage zeigen, die rbb|24 exklusiv vorliegt. Während es demnach im Jahr 2020 noch insgesamt 64 Mal den Ausnahmezustand gab, wurde er im vergangenen Jahr 178 Mal ausgerufen. Im laufenden Jahr waren es bis Mitte Juni schon 149 solcher Situationen. Vasili Franco, Verfasser der Anfrage und innenpolitischer Sprecher der Grünen, warnt: "Das zeigt, dass wir nah an der permanenten Überlastung sind."

Zahl der Fehleinsätze gesunken

Die Daten zeigen aber nicht nur, wie hoch die Belastung ist. Sie ermöglichen auch zumindest in Teilen eine Ursachenforschung für den Status Quo. So zeigt sich entgegen der oft geäußerten Vermutung, dass nicht die vielen Anrufenden Schuld an der Überlastung haben. Im Gegenteil, nach den Angaben der Innenverwaltung ist die Zahl der Fehleinsätze bei Feuerwehr und Rettungsdienst gesunken.

Gestiegen ist hingegen die Zahl der Erkundungen bei der Feuerwehr, also beispielsweise das Prüfen, ob nach einem Autounfall Öl oder dergleichen ausgetreten ist. Beim Rettungsdienst sind es indes sowohl Einsätze für Notfallrettung als auch Notfalltransport, die deutlich mehr wurden.

Auch Corona kann nur bedingt als Erklärung herhalten. Denn zwar ist die aktuelle Zahl der Ausnahmezustände deutlich höher als vor der Pandemie 2019. Während der letzten zwei Jahre gab es aber immer wieder auch Phasen, in denen die Zahl der Ausnahmezustände eher gering war.

So schreibt der Senat auch in seiner Antwort: "Die Corona-Pandemie hatte vor allem in und nach den sog. Lockdowns einen Einfluss auf die Einsatzzahlen der Berliner Feuerwehr. Während diese in Zeiten weitgehender Einschränkungen des öffentlichen Lebens tendenziell einen Rückgang verzeichneten, stiegen sie in den Folgewochen sukzessive auf ein überdurchschnittliches Niveau an."

Eine bessere Erklärung liefert dagegen wohl der Zustand der Ausstattung. So sind von den 200 Rettungswagen nicht viel mehr als zwei Drittel einsatzfähig. Und das Hauptproblem ist: Es gibt zu wenig Personal, das sie überhaupt erst fahren könnte. Von 1.048 Notfallsanitätern etwa sind nur 752 im Einsatz, denn etliche arbeiten in der Verwaltung.

Gerade einmal fünf zusätzliche Rettungswagen

Die Senatsinnenverwaltung verspricht in ihrer Antwort Besserung. So sei eine Taskforce seit September 2021 ins Leben gerufen worden. Diese solle "mit den derzeit gegebenen Mitteln das Gesamtsystem des Notfallrettungsdienstes situationsgerecht in seiner Effektivität steigern."

Außerdem hat die Verwaltung angekündigt, bis Ende des Jahres zusätzliche Rettungswagen inklusive Personal in den Dienst zu bringen. Ob deren Zahl ausreicht, ist fraglich. Es sind gerade einmal fünf.

Sendung: rbb24 Inforadio, Nachrichten, 08.07.2022, 10 Uhr

Beitrag von Haluka Maier-Borst und Franziska Hoppen

42 Kommentare

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  1. 42.

    Es ging um eine einheitliche Nummer. Wenn jemand Hilfe benötigt dann sollte er eine Nummer wählen können, bei der ihm geholfen wird. Dabei kann doch abgeklärt werden, ob Arzt, RTW oder Verweis auf KH passt. Kann das so schwer sein?

  2. 41.

    Bei manchen Kommentaren bezweifle ich ja, dass die Verfasser den Bericht gelesen haben, denn

    „ Unnötige Anrufe bei der 112 sind allerdings nicht der Grund“…..

  3. 40.

    Wer kennt die schon? Die Notfallnummern sind eben bekannter. Das ist das Problem. Wenn es Ihnen Scheisse geht, dann googeln Sie nicht erst. Immer mal an den Kunden denken.

  4. 39.

    Wegen Cannabis ins Krankenhaus ist 'ne Seltenheit. Da kommen Dutzende Alkohol"leichen" auf einen Kiffer. Mit der allgemeinen Lage des Berliner Rettungsdienstes hat das nichts zu tun.

  5. 38.

    Wo sollen die Ärzte denn herkommen? Jeder vierte ist Rentner in diesem Land. Tendenz steigend.

  6. 37.

    Vielleicht sollte man sich auch mal überlegen, wann und warum man den RTW braucht.
    Jedenfalls nicht bei Fieber, welches keines ist und auch nicht, weil ich mir den Fingernagel abgebrochen habe. Da kann man wohl noch Verlagen mit dem Auto oder mit den Öffis zu fahren. Arbeite selber in dem Job und manchmal ist es nicht normal warum die Leute die 112 anrufen.

  7. 36.

    Für medizinische Hilfe - abgesehen von Notfällen - steht 24h der ärztliche Bereitschaftsdienst unter der 116117 bundesweit zur Verfügung.

  8. 35.

    Die von Ihnen geforderte einheitliche Rufnummer für medizinische Hilfe - keine Notfälle - wäre dann die seit langen bekannte bundesweite 116117.

  9. 34.

    Kann der expotenziale Anstieg im Zusammenhang mit der Corona-Impung zusammen hängen?

  10. 33.

    Da fehlt etwas. Sie vergessen den Alkohol, den manche trinken wie Fanta. Einige sogar zusätzlich zu "Nimm 2".

  11. 32.

    Dieser Bericht ist nur schön reden. Warum gibt es so wenig Fehleinsätze, weil es kaum noch Möglichkeiten gibt einen Patienten nicht mitzunehmen. Die Vorgaben sind mittlerweile so strikt, da gibt es keine Entscheidungsfreiheit am Patienten. Warum fahren wir so viel, weil dad Rettungsdienst Gesetz so geschrieben ist, das quasi alles ein Notfall darstellt. Dazu kommt, dass der ärztliche Leiter einfach nur Angst vor Verantwortung hat. Und die Brandbekämpfung leidet unter dem tägliche Ausnahmezustand

  12. 31.

    Und immer mehr Menschen, die Cannabis konsumieren wie Nimm-2-Bon-Bons … Und dann Mist machen und sich (oder andere) verletzen, oder dabei nach und nach regelrecht irre werden … Ja, ja, längst nicht Alle … Aber wenige Promille der Konsumenten reichen da mittlerweile, um das Rettungssystem ans Limit zu bringen .. Aber Hauptsache tolerieren bzw. sogar legalisieren … Wahnsinn aller Orten … Leider im wahrsten Sine des Wortes !

  13. 30.

    Ich denke nicht, dass das der Grund ist. Auch in Brandenburg sind die Notrufzentralen für Rettungsdienst und Feuerwehr identisch. Entscheidend ist am Ende, ob der Notfalldisponent wirklich ein Rettungsmittel rausschickt oder einfach nur auf die Rettungsstelle oder den hausärztlichen Notdienst verweist. Da in Brandenburg die Wege oft deutlich weiter und damit Rettungsmittel deutlich länger gebunden sind, dürfte die Entscheidung für einen Einsatz deutlich stringenter getroffen werden. Ich fürchte, in Berlin ist es eher so, dass man Einsätze lieber annimmt, um bei den Krankenkassen abrechnen zu können, auch wenn dies zu Lasten des Rettungspersonals geht. Ist aber nur mein persönlicher Eindruck, der jedoch von den Schilderungen von Sanis und auch einigen Betroffenen durchaus gestützt wird. Solange keine lebensbedrohliche Situation vorliegt oder diese zumindest aufgrund der Ereignisse (Unfälle etc.) anzunehmen ist, sollte die Rettungsstelle oder Hausarzt das Ziel sein, nicht der Notruf.

  14. 28.

    Kaputtgespart wurde seit den 90ern, gleichzeitig wird die Gesellschaft älter und kränker. Da muss man langfristig gegensteuern. Und das passiert viel zu zaghaft. Es geht zwar nicht mehr abwärts, aber auch nicht wirklich nach oben. Fünf neue RTW sind ein Witz angesichts der Lage. Die Gehälter sind immer noch mit großem Abstand das Schlusslicht in Deutschland. Es braucht viele neue Stellen UND deutliche Gehaltsverbesserungen, um diese Stellen überhaupt füllen zu können, denn der Job ist zur Zeit einfach unattraktiv. Allein mit dem Idealismus der Mitarbeiter hält man den Laden nicht ewig zusammen. Als Bild sage ich mal so: Wir hören jetzt die Balken knirschen, und wenn jetzt nicht massiv eingegriffen wird, sondern nur hier und da ein Brettchen drangenagelt - dann stürzt das Haus demnächst ein.

  15. 27.

    Kann das THW nicht die Feuerwehr beim Verteilen des Aufsaug-Granulats nach Unfällen unterstützen?

  16. 26.

    Im Text ist leider nicht erwähnt, wieviele Alarmierungen auf Fakeanrufe zurückgehen. Ich kenne einen Fall, da hat ein jetzt in der Forensik sich befindlicher Nachbar die Rettungskräfte und die Polizei immerwieder alarmiert um dann von seinen Taten abzulenken. Die Nachbarn mussten dann die Polizei und die Rettung fast jeden Tag mindestens ein bis zwei rufen. Als der Nachbar schließlich einen Brand legte wurde er in die geschlossene Abteilung eingeliefert.

  17. 25.

    >"Warum klappt es eigentlich im Umfeld von Berlin?"
    Das kann daran liegen, dass in den allermeisten Landkreisen im Land Brandenburg der Rettungsdienst und Feuerwehr getrennt sind. Die Feuerwehr ist hier eben nur für die Abwehr von Feuer zuständig. Andere Träger wieder für den Rettungsdienst. Sicher sind die Kameraden der Feuerwehren im Land Brandenburg auch nicht immer mit allem glücklich. Aber so krass wie in Berlin stellt sich das bei uns im Ländle wohl noch nicht dar.

  18. 24.

    Ja klar, nur weil einer hier seine persönlichen Eindrücke schildert, ist der Artikel falsch. Merken Sie selber, oder? Ist der Logik könnte ich dann behaupten, weil dieser Artikel falsch sei, würde der RBB immer nur Mist berichten.

  19. 23.

    Es ist nicht immer vom Erkrankten zu erwarten, dass er seinen Zustand objektiv einschätzen kann. Ich finde, die Einsatzzentrale müsste mehr sortieren, gezieltere Fragen stellen und auch Einsätze bei Lappalien ablehnen ( wenn sie das darf?).

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