Mehrere Badetote zu Beginn des Sommers - Kaltes Grab Badesee

Di 05.07.22 | 12:05 Uhr | Von Stephan Ozsvath
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Ein Einsatzfahrzeug der Feuerwehr steht am Ufer des Weißen Sees.
Video: rbb24 | 04.07.22 | Antje Tiemeyer | Bild: dpa / Jörg Carstensen

Nahezu jedes Wochenende sind zuletzt Menschen in Berlin und Brandenburg ertrunken - meistens Männer, die sich wohl selbst überschätzen. Auch wer sich im Wasser längst abgekühlt fühlt, kann noch einen Hitzschlag erleiden. Von Stephan Ozsvath

Erst am Wochenende ist ein 30-Jähriger im Schlachtensee ertrunken. Es ist mindestens der vierte Badetote innerhalb von zwei Wochen in Berlin - und sie haben eines gemeinsam: "Alle Unfälle sind an unbewachten Badestellen geschehen", sagt DLRG-Rettungstaucher Christopher Wellner. Er gehört zu den bis zu 250 Ehrenamtlichen, die an den Wochenenden an den Berliner Gewässern dafür sorgen, dass niemand ertrinkt.

Die meisten Ertrunkenen – das zeigt die Statistik – sind Männer. Wellner vermutet, "dass es mit Selbstüberschätzung zu tun hat." Auch Alkohol sei oft im Spiel. Bei großer Hitze kühlten sich Schwimmer zudem oft nicht ab, bevor sie ins Wasser gehen, um den Kreislauf an den Temperaturunterschied zu gewöhnen. "Das können bis zu 20 Grad sein", sagt Wellner, der im Hauptberuf Lehrer ist. "Da kann ein spontaner Sprung ins Wasser tödlich sein."

Hauptursache Selbstüberschätzung

Bei Brandenburg an der Havel starb am vergangenen Sonntag ein 82-Jähriger, der offenbar zu schnell ins Wasser sprang. "Wir sind verständigt worden, dass ein Schwimmer nach dem Sprung ins Wasser nicht mehr aufgetaucht ist", berichtet der Brandenburger Feuerwehreinsatzleiter Hendrik Hänig. Nach einer halben Stunde konnten die Retter den Mann zwar aus dem Beetzsee bergen, er starb aber im Krankenhaus.

Die Hitze sei auch deshalb gefährlich, weil beim Schwimmen der Kopf aus dem Wasser rage. Wenn die Sonne darauf brennt, drohe ein Hitzschlag, warnt Daniel Keip von der DLRG Brandenburg, der 4.000 Ehrenamtliche angehören. Häufigste Todesursache sei Selbstüberschätzung, glaubt auch er. "Es kann die Überanstrengung sein, weil man zu weit rausschwimmt und vergisst, den Rückweg einzuplanen."

Ein paar Bier am See mit Freunden beeinträchtige die körperlichen Fähigkeiten zusätzlich. Große Temperaturunterschiede seien auch "für das stärkste Herz" nicht zu überbrücken, wenn man direkt vom Bad in der Sonne zum Bad im kühlen Gewässer übergeht.

Wer von Brücken springt, ist schlicht lebensmüde.

Daniel Keip, Rettungsschwimmer

Auch eine Binsenweisheit: Bloß nicht ins Wasser springen, wenn man nicht weiß, was unter der Wasserlinie ist. "Unsere Taucher haben vor zwei Wochen an der Potsdamer Freundschaftsinsel Fahrräder, Einkaufswagen und Straßenschilder hinausgeholt", erzählt Rettungsschwimmer Keip. "Wenn man sich beim Sprung dort verheddert, bleibt man schlicht unten und wir müssen denjenigen wieder holen, der da unten geblieben ist." Wer von Brücken springe, sei "schlicht lebensmüde", urteilt er.

Grundregel: Keine unbewachten Badestellen nutzen

Letztes Jahr starben in den drei Sommermonaten in Brandenburg achtzehn Menschen beim Baden, in Berlin acht. Dieses Jahr waren es nur am Pfingstwochenende in Brandenburg schon drei Badetote, in Berlin alleine in den letzten zwei Wochen vier.

"Wichtig ist immer, dass der Notruf schnell kommt", sagt der Berliner Rettungstaucher Christopher Wellner. Sicherer sei das Baden deshalb dort, "wo die Wasserrettung vor Ort ist". Die Rettungsschwimmer der DLRG sind in Berlin an der Oberen Havel, der Unteren Havel, am Tegeler See und am Müggelsee stationiert.

Viele Nichtschwimmer durch Corona und Geflüchtete

Wegen der Corona-Pandemie hätten zudem ein bis zwei Schülerjahrgänge "nicht richtig schwimmen gelernt", rechnet Wellner vor. Auch Geflüchtete aus Syrien oder Afghanistan könnten sich häufig nicht über Wasser halten, ergänzt sein Brandenburger Kollege Keip.

Mit verstärkten Kursangeboten versuche man diesen Mangel nachträglich auszugleichen. Doch auch die Rettungsschwimmer konnten wegen geschlossener Schwimmbäder nicht gut genug ausgebildet werden. Das sei aber überlebenswichtig, sagt Daniel Keip, denn Ertrinkende "klammern sich an alles, auch an die Retter."

Sendung: rbb24 Inforadio, 04.07.22, 16:28 Uhr

Beitrag von Stephan Ozsvath

17 Kommentare

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  1. 13.

    Danke. Obwohl ich mir nun nicht ganz sicher bin, ob ich mich freuen oder anfangen sollte, mir Sorgen zu machen.

  2. 12.

    Einfach dazu setzen, am besten noch FKK und zeigen was Mann hat und ein kaltes Bier dazu. Dann verschwinden die schon von alleine

  3. 10.

    Obwohl ich Ihren Stil bisher nicht mochte, aber diesmal - gut geschrieben! Genauso geht es mir auch, obwohl ich an der „Quelle“ wohne. :-)

  4. 9.

    Ich selber habe mit 4 Jahren das schwimmen beigebracht bekommen und nicht etwa mit Schwimmaermeln oder Schwimmring sondern mit einem aufgeladenen,nassen, Kissenbezug,das rundum vernäht war.Spaeter lernte ich noch die anderen Schwimmarten beim Schwimmlehrer Schwimmbad auf Strecke und Zeit im Verein und spielte auch eine Zeit Wasserball.

  5. 8.

    >"Was uns als besonders störend auffällt und was wohl jedes Jahr zunimmt sind die vielen Boote, die direkt vor den kleinen Badbuchten geankert werden und dort den ganzen Tag liegen bleiben"
    So dicht ans Ufer in den Schilfgürtel zu fahren mit einem Boot ist auf den allermeisten Berliner Seen sogar verboten.
    Und wenn: Seien Sie mal mutig und dreist und kapern sich vom Ufer aus einfach diese Badestelle. Mit ein wenig Ausdauer verschwinden diese Okkupanten dann auch.

  6. 7.

    Lesen Sie meinen Text doch bitte noch einmal. Es geht um die Leute, die ihr Boot wenige Meter vor dem Strand ankern, mit Tau nach links/rechts fixieren und es sich dann auf dem Boot gemütlich machen. Der Zugang zum Wasser ist damit bei vielen kleinen Badebuchten auf der ganzen Breite blockiert. Wer mit dem Boot anreist sollte beim Ankern einfach einen Mindestabstand zum Strand einhalten müssen.

  7. 6.

    Was ist denn daran so schlimm, wenn die Leute mit Booten auf den See fahren und dann vom Boot aus ins Wasser gehen? Wäre es Ihnen lieber, wenn die sich alle auch noch am Strand drängeln?

  8. 5.

    Ihre Hinweise sind gut und schön aber wer hält sich daran kaum einer. Wenn ich dann auch noch sehe daß es Eltern gibt die sich kaum um ihre Kinder am Wasser kümmern und andere Eltern ihre Kinder auf ein Stand App Bort setzen ohne Schwimmweste habe ich dafür keine Worte mehr. Sagt man dann auch noch was dazu gibt's eine blöde Antwort und unsere Gesellschaft ist heute auch so jeder ist sich selbst der nächste was interessiert mich der andere.

  9. 4.

    Was uns als besonders störend auffällt und was wohl jedes Jahr zunimmt sind die vielen Boote, die direkt vor den kleinen Badbuchten geankert werden und dort den ganzen Tag liegen bleiben. Wir finden es ziemlich dreist, sich so einen kleinen Privatstand zu reservieren und würden uns wünschen, wenn dies unterbunden werden könnte.

  10. 3.

    Dass man sich vor dem Sprung ins kalte Wasser erstmal an die entsprechende Temperatur gewöhnen sollte, ist eine Regel, die ich zugegebenermaßen auch nicht immer beachtet habe.
    Aber was das Überschätzen der eigenen Kräfte angeht, dürfte letztlich wohl Panik die Todesursache sein:
    Wer ruhig bleibt, spielt einfach mal eine Weile Toter Mann, bis er wieder die Kraft für ein paar Schwimmzüge hat.
    Übrigens schwimme ich schon seit langer Zeit nicht mehr: Badeanstalten sind mir zu voll (und wie sich langsam herumspricht: mit den falschen Leuten) und im Grünen hätte ich als kurzsichtiger Single keine Möglichkeit, meine Sachen im Blick zu behalten.
    Zudem haben ein Freund und ich mal als Jugendliche innerhalb einer Stunde ohne große Mühe fünf Flusskrebse in einem Berliner See gefunden. Da vergeht einem schnell die Lust, auch nur EINEN Schritt dorthin zu machen, wo man den Grund nicht mehr sehen kann.

  11. 2.

    Man kann doch nicht alle Badestellen überwachen in Berlin. Da es keine 100% Sicherheit gibt, gehen wir weiter an unseren Lieblingsbadestellen baden. Schade nur, dass die Mitschwimmer so wenig aufeinander zu achten scheinen, weil man in Berlin in den seltensten Fällen alleine auf dem See unterwegs ist.

  12. 1.

    "Keine unbewachten Badestellen nutzen"
    Genau, wohl zehntausende Menschen drängeln sich dann zusätzlich in den Bädern. Aber drauf hinweisen kann man natürlich, geht zwar an der Lebenswirklichkeit vorbei, aber man selbst hat dann zumindest nicht Schuld.

    "Viele Nichtschwimmer durch Corona"
    Naja, die meisten Kinder haben doch noch Eltern. Darf man eben nicht jedes WE vor der Kiste bleiben. Unserem 8jährigen fehlt nur noch der Kopfsprung zu Silber, der lässt sich schlecht am See üben. Ansonsten haben wir der Tochter unserer kasachstanischen Nachbarn nebenbei zum Seepferdchen verholfen. In der Innenstadt mag das aber schwieriger sein.

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