Zwangsheirat in Berlin - Wenn sie sich lieben müssen

So 03.07.22 | 10:28 Uhr | Von Anna Bordel
Illustration: Zwangshochzeit (Quelle: rbb24/Winkler)
Bild: rbb24/Winkler

Für die Ehre, das Ansehen und gegen den Ruin der Familie - dafür werden immer wieder Mädchen und Jungen gegen ihren Willen verheiratet. Jedes Jahr sind allein in Berlin Hunderte von Zwangsehen betroffen. Manche von ihnen holen sich rechtzeitig Hilfe. Von Anna Bordel

Leyla hat eigentlich einen anderen Namen, der zu ihrem Schutz auch der Redaktion nicht bekannt ist. Ihre Geschichte hat das Krisenhilfsprojekt Papatya der Redaktion in einer anonymisierten Fallbeschreibung zukommen lassen.

Dass es so nicht mehr weiter geht, merkt Leyla erst, als sie ein Telefonat ihrer Mutter mit einer Verwandten mit anhört und da ist es fast schon zu spät. Ihre Mutter und ihre Verwandten aus ihrem Heimatland besprechen die Verlobung von Leyla mit einem ihrer Cousins. Leyla wird panisch, als sie das hört. Sie hat immer gewusst, dass sie mal einen Angehörigen heiraten soll. Gerade in letzter Zeit hat ihre Mutter sie häufiger gefragt, ob ihr nicht einer ihrer Cousins gefalle. Tun sie aber nicht - zumindest nicht so - sie sind wie Brüder für die 16-Jährige. An Heiraten will sie noch gar nicht denken. Ihre Eltern sehen das anders, das weiß Leyla jetzt.

Wenig später erklärt ihre Mutter, sie müssten zu ihrer Großmutter reisen, da sie schwer erkrankt sei. Leyla weiß, dass sie schnell etwas tun muss und spricht mit ihrer besten Freundin. Gemeinsam gehen sie zur Sozialarbeiterin ihrer Schule. Leyla will jetzt nicht mehr zurück nach Hause, sie weiß, dass das auch nicht mehr geht. Sie hat Angst, dass ihr Vater und ihre Brüder sie finden. Über den Jugendnotdienst findet sie einen Platz in dem Krisenhilfsprojekt Papatya.

"Sicherheit und Leben vor Schulbesuch"

"Wir verstecken Mädchen, die von ihren Familien relativ heftig gesucht werden", erzählt eine Mitarbeiterin des Papatya-Teams. Auch sie will anonym bleiben, weil die Mitarbeiter des Projekts potentiell Gefährdete durch die Familien der Mädchen sind. Vor der Pandemie konnten nach Angaben von Papatya etwa acht Mädchen gleichzeitig in dem Projekt leben, derzeit sind es höchstens sechs. Papatya ist demnach kein neues Zuhause für sie, sondern nur eine Zwischenstation. "Bei uns können die Mädchen erstmal zur Ruhe kommen und überlegen, wie es jetzt weitergehen soll", sagt die Mitarbeiterin.

Manchmal kommen die Mädchen nur für zwei Stunden, wie die Mitarbeiterin erklärt, weil sie dann schon feststellen, dass sie nicht ohne die Familie sein wollen und sofort zurück möchten. Manchmal vergehen demnach aber auch Monate bis die Mädchen in eine dauerhafte Untebringung können, weil irgendwelche Papiere fehlen oder im Jugendamt jemand unerreichbar, krank oder im Urlaub ist, wie die Mitarbeiterin sagt. Da die Mädchen von ihren Familien nach ihrem Verschwinden häufig bedroht seien und man teilweise auch vom Schlimmsten, einem sogenannten "Ehrenmord", ausgehen müsse, dürften die Mädchen erstmal nicht weiter zur Schule gehen, so die Mitarbeiterin. Ihre Handys müssen sie bei der Aufnahme abgeben, dürfen aber von dem Telefon der Einrichtung aus telefonieren. "Sicherheit und Leben gehen erstmal vor Schulbesuch."

Immer mehr Jungs von Zwangsehe betroffen

Eine Umfrage des Berliner Arbeitskreises gegen Zwangsverheiratung unter 420 Einrichtungen im Jahr 2017 hat ergeben, dass es etwa 570 Fälle von vermuteter oder bereits vollzogener Zwangsehe in Berlin gegeben hat. Davon hatten 83 Prozent der Fälle muslimischen Hintergrund. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein, da es sich nur um eine Auswahl an Einrichtungen handelt und längst nicht alle Fälle bei Einrichtungen aufgenommen werden. Noch in diesem Jahr würde der Arbeitskreis neue Zahlen erhebt, so die Koordinatorin.

Offizielle Daten gibt es auch für ganz Deutschland nicht. Die Frauenrechtsorganisation Terre des femmes (TDF) hat im Mai dieses Jahres in einer nicht repräsentativen Online-Umfrage unter rund 450 Lehrkräften an deutschen Schulen 1.468 Verdachtsfälle und 379 gesicherte Fälle einer Zwangsehe angegeben. Ein Großteil der Betroffenen sind laut Elisabeth Gernhardt von Terre de femmes Mädchen und junge Frauen, doch werden auch Jungen und junge Männer zwangsverheiratet. Ein Grund dafür sei häufig, dass sie sich als homosexuell outen würden.

Strenge Kontrolle möglicher Hinweis für Zwangsehe

Außerdem wolle man die Lehrkräfte und auch die Schüler:innen selbst dafür sensibilisieren wahrzunehmen, wenn sie oder andere möglicherweise bedroht sind. Dafür sind Mitarbeiter:innen von Terre des femmes und der Berliner Polizei in den vergangenen Tagen mit Workshops an mehreren Schulen unterwegs gewesen. Es gehe darum, über Recht aufzuklären und den Blick dafür zu schärfen, was auf eine mögliche Zwangsverheiratung hinweisen könnte, so Gernhardt. Gerade die Sommerferien würden dafür genutzt, Mädchen und junge Frauen im Ausland zu verheiraten. Lehrkräfte uns Schüler:innen sollten genauer hinschauen und sich am Ende der Ferien fragen: Sind wirklich alle Schüller:innen wieder da?

"Wenn das Mädchen sehr stark kontrolliert wird und nicht mehr an außerschulischen Aktivitäten teilnehmen darf, oder männliche Familienmitglieder beobachten, mit wem sie sich unterhält und sie zur Schule bringen und auch wieder abholen - das könnten zum Beispiel Hinweise sein", so Gernhardt. Wichtig sei bei einem solchen Verdacht, zunächst mit dem Mädchen unter vier Augen zu sprechen und auf die zahlreichen Beratungsstellen hinzuweisen, die es telefonisch, persönlich, online oder auch per Chat gibt. Die Eltern sollte man auf keinen Fall ansprechen, da die Gefahr für das Mädchen unter Umständen dadurch noch größer werde.

Wenn das Mädchen sehr stark kontrolliert wird und nicht mehr an außerschulischen Aktivitäten teilnehmen darf oder männliche Familienmitglieder beobachten, mit wem sie sich unterhält und sie zur Schule bringen und auch wieder abholen - das könnten zum Beispiel Hinweise sein.

Elisabeth Gernhardt, Terre des femmes

Strenge Regeln bieten den Mädchen Schutz vor Familie

Leyla durfte schon seit Längerem nicht mehr alleine das Haus verlassen und ein Mal, als sie etwas später von der Schule nach Hause kam, schlug ihr Vater sie mit einem Gürtel. Von da an holte ihr Bruder sie jeden Tag von der Schule ab. Die Angst davor, dass Leyla einen Freund haben könnte, wurde in der Familie übermächtig. Ihr Vater kontrollierte regelmäßig ihr Handy, zur Handball-AG durfte sie längst nicht mehr, weil dort auch Jungs trainierten.

"Oft haben es die Mädchen schon lange ausgehalten in der Familie und haben schon sehr viel Gewalt erlebt", erzählt die Mitarbeiterin von Papatya. In der Regel sei in diesen Familien der Kontakt zum anderen Geschlecht vollständig verboten. Meistens werde ein weitläufiger Verwandter der Familie als Heiratskandidat vorgeschlagen. Das zerschlage bei den Mädchen die Hoffnung, ein Mal ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. "Das ist der Punkt, an dem die meisten Mädchen entscheiden zu uns kommen", sagt die Mitarbeiterin.

Dass die Regeln bei ihnen streng sind, wisse sie. Dennoch könne sie den aufgenommenen Mädchen und Frauen nur so genügend Schutz bieten. "Was wir im Gegenzug dazu bieten, ist eine relativ familiäre Atmosphäre in einem überschaubaren Team in einer normalen Altbauwohnung in Berlin", so die Mitarbeiterin. "Es gibt häufig ein großes Staunen darüber, dass es Mädchen gibt, denen es ähnlich geht und die ähnliche Erfahrungen gemacht haben."

Die Mehrheit verlässt die Familie

Für viele von ihnen sei das eine ganz neue Situation getrennt von der Familie zu sein, das erste Mal allein in einem Zimmer zu schlafen, das erste Mal vielleicht zum Nachdenken zu kommen. Auch Leyla kann in der Zeit bei Papatya nicht in die Schule gehen. Ihr Bruder hat dort schon nach ihr gesucht und ihre Freundinnen ausgefragt. Nach einigen Tagen spricht Leyla im Jugendamt mit ihren Eltern. Sie muss sich viel vorwerfen lassen. Sie denke nur an sich, sie ruiniere mit ihrem Verhalten die Ehre der Familie. Ihre Mutter könne nicht mehr essen und schlafen, ihre Geschwister seien durcheinander und vermissten sie und ihr Vater könne nicht mehr arbeiten. Die Schläge mit dem Gürtel und die Heiratspläne bestreiten die Eltern. Leyla ist nach dem Gespräch sehr getroffen.

Ein Viertel bis ein Drittel entscheidet sich laut Papaya, der Familie noch einmal eine Chance geben zu wollen und geht noch mal zurück. Dann werde versucht, Orte außerhalb der Familie zu etablieren, wo das Mädchen regelmäßig auftaucht, also zum Beispiel in der Schule. Häufiger ist jedoch, dass sich die Mädchen von ihren Familien trennen. Meistens würden sie in betreute Mädchenwohngemeinschaften gehen, so die Papatya-Mitarbeiterin. Je nach Gefährdungseinschätzung durch die eigene Familie müssen sie dafür Berlin für immer verlassen. "Wenn jemand aus Bamberg kommt und keine Familie in Berlin hat, dann kann man sich hier relativ gefahrenfrei bewegen. Vorausgesetzt, dass niemand mitkriegt, wo man hingegangen ist", erzählt die Mitarbeiterin.

Sie können nicht allen helfen

Nicht immer könnten sie den Mädchen helfen. Vor allem in der Anfangszeit des Projekts vor 35 Jahren, hätten einige Mädchen den Preis für ihre Unwissenheit gezahlt. "Damals dachten wir, man kann tatsächlich mit den Familien verhandeln. Kaum waren einige von den Mädchen dann wieder Zuhause, wurden sie ins Ausland gebracht und verheiratet", sagt die Mitarbeiterin. Vereinzelt seien Mädchen, die bei ihnen gewesen waren sogar - wenn auch nicht in direkter zeitlicher Nähe - ermordet worden.

Leyla entscheidet sich nach zehn Wochen bei Papatya gegen ihre Familie. Sie kann nicht daran glauben, dass sich zu Hause etwas ändern wird – und heiraten will sie auf keinen Fall. Da ihre Gefährdung in Berlin durch ihre Familie als hoch eingestuft wird, muss sie Berlin verlassen und lebt nun in einer anderen Stadt in einer Mädchenwohngemeinschaft. Zurückkehren in ihre Heimatstadt kann sie nicht.

Beitrag von Anna Bordel

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